So, egal wie schlecht oder gut es wird, ich werde froh sein, nach dieser Nacht wenigstens einmal im Brickyard gewesen zu sein, einer der Clubs für Ausländer in Kaohsiung. Vanessa und Sidd haben beide so etwas wie VIP-Karten, weil sie entweder schon lange Kunden sind oder in Vanessas Fall sogar „three times in one month“ eintreten. Da kann sogar Luca nicht mithalten, die in meiner Wahrnehmung auch schon ziemlich oft hier war. Ich habe großes Glück, überhaupt reingelassen zu werden, denn ich kann weder Perso noch Reisepass vorzeigen, ein Foto davon plus der Abgleich mit meiner Studentenkarte reichen gerade so. Im Gegensatz zu Berlin wird hier wirklich aus Prinzip kontrolliert. Einen ziemlich starken Stempel aufs Handgelenk bekommt man für nur 300$TD (8,14€), im Vergleich zum Oto Basho bspw. ein richtiges Schnäppchen. Entgegen meiner Erwartung ist auch dieser Club ziemlich klein, man geht eine lange Kellertreppe runter und dann gibt es genau einen Raum, in dem man gut eine mittelgroße Bar unterbringen könnte. Eine große Stütze in der Raummitte trennt den Tanzbereich von Bar und Eingang ab, dazwischen gibt es jeweils einen Tischkicker und einen Billardtisch sowie Schließfächer ohne Schloss.
Wie für Taiwan üblich ist auf der Tanzfläche kaum etwas los. „Latin Music“ ist heute angesagt und Luca hat im Vorhinein selbstbewusst verkündet, jahrelang Salsa oder so getanzt zu haben, also kann sie uns anderen bestimmt genug beibringen. Mehr als „mit einem Bein zur Seite tippen und wieder zur Mitte, während das andere stillsteht“ lerne ich zwar nicht, aber es reicht aus, um den Rest zu improvisieren und sich nicht komplett verloren zu fühlen. Es gibt da andere Leute, die noch größere Probleme haben. Luca hat Mitleid mit einem älteren, alleinstehenden Herren, holt ihn zu uns rüber und ungelogen: Er sieht eins zu eins aus wie Jeffrey Epstein, auch wenn er nicht größer als 1,70 Meter ist. Weil ich es nicht glauben kann, muss ich sogar kurz ein Vergleichsbild googeln. Sidd approvt: der Typ könnte Doppelgänger sein, der Arme. Ein Bier an der Bar kostet nur 100$TD (knapp 3€), das lässt den Schmerz verkraften, mein Freigetränk durch das Eintrittsticket vergessen zu haben. Die zwei DJanes locken dann tatsächlich mehr Leute auf die kleine Tanzfläche und ich habe mehr Spaß, als ich das jemals für so ein Szenario für möglich gehalten hätte, trotzdem reicht es irgendwann. Am Billardtisch kann man sich mit mehr oder weniger guten Gegnern battlen, eine nette Ablenkung. Vanessa hat schnell gleichgesinnte Philippinos gefunden und redet mit einem von ihnen stundenlang an einem Tisch, klinkt sich weitgehend aus. Bobby wollte nur eine Stunde bleiben, aber wie es so ist, werden da schnell ein paar weitere draus.
Auf der Tanzfläche hat Sidd zwei Mädels entdeckt, von denen er eins ansprechen will, sich aber noch nicht traut. Meine Überraschung des Abends sind Pryanshu und Akshey, neben Vivek und Mohan die ultimativen low performer des Mandarinkurses. Grinsend geben sie mit Handschläge und verneinen, für Chinesisch gelernt zu haben. 你叫什麼名字 „Nǐ jiào shénme míngzi?“ frage ich spaßeshalber, aber egal, das ist keine gute Idee. Auch wenn ich es vermutlich nicht erfahren werde, bin ich sehr gespannt, ob Peiti die Jungs bestehen lässt. Vermutlich sogar nicht. Freundlich sind sie natürlich trotzdem und man kann sogar gut Billard gegen sie spielen. Knapp gewinnen sie gegen Sidd und mich, woraufhin wir räumen müssen. Schön, dass es einen Tischkicker gibt, nicht aber, dass man dafür bezahlen muss. Einmal mit Vanessa und einmal ohne sie zerlege ich Sidd in Kleinteile, eine amüsante Genugtuung, wenn auch leicht unfair. Interessanterweise hat dieser Tisch vier Spieler zu viel, obwohl das operativ kaum einen Unterschied macht.

Etwa gegen drei Uhr treffe ich dann allen Ernstes noch den komischen Typen von der Fähre gestern. War ja klar, dass solche Leute sich im Brickyard ansammeln. Er scheint betrunken zu sein und lacht nur kurz, hier wirkt er noch viel harmloser als zuvor. Lustig, wie viele Leute ich dann doch kenne oder schonmal gesehen habe, obwohl ich nie hier bin.
Irgendwann ist auch für uns Schluss. Vanessa und Bobby haben sich mit dem Philippiner längst zum 7/11 verdrückt und als wir anderen aufmachen, erkennt Luca richtigerweise: „We are not coming back.“ Damit bin ich fein, ein kleiner Spaziergang tut mir gut. Der kleine Philippine brauche auch einen Uber, stellt Vanessa klar, Sidd und ich müssen also anders klarkommen. Zum Glück habe ich den Schlüssel zu Fabis Wohnung dabei, die ist fußläufig erreichbar. Während die anderen auf den Uber warten, quatschen wir generell noch ein bisschen, denn abgesehen von Sidd werde ich die anderen wohl kaum wiedersehen. Luca appreciatet, mit wie viele. Taiwanesen ich abgehangen habe und versucht, meine schlechten Erfahrungen in der Leichtathletikgruppe gutzureden. Allein dass sie es nicht böse gemeint haben und mir mal zugelächelt haben, sei doch Ausgleich für die sonstige Stille. Ich weiß nicht so recht. Sie stellt aber nochmal klar, dass sie damit eher Bewunderung ausdrücken wollte, denn sich selbst würde sie sowas nicht antun. Dass sie das zugeben kann, ist doch auch etwas Tolles. Dann ist der Moment gekommen und ich umarme Luca, Vanessa, Bobby der Reihe nach. „Have a good life“ kommt es aus meinem Mund raus. Vielleicht nicht der für mich typischste Satz, aber ich stelle mir vor, dass Sky mich so verabschieden würde. Bobby sagt, ich solle im schreiben, wenn ich jemals nach Taiwan zurückkehre, Luca wiederum bietet an, mir zu schreiben, wenn sie mal nach Berlin findet. Wer weiß, wen man am Ende doch nochmal sieht.
Auf dem Heimweg erzählt Sidd vor Freude strahlend, dass er sich kurz vor Ende doch noch getraut habe, das Mädel im braunen Top anzusprechen. Er habe gesagt: „I wanted to ask you to dance with me, but I couldn‘t.“ Dann, dass er bald nach Indien geht, aber im März wieder da ist. Und tatsächlich habe sie ihm ihre Nummer gegeben, vielleicht gehen sie die Tage mal einen Kaffee trinken. „It’s the first time in four years that I asked a girl out“, ihm fällt sichtbar ein Felsen vom Herz. Vier Jahre? Ja, und ich erfahre, dass Sidds zweite Beziehung erst diesen Frühling geendet ist, eine fast vierjährige Fernbeziehung mit einer Inderin. Krass, und ich dachte wirklich die ganze Zeit, dass Sidd schwul ist, ohne es zu merken. Immerhin hat er eine ganz eigene Art, sich übermäßig zu pflegen, sein lächelndes Gesicht und das Zurechtrücken seiner Haare in Instagramstorys darzustellen und insbesondere touchy zu allen Jungs zu sein, Mädels aber gänzlich ausgenommen. Das ist beim Diwali praktisch allen aufgefallen, und auch Hasan erinnert sich nur noch an „den schwulen Inder“. Na gut, es gibt immer noch die Bi-Option; dass es etwas Verstecktes, dass es etwas Kulturelles ist; oder etwas ganz anderes. Was weiß ich, mein Gaydar ist vielleicht doch nicht der beste. Hauptsache, Sidd ist glücklich. Ob er nie Interesse an Vanessa gehabt habe? Die Antwort formuliert er nicht besonders überzeugend, aber er habe sie einfach von Beginn an als Schwester gesehen, als kleine Ergänzung.
Im 7/11 organisieren wir den verlangenden Mägen etwas Mikrowellennahrung, dann geht es rauf in den 28. Stock. Am Küchentisch werden natürlich erstmal Reels gescrollt und dumme Witze gemacht. Dass Fabian und ich Himhim nach den Namen seiner Geschwister gefragt haben, lässt Sidd fast Kugeln vor Lachen. Würde die Schwester des Hongkonger jetzt Sheshe oder Herher heißen? Und der Name seines Bruders lautet Hehe? Es wird schon fast hell, als wir nach einer Weile Deeptalk schlafen gehen, Sidd zieht die Vorhänge zu und weil wir keine Bettwäsche der Jungs anrühren wollen, machen wir uns auf dem Sofa breit, so gut es geht.
Mit brennender Nase und verklebtem Hals wache ich um zehn Uhr auf und habe trotzdem nicht zu schlecht geschlafen. Ein Ledersofa im 28. Stock ist eben keine fünf Zentimeter dicke Matratze im zweiten Stock. Auch Sidd scheint es okay zu gehen, ich höre die Reels nur so vorbeiziehen. Nach einer Weile auf die Welt klarkommen machen wir uns auf, bringen den Müll weg und holen ein kleines Frühstück beim 7/11 nebenan. Ein Mitarbeiter poliert die dreidimensionalen Buchstaben am Verkaufstresen, alles normal. Draußen ist es so warm, dass man sich am liebsten in den Schatten stellt und ungläubig auf die Wetterapp schaut, die nur 22 Grad anzeigt. Muss wohl an der Sonne liegen. In der Bahn scrollen wir Reels und reden über die in Bezug auf das dritte Reich sehr fragwürdigen Memes, die Sidds indische Freunde und auch so manch anderer ihm schicken. Zugegeben, ein paar harmlosere können schon sehr witzig sein.

Im Dorm muss ich mich endlich mal ans Packen machen. Morgen schon bringe ich das größte Gepäck in die Wohnung von Fabian & Co., dazu habe ich die nächsten Tage eh wenig Zeit dafür. Neben zu buchenden Flügen, dem Aufbrauchen der letzten Lebensmittel und immer noch Bewerbungen, die ich abschicken will, feilsche ich auch fleißig mit Dennis über den Preis des Zelts und des Gaskochers. Ich traue mich kaum, ihn zu fragen, ob er Schulden oder Schlimmeres hat, aber als Gesamtsumme für die Ausstattung kann er anscheinend nicht mehr als 1100$TD, also 30€ ausgeben. Ganz schön wenig für jemanden, der mit dem Fahrrad die Insel umrunden will und alleine dafür deutlich mehr ausgeben muss… Letztlich muss ich das Teil aber loswerden und lasse mich auf einen mäßigen Deal ein. Den Schlafsack bekommt er aber nicht, nach zweimaliger Benutzung verkaufe ich ihn garantiert nicht für die Hälfte des Ursprungspreises.
Dazu treibe ich meine Ambition voran, jeden Tag des neuen Jahres wieder Sport zu machen, auch wenn mich eine blöde Erkältung heimsucht, die nur vom Feiern kommen kann. Außerdem wollen die letzten Mensagänge genossen werden und auch die neueste Ausgabe von „Love, Death & Robots“ schaut sich nicht von selbst.

Bei einem Telefonat mit meiner Mutter packe ich weiter ein, aber ohne nebenstehende Fahrradtaschen fällt es außerordentlich schwer, die richtige Menge abzuschätzen. Außerdem werde ich das meiste wohl in Tüten nach Taipei transportieren müssen, weil ich auf der Tour kaum Rucksäcke oder Koffer gebrauchen kann. Sky, Dylan und Darren haben auf Nachfrage kein Problem mit Telefonaten meinerseits, auch wenn sie ab morgen allesamt Klausuren schreiben. „I don’t sleep“, kündigt Sky an, der schon den halben Tag vor Formeln auf seinem Laptop brütet, wenn er nicht gerade eine Pauserunde Roblox spielt. Auch in Stressmomenten muss man sich ja mal einen Augenblick Zeit nehmen. Dylan kann wohl bei jedem Geräusch schlafen und Darren muss erstmal seinen Teamchat muten, um mein Anliegen zu verstehen. Kein Ding also, ich kann ungeniert nach Berlin telefonieren und mich über Reiseerfahrungen austauschen. Scheinbar habe ich jemanden inspiriert, auf Reisen zu gehen, wie schön. Währenddessen gehe ich mir eine große Milch holen. Der teure 7/11-Kanister ist meine einzige Möglichkeit, die vielen Müslipackungen, die noch in meinem Regal stehen, aufzubrauchen. Exotisches Essen dieser Art ist Asiaten unbekannt. Allerdings sind 1,5 Liter Milch und bestimmt mehr als ein halbes Kilo Cerealien nicht zu unterschätzen. Lange ist es her, dass ich in der Massephase war, ein kleines Stück davon kehrt damit wieder. Ich fluche, dass die Kühlschränke ausgesteckt sind, aber es hilft ja nichts. Sidd ist derweil fröhlich Wäsche waschend anzutreffen. „Guess what song I am listening to right now.“ „Wait. Is it the Chinese National Anthem?“ Grinsend zeigt er mir nur das anspielende YouTube-Video, ich lese irgendwas mit „Red Sun“. Er lacht sich tot, das ist halt genau seine Humorsparte. Witze über oder bezüglich Diktaturen, die mal mehr, mal weniger ins Kritische rutschen.
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