Montag, 5. Januar

Jetzt bin ich wohl endgültig krank. Sky und ich überbieten uns im morgendlichen Rumgeschniefe und ich muss echt schauen, dass es bis zum Reisestart nicht schlimmer wird. Weil ich sonst so selten krank bin, fühle ich mich aber immun gegen akutere Probleme. Auch wenn das keineswegs belegbar ist, bekomme ich dadurch wenigstens den Placebo-Bonus. Derweil stinken die aus dem Kühlschrank geschmissenen Lebensmittel im Flur vor sich hin, Sidd beschwert sich in der Chatgruppe des Stockwerks. Ich pflichte ihm bei, dass es absolut keinen Sinn gemacht hat, sämtliche Kühlschränke zehn Tage vor Wohnschluss auszustecken, aber anders als sonst werden unsere Nachrichten ignoriert. Wenigstens haben wir etwas gesagt. Mann, werde ich froh sein, die Idiotie der Verwaltung hier endlich los zu sein. Den auf Raumtemperatur erwärmten Rest meiner Milch von gestern Abend muss ich übrigens wegschmeißen, was für ein Jammer.

Um 13 Uhr will ich mich mit Dennis an der Arena treffen, weil er mir die halbe Campingausrüstung für n‘ Appel und n‘ Ei abkaufen will. Sogar den Schlafsack will der Aasgeier auf die Hälfte des Preises drücken, aber so nicht. Entweder 90% oder gar nicht, dann kann er sich im Decathlon umschauen gehen. Das macht er sogar tatsächlich und ich bekomme eine Flut an Nachrichten, Fotos von ihm beim Probetesten von Schlafsäcken und auch einem Video, auf dem Dennis durch die Fahrradabteilung läuft und mit sich ringt, ob er sich statt einer Leihe nicht doch eins kaufen soll. „Dieses z.B., und dieses, und dieses Fahrrad, die sind so billig…“ Na dann, Kollege, viel Spaß auf einem Rennrad ohne Fahrradtaschen. Die Dimension, in der er mich verzweifelt nach Ratschlägen fragt und wirklich kein bisschen selbst mitdenkt, ist erstaunlich. Ich will gar nicht wissen, wo er landen würde, wenn ich ihm nicht geraten hätte, dass das Zelt nicht vor Kälte schützt, er in diesem eine Isomatte benötigt und die Fahrradtaschen es vermutlich nicht werden fassen können… Ganz zu schweigen davon, dass er sich mit drei Wochen und einer ganzen Inselumrundung, nur weil ich es so mache, vielleicht keinen Gefallen tut und auch sein ach so armes Portemonnaie davon profitieren würde, sich die schönsten Strecken auszusuchen. Gott bewahre, dass der Mann irgendwann wandern geht. Ich übernehme keine Haftung für gar nichts. Dass ich den Kassenbon mitnehmen soll, kommt auch erst, als ich längst auf dem Weg bin, genauso wie die Info, dass er zu lange im Decathlon war und es nicht pünktlich zur Arena schafft. Zurückgeben kann man weder Gaskocher noch Zelt, also naja.

So treffen wir uns am Central Park. Meine Befürchtungen werden bestätigt, Dennis gibt zu: „Bisher habe ich mich eigentlich vollständig auf deine Hinweise verlassen.“ Ein wahrscheinlich zu kleines Fahrrad hat er mittlerweile gebucht und ich finde raus, dass er sich weder über Wäsche waschen noch über Strom fürs Handy noch über mögliche Zeltplätze Gedanken gemacht hat. „An irgendwelchen Stränden wird’s schon klappen“, meint er. Klar, wenn die Angler ihn nicht verpetzen. Was er sich in den drei Wochen anschauen will, hat er sich noch nicht überlegt und er sieht meinen Tipp, einen Helm zu kaufen, skeptisch. „Weißt du, ich fühle mich da ein wenig meiner Freiheit beraubt, den Wind in den Haaren zu spüren. Genauso, wenn man Wanderstöcke oder Skistöcke dabei haben muss.“ Apropos, wandern will Dennis auch noch unbedingt. „Im April, Mai, denkst du, da ist das Wetter gut?“ Ob er alleine wandern will? „Natürlich!“ Ob das wirklich so gefährlich sei? „Du könntest hinfallen und dich verletzen.“ „Ach, damit komme ich klar. Hm.“ Seine Freunde würden ihn auch „suicide surfer“ nennen. Na was er nicht sagt. Am „Hausberg von Reykjavik“ sei er mal drei Meter auf schrägem Eis „geschwebt“ und dann heftig hingefallen, bis er bewusstlos wurde und von anderen Wanderern gefunden wurde. Das klingt so lebensgefährlich und absurd, dass es fast wieder lustig ist. Ich grinse schon die ganze Zeit, betone aber meine Nichtverantwortung und muss die rhetorische Frage nicht ohne Häme stellen: „Hast du so eine Tour denn schonmal gemacht?“ Jetzt bin ich umso gespannter auf seine Reiseberichte, das kann doch nur schiefgehen. Und wer weiß, am Ende hole ich ihn noch ein, er startet drei Tage nach mir, dafür aber von Kaohsiung aus.

Umstrahlter Weihnachtsbaum
Partnerstädte von Kaohsiung

Im Anschluss stationiere ich meinen Koffer und das gute Paar Sneaker im Zimmer von Fabi und verbringe meinen Nachmittag auf der gemütlichen Couch. Die Weihnachtsdekoration meiner Familie findet ein neues Zuhause und ich hole ein paar Blogeinträge nach, wie es mittlerweile immer so ist, nachdem ich feiern gewesen bin.

Irgendwo da oben ist die WG

Die Pickleball-Plätze der Stadt sind leider ausgebucht, so müssen Sebastian und ich auf ein Abschiedsspiel leider verzichten. Auch ein gemeinsamer Shoushan-Besuch fällt flach, nachdem ich ihn nicht erreiche. Gerade rechtzeitig beschließe ich, das aber auf eigene Faust noch zu tun, ich will es mir jedenfalls nicht leisten, einen meiner letzten Koahsiung-Tage verstreichen zu lassen. Nach einer kleinen 7/11-Verstärkung wage ich mich auf den Wanderweg, der an einem Parkplatz beginnt. Nachdem ich ja erst einmal hier oben war, ganz am Anfang, fallen mir jetzt die zahlreichen Warnschilder auf, die, kein Witz, vor den „Formosan rock macaques and other wild animals“ warnen. Natürlich soll mal keine Tiere füttern, aber es wird auch stark davon abgeraten, überhaupt Essen, Trinken oder dafür vorgesehene Behälter dabei zu haben. Auf Wasser verzichte ich aber nur ungern, weshalb ich wohl mit der „Pocari Sweat“-Flasche in meiner Hand leben muss. Solange sie nicht knistert, sollte alles gut gehen. Schon nach Kurzem entdecke ich die ersten Affenhorden. Am obersten Punkt eines in den Hang gebauten Bunkerturms führt eine Leiter auf das Blechdach, die allerdings von den Halbintelligenten zum Chillen benutzt wird.

Guter Spot, Kollege

Zum Glück sind einige andere Wanderer unterwegs, das gibt mir ein erhöhtes Sicherheitsgefühl. Immer wieder sehe ich die Makaks über Äste huschen und kreischen, nicht ganz unbedrohlich. Dazu habe ich mir am Anfang auch noch zu viel Zeit gelassen, sodass ich spurten muss, um noch etwas vom Abendlicht abzubekommen. Auf die Plattform, die ich erinnere, schaffe ich es nicht mehr, dafür aber in einen Bereich, auf den die Abendsonne durchschimmert und der neben einigen Wanderern auch unglaublich viele Affen anzieht. Die Menschen, hauptsächlich an Recken trainierende Senioren, kümmern sich kein bisschen um die braunen Wesen, selbst ihre Trinkbehälter werden nicht angerührt. Dem kann ich nicht ganz vertrauen und sehe garantiert verängstigt und verloren aus, zumal ich keinen wirklich guten Blick aufs Meer bekomme. Allerdings passiert wirklich nichts, und es ist sogar sehr lustig, dem kleinen Nachwuchs dabei zuzugucken, wie er von Tischen geschubst wird oder sich miteinander um die Vorherrschaft auf einem Wasserfass streitet. Wenn ich mich so umsehe, zähle ich bestimmt an die 30, 40 Affen, Wahnsinn. Dass es besagte Fässer überhaupt gibt, erfahre ich von Luca, die mir schreibt, ich könne gerne mit den „volunteers“ sprechen, die diese zweimal täglich den Berg raufschleppen, die seien total gesprächsbereit. Ah, na dann kann ich mich ja trauen.

Affen überall
Auch die beiden haben einen guten Ausblick

Viel mehr hält mich aber nicht oben und es geht schon wieder nach unten, während der Himmel schnell dunkler wird. Ein paar schöne Blicke auf den Dunst der Stadt bekomme ich noch, dann laufe ich schon in der Finsternis. An einer Wegbiegung hört man schon von Weitem das laute Kreischen mehrerer Feinde. Ein Nebenwanderer ist aber total unbesorgt über den Gangfight und spaziert seelenruhig unter den kämpfenden Dschungelkriegern hindurch.

Horizont und Skyline verschmelzen
Entspannte Spots für Ausblicke

Weil Pickleball flachfällt, schließe ich mich spontan Anna und Buggi an, die gerade vom Lotus Pond kommen, wo sie mit Buggis Eltern (Moni und Thomas) und seinem jüngeren Bruder, Michael aka. Michi, ihre Fahrrad-Sightseeing-Tour beendet haben. Zusammen holen wir Abendessen beim allseits beliebten „Poképoké“-Bowl und begeben uns in den „Saloon“ des Hauses. Ich erinnere mich, der hohe und extrem weitläufige Raum ganz oben im Haus ist wenig bis gar nicht besucht, hat mit zwei Billardtischen, jeder Menge edlen Sesseln, Tresen, Wandverkleidungen, Vasen und sonstigem Luxusdekor aber eine Menge zu bieten. Wenn man sich reich und mächtig fühlen will, jedenfalls. Eine Menge Spracharbeit ist vonnöten, das Personal dazu zu bringen, uns zwei Kös sowie ein Kugelset für genau eine Stunde zur Verfügung zu stellen. Natürlich nur gegen eine Kaution in Höhe von 2000$TD (knapp 55€) und die Ausrüstung muss höchstpersönlich von einem Mitarbeiter aus verschlossenem Schrank hergebracht werden.

Buggis Eltern haben derweil für jeden ein Bier besorgt. Thomas beschwert sich über die Auswahl im 7/11, richtig vernünftig scheinen sie es hier nicht zu finden. Gut genug aber, um auf zwei Spiele mit jeweils drei Teams anzustoßen. Die Billardvariante, in der jedes Team fünf Kugeln hat und die der anderen zuerst rausschießen muss, eignet sich doch sehr gut. Auch wenn Moni eine wirklich zittrige Haltung hat (das Zielwasser „Heineken“ scheint nicht geholfen zu haben), macht sie sich leider schlechter, als sie wirklich ist, denn wir gewinnen die erste Partie. Bei Thomas darf ich nicht ganz so hämisch gucken, wie ich gerne würde, ich spüre eine ehrgeizige Aura. Vielleicht trägt er mir aber einfach noch nach, dass ich kleine bayerische Dörfer (wie Bamberg) für weniger lebenswert als Berlin halte. Ich könnte es ihm nicht verdenken. Michi bleibt weitgehend ruhig, ich erfahre aber kurz von seinem Japan-Trip und dass Tokio eine ziemlich überfordernde Stadt sein kann. Um 20:30 Uhr legen wir brav die Ausrüstung beiseite und setzen uns in die bequeme Panorama-Lounge. Themen sind meine Story über Dennis, aber auch Alishan, wo die Gruppe morgen hinreisen wird und hoffentlich meine Ratschläge nutzt, sowie die von Sebastian bereits heute geschriebene Chinesischklausur. Anscheinend gab es nicht nur keinen mündlichen Part, auch habe die externe Aufpasserin nach wenigen Minuten nicht mehr aufgepasst und dazu waren quasi alle Aufgaben irgendwas mit Einsetzen. Ich würde viel darauf wetten, dass meine morgige Klausur exakt die gleich ist. Außerdem interessant: Anna und Buggi haben mittlerweile einen Zeitplan für ihren Zelttrip mit Ashley und Brian bekommen. Übersetzt wird die Exceltabelle lustigerweise auch mit Fehlern wie „Bordbuch“ usw., aber das Wort „Kirche“ entstammt vermutlich keinem falschen Algorithmus. Wer hätte das wohl gedacht? Am letzten Tag des Camps sei ein Event mit der Kirchenversammlung oder so ähnlich vorgesehen. Was das bedeutet und dass sie vermutlich nicht erst am letzten Tag mit Bibeln zu tun bekommen werden, ist wohl ungeschriebenes Gesetz. Ich bin auf jeden Fall super gespannt, was sich die Mormonen dafür haben einfallen lassen. So sehr, dass ich für die Story fast gerne dabei wäre, aber nur fast. Sascha hasst diesen Trick.

Kurz nach neun informiert uns ein freundlicher Herr vom Personal per Google Übersetzer, dass die „public time“ im Saloon vorbei sei und gleich alle Lichter ausgehen. Als wäre genau das die Stelle, an der dieses merkwürdig verschwenderische Haus Energie einsparen müsste. So schlimm ist es aber nicht, schließlich will ich rechtzeitig im Dorm sein. Bei der Verabschiedung im Fahrstuhl sagen Moni und Thomas, wie sehr sie sich wieder auf gutes deutsches Bier freuen und mit Anna und Sebastian stelle ich fest, dass wir uns nun wohl kaum mehr sehen werden. Zwei Tage Anfang Februar bleiben, aber auch die sind noch ungewiss. Verrückt, wie auch das bald vorbei ist, immerhin habe ich die beiden abgesehen von den Dorm-Leuten wahrscheinlich am öftesten getroffen. Wir wünschen uns also alles Gute und sagen „byebye“, wie echte Taiwanesen.

Weil meine Nase unmerklich besser geworden ist, erschnorre ich mir noch mehr Medizin von Sky. Dennis drängt außerdem auf meinen Kassenzettel und ich lasse mich überreden, ihn ihm morgen Abend bei einem kurzen Night-Market-Besuch zu geben. „Dann können wir uns noch einmal gegenseitig excited machen.“ Interessante Formulierung, aber mein sensationsgeiles Ich will noch mehr lustige Details über Dennis‘ Verplantheit rausfinden, deshalb bin ich damit total okay.

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