Mein letzter ganzer Tag im Dorm bricht an und mir bleibt wenig Zeit zum Gammeln, wie ich das sonst so oft getan habe. Die Matratze will gewaschen und die restlichen Sachen wollen gepackt werden. Krank bin auch noch, mehr als Skys Medizin steht mir aber nicht zur Verfügung. Ein paar Momente will ich mir aber doch nehmen, die Alltagsprozesse noch einmal zu verinnerlichen, die ich bestimmt schnell vergessen werde, sobald ich wieder woanders lebe. Das ‚Klopapier‘, das ich oben links im Schrank gelagert habe und jedes Mal in die WC-Zelle mitnehme, wo man am besten nichts lagert. Der Blick ins Zimmer, wo die anderen meist an ihren Schreibtischen sitzen oder der Uhrzeit zum Trotz tief und fest schlafen. Die Kochecke, in der Reiskocher, Öl und Gewürze neben Handfeger und Schaufel, alten Kartons und natürlich jeder Menge Staub liegen. Die Waschbeckennische, der die anderen im Gegensatz zu mir ihre Zahnbürsten anvertrauen und vor der eine allgemeine Mülltüte stetig größer wird. Die ziemlich hohe Decke, die als einziges von Wasserflecken verschont bleibt und Heimat des nervigen Panoramaventilators ist (der zum Glück seit ein paar Wochen nicht mehr angestellt wurde). Die dreckigen Bodenfliesen und das zusammengewürfelte Mobiliar, jedes Holzbett sieht unterschiedlich aus. Das Surren im Flur, woher auch immer es kommen mag, vielleicht von den Lampen. Der Geruch, sobald man das eigene Zimmer betritt, wobei der in meinen vorherigen Räumen A201 und A203 deutlich schlimmer war. Die Waschküche, der einzige Treffpunkt für Studis, weil man hier kurz Zeit verbringt, seine Sachen zu reinigen, Wasser aufzufüllen oder in die Duschen zu gehen. An letztere habe ich mich so sehr gewöhnt, dass mir kaum noch auffällt, wie vergammelt die Klimaanlagen dort sind oder dass meine Lieblingskabine mittlerweile das Einfallstor von Ameisenarmeen geworden ist. Schließlich, das Treppenhaus, dessen ‚Fenster‘ aus durchlässigen Keramikmustern besteht und wo laut Sky auch schon geraucht wurde, wie kriminell. Die knarzende Holztür zum Hauptflur und der Typ mit Brille hinter dem Tresen, der mich auch jetzt noch anstarrt wie eine Kartoffel, wenn ich ein Wort Englisch spreche. Ein Brief meiner Tante ist angeblich nie eingetroffen, den kann ich wohl vergessen. Auch das ziemlich laute Piepen der Schiebetür beim Scannen der Studentenkarte speichere ich mir ab und dass sie nach gerade mal drei Sekunden Öffnungszeit direkt wieder zufällt. Wehe, hier schleicht sich jemand unerlaubt rein. Der teils tägliche Gang zur Cafeteria unter einem wilden Bogengang, der eine Stelle hat, bei der ich mich bücken muss, um nicht vom groben Stein erfasst zu werden. Die Cafeteriatüren, die zusätzlich zum Glas mit einer Art Metallgitter gesichert sind, so als ob irgendjemand Interesse an einem Einbruch haben könnte. Die Industrieküche mit sterilst dunkelweißen Fliesen kann nicht so alternativ sein. Sowieso hat alles und jeder hier Fliesen, Fassaden, Böden, Gegenstände… Am schlimmsten ist der Zubereitungsbereich, in den man immer nur reinluken kann. Der Kühlschrank mit den Frühstückstees wird nach 10:30 Uhr streng mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, die zwischen Recycling und Restmüll unterscheidenden Mülltonnen werden exakt gleich genutzt und die Studis, die sich auf der linken Seite an die Tische setzen, schauen zum großen Teil auf den Bildschirm, der jeden Tag Netflixserien abspielt. Sowieso nicht vergessen werde ich die Tresenanordnung. Die Haupttheke fürs Mittagessen ist bewusst am Ende der Halle platziert, um mit langen Schlangen klarzukommen, daneben der Teetresen, wo man auf dem Rückweg etwas abgreifen kann.

Das Beziehen meiner äußerst biegsamen Matratze stößt leider meine letzte Lunchbox vom Tisch, aber die Laune bessert sich mit Beginn der letzten Stunde Bogenschießen. Von Beginn an merke ich, es hat sich gelohnt, noch einmal zu erscheinen. Der Lehrer grinst sowieso immer, und der lulatschige Tutor kommt mal wieder auf mich zu, grinsend, schüttelt mir bestimmt zehn Sekunden lang die Hand. Sein Outfit finde ich auch sonst immer recht bemerkenswert, sonnenschützende Thermokleidung bei jedem Wetter inklusive. Die nicht mal knöchellange Polohose mit hellblau liniertem Sportshirt heute toppen aber jede Geschmacklosigkeit, zum Glück scheint er sich darin wohl zu fühlen. Man sieht ihm das ausgestrahlte Dopamin richtig an, als er obligatorisch fragt, wer im Trainerteam denn jetzt alles „handsome“ sei. „Nǐ shì shuài hàn tā shì shuài“ sage ich und ernte, wie erwartet, lautes Gelächter. Ganz ähnlich einem running gag, der nie alt wird. Schon lustig, diese Leute hier. Gibson und Shang sind wie angekündigt nicht da, aber das macht nichts, denn mit den anderen Jungs aus meiner Schießgruppe bin ich fast noch enger. Der, der mir letzte Woche den (Neujahrs-)Tee geschenkt hat, guckt mich staunend an und ruft: „Finally sweatshirt!“ Tatsächlich trage ich den Wander-Fleece, weil ich alles andere als gesund bin. Dazu kommt die ‚Kälte‘, die dann doch herrscht, als Einziger trage ich kurze Hosen. Mal wieder darf ich für alle nachschauen, wie kalt es gerade in Berlin ist. Minus sieben Grad machen ordentlich Eindruck, gerade weil ich weglasse, dass es dort erst früh morgens ist. Trotzdem kalt. Hinter dem eingrenzenden Zaun befindet sich nicht nur die Autobahn, sondern etwas weiter links auch die Grenze zum riesigen Baustellengebiet, das mir seit jeher Rätsel aufgibt. Heute fahren Bagger, Trucks und sonstige Bau-Fahrzeuge richtig nah auf. Staub wird massenhaft rübergeweht, sodass man nicht nur husten muss, wenn man erkältet ist. „It is a biiig tech campus“, erklärt mir der Junge, der angeblich in Kanada im Auslandsjahr war. TSMC? Nein, die haben ja schon in Zuoying eine Riesenbaustelle. Aber alle möglichen anderen Firmen. Platz genug ist da.
Zuerst üben die Gruppen wieder normal, allerdings dauert es nicht lange, bis der Lehrer kichernd vorbeischaut und etwas sagt, das darauf schließen lässt, dass wir es bald mit ihm zu tun bekommen. „Why teacher always wants to compete us?“ wundern sich auch die anderen. Vielleicht, weil ich der einzige Ausländer bin? Nein, Moment, das will ich ihm überhaupt nicht unterstellen. Die Stunde wäre auch bedeutend langweiliger, wenn er das nicht dauernd tun würde. So dürfen wir ein letztes Mal auf die 14 oder 15 Meter entfernte Zeilscheibe peilen und bei jedem Treffer schlechter als sieben Punkte auslachen lassen. Glücklicherweise performe ich aber ganz okay und auch im anschließenden Teamwettbewerb rette die ich Gruppe durch zwei Spiele durch, sodass wir am Ende ganz links landen. Ich darf immer die vollen zwei Pfeile schießen, werde der „MVP“ der Gruppe genannt.
Eine halbe Stunde vor Ende kommt der Lehrer mir zuvor und stellt uns für Gruppenfotos auf. Toll, ich hätte ihn nämlich definitiv auch nach einem Foto gefragt.

Der letzte Part des Semesters besteht aus purem Spaß. Wir stellen eine Zielscheibe zwei Schritte weiter nach hinten, und jeder darf ein bis zweimal schießen. Das ist schon deutlich schwerer, aber definitiv machbar. Dann geht es noch weiter nach hinten, und noch weiter. Selbstverständlich schießt der 老師 „lǎoshì“ zuerst, und von einem Randschuss abgesehen trifft er ausnahmslos das Gelbe. Selbst der Tutor und andere Highperformer kommen an ihre Grenzen, treffen sogar mal neben die Scheibe. Schließlich steht das Ziel direkt am Metallgitter, weiter weg geht es nicht. Wir sind bestimmt bei 30 Meter Entfernung, wenn nicht mehr, und die meisten Schüsse erzeugen lautes Klirren. Auch ich treffe keine Punkte, wenigstens einmal bleibt der Pfeil überhaupt im Stroh stecken. So kommen alle an ihre Grenzen, die sonst so perfekt geschossen haben. Es ist aber auch ein ganz anderer Skill, den Pfeil durch Windböen zu manövrieren und dazu viel höher zu zielen, als man es aus kurzer Entfernung tut. Ich kann richtig sehen, wie der Pfeil in der Luft hin und her schlingert.


Alle haben großen Spaß und genießen das Schießen mit den Pfeilen, die ab und zu sogar mit Jagd-Logos bedruckt sind, wie mir auffällt. Ein mir bisher nicht aufgefallenes, stilles Mädchen fragt mich dann ganz unvermittelt: „Hatten Sie Spaß?“ Etwas verdutzt bringe ich in Erfahrung, dass sie Deutsch im dritten Jahr studiert, ihre Aussprache ist wirklich gut. Schade, dass sie erst jetzt ein Wort rausbringt, wo ich doch ab morgen komplett wegbin. Mir ist bewusst, dass die Taiwanesen sehr schüchtern sein können, allerdings wirkt mein Gegenüber sehr sicher und vor allem relaxt. Als es dann vorbei ist, gehen die meisten sofort, wie immer, aber meine Jungs bleiben diesmal kurz stehen. Ich lasse mir erneut ein paar Tipps für die Radtour geben, u.a. ist die riesige Brücke bei Taoyuan, die trotzdem sehenswert sein soll, noch bis März nicht eröffnet, sodass ich dort einen großen Bogen landeinwärts werde fahren müssen. Der Kollege, der in Kanada war, wird drei Tage nach mir in Taoyuan sein, verpasste Gelegenheit. „We will miss you“, sagen er und Justin, der ruhige Riese. „I will miss you too“, kann ich nur zurückgeben. Wenn ich mal wieder zurückkehre, melde ich mich klar. Und vor allem: Wenn sie mal nach Deutschland kommen sollten, „Text me! I can show you some places. But don’t come in winter! You won‘t like the temperatures.“ Sie lachen, wir geben uns alle Fistbump und dann steigen sie auf ihre Motorräder, ab gehts, weg geht‘s. Das ist doch mal ein gebührender Abschied, damit kann ich gut leben. Justin läuft noch mit mir rüber, er hat zwar keine Klausuren, aber ein Projekt, an dem er in der Bibliothek arbeiten muss. „See you“, rufen wir uns zu, auch wenn es eher eine Floskel ist. Was soll man auch sonst sagen?



In den nächsten zwei Stunden rasiere ich mich noch einmal, probepacke die Decathlontüte, sodass der ganze Rest in den Rucksack kann, dusche mich, falte die Matratze zusammen und kläre ab, dass Dylan und Sky morgen früh zum Verabschieden Spalier stehen. Außerdem fotografiere ich die wichtigsten Raumsituationen noch einmal, damit ich sie gut in Erinnerung behalte. Hier die Fotostrecke:













Mit Bauchtasche, Wanderrucksack und einer für das Gegenstandgenre gar nicht mal so sperrigen Matratze verlasse ich den Campus. Gott sei Dank erbarmt sich der YouBike-Gott und gönnt ein orangenes Elektrofahrrad, ohne das ich gewiss Sisyphos-Arbeit würde leisten müssen, um die verhasste Brücke über die Fernzugschienen zu überqueren. Ein voraussichtlich letztes Mal die so dermaßen oft gefahrene Strecke nach Nanzih erleben, den motorradlastigen Feierabendverkehr aufmischen. Die Ampelphasen aller 25 紅綠燈 „Hónglǜdēng“s kenne ich auswendig, weiß, wo es sich lohnt zu beschleunigen, und wo man besonders aufpassen muss, nicht von gierigen Rechtsüberholern mitgenommen zu werden.
Einen traditionellen 7/11-Einkauf später setze ich mich in den Unterrichtsraum, wo meine Matratze noch erstaunter beäugt wird als im Straßenverkehr. Einen Tisch für das Schlafpolster, einen für den Rucksack, einen für mich. Abgesehen von Sebastian sind alle Schüler da, die meisten lächeln, als ich sie anschaue. Der Vietnamese mit Brille und halbwegs gutem Chinesisch erkundigt sich nach meinen Urlaubsplänen und freut sich für mich mit. „It is so brave to travel alone. It must be a lot of effort.“ Er selbst hat in den freien Monaten ein Projekt zu bewältigen, ich wünsche ihm viel Erfolg und wir tauschen Instagram aus. Gut vorbereitet fühlt er sich nicht, weil er kaum gelernt hat, ihm traue ich ein gutes Ergebnis aber trotzdem zu. Nicht so den üblichen Verdächtigen: Pryanshu, Akshey, Vivek und Mohan grinsen sich schon gegenseitig an, wer wohl das schlechteste Ergebnis einfährt, wobei Vivek noch am ehesten den Eindruck macht, als würde er sich konzentriert Vokabeln einprägen, drei Minuten vor Beginn.
Peiti ignoriert meine Matratzenburg und setzt eine strenge Sitzordnung durch, bei der man ausschließlich weit diagonal voneinander sitzt und ich sogar an meinem Platz bleiben kann. „Méiyǒu shǒujī, méiyǒu shū“, lautet die Ansage. „When you have finish, you can… Go home!“ sagt Peiti und lächelt. Ich finde es mutig, das Handy- und Buchverbot nicht auf Englisch zu übersetzen, bei dem Kurs… Soweit ich es das überblicken kann, wird sich aber wirklich daran gehalten. Immerhin zeigen mir die zwei doppelseitig bedruckten A4-Blätter, dass es genau die richtige Entscheidung war, nicht zu lernen. Ausschließlich Multiple-Choice-Fragen erfordern nun mal keine Glanzleistung, auch wenn sie verhältnismäßig schwierig zu beantworten sind. Na gut, den eigenen Namen muss man ohne drei vorgegebene Antwortmöglichkeiten aufzeichnen können. Alle zu lösenden Sätze sind nur in Schriftzeichen geschrieben und man muss komplett ohne Pinyin auskommen. Außerdem soll man, statt die richtige Antwort zu markieren, allen Ernstes die character in die Lücken des Textes einsetzen. Das raubt in erster Linie Zeit und zeigt keineswegs, ob man in der Lage ist, diese zu schreiben, denn sie sind ein paar Zentimeter weiter oben schließlich vorgegeben. Reine Beschäftigungstherapie, ist mein Urteil. Inhaltlich geht es natürlich wieder um gut schmeckenden Chinakohl, zwei Teigtaschen und was und für wie viel ein junger Herr oder eine junge Dame etwas auf dem Markt kaufen will.
Etwa eine halbe Stunde später bin ich fertig und gönne mir erst einmal das herrliche Onigiri „Crayfish & Salad“. Währenddessen geben sogar Marvi und die jüngere der beiden Vietnamesinnen ab, anderen ist es wohl auch leicht gefallen. Pryanshu, der mich vorhin noch so selbstbewusst mit „Hey Bro“ begrüßt hat, sieht ordentlich verzweifelt aus. Seine Flipflops liegen am Tischrand, die nackten Zehen auf dem Boden. Ein fast leerer Kaffee steht an der Tischkante, er stützt sich auf seinen Ellenbogen und tippt mit der Stiftspitze immer wieder auf das Blatt, als würde ihm gleich die Lösung einfallen. Gerne hätte ich den ganzen Indern würdig ‚Tschüss‘ gesagt, aber so schnell werden die wahrscheinlich nicht fertig. Also packe ich leise ein, winke Peiti ein letztes Mal zu und verlasse den Raum. Irgendwie ganz besonders, dieser Moment, wenn man sich nur eine Tür entfernt von den Leuten befindet, die man vermutlich nie wieder sehen wird, aber eben noch ganz in der Nähe ist. Am Zebrastreifen begegnet mir sogar noch die einzig gut sprechende Inderin, die mich fragt, ob ich das Dorm „shifte“. Nein, leider nicht, ab morgen bin ich ganz raus. Sebastian sei schon in den Ferien, beantworte ich ihre Frage und merke, dass wir beiden Deutschen die einzigen sein werden, die man im nächsten Semester nicht mehr antrifft. Auch deshalb sind die Abschlussstunden für die meisten nichts Besonderes, Mitschüler sieht man ab Mitte/Ende Februar sowieso wieder.
Sidd will mich noch einmal in Lucas Wohnung locken, wo die beiden mit Vanessa chillen und sich theoretisch ein zweites Mal verabschieden könnten. Ich habe vorher aber leider andere Prioritäten. Fabians Zimmermobiliar wächst um zwei weitere sperrige Gegenstände, während mir im Bad Kakerlaken auffallen. Hasan hat derweil meine Packliste verurteilt und mich so sehr zum Umdenken bewegt, dass ich morgen früh noch ein drittes Mal herkommen muss, um unnötige Sachen wie Handtuch, Adiletten oder ein viertes Paar Socken abzulegen. Dann ‚muss‘ ich mich noch mit Dennis treffen. Dass er mir viel zu spät gesagt hat, dass er den Kassenbon vom Decathlon haben will, stellt er nämlich als gemeinsames Problem dar. Ich habe aber wirklich Lust, noch ein paar Gedanken zur Radtour auszutauschen und nehme dafür sogar eine halbe Stunde YouBike durch den peitschenden Stadtwund auf mich. Die kurze Hose killt mich jetzt quasi, auch der Fleece reicht kaum aus. 14 Grad sind eben auch in Kaohsiung kühl.

In einem japanischen Curry-Restaurant erfahre ich mehr über die Person Dennis. Er ist trotz lichten Haares erst 29 Jahre alt und hat auf jeden Fall keine Lehrerausbildung, was sein klammes Portemonnaie erklären dürfte. Studiert hat er Anthropologie, was er mir auch wärmstens ans Herz legt. „Ich weiß, dass eröffnet überhaupt keine Karrierechancen und ist für viele voll blödsinnig, aber fürs Persönliche, für die eigene Entwicklung ist es wirklich toll!“ schwärmt er. Für einen Master reicht die Liebe aber nicht, da hat er schon etwas Besseres gefunden: gender studies. Als „schwuler Cis-Mann“ habe er ein besonderes Interesse daran, mehr über die Lebensgeschichten seiner Community zu erfahren, auch weil er viele Parallelen zu seinem eigenen Leben sehe. Irgendwie finde ich das cool, wie er so offensichtlich keine Prioritäten an Karriere verschwendet, sondern komplett seinen intrinsischen Bedürfnissen hinterher hechtet. Zwar will er sich auf das „Blue Book Traineeship“-Programm der EU bewerben, hält seine Chancen aufgrund des Komkurrenzkampfes aber für außerordentlich gering. Dennis kämpft sichtbar damit, sich nicht hier in Taiwan den Kopf über seine Zukunft zu zerbrechen, gerade auf der kommenden Radtour. Gerade alleine wird man um diese Gedanken vermutlich nicht herumkommen, was in Maßen aber auch okay ist. Und eventuell wird er mit Zelt und Natur so sehr zu kämpfen haben, dass dafür keine Zeit bleibt. Auf jeden Fall werden die Zweifel groß: „Wenn es jetzt schon so kalt in Kaohsiung ist, ist das Zelt dann, mit dem Wind am Strand und so, wirklich eine gute Idee?“ Die Frage darfst du dir schön selber beantworten, mein Freund. Meine 1100$TD rücke ich jedenfalls nicht mehr raus. Wir quatschen noch über die Gepäckliste und Dennis wiederum rät mir, ausreichend Zeug mitzunehmen. Natürlich hat Hasan die Erfahrung, aber eine Bluetoothbox an Bord wäre schon ein ziemlicher Flex.

Schließlich bekommt der Junge seinen Kassenbon, wünscht mir eine gute Reise und zieht ab. Sidd meckert, dass ich zu spät bin, also soll ich statt zu Luca lieber in die Metro kommen. Dort sei er mit Vanessa und habe mir Nudeln mitgebracht. Also strample ich nochmal durch die Kälte bis Aozihdi. Dort treffe ich die beiden, Vanessa fährt eine Station mit, den Rest bestreiten Sidd und ich zu zweit mit weiteren Reels der besonderen Art. Dann sehe ich zum ersten Mal, wie bei den Elektrofahrrädern der Akku ausgetauscht wird, ein freundlicher Mitarbeiter erledigt das in wenigen Sekunden. Von einem anderen Typen werde ich gefragt, ob mir nicht kalt sei. Doch, doch. „But Germany is worse“ sagt Sidd. „Take care“, gibt der Herr daraufhin zurück und wieder: „See you.“ „That’s not how it works“, lacht Sidd sich danach schlapp. „I didn’t gave you my number, or did I?“
Sidd joint mir noch ins Zimmer A202, wo wir eine Weile mit Sky quatschen. Hansen würde so viele verschiedene Games zocken, und seinen Wecker snooze er morgens so oft, dass Sidd und Jeremy ihn aktiv selbst ausstellen würden. „Leo! Leo!“ ruft Dylan und lacht. „Does this remind you of something?“ Ich deute mit dem Daumen durch den Schrank, Sidd lugt um die Ecke. Scheint ein indonesisches Phänomen zu sein. „There is only one Indonesian who has a girlfriend“ sagt Sidd, „because he plays way less video games than the others.“ Es handelt sich um Erin und an der Aussage könnte wirklich etwas dran sein. „Are you learning?“ wird Sky von Sidd gefragt. Theoretisch ja, praktisch läuft auf seinem Laptop aber ein Anime. Der Indonesier jammert über seine morgige Klausur, „I want to die…“ „You can’t die before you have seen all the episodes“, das ist mal ein gutes Argument. Sky ist bestimmt im Mood für schlechte Witze, also muss ich ihn einfach fragen, ob er weiß, wohin meine ganzen Sachen verschwunden sind. „Did you see someone take it? Was there a thief?“ „Noo, you take it, you take it.“ „Was it you, Sky??“ „Noo, no no no no no.“ Ahh, Klassiker.
Dann beginnt meine große Verschenkauktion, bei der jeder Gegenstand meines Besitzes verscherbelt wird, den ich nicht mehr gebrauchen kann. Zwei einzelne Münzen, Schüssel und Löffel, sechs Packungen Instant-Nudeln, eine Tasse, der Reiskocher, sämtliche Haferflocken und Cerealien (die Dylan zum Glück haben will), alle meine Gewürze, Sojasoße, Kleiderbügel, das restliche Waschpulver, ein rotes iPhonekabel vom Flohmarkt, zwei Kissen und den dicken Wälzer über Elementarphysik, den ich zu Semesterbeginn von einem der Professoren bekommen habe. Die meisten Dinge werden freudig angenommen, nur Kleiderbügel und Tasse bleiben dann für die Zimmernachfolger übrig. Als hätte er Gedanken gelesen, schlägt Sidd noch zwei gemeinsame Fotos vor, einmal mit mir und einmal zu dritt mit Sky, der beim ersten Shot auf indonesisch bis drei zählt. „Tiga“ klingt einfach genau wie „Digga“, das versteht sogar Sidd, der sich weglacht. So einen schönen Abschluss vom Dorm hätte ich mir auch gewünscht, wenn ich es hätte formuliert sollen. Sidd, der ja auch bald auszieht, stimmt mir zu, dass dieser Ort irgendwas an sich hat, was es traurig macht, ihn zu verlassen. „It’s not about the location, but about the moment“, kommt es weise von Sky. Teilweise ja, aber „I will miss the cheap lifestyle. Dirty floor, shelfs, tables, washing room, everything.“ Passend dazu verbringe ich die letzte Nacht geradeso doch nicht auf reinem Holz, sondern finde die seit Monaten an der Wand stehende Unterlage, die James damals benutzt hat. Matratze kann man das Ding nicht nennen, aber es steht diesem Haus gut zu Gesicht.



Sidd verabschiedet sich schonmal für den Fall, dass er es morgen früh nicht rechtzeitig schafft, aufzustehen. „See you – in Germany! And I mean it!“ Das wäre wirklich so cool, wenn er eines Tages zum Arbeiten nach Deutschland zieht. „Or maybe in India, one day…“ „You could come for my sister‘s wedding.“ „When is it?“ „This year, October.“ „It’s after my thesis, and I will earn some money before. It’s not that unrealistic“, gebe ich von mir, auch wenn das im Gegenzug nicht heißen soll, dass ich es realistischerweise schaffe. Cool wäre es aber allemal.
Wahnsinn, von wie vielen Leuten ich mich heute verabschiedet habe oder die ich jedenfalls zum letzten Mal gesehen habe. Ich bin ja noch eine Weile in Taiwan, aber ein richtiges Ende ist es trotzdem. Wie schnell die Zeit verging…
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