Taipei (Mittwoch, 7. Januar)

Nach nur gut vier Stunden Schlaf erwache ich und mache auf zum letzten Frühstückspfannkuchen. Total verschlafen gucke ich zu, wie der Betrieb allmählich anläuft und das Ehepaar am Tresen auch schon um halb acht unermüdlich schuftet. Beim Entgegennehmen der warmen Mahlzeit kann ich aber nicht einfach wie immer freundlich nicken, „xièxiè“ sagen und weggehen. „I am gonna leave today“ sage ich, erzeuge aber vorerst so viel Verwirrung, dass ein anderer Student hinzugezogen wird. Das lehne ich ab und tippe lieber in mein Handy, dass ich nicht nochmal auftauchen werde. „Ohh“, kommt es da von beiden. Der Mann eilt sogleich zur Bratfläche und zeigt vielbedeutend auf einen weiteren Teig, die Frau bestätigt er mir per Übersetzer: „The Boss will make you another pancake.“ Außerdem: „exchange student?“ Ich nicke und frage außerdem nach einem Selfie, das wir zum Glück noch machen können, solange es nicht voll wird. „Do you have the Douyin software?“ Das verwirrt mich und ich antworte erst mit „méiyǒu“, stelle dann aber fest, dass sie Line meinen. Also tauschen wir Kontakte aus, dann gehe ich. Auf dem Profilbildes des Bosses ist er mit der kleinen Tochter am Strand zu sehen.

Frühstückslieferanten ade

Dann ist es auch schon Zeit, Sky und Dylan zu verabschieden. Dylan sagt mir vom Bett aus „Goodbye“ und „God bless you.“ „God bless you too.“ Auch Sky bleibt in seinem Habitat, umarmt mich aber und weist mich an, vorsichtig zu bleiben. „I will see you in Chiayi“ sage ich noch. Sidd ist nicht rechtzeitig aufgestanden, aber wir haben uns ja eigentlich schon gestern Abend verabschiedet. Mit langen Klamotten, es ist nämlich äußerst windig, meiner Bauchtasche und der fetten Tüte spaziere ich vom Campus. Zum Glück erwische ich erneut ein elektrisches Fahrrad, denn selbst damit ist das Transportieren der Tüte eine Tortur.

Tschüss, Gebäude A…
…Tschüss, First Campus

Der zusätzliche Pfannkuchen ist leider mit irgendeiner Wurst gemacht. Ich esse ihn sogar trotzdem, einfach weil es der letzte von hier ist, aber ich merke mal wieder, dass mir das meiste Fleisch schlicht nicht mundet. In der Central-Park-WG werfe ich den letzten Ballast ab und dusche noch einmal, bevor ich Kaohsiung erstmal den Rücken kehre. Zusammengerechnet bleibt mir vermutlich nicht einmal mehr eine ganze Woche in der Stadt, die in Google Maps als mein Zuhause markiert ist. Die vielen grünen Flaggen alias „Wunschziele“ werde ich übrigens kaum schaffen abzuhaken.

Mit dem online gebuchten und sogar per PayPal bezahlten Bus klappt zum Glück alles, die Fahrt nach Taipei verläuft unspektakulär. Ich kann sogar ein bisschen schlafen. Pünktlich zur Check-In-Zeit landen wir in Taipei, wo mittlerweile wahrlich Winterstimmung herrscht. Der Himmel ist berlingrau, lauter Verkehr zieht durch breite Straßen und die Temperaturen sind für Taiwan-Verhältnisse äußerst niedrig.

Kalte Stadt

Mein Hostel liegt direkt neben der Main Station und ich erkenne schnell, warum ich für zwei Nächte nur 800$TD (knapp 22€) zahle. Mit einem winzigen Fahrstuhl geht es in den 9. Stock an die Rezeption, die sich direkt vor der Fahrstuhltür befindet. Ein netter Mitarbeiter drückt mir die riesige Schlüsselkarte in die Hand und weist nochmal daraufhin: Essen strengstens verboten. Im 8. Stock reiht sich Zimmertür an Zimmertür und ich muss anerkennen, aus dem tatsächlich schlechten Zustand der Wohnfläche haben sie wenigstens eine Eigenmarke gemacht. An die Wände gekrakelte Zeichnungen und ein paar graue Farbkleckse überall lassen die Anlage so wirken, als sei die verkommene Bauweise pure Absicht. Selbstredend hat mein Zimmer keine Fenster und ist so klein geschnitten, dass möglichst viele Betten reinpassen. Sonderlich frisch sieht auch mein Bettbezug nicht aus, aber es ginge auch schlimmer. Solange keine Kakerlaken auftauchen, will ich mich nicht beschweren.

Wow, diese Einrichtung…
Hostelzimmer in Taipei – ich schlafe hinten links oben

Eine knappe Stunde hocke ich mich rein, lade das Handy und dann geht’s los, um noch etwas vor der Dunkelheit zu sehen. Die Zeitspanne ist zwar nicht lange (gerade hier im Norden geht die Sonne nochmal merklich früher unter), reicht aber aus, um etwas herumzukommen. Auf dem Weg zum „Taipei Botanical Garden“ sticht mir einiges an schlechter Architektur ins Auge. Ich hatte das damals mit Sidd schon beobachtet, in Taipei gibt es wesentlich mehr hässliche, fast schon sowjetische Baukörper als in jeder anderen Stadt, die ich in Taiwan gesehen habe. Sind das Relikte aus einer vergangenen, nicht so modernen Zeit?

In welchem Land sind wir wohl?
Da hat jemand mit den Käfigen übertrieben

Der Botanische Garten kann im Vergleich mit europäischen Äquivalenten nicht so viel bieten, oder jedenfalls steht man hier nicht staunend neben einer Palme und sagt: ‚Na sowas aber auch!‘ Alle tropischen Pflanzen sind heimisch, deshalb gibt es auch kein gesondertes Glashaus dafür. Allerdings sind die Wege schön gestaltet, ab und zu beschreiben Schilder die Pflanzen und ein paar Forschungshäuser, bspw. zur Forstwirtschaft, gibt es dann auch. An einem mit Seerosen bedeckten See jubeln Kleinkinder den Enten zu und eine Helikoptermutter rennt ihrem Kind hinterher, damit es bloß nicht ins knietiefe Wasser fällt. Hinter dem Gewässer ragt ein rotwandiger Tempel empor, endlich mal eine schöne Kulisse.

Parkeingang
Palmenallee
Taipeier „Lotus Pond“
Stimmungsvolle Gewässer

Sonderlich groß ist der Stadtgarten nicht. Um 17:20 Uhr wird es aber auch schon dunkel und ich spaziere ein wenig nach Süden. Dort kommt irgendwann ein großer Fluss, der weiter westlich in den „Tamsui River“ mündet. Dort verbringe ich eine Weile in einem Rentner-Calisthenics-Park und lasse die Zeit vergehen. Es windet zunehmend, also gehe ich dann wieder stadteinwärts. Ein Elektronik-Store versorgt mich mit zwei neuen Kabeln, sodass ich nicht mehr auf mein wackelkontaktfreudiges iPhone-Kabel vertrauen muss. Bei einem Selfie-Stick für nur etwa 6€ überlege ich und verschiebe die Entscheidung auf morgen. Der nebengelegene „Nanjichang Night Market“ versorgt mich mit einer spottbilligen Fisch-Nudelsuppe, die zwar ehrlich gesagt fast nur aus Wasser besteht, ihre 60$TD (1,60€) aber allemal wert ist. Medizin, und ganz viel trinken, hatte Sky empfohlen. Suppe passt da ganz gut. Der zweite Gang wiederum macht nicht so sehr satt, für 100$TD (2,70€) bekomme ich gerade mal zehn mäßige Muscheln.

Suppenstand
Muschelstand

Ein „Airline Tea Shop“ ist auch nicht so fancy, wie er klingt. Danach mache ich mich auf den Heimweg, es gibt kaum noch was zu sehen, an einem Mittwochabend ist nicht gerade Partystimmung in der Stadt und es ist sowieso viel zu kalt dafür, vielleicht an die 11 Grad.

Verrückt, da bin ich gerade mal ein paar Stunden alleine unterwegs und ich merke schon, wie die Zweifel beginnen. Richtig spannend ist hier nämlich gar nichts und ich hoffe einfach nur, dass die nächsten drei Wochen nicht langweilig werden. Freilich hat die eigentlich Tour noch gar nicht begonnen und ich will ja auch bewusst alleine verreisen, aber solange ich eben noch nicht los bin, schlage ich die Zeit tot. Im Hostel begegnen mir dann ein paar Gestalten aus dem Zimmer, alles Asiaten, wenigstens in der Waschküche gibt es dann auch europäische Gesichter. Die meisten haben ähnlich wie ich Bettgehzeiten um 21 oder 22 Uhr, dann soll es wohl so sein. Es schnarcht auch niemand, so viel Glück muss ich erstmal haben!

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