Entgegen meines Vorsatzes stehe ich nicht um 8 Uhr auf, um das wolkige Taipei zu erkunden, sondern bleibe liegen. Im dunklen Zimmer klettert bereits ein Angestellter mit Maske herum, der die verlassenen Betten neu bezieht. auf Nachfrage erfahre ich, dass man ein Stockwerk weiter oben Handtücher ausleihen kann. Aber nicht klauen! Sagt zumindest das davorstehende Schild. Sowieso, Extrazahlungen gibt es, sobald man ins falsche Bett klettert, etwas isst, Lärm macht oder eine Stunde zu spät auscheckt. Erstaunlich viele Gäste putzen ebenfalls erst jetzt ihre Zähne und machen sich fertig. Die wichtigsten Gegenstände schließe ich ein, dann geht’s raus. In den massiv überfüllten Straßen jage ich mein YouBike von einer Ampel zur nächsten. So weit das Auge reicht, geschäftige Leute und vor allem, keine westlichen Gesichter. Der Himmel ist immer noch von tiefen Wolken bedeckt, schlagartig bekomme ich Berliner Winter-Vibes. Macht bestimmt depressiv, wenn man hier dauerhaft lebt. Gerade zwischen den kalten Fassaden von Bürotürmen, zubetonierten Räumen, weißen Klimaanlagen mit Regenschlieren, lautem Hupen aus allen Richtungen und genervten Blicken. Eieiei, bin ich froh, morgen weg zu sein. Sascha hat mich gestern noch gefragt, ob ich als Kaohsiunger eine Art südlichen Patriotismus verspüre. Tja, was soll ich sagen, die vorigen Zeilen sprechen für sich. Als Ziel habe ich erstmal einen Flohmarkt ausgemacht, den Hasan empfohlen hatte und der unter einer Brücke auf der Neu-Taipeier Seite liegt. Also mische ich mich in die Motorradspur und ziehe über eine der wenigen, langen Brücken des „Tamsui River“. Nicht weit dahinter befindet sich der „New Taipei Metropolitan Park“, eine wirklich große, langgezogene Parkanlage, die zumindest von einigen Joggern benutzt wird. Wäre doch ganz schön, auch die Bergkulisse im Hintergrund, wenn es nicht ringsherum überall Schnellstraßen und Betonbrücken geben würde. Das, was ich in Berlin schon am südlichen Ende des Tempelhofer Felds kritisiere, ist hier allgegenwärtig. Wie kann man so eine schöne Natur haben und die dann so verschandeln, schießt es mir durch den Kopf. Ich weiß, dass ich mir bei Kaohsiung Ähnliches gedacht habe, aber Taipei ist noch härter.


Der „Chongxin Bridge Flea Market“ hat nur noch kurz offen, aber eben aufgrund der Empfehlung will ich ihn einmal gesehen haben. Wie er sich in die laute Kulisse einfügt, von aufwertendem Grafitti umgeben ist, würden ihn Linke garantiert lieben. Passenderweise sehe ich ein Pärchen mit einigen Ohrringen und alternativen Outfits, der Rest sind mehrheitlich Seniorinnen und Senioren. Verkauft werden Schmuck auf Teppichen, Figürchen, Haushaltsgeräte wie Bohrmaschinen und überdimensionierte Schraubenzieher, Handyhüllen und in einem Restaurant sogar fleischiges Mittagessen. Den angebotenen Handyhalterungen traue ich nicht über den Weg, aber im letzten Abschnitt finde ich dann doch noch etwas, zwischen Instant-Nudeln und anderen Fertigspeisen. Ein Kartenspiel für schlappe 15$TD, das „Golden Lotusty“ verspricht, was auch immer das sein mag, wechselt den Besitzer. „Do you know if this is Poker?“ verstehen auch die beiden jungen Leute nicht, war ja klar. Egal, ich werds schon noch herausfinden.


Dann folgt ein Spaziergang im Park, was sich aufgrund der erwähnten Umgebung, des Wetters, der wenigen Besucher und nicht zuletzt wegen meiner Planlosigkeit trostlos anfühlt. Ich setze mich kurz auf eine Bank und sehe ein Flugzeug, das in der Nähe landen wird, außerdem einen Grünabschnitt, der aktuell umgegraben wird. Da ich in Neu-Taipei bin, google ich mal schnell, was es so zu sehen gibt, aber fast alle Vorschläge implizieren Tagestouren in 60 Kilometer Entfernung, nach Jiufen bspw., wo ich mit Sidd war. Letztlich bleibt mir Maps, einer der unzähligen Tempel in der Nähe. Am riesigen Park-Schriftzug vorbei, über eine Ampel an der Schnellstraße, hier warten in die Höhe ragende Investorenbauten auf mich. Eines höher als das andere, ein anderes kälter als das eine. Kaum Menschen zu sehen, sogar der Verkehr ist ruhig. Auch der Tempel wirkt deplatziert, immerhin gibt es einen Vorplatz mit merkwürdig rot bedeckten Flächen, eine Art Bühne?



Beeindruckend, wie sehr eine Szenerie die Temperaturen fallen lassen kann. Da bin ich froh über einen leeren Spielplatz am Rand, mit Lemonentee und Schoko-Croissant vom FamilyMart setze ich mich auf die Schaukel. Diese ist zwar für Kleinkinder und so niedrig, dass ich meine Beine beim Zurückschwingen nicht anwinkeln kann, aber besser als nichts. Wann bin ich eigentlich das letzte Mal geschaukelt? Als Kind fand ich es immer toll, so weit wie möglich nach vorne abzuspringen, das wird hier von einer Steinmauer verhindert. Ich gucke kurz auf mein Handy, dann fällt mir ein einsamer Spaziergänger auf. Den kann ich fragen, was hier aufgebaut ist! Er spricht sogar ein paar Worte Englisch, führt mich aber nur zu einem Schild am Tempel und sagt, dies sei der Zeitplan. Stellt sich heraus, hier gab es ein Silvesterevent. Im Tempel selbst beten eine Handvoll Leute, die störe ich besser nicht. Hungrig bin ich noch, und zum Glück findet sich ein vegetarisches Restaurant in der Nähe. Die Seitenstraße wird aus irgendeinem Grund von Gabelstaplern dominiert, den Restaurantbetrieb stört das nicht. Auf Chinesisch bekomme ich eine Speisekarte, markiere mir die zwei erstbesten Gerichte. Ist ja alles vegetarisch. Die vielleicht sechs Kunden um mich herum sind entweder zu mehreren oder lassen ihre Bildschirme laut Nachrichten und Sonstiges abspielen. Ich tue es ihnen gleich, lese noch mehr Artikel über Grönland und Venezuela, als ich es in den letzten Tagen eh schon getan habe. Das Essen ist mit 135$TD (3,70€) so billig, dass ich die Menge zweier Hauptgerichte glatt überschätzt habe. Die riesige Schüssel mit Schmornudeln (interessant, würde ich aber nicht erneut bestellen) will einfach nicht leer werden, ich esse bestimmt eine ganze Stunde lang.

Schließlich muss ich Reste übrig lassen. Die Kassiererin am Tisch hinter mir nimmt es gelassen, freut sich, dass es mir geschmeckt hat. Als nächstes Ziel habe ich das Palastmuseum im Norden auserkoren, denn Neu-Taipei will mir schlicht nichts anbieten. An der Bushaltestelle, wo mindestens fünf Busse pro Minute durchjagen, entdecke ich immerhin wieder den ganz besonderen Typus Architektur, der versucht, Hochhaus und klassische Architektur zu vereinen. Es ist also kein ausschließlich Kaohsiunger Ding, Blendsäulen und Fries in 80 Metern Höhe einzusetzen. Die Farben sind mir immer noch zu kontrastlos, aber bitte.

Auch in Taipei haben die Busse Verspätungen, weswegen YouBike nach wie vorne die sicherste Variante ist. Dadurch kann ich sogar noch mehr von der beschriebenen Traurigkeit erblicken, wundervoll.

Es geht mir sofort besser, als ich endlich die Museumsanlage am Stadtrand erreiche. Einerseits gibt es hier viel mehr Grün, andererseits hat sich auch das Wetter gebessert. Irgendein Bausenator hat trotzdem beschlossen, so viel wie möglich zu versiegeln, aber ein großer Teil des dahinterliegenden Grundstücks ist davon ausgenommen.

Ein Palastgarten empfängt die Besucher mit Teichen, Skulpturen, Blumen, großen Pavillons und nichtlinearen Laufwegen. Ich sehe andere Menschen, die alleine unterwegs sind, was mir irgendwie Auftrieb gibt. Jeder ist für sich, die meisten spazieren mit Kopfhörern und bleiben ab und zu für ein Foto stehen. Was für ein Glück, dass die Berge so nah an Taipei sind, das sieht echt super aus!



Die Hauptattraktion ist natürlich trotzdem der benennende Palast. Interessant beige Fliesen zieren die Mauern, grüne (oxidiertes Kupfer?) Dächer krönen die Anlage. Der Blick zurück zeigt ein absurdes Bild. Die repräsentativ symmetrischen Büsche, Wiesen und nicht zuletzt Palmen führen den Blick auf den weiß glänzenden Torbogen am Eingang, und zwischen diesen und die Bergkulisse dahinter schiebt sich nebenbei eine dystopische Wohnmaschine. Die Erlaubnis dafür hat wahrscheinlich der gleiche Bausenator erteilt, der die Straße davor hat bauen lassen. Ein paar Leute lassen Schnappschüsse von sich machen, also frage ich einen von ihnen. „Ok“ kommt es zurück und ich bekomme ein paar eher mäßige Bilder.



Innen drin befindet sich wie erwartet das Museum. Als Nicht-Staatsbürger zahle ich den deutlich höheren Preis von 350$TD (9,50€). Die unübersichtliche Raumstruktur hat aber trotzdem ein paar Sachen zu bieten. Mobiliar aus dunkelrotem Sandelholz, entstanden zur Zeit der Qing-Dynastie. Schränke, Stühle, Tische, Gefäße, Werkzeuge, Waffen, und so weiter. Die Motive sind etwas anders (meistens werden Drachen und Wolken gezeigt), aber abgesehen davon hatten die Neuzeit-Chinesen einen ähnlichen Geschmack wie die Europäer. Zumindest wenn ich mir gewisse Sekretäre und Kommoden meiner Vorfahren in Erinnerung rufe.



In einer ausführlichen Töpferabteilung geht es um die vielzahligen Materialien wie Jade, Saphir usw., aus denen Vasen, Teller und vieles mehr gefertigt wurden. Außerdem zu sehen: kleine goldene Statuen, Schmuck der Herrschenden, Buddha-Statuen. Ich bin zu faul für den Audioguide, deshalb weiß ich es nicht besser, aber diese Abteilung nimmt stark Bezug auf den Traum der Roten Kammer, laut Google ein absoluter Literaturklassiker des 18. Jahrhunderts. Zumindest in China.




Im Museumsshop findet man einige ziemlich coole Motive. Die leporelloartigen, zur Seite ausziehbaren Gemälde (eigentlich wie Schriftrollen) sind mir mit bis zu 88.000$TD (2400€) zwar etwas zu teuer, die Postkarten halten sich aber in Grenzen. Ich entdecke ein paar westliche Gesichter und höre sogar mehr Koreanisch als Chinesisch, aber dabei bleibt es auch. Irgendwann habe ich echt genug Vasen gesehen und merke, dass ich nur noch eine Stunde bis zum Einbruch der Dunkelheit habe. Als sunset hunter darf ich das nicht einfach so verstreichen lassen, zumal ich in der Nähe von Bergen bin. Google schickt mich durch das Gelände einer Universität, aber mit zielstrebigem Blick falle ich hier gar nicht auf. Hinter irgendwelchen Hausmeisterhäusern führen vermoste Treppen einen steilen Hang hinauf und an einem Grab vorbei, das jemand echt Bekanntem gehören muss. Vielleicht dem Universitätsgründer.

Nach einer steilen Strecke mit Festhalteseilen gelange ich auf eine Bergstraße und sehe einige junge Leute, die meist in Zweiergruppen laufen und eindeutig Englisch reden. Vollkommen verschwitzt gehe ich vorbei, will rechtzeitig an einem Aussichtspunkt namens „Old Place Airplane Observation Deck“ gelangen. Eine vermutete Abkürzung breche ich ab, als ich den ersten Hund sehe. Nicht mit mir, das ist es nicht wert. Tatsächlich habe ich ein riesiges Schild übersehen, das auf Militärgebiet hindeutet. Ich erinnere mich an meinen ersten Tag in Kaohsiung, da habe ich denselben Fehler am Affenberg begangen.

Jetzt laufe ich wieder der Gruppe junger Studis hinterher, sie scheinen zu wissen, wo es hingeht. Das wäre doch die perfekte Gelegenheit, mal mit Leuten zu reden, denke ich. Der Weg ist aber schmal und ich komme nichtmal an einer Person vorbei, ich warte. Der Sonnenuntergang spielt dann doch keine Rolle, weil das Aussichtsdeck nur nach Süden schaut, aber das ist auch okay. Der Blick ist atemberaubend, wie im Wimmelbuch kann man minutenlang umhergucken und entdeckt immer noch neue Details. Neben Taipei 101 und den Bergen sehe ich den Tamsui River auf der rechten Seite, unglaublich viele breite Straßen mit regem Verkehr, im Dunst verschwindende Hochhäuser und natürlich den Flughafen. Von hier aus sieht es so aus, als läge er in der Innenstadt und ganz so weit ist das auch nicht hergeholt. Alle staunen, als Flugzeuge landen, aus der Ferne sieht das extrem langsam aus. Wie im Miniatur-Wunderland. Zu unseren Füßen, am Stadtanfang, erstreckt sich ein Kiez, dessen Häuser so nah beieinander stehen, dass er bestimmt kaum lebenswert sein kann. Ich höre die Studentengruppe über einen möglichen Satelliten am Himmel diskutieren, alle in gestelztem Englisch. Eigentlich will ich irgendwas sagen, habe dann aber kaum Lust darauf und schaue lieber vor mich hin. Als sie dann ein Gruppenfoto machen, trete ich beiseite und mache mich auf den Rückweg. Irgendwie ärgere ich mich trotzdem darüber, denn grundsätzlich habe ich das Bedürfnis, Leute anzusprechen. Nächstes Mal nicht so lange überlegen, einfach machen.


Der Abstieg wird mir per Holzstufen leichtgemacht und am Stadteingang findet sich ein weiterer Spielplatz. Auf dem gummiartigen Boden mache ich meine obligatorischen Liegestütze und esse das Brötchen, das ich mir zu Stärkung mitgenommen hatte. Die anschließenden Straßen zeigen mir dann, dass es sich um alles andere als ein verarmtes Viertel handelt. Auch wenn die Häuser nah beieinander stehen, die Fußgängerwege sind umso prachtvoller, mit Bäumen verziert und schaffen eine angenehme Atmosphäre. Eine Katze mit Halsband lässt sich bereitwillig streicheln, was für eine verkehrsarme Nachbarschaft spricht. Kommt sonst nicht so oft vor… An einem Tunneleingang eines Hügels stehen Militärs in Uniform und einige Grundstücke sind mit Stacheldraht abgesichert. Spätestens eine Art Cafereria zeigt mir, woraufhin auch der Busstationsname hindeutet: „Air Force General Headquarters“. In den abgezäunten Gebieten wird gejoggt, ansonsten machen viele Soldaten Feierabend und steigen in Taxis oder laufen nach Hause. Das erklärt die schicke Gegend, und wahrscheinlich auch die Militärbasis auf dem Hügel. Wäre ja auch lustig, wenn die Luftwaffe keine Macht über die angrenzenden Hügel hätte.

Auch abends herrscht wahnsinnig viel Verkehr, der Bus kommt deutlich zu spät und ist rappelvoll. Ich steige frühzeitig aus, um endlich mal einen der 小北百貨 „Xiǎo běi bǎihuò“-Stores aufzusuchen. Am besten lassen die sich wohl mit 1€-Stores vergleichen, sowohl was Angebot, als auch was Preisklasse betrifft. Ich finde zwar weder Mütze noch Stativ, dafür einen Spanngurt und viel billigere Getränke als in den convenience stores. Das merke ich mir. Ansonsten radle ich noch an einem Schloss in der Nähe meines Hostels vorbei. Erst später stelle ich fest, dass es sich um das „Presidential Office Building“ handelt, wow. Fertigstellt unter japanischer Herrschaft 1919, die Architektur lässt aber darauf schließen, dass der Bärenanteil von den Niederländern gestemmt wurde.

Frühzeitig begebe ich mich ins Bett, denn ich muss packen, mir die Route für morgen überlegen, mich ganz kurz von einer Fahrrad-Stornierungsmail schocken lassen (es war die falsche) und nach Unterkünften für morgen Abend Ausschau halten.
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