Radtour Tag 3 (Sonntag, 11. Januar)

大溪 Daxi -> 新竹 Hsinchu

Heute sind es die Schmerzen im oberen Rücken, die mich parallel zum Wecker aufwachen lassen. Ich habe ja bereits gestern Abend eine Schmerztablette eingeworfen, aber ich brauche wohl eher etwas Entzündungshemmendes. Jedenfalls kann ich mich kaum bewegen, ohne dass mich ein Stich durchfährt. Da gehen einem natürlich schnell Horrorszenarien durch den Kopf. Wie soll ich Fahrrad fahren, wenn ich nicht einmal schmerzfrei aufstehen kann? Muss ich pausieren, wie lange, vielleicht die Tour abbrechen? Ein bisschen liegen kann ich noch und zum Glück komme ich auf den Trichter, meine Feuersalbe anzuwenden. Sieht bestimmt lustig aus, wie ich mich in meiner Koje winde und den Rücken einschmiere. Der Alkohol brennt und ich lege mich auf die Seite. Das gleiche Prozedere drei Mal, bis ich um zehn Uhr wenigstens anfangen muss, meine Sachen zu packen. Tatsächlich fühlt es sich jetzt ein bisschen besser an. Auf Booking sehe ich, dass die Unterkunft zu verlängern, schlappe 1500$TD (über 40€!) kosten würde. Und die wäre noch die billigste im Umkreis. Das erhöht die Motivation, trotzdem zu fahren, und sei es nur, um etwas Günstigeres zu erreichen. Die meisten taiwanesischen Ärzte arbeiten sonntags übrigens nicht und das nächste Krankenhaus liegt definitiv nicht in Daxi. Von daher macht ein Trip heute Sinn, zumal ich sowieso an das Fahrrad gebunden bin. Ganz schön risikobehaftete Reise, mit so einem Fahrrad im Gepäck…

Einer der wenigen anderen Gäste fragt mich im Bad, woher ich komme. Er selbst sei Singapurianer. „Just wastin‘ my time here, traveling around.. I‘m retired.“ Er macht ebenfalls eine Fahrradtour, wollte ursprünglich campen, aber das „is way too hard.“ Er hat wirklich unfassbar viel Zeugs dabei, gigantische Seitentaschen, könnte genug Platz für ein Zelt haben. Er ist bereits seit vorgestern hier und bleibt auch noch bis morgen. Dann will er 15 Kilometer runterfahren, in ein anderes Dorf, ein paar Tage bleiben, und dann wieder hierhin, noch ein paar Tage bleiben. Erst dann geht’s wieder zum Flughafen. „Daxi has a lot of things to see“ erzählt er mir, bspw. habe er gestern einen 10 Kilometer langen Spaziergang gemacht und sich ein paar Tempel angeschaut. Ich selbst? Bin heute am dritten Tag. „Ah, you make it chill. Some people drive 100 kilometers per day.“ Wir agreen, dass alleine zu reisen echt cool ist. „I couldn‘t handle the responsibility when I ruin the trip of your friends because I want to make a break or so.“ Klingt dramatisch, aber er hat Recht. Besonders, wenn man so entspannt unterwegs ist wie er selbst. Für Campen scheint er mit der Leistungsbereitschaft nicht gemacht zu sein. Bevor es Zeit für den Check-out wird, empfiehlt er mir wegen meiner Schmerzen, den Lenker nach oben zu verstellen, bei ihm habe ein Zentimeter Wunder gewirkt. „Have a safe trip!“, dann geht er.

„Hostel Alley Inn“ Gemischter Schlafsaal

Auch die Frau am Tresen wünscht mir einen sicheren Tag. „The streets are crazy.“ Oh ja. Leider kann ich meinen Lenker, auch mithilfe des Giant-Werkzeugs, nicht verstellen. Dafür wurde das Bike scheinbar nicht entwickelt. Eventuell kann ich in der nächsten großen Stadt in einen entsprechenden Store gehen, aber bis dahin muss ich es erstmal schaffen. Wenn ich mich langsam und vorsichtig an die Sache herantaste, sollte es doch schaffbar sein. Auf jeden Fall merke ich schnell, welche Position am günstigsten ist: möglichst aufrecht sitzen und nicht auf den Lenker stützen. Solange es halbwegs horizontal geht, kann ich freihändig fahren, denn wie erwähnt balanciert das schwere Gewicht auf der Hinterachse so hervorragend, dass selbst kleine Schwanker nichts ausrichten. In einem Cosmed besorge ich mir trotz allem billiges Ibuprofen und schmeiße das 1mg-Granulat direkt ein. Um Rasierschaum muss ich mich woanders kümmern, irgendwie wird dieser nur in Übergröße verkauft.

Zigaretten, Kondome oder doch Schmerzmittel?

Aus Daxi herausgefahren, muss ich mich entscheiden, wie es weitergeht. Weil der Weg nach Hsinchu aber sowieso nicht weit ist und ich für gewöhnlich einen guten Riecher bezüglich Aussichten habe, ringe ich mich dann doch dazu durch, das sogenannte 石門水庫 „Shímén shuǐkù“ Shi-men-Reservoir mitzunehmen. Dazu geht es erstmal eine Straße so steil bergauf, dass selbst Autos mit Schildern vor der Neigung gewarnt werden. In wenigen hundert Metern muss ich viermal anhalten, nur um Luft zu schnappen und auf mein Leben klarzukommen. Da fühle ich mich doch gleich an die 2000-Höhenmeter-Wanderung von letztem Weihnachten erinnert. Die rot umrandeten Verkehrsschilder mit Fahrrad warnen in Deutschland offiziell vor auftauchendem Radverkehr, aber hier besteht diesbezüglich sicher keine Gefahr. Wer außer mir tut sich das eigentlich an? Hauptsache, niemand fährt mich um. Als es endlich gerade wird, erreiche ich den letzten convenience store vor dem Reservoir. Es ist glaube erst mein zweites Mal, dass ich die Monopol-Alternative „Hi Life“ ausprobiere. Jedenfalls stehen auf dem Parkplatz davor nur Motorräder und Autos, wie an einer Autobahn. Innen ist ungewöhnlich viel Platz und vorerst bin ich der einzige Kunde. Die zwei Mitarbeiterinnen am Tresen können zwar kein Englisch, lachen aber die ganze Zeit und drehen mir zusätzlich zum üppigen Frühstück einen großen Kaffee für 29$TD (0,80€) an. Eine knappe Stunde brüte ich am langen Tresen und lese u.a. Zeitungsartikel über Schifffahrt in der Arktis und eine Öltankerkatastrophe vor Alaskas Küste 1989. Ein betrunkener Kapitän hatte die Verantwortung an einen Unbefugten vergeben und somit die größte Ölkatastrophe der Geschichte zu verantworten. Verrückt, und ich wusste noch nicht einmal davon. Die beiden Damen empfehlen mir zum Schluss das richtige Wasser für die Fahrt, dann setze ich die bisher kürzeste Tagestour der Reise fort. So langsam merke ich, wie sehr Hasan und mein Vater Recht hatten. Beide haben mir gesagt, was für ein Luxus es sei, alleine zu verreisen, weil man selber über jede Pause, über jedes Fahrtempo entscheiden kann. Oder wie der Rentner von heute früh es sagen würde: Ich habe nur für mich selbst Verantwortung zu tragen.

Chiang-Kai-shek-Statue 

Auf der folgenden Landstraße passiere ich eine Anlage, deren Bewachung durch eine rote Chiang-Kai-shek-Statue gewährleistet wird, während im Hintergrund Feuer entfacht werden. Später erfahre ich von Sascha, dass es hier einen Park mit alten Statuen aus der Zeit vor der Demokratie gibt, die sonst nicht mehr aufgestellt werden. Eine Art Schrottplatz der Diktatur, wenn man so will. Die Straße führt mich weiter bergauf, wenn auch nicht mehr ganz so steil. Ich weiß ganz genau, wie andere hier abkotzen würden, aber ich versuche, es so zu sehen: meine Muskeln generieren Appetit auf Essen, und das ist eine erfreuliche Aussicht. Irgendwann gelangt der Teerweg an einen Tunnel, und der Seitenabschnitt für Passanten und Velos ist so schön geschmückt, dass er zur Attraktion wird. Der 舊百吉隧道 „Jiù bǎi jí suìdào“ alte Baji-Tunnel führt neben einer mit LEDs beleuchteten Schiene entlang, deren stilvoll platzierte Wagons hölzerne Sitzbänke präsentieren. Die Fliesen klackern beim Rüberfahren, trotzdem kann ich nicht anders, als meine Hupe zu bedienen. Manche erschrecken sich, manche weichen gar nicht erst aus, andere lachen. Auf jeden Fall witzig.

Den Berg rauf über eine Landstraße
舊百吉隧道 „Jiù bǎi jí suìdào“ Alter Baji-Tunnel

Am Ende des waagerechten Lochs tut sich ein Bergmarkt hervor, auf dem die vielen Touristen einkaufen, außerdem zweigen Wanderwege ab. Mein führt es nach Süden, wo es nach einigem Gedümpel wieder aufwärts treibt. Ich will ja nicht angeben, aber von einer Gruppe aus drei Rennradfahrern ohne Gepäck überhole ich einen und bleibe an den beiden anderen so lange dran, bis ich zum Ausschauen Halt mache. Die Straße befindet sich längst oberhalb des angepriesenen Sees, aber es gibt kaum Stellen, an denen keine Bäume die komplette Sicht darauf versperren. Auf der verzweifelten Suche nach einem guten Spot nehme ich sogar einen abzweigenden Anstieg auf mich. Immerhin, vor einem Privathaus hat der Besitzer Stühle und Tische an den Straßenrand gestellt, von wo aus ein weiter Blick ermöglicht wird. Zu nah ans Tor darf ich dabei aber nicht kommen, der Haushund hat mich bereits identifiziert. Die Aussicht ist es wert, ein atemberaubend naturverbundener See liegt zu meinen Füßen. Wie sehr die Uferböschung ins Wasser ragt und wie wenig menschliche Interventionen ich sehe, ist beeindruckend. Klar ist das ein Reservoir, aber vielleicht hat man einfach einen bestehenden See dafür umfunktioniert. Künstlich angelegt ist der hier nämlich bestimmt nicht. Die Bergkulisse erinnert mich stark an ein berühmtes Pendant südlich von hier…

Mit Vögeln im Bild!
Ist das der bessere Sun-Moon-Lake? (Geheimtipp)

Weil das Steintor-Reservoir, wie der Name übersetzt heißt, sich so schön länglich durch die Berge zieht, zieht die Straße ebenfalls für längere Zeit ihre Kurven am Rand. Meistens geht es bergab und ich kann kontrolliert freihändig fahren. Entgegenkommende Wanderer und Biker winken mir zu, so geht Entspannung. Das Schmerzmittel wirkt mittlerweile und ich bin froh, nicht vorschnell ein zweites Tütchen eingeschmissen zu haben. Nur so viel nehmen, wie nötig. Vereinzelte Schiffe sehe ich, außerdem so etwas wie Bojenverbände und ein technisches Boot, sowie den See überspannende Strommasten.

Freihändige Abfahrt
Technikschiff

Nicht weit vor dem Ende der Abfahrt steht eine Mautstation, oder zumindest die das Häuschen so aus. Autos werden kontrolliert oder zumindest kurz befragt, ich selbst werde mit breitem Lächeln empfangen. „You are doing a trip?“ fragt die Frau. „Yes. Round tour.“ Ich male einen Kreis in die Luft, sie staunt. „Where are from?“ „Germany. Déguó.“ Noch größeres Staunen. „I wanted to see the reservoir.“ „You know this way?“ Sie zeigt hinter mich. „No, haha. But Google tells me.“ „You can do a boats tour on the lake.“ Netter Tipp, aber dafür habe ich nicht nur keine Zeit, ich gehe auch stark davon aus, dass das einer dieser Orte ist, die von außerhalb den Zentrums viel beeindruckender sind als aus der Mitte. Siehe Sun-Moon-Lake. Was cool wäre, wäre zu schwimmen, aber das ist garantiert verboten, immerhin ein Süßwasserspeicher, außerdem sollte mein Rücken davon verschont bleiben und warm ist es auch nur, solange die Sonne brutzelt. Apropos, Sonnencreme habe ich seit Tourstart noch nicht eingesetzt, und auch keinen Sonnenbrand bekommen, obwohl die Sonnenstunden hoch an der Zahl sind.

Kurze Rast ist an einem der vielen Pavillons möglich, wo man natürlich spawnende Rentner findet, die Tee trinken oder sitzend vor sich hin starren. Und ich dachte immer, Deutschland sei das Land der allgegenwärtigen Senioren… Die Strecke endet natürlich viel zu früh, aber der menschliche Außenposten mit Mini-Hafen hat wenigstens noch eine Brücke, die zu einem Bergpavillon auf dem See führt. Obwohl, Moment, das stimmt gar nicht. Die Brücke ist in Wahrheit der Weg über einen gewaltigen Staudamm und der Pavillon eine Burgzinne auf der Betonmauer! Das erklärt die erhöhte Besucherzahl, den Abstecher kann ich mir nicht entgehen lassen. Von der Treppe aus sehe ich den Höhenunterschied zwischen Stausee und… ja, was ist das da unten eigentlich? Vermutlich ein weiterer Stausee, diesmal ein richtiger, er ist komplett von Betonelementen umrahmt. Krass, wie weit ich später noch herabfahren darf. Als ob ich genauso viel nach oben gekommen bin?

Zwei Wasserlevel
Dämme sind einfach schön
Hallo
Blick ins Tal

Am Rand findet sich, mal wieder, eine Statue des KMT-Gründers und ersten Staatschefs von Taiwan, Chiang Kai-shek. Alle Denkmäler wurden also nicht abgeräumt.

Hat er den Damm gebaut oder was?

Von hier aus geht es steil bergab, so steil, dass ich bremsen muss, um nicht nochmal mein Handy zu verlieren und um mir nicht die Reifen kaputt zu machen, sobald ich eine unebene Stelle überfahre. Dabei sind die Reifen an sich extrem stabil. Selbst der Hinterreifen, auf dem große Last liegt, fühlt sich beim Testdrücken steinhart an, irgendwo zwischen vier und fünf Bar vielleicht. Unten kann ich hinter den Unterteich schauen, aber da führt nur eine Autobrücke über einen wenig Wasser führenden Fluss. In Richtung Damm hingegen spielen Kinder auf der Promenade, während viele Schilder darauf hinweisen, dass Wassersport strengstens verboten ist. Direkt am Fuße des Betonkonstrukts fühlt man sich intuitiv bedroht. Was, wenn er genau jetzt bricht? Keine Chance. Noch bedrohlicher wirkt eine zweite Hangwand nebenan, sie ist mit lauter Gestein bedeckt, das sich bestimmt viel leichter löst als eine gegossene Mauer.

Hinter dem Stausee…
Gewaltiger Damm
Wasserwerk
Steinwall

Jetzt darf ich wieder strampeln und ziehe an so manchem Spaziergänger vorbei. Alle machen Fotos, genießen die Aussicht auf Sitzbänken und lassen ihre Kinder auf Spielplätzen rutschen. Ich wette, abends sieht die Location nochmal eine Stufe heftiger aus. Auf dem Plateau des nächsten Hügels eröffnet sich mir ein Straßenmarkt mit befahrener Straßenmitte, ähnlich wie der in Kenting. Verkauft werden neben Obst und Gemüse auch Pflanzen, Gewürze und Teegeschirr. Aus Keramik, wie Thomas sagen würde. Ein Sänger mit Mikrofon macht auf Chinesisch Stimmung und ich denke mir: Auf einem der nächsten Märkte darf ich mir auch mal etwas gönnen, nicht immer nur convenience store food. Wenn ich mich raffe, früher aufzustehen, werde ich dafür bestimmt genug Zeit haben. Wobei heute eine Ausnahme ist, das späte Loskommen war bestimmt gut so.

Straßenmarkt

Kurz dahinter schickt Google mich durch ein offensichtlich reiches Viertel. Schon auf Maps sticht das Meer aus orangefarbenen Dächern hervor, die europäisch ordentlich aneinandergereiht ein System bilden. Nicht wie diese ärmlichen Asiaten… Die Lage ist natürlich bestens. Ausreichend Bäume und Wiese ergänzen die sogar halbwegs schöne Architektur, jedenfalls empfinde ich die Farbe der Steinwände zumeist passend, richtig warm sogar. Hier ein Ferienhaus? Ich kann mir zumindest schlimmeres vorstellen. Nur schade, dass von den bestimmt schönen Dächern so wenig zu sehen ist. In der ganzen Gegend bilden Verkehrsspiegel die Lebensgrundlage, ohne sie gäbe es wohl mehr als regelmäßig Unfälle.

Wann sieht man in Taiwan schonmal eine so geordnete Straße?
Garagentore wie im Ligusterweg…
Verkehrsspiegel-Selfie

Als Nächstes geht es wieder auf eine mehrspurige Landstraße, zum Glück nur abwärts und nicht lange anhaltend. Auf den umliegenden Bergen erkenne ich Bauwerke wie bspw. einen Flakturm und dazu sind auf offiziellen Schildern viele Sehenswürdigkeiten ausgeschildert. Fast wie in vielen Videospielen: Interessante Orte werden vermerkt, die zwar nicht Storys-relevant, wohl aber lohnenswert sind. Ein Blumengarten, ein Café, eine alte Ruine… Google Maps ist einfach die beste Open-World. Und wie reich Taiwan doch an Sehenswürdigkeiten ist. Der nächste Abzweig zeigt sich äußerst ruhig und wird lange so bleiben. So viele Biome, wie ich durchquere, kommt mir durchaus ein Gedanke: Die „Route Nr. 1“, offizieller Name der 10-Tages-Rundtour, sieht ja bereits an Tag eins die gesamte Strecke von Taipei nach Hsinchu vor, und das ohne die ganzen wunderbaren Schlenker von mir. Auch das Reservoir wird, wenn man dem Guide folgt, nur von unten einmal angeschnitten. Selten habe ich so genüsslich auf eine Entscheidung zurückgeblickt wie darauf, in diesem Fall mein komplett eigenes Ding durchzuziehen. Ich bin dankbar für die tollen Blicke und will ja jetzt schon immer länger an den Orten bleiben, als ich es zeitlich kann. Entgegenkommende Zuwinker auf Rädern und Beinen, und Spaziergruppen, die sich unterhalten und auch mal streiten, halten das Dopaminlevel hoch.

Eine Quartz-Fabrik
Wanderinnen

Der Weg führt jetzt durch den Wald. Ein Café muss ich leider auslassen, weil mich ein ungezogener Dreckshund schon aus weitester Entfernung wittert und zu seinem Erzfeind erklärt. Nein danke. Man kann sich seine Kunden auch abschrecken, selbst schuld. Obwohl, viel mehr als die 25$TD für einen Kaffee hätte ich auch nicht dagelassen. Später treffe ich auf einen großen Ast, hier scheint schon länger niemand mehr unterwegs gewesen zu sein. Idealer Moment für eine kleine Pause.

Hindernis Level eins
Meine Gelegenheit, dem Land etwas zurückzugeben

Immer wieder unterkreuzt der Weg eine massive Autobahn, und die späte Uhrzeit lässt mich gegen die Sonne fahren. Die Berge lasse ich hinter mir, vermutlich sogar für eine ganze Weile. Dafür mehren sich die Felder und Bauernhütten, Bambusfarmen, Fischerteiche und Landstriche voller Natur. Warum bin so fröhlich? Deshalb. Vielleicht auch, weil ich wie ein Landstreicher mit Fünftagebart durch die Felder ziehe, der Sonne entgegen und ohne Pflichten. Obwohl, mein Hostel habe ich vorhin ja noch gebucht.

Es grüßt der sonntägliche Fischteichverein
Was haben die Wellenbrecher hier zu suchen?
Bambus und Salat
Pflanzentopfzüchterei

Ich muss übrigens immer wieder abwägen, welcher der meistens drei Maps-Vorschläge die beste Route sein könnte. Den Anschluss an die „Route Nr. 1“ habe ich verloren und ich richte mich ausschließlich nach dem Satellitenbild auf meinem 6,1-Zoll-Bildschirm. Für die letzten anderthalb Stunden treffe ich die richtige, oder besser, eine richtige Entscheidung. Meistens ist die Strecke die beste, die am wenigsten Verkehr aufweist. Vermutlich würden einige die mit den wenigsten Höhenmetern nehmen, aber ich sage jetzt aus mehrfacher Erfahrung: Es lohnt sich! Klar haben meine Oberschenkel heute schon viel gebrannt und außerdem ungemütliche Straßen auf sich genommen, aber eigentlich jedes Mal wurde ich dafür belohnt. Ähnlich übrigens gestern mit dem Industrieabschnitt am Hafen, so etwas bekommt man sonst eher selten zu Gesicht. Jetzt jedenfalls wechseln sich winzige Ortschaften mit tropischem Landschaftsbau und spaßmachenden Kurven ab, bei stetig sanftem Abstieg und frontaler Sonne, die perfekte Kombination. Vor Hunden muss man sich immer wieder in Acht geben, aber bestimmt gehöre ich auch zu den übervorsichtigen, was das angeht.

Tropische Landwirtschaft
Zwei Blechbläser und ein… Blechstreicher?

Als letzter Akt folgt die Stadt. Zuerst einige größere Vororte, mit dem üblichen Trubel, das Dorfleben ist vergessen.

Eine prachtvolle Außenwand

Dann: ein letztes Mal Flachland, richtig breites Flachland. Ich soll eine Brücke überqueren, und von ihrer Anhöhe aus kann man spektakulär weit schauen. Berge, Wolken, klein wirkende Hochhäuser in der Ferne, Tiefebene, und weit weg dann Hsinchu. Die Brücke selbst ist nicht weniger cool, kein weiterer Kommentar.

Tiefebenenpanorama
Jemand raucht eine verdammt dicke Zigarre
Nicht ohne Grund meine Lieblingstageszeit
Provisorischer Basketballplatz

Ziemlich pünktlich zum Sonnenuntergang fahre ich dann in die Stadt rein. Wie diese aussieht? Ich denke, folgendes Bild beschreibt es ganz gut. Es stört mich aber nicht.

Silhouette Hsinchu
Es gibt also doch Bäume, die im Winter ihre Blätter verlieren!

Meine Tagesetappe endet im Gassengewirr eines dichten Häuserblocks. Die Klingel funktioniert nicht, sowieso scheint niemand zuhause zu sein. Ich gehe schon davon aus, auf etwas reingefallen zu sein, da sehe ich eine Telefonnummer, unter der mir eine Frauenstimme erklärt, wie ich reinkann. Bitte einmal ein Video machen, wie ich die „accomodation fee“ von 600$TD (16,30€) in den Briefkasten werfe, dann bekomme ich den Haus- und Zimmercode. Erinnert mich leicht an ein Madrider AirBnB, das einzig andere Mal, wo ich so absurd Zutritt bekommen habe.

Dabei kann man sich nur kriminell fühlen

Innen ist alles still. Auch im Sechsbettzimmer bin ich wohl alleine. Kein Problem, auch wenn es sich ganz leicht spooky anfühlt. Wenn jetzt keine Kakerlaken auftauchen, bin ich total happy. Auch wenn der Schreibtisch und die Wände einiges an Flecken zu bieten haben, die Betten fühlen sich sauber an. Dem Bad mangelt es an Duschvorhang, einer funktionierenden Duschkopfaufhängung, Seife und einer luftundurchlässigen Tür, aber das macht nichts. Einiges an Nachrichten, einem Telefonat mit den Eltern und Bildersortieren später finde ich mal wieder kein gutes und günstiges Restaurant in der Nähe, sodass es wieder der FamilyMart wird. Immerhin weiß ich jetzt, was Mentaiko ist und dass der japanische Seelachsroggen bombenhaft schmeckt.

Hostelzimmer in Hsinchu
Badezimmer

Dennis startet seine Tour morgen früh und löchert mich mit Fragen zum Gepäck. Ich weiß gar nicht, warum ich mich so viel und ehrlich gesagt auch gerne damit beschäftige. Vielleicht, weil Hasans Tipps mir sehr wertvoll waren und ich ein Interesse daran habe, dass Dennis es zumindest so weit schafft, dass er mir gute Empfehlungen für den Süden und die Ostküste liefern kann. Und ich habe ordentlich Respekt davor, wenn jemand plant, drei Wochen am Stück nur mit Zelt und Fahrrad zu leben.

Gegen zehn Uhr kommen dann doch noch zwei andere Gäste, die ihrerseits auch müde sind und sich schnell in die Betten zurückziehen.

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