新竹 Hsinchu -> 台中 Taichung
Heute soll es endlich mal früher losgehen, schließlich liegt die luftlinienmäßig längste Strecke vor mir. Dafür habe ich gestern extra schon Frühstück besorgt (ein Pfannkuchen aus der Plastikverpackung) und mithilfe von Feuersalbe und Ibuprofen sollte auch der Rücken keine größeren Probleme machen als gestern. Um kurz vor zehn verlasse ich also das Hostel und durchquere Hsinchu bis zum Strand, wo ich die Frühstückspause einlege. Das, was vor mir liegt, kann man fast schon als Wattenmeer bezeichnen, zumindest wird es 香山濕地 „Xiangshan Wetlands“ genannt (bezogen auf einen Elefantenberg). Eine weite Strecke jenseits des Ufers sind nur Pfützen zwischen den Sandwellen zu sehen, der Himmel ist bewölkt, die Offshore-Windräder am Horizont verschwimmen,, dazu vollkommene Windstille. Ein sehr ungefährlicher Laufsteg über den Sand ist trotzdem gesperrt, zwei Männer sitzen davor und essen ebenfalls. In 20 Minuten ist die Ebbe vollendet und bei genauem Hinschauen erkenne ich in allen Richtungen, jeweils sehr weit weg, kleine Figürchen, die hinausziehen, Krabben zu fangen. Zwei Störche tun es ihnen gleich, waten durch die breiteren Lachen und picken nach unten.


Der Fahrradweg führt stets entlang der Küstenlinie, was einerseits wegen abwesenden Straßenverkehrs und andererseits wegen der Aussicht ziemlich angenehm ist. Es gibt nicht so viel Abwechslung wie gestern, aber das wäre ja sowieso schwierig zu tippen gewesen, und mit dem Wetter kehrt heute auch eine ganz andere Stimmung ein. Der großteils sauber geteerte Radweg ist übrigens die berühmte „Route Nr. 1“, auf die ich mich heute mal beziehe. Allzu viel anderes gibt es auf der Strecke hier nicht zu sehen. Sowieso – nur ein Rentner mit kleinem Ausflugsrad teilt sich mit mir die Strecke. Er ist langsam unterwegs, holt mich in den Pausen aber immer wieder ein. Unter anderem steige ich immer wieder ab, um einen besseren Blick auf das Meer und die Windräder in der Ferne zu bekommen. Ein Schild besagt, dass es sich um eine „National Important Nature Reserve Area“ handelt, mit besonderem Augenmerk auf der Bedeutung für die Biodiversität. Schön und gut, die Angler scheint es aber wenig zu interessieren. An einem Rastplatz kommt mir eine Fünfergruppe auf Hoverboards und so etwas wie Segways entgegen, die allesamt Scifi-Helme tragen und laut melancholische chinesische Musik blasten. Ein Hafen mit niedrigem Wasserstand, provisorische Baustellen am Wegesrand und rostige Windräder versüßen die doch etwas monotone Radelei. Einmal sehe ich sogar zwei Kampfjets, die extrem tief fliegen (bloß nicht auf dem Radar gesehen werden) und mir fällt auf, dass manche Windräder auf einem Stützgerüst gebaut sind, während andere direkt aus dem Wasser ragen.




Es ist kühl, sodass man eine Jacke nur weglassen kann, wenn man ausreichend schwitzt. Das Wellenrauschen ist in guter Distanz, nicht zu laut, nicht zu leise. Bestimmt kann man an den erlaubten Stellen gut baden gehen. Schade, dass Kaohsiung fast keine Strandgebiete hat, denkt man sich da nur. So etwas wie die Küstenwache auf vier Rädern in Inkarnation eines weißen SUVs quetscht sich über den Fahrradweg, kontrolliert alle paar hundert Meter die Strandeingänge. Ich sehe übrigens viele Motorräder, allerdings ohne die Besitzer. Ein bisschen angeschwemmtes Plastik darf auch nicht fehlen, zum Glück ist es nicht besonders viel. Die wenigen Windräder, die sich drehen, machen selbst aus nächster Entfernung keine Geräusche. Dabei erinnere ich mich, dass es in Deutschland so viele Beschwerden wegen des Lärmaufkommens gibt…

Nach einer langen und kurvigen Strecke durch den Wald mit jeder Menge Markierungen der berühmten Route zweigt diese ab. Ich folge vorerst, denn soweit ich weiß, führt sie zu einem Aussichtspunkt, der auch auf meiner Liste steht. Zudem bekomme ich so meine Abwechslung: Am Fluss entlang gleitet man förmlich über eine Promenade mit Bergpanorama, dazu gesellt sich der ein oder andere Tempel zwischen Reisfeldern. Es geht auch mal unter einer Autobahn hindurch, irgendwie ein interessantes Erlebnis.




Aber egal, wie schön es hier ist, irgendwann merke ich, dass etwas nicht stimmt. Auch der „Route Nr. 1“-Guide, den ich zumindest hierfür als Hilfestellung nehme, zeigt etwas ganz anderes an. Leider bin ich in der letzten Dreiviertelstunde einer fremden Fahrradroute aufgesessen. Das kostet Zeit. Den Weg zurück fahre ich nicht eins zu eins, sondern will diagonal aufschließen, was mich für lange Zeit auf vereinsamte Landstraßen bringt. Zu meinem Nachteil geht es durchaus auf und ab, convenience stores kann man auch vergessen. Damit dürfte ich in Miaoli angekommen sein, dem Bundesland, das laut Ray und seinen Freunden die Lachnummer des Landes ist, aufgrund der absurd hohen Verschuldung. Mit dieser Information im Hinterkopf, fügt sich alles zu einem Bild. Die viel zu großzügige Infrastruktur, eine unbelebte Region, nicht gerade anziehende. Eine Würth-Fabrik am Straßenrand macht das auch nicht wett. Passend dazu verschlechtert sich meine Laune, in erster Linie bin ich nämlich angestrengt, und dazu auch noch so ohne Not. Ich habe kein Problem damit, einige Kilometer draufzulegen, aber der Sonnuntergang ist eben eine Uhrzeit, die mich definitiv bindet und Zeitdruck schafft.

Kurz bevor ich endlich auf die Route zurückfinde, kaufe ich Mittagessen ein, spare es mir für die Aussicht auf. Es geht wieder flach und geradeaus, diesmal aber in Begleitung einer Zugstrecke.


Für die scheinbar berühmte Aussicht darf ich meine Beine auf andere Weise anstrengen, denn ein Fahrrad kann bekanntlich schlecht Treppensteigen. Oben sind viele Leute, die Fotos schießen, Aber als Einziger komme ich nicht von der Seite des Parkplatzes. Eine Viertelstunde Gucken gönne ich mir, dann werden die Fliegen rund um mein Knoblauchbrot eindeutig zu viel.


Es folgt: Mal wieder Waldstrecke, außerdem ein beleuchteter Tunnel, ähnlich dem von gestern. Nur dass das Budget nach den farbigen Lampen leer gewesen sein muss. Da hilft auch kein Süßwarenverkäufer am Eingang, der auf Geister hoffen muss, um heute auch nur ein Produkt zu verkaufen… An der letzten Molen-Strecke pumpe ich mich mit Kraftnahrung voll und telefoniere kurz mit meiner Mutter. Ein bisschen verstehe ich schon, warum Sidd das ständig macht. Man kann das Erlebte noch viel nahbarer rüberbringen als mit jeder Story und jedem nachträglich geschriebenen Blog.


Als ich dann wirklich ins Landesinnere abbiegen muss, wird es schwierig. 16 Uhr, und Maps verspricht, dass ich noch gute zweieinhalb Stunden unterwegs sein darf. Die Abstecher zu interessanten Orten kann ich mir wohl abschminken, jetzt geht es nur noch um Effizienz. Ein Hostel sollte ich mir vielleicht auch noch buchen, zum Glück gibt es davon in den Großstädten immer billige. Für 700$TD (19€) für zwei Nächte komme ich sogar im Zentrum unter. Vorausgesetzt, ich schaffe es in die Stadt. Prinzipiell ist die Strecke hier nicht schlecht, es geht mehrheitlich über hochgestelzte Straßen über Felder hinweg. Genau genommen könnten auch die Felder abgesenkt worden sein, wer weiß das schon so genau. Das Fahren selbst ist aber ordentlich anstrengend. Entweder habe ich Gegenwind oder die Neigung der Strecke ist steiler als gedacht. Google sorgt regelmäßig für Umwege, etwa wenn mir nahegelegt wird, einfach auf die THSR-Strecke abzubiegen. Ich bekomme sogar einen vorbeischnellenden Schnellzug aufs Bild. Was sich schlecht einfangen lässt, aber wirklich wunderschön ist, sind die ganzen kleinen Vögel, die sich auf den allgegenwärtigen Stromleitungen sammeln und im zunehmend abendlichen Sonnenlicht mal hier, mal dort hinlebt flattern.


Was ich aus dem Tourguide vor allem in Erinnerung habe, ist die Warnung, sich seine Kräfte für den letzten Anstieg anzusparen. Und nicht nur das, ich erinnere mich an Mitte November, als ich Jessie besucht habe. Wir waren mit dem Roller zum Strand gefahren und waren dabei ausgesprochen lange an einem Berghang unterwegs. Entsprechend halte ich jetzt die meisten Berge vor mir für das Taichung-Plateau, irre mich aber immer wieder. Dafür ist noch viel zu viel zu fahren. Enttäuscht bin ich auch, als Maps empfiehlt, einfach folgende Brücke zu benutzen:

Der Umweg ist nicht lang, aber für schnellere Verkehrsteilnehmer ausgelegt. Immerhin ist das Fahrradsymbol explizit ausgewiesen, ich darf also offiziell durch den Autotunnel.

Auch beim Blick auf die Karte habe ich immer mehr das Gefühl, bald da zu sein. Das liegt an der dichten, stadtartigen Besiedelung, aber der „Houli District“, „Fengyuan“ und ein langgezogener „Beitun District“ fügen sich so nahtlos aneinander, dass man alles zusammen auch einfach Taichung nennen könnte. Die Sonne kommt zum zweiten Mal heute hervor und motiviert zum Schlussspurt. Rückblickend hatte ich echt ein bisschen schlechte Laune über den Tag. Das hat sich interessanterweise dadurch gezeigt, dass mir mein Kopf Situationen vorgegaukelt hat, in denen ich wütend auf Leute war und mit ihnen geschimpft habe. Auch ein begeisterter Motorradfahrer bremst neben mir und ruft mir zu: „yī, èr, yī, èr…“ Zweimal geht es dann auch steile Passagen hinauf, allerdings nichts, was sich nicht bewältigen ließe. Tatsächlich, im Höhenprofil auf Komoot entdecke ich später, dass ich bereits auf den scheinbar flachen Felder weit vorher mehr vertikale Meter geklettert bin als gedacht. Vielleicht war der Sonderweg damit auch genial, denn eine lange konstante Steigung wäre sicherlich brutal gewesen.
Und einen Bonus gibt es dann auch noch: oben angekommen, fährt man die letzte knappe Stunde durchgehend bergab. Im perfekten Winkel, nicht zu steil, sodass man möglichst lange etwas davon hat und die grüne Welle der Ampeln gemeinsam mit den Autos mitnehmen kann. Dass es dunkel ist, ist in der Stadt übrigens auch kein Problem. Meine Lichter reichen aus, um erkannt zu werden, und manche Zungen flüstern, dass Großstädte nachts heller belichtet sind als tagsüber. Eine verrückte Beobachtung: Dass in den Bäumen taiwanesischer Städte zahlreiche kleine Vögel zuhause sind, die laut zwitschern, wusste ich bereits. Aber dass das Feierabendverkehr an einer der größten Kreuzungen durch sie übertönt werden kann, ist wirklich beeindruckend.
Ankommen tue ich um zwanzig nach sechs (hier die Route) und mit exakt 120 Kilometern im Gepäck. Dass der Arsch trotz Radhose wund ist, spüre ich sofort beim Absteigen. Das „Backpack 41 Youth Hostel“ erlaubt mir netterweise, mein Gefährt reinzustellen und die Rezeptionistin fragt sogar, ob ich „lower bunk or upper bunk“ haben will. Letzteres. „Rare!“ merkt sie überrascht an. War das ein Fehler? Keine Ahnung, Hauptsache ich kann mich mal kurz hinsetzen. Handtücher gibt es schon wieder nicht, eine Enttäuschung. Im Zimmer ist die Hälfte der acht Betten belegt, aber nur ein älterer Herr anwesend. Er würdigt mich keinen Blickes, starrt auf sein Handy und als er schon um 19 Uhr seine Gardinen zuzieht, lässt er unglaublich laut einen fahren. Alles in Ordnung, Kollege?

Ich bin so dermaßen hungrig, dass ich nach dem Duschen sofort losziehen muss. Im Foodcourt einer Mall werde ich bei Udon-Nudeln fündig, die Mentaiko-Variante schmeckt wunderbar. Während ich mir am ersten Tag der Tour noch sehnlichst Schopskasalat gewünscht habe, war es heute übrigens Marzipan. Also suche ich auch nach einem Nachtisch. Die Dame am Eisladen dreht mir dann ein Angebot an, welches kaum auszuschlagen ist. Zwei Seide zum Preis von einem? Und dazu ganz besondere, in weite glasierte Waffeln gesteckte Riesenkugeln mit Früchten.

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