Radtour Tag 6 (Mittwoch, 14. Januar)

台中 Taichung -> 嘉義 Chiayi

Beim Zähneputzen treffe ich wieder Giuseppe. „Next(e) stop(e)?“ fragt er. „Chiayi. Yours?“ „Tainan. I want(e) to eat(e) there, good(e) food(e).“ Starker italienischer Akzent, wunderbar. Wir sagen uns Lebewohl, dann haue ich auch schon rein. Im 7/11 gegenüber preppe ich Frühstück und Mittagssnacks und bin ab 20 nach 9 auf der Strecke, so früh wie noch nie bisher.

Nach einem guttuenden Pausetag geht es jetzt nach Chiayi und ich will Sky unbedingt noch einmal treffen. Er hat mich gestern fast schon abgewimmelt, weil er sich nicht sicher war, wann er Feierabend hat („The boss decides when to finish work“) und weil seine Tante keine Fremden im Haus haben will. Ich glaube, dass auch ein Stück Faulheit dabei ist und der angestrengte Junge lieber im Bett chillen würde, aber da bin ich mir fein genug, zu intervenieren. Ich habe ihn ja schon ganz gut kennengelernt im letzten halben Jahr und würde nur ungern ein möglicherweise letztes Treffen verpassen. Also machen wir aus, uns auf dem Laufenden zu halten, wann wir wo sind und Sky verspricht sogar, ein Restaurant rauszusuchen, in dem wir ein Nachmittags-Dinner haben können.

Bevor ich richtig Strecke machen kann, muss ich erst einmal aus Taichung rausfinden. Wie schon beim Einfahren durchquert man auch in die andere Richtung unzählige Vororte und natürlich Unmengen an Ampeln, die es heute besonders böse mit mir meinen. Das ständige Abgebremse ist nicht gerade ein Motivationsbooster. Dazu scheint die Sonne so strahlend, dass ich zum ersten Mal meine Sonnenbrille raushole. Okay, ich fahre auch straight nach Süden, aber trotzdem. Prinzipiell sind Sonnenbrillen m.E. auf Touren wie diesen overrated. Wenn man nicht gerade total geblendet wird, will man i.d.R. viel von der Landschaft sehen und das möglichst ungefiltert. Heute kommt neben der Sicht aber auch die Hitze dazu, die Brille liefert zumindest einen Puffer. Und die UV-Strahlung. Hoffentlich bekomme ich keinen Sonnenbrand. Der Verkehr stresst mich irgendwann so sehr, dass ich auf die glorreiche Idee komme, mich nach Attraktionen in der Umgebung umzuschauen. Hatte ich bisher meist sowieso ein, zwei Ziele, an die ich unbedingt wollte, verlasse ich mich gerade vor allem auf Google, das mich logischerweise auf schnellstem Weg nach Süden bringt. Dass die Landstraße aber nicht die perfekte Erlebnisstrecke ist (trotz Fahrradsymbolen der Route Nr. 1), hätte ich mir auch so denken können. Der bereits oft genannte Guide schlägt für die Strecke Taichung-Chiayi zumindest mal drei Sachen vor. Eine große Buddha-Statue ist nicht mehr machbar, aber ein „Highway Flower Garden“ und eine sehr lange Brücke liegen noch vor mir. Dazu müsste ich bloß eine Hügelkette überqueren, die jetzt dummerweise zwischen uns liegt. Ich ringe kurz mit mir, entscheide mich dann aber für die Höhenmeter, denn warum mache ich die Tour denn sonst? Vermutlich die richtige Entscheidung, denn schnell senkt sich mein Stressgefühl, als ich durch die viel ruhigeren Landstraßen im Vorland ziehe.

Weite Flächen und wenig Trubel – so geht inneres Runterkommen

Ich mag den Vibe hier. Auf den zur Straße offenen Höfen stehen alte Mitsubishis und Nissans, in deren Innenraum man bei der Hitze lieber nicht sein möchte. Leute sind kaum zu sehen, ich stelle mir gerne vor, dass sie gerade irgendwo Siesta machen. Auf den Feldern sind unnormal viele Schmetterlinge unterwegs, ab und zu duftet es sogar mal ganz gut und die Geräusche, die man hört, spielen sich vor allem in der Ferne ab. Ein vorbeiziehendes Motorrad, Vögel ein paar Strommasten weiter oder ein Traktor, der irgendwo seine Runden macht. Beeindrucken tut mich ein Friedhof, der neben einer Blechhalle einen eher verwahrlosten Eindruck macht, und der Blick auf die annahende Hügelgruppe, die ich werde überqueren müssen.

Friedhof für Arme?
Dahinten muss ich gleich rüber…

Vor dem Anstieg steht mal wieder ein zufällig gesetzter Tempel mitten auf einer leblosen Kreuzung, dahinter wird der Weg schmal. Wie manche Straßen angeordnet sind, grenzt echt an Wunder, denn es kann gut sein, dass parallele Asphalttrassen nebeneinander verlaufen und sich dann wie gewürfelt kreuzen. Sehr, sehr viel versiegelte Fläche, bei der man sich fragt, ob es einen Plan dahinter gibt.

Dorftempel

Der zu überquerende Hügel ist nicht besonders hoch, aber die Straße macht auch kaum Kurven. Stattdessen kämpfe ich mich frontal nach oben und zittere an jedem Hoftor, ob ich gleich von Hunden angefallen werde. Das bleibt glücklicherweise aus, dafür sehe ich haufenweise abgelagerten Schrott und provisorische Gärten am Hang. Ganz oben kann man auf eine Baustelle im Seitental gucken und teilweise ist es so steil, dass mein Vorderrad abhebt und ich allein deshalb schieben muss, um nicht nach hinten umzufallen.

Große Baugrube im Berg

Das Dorf oben ist wie ausgestorben und auch auf der Landstraße, die auf dem langegezogenen Bergsattel verläuft, ist überhaupt nichts los. Ich kann leider nicht lange oben bleiben, sondern werde geradeaus geleitet, um nicht viel später die Stadt Yuanlin zu erreichen. Ich mache aber kurz Pause, wobei mir zwei Militärhelikopter auffallen, die entgegen meiner Fahrtrichtung fliegen. Außerdem kommt ein Wanderer vorbei, der wie der Prototyp eines NPC wirkt. Rucksack auf, Gehstock in der Hand, freundlicher Gruß, keine Nebenquest, nach einigen Sekunden verschwunden.

Ruhige Hochebene…
…bis auf zwei Helikopter

Danach folgt die unangenehmste Abfahrt überhaupt. Viel zu steil, dazu ist der Untergrund extrem uneben, am Ende schmerzen vor allem meine Finger vom ständigen Bremsen. Yuanlin kann ich auf die Schnelle nichts abgewinnen, auch wenn ich nur auf dem Stadtring fahre und dann abbiege. Obwohl, doch, riesige alleinstehende Gebäude.

Abfahrt nach Yuanlin
Haus der Staatsanwälte aus der Changhua-Region

Bis zum „Tianwei Highway Garden“ ist es nicht mehr weit, auf jeden Fall auf Höhenmeter bezogen. Laut „Tour Nr. 1“-Guide handelt es sich bei der Gegend rund um Tianwei und Yongjing um eine, die für ihre blühenden Felder bekannt ist. Einige befahrene Landstraßen später stoße ich aber nur auf ein Dorf, in dem es so etwas wie einen Tagesmarkt für botanische Produkte gibt. Die werden mit dem Namen der Gegend beworben und es sind einige Leute da, um sich mit Blumen und anderen Pflanzen einzudecken. Sogar Führungen für Reisegruppe sehe ich, verrückt. Insgesamt enttäuscht mich das Resultat aber, denn ich habe weder blühende Felder in der Nähe gespottet (für die es doch sicher warm genug ist), noch bringen meine Fahrradtaschen Platz und Wasser mit, um potenziell gekaufte Blumen zu versorgen. Wer schreibt so etwas als „Scenic Spot“ in den Reiseführer einer Radtour?

OBI-Gartenabteilung als Straßenmarkt

Immerhin gibt es einen 50嵐 in der Nähe, wo ich mir einen „Yakult Green Tea“ gegen des Dehydrieren gönne. Die Bedienung guckt mich zwar an, als wäre ich ein Alien, ist aber freundlich. Vor einer Grundschule laufen kleine Racker im Gänsemarsch mit drei Betreuerinnen ins Hauptgebäude, mitten auf dem Land.

Nun ja, bleibt noch die 西螺大橋 „Xī luó dàqiáo“ Xiluo Bridge, die bei Fertigstellung 1952 mit 1939 Metern hinter der Golden Gate Bridge die zweitlängste Brücke der Welt gewesen sein soll. Für sie fahre ich deutlich weiter nach Süden, obwohl ich Sky in Zhuqi treffen will, wo er bei seiner Tante einquartiert ist. Auf den endlosen Landstraßen geradeaus zu fahren, ist sogar ganz angenehm, weil ich mir um Abbiegen und Verkehr nicht zu viele Gedanken machen muss. Ich habe es ja immer noch nicht geschafft, mir eine Handyhalterung anzuschaffen, was einerseits dazu führt, dass ich das Gerät in verdichteten Gebieten häufig aus der Hosentasche ziehen muss, um mir die nächsten drei Kreuzungen einzuprägen. Andererseits habe ich so auch die Freiheit, in der restlichen Zeit keinen Bildschirm auf dem Lenker zu haben und kann so die pure Natur genießen. Vielleicht lasse ich die Hilfskonstruktion sogar komplett weg, immerhin wird es auf der Ostseite der Insel weniger Möglichkeiten zum Verirren geben. Halterung hin oder her, als ich die Brücke erreiche, muss ich schweren Herzens feststellen, dass sie gesperrt ist. 200 Meter vorher sperren Hütchen die Fahrbahn ab, ein LKW-Fahrer weist mich an, umzukehren. Immerhin lässt sich das technische Wunder von damals aus der Ferne beobachten, denn den großen Fluss unter ihr muss ich trotzdem überqueren.

Felder mal von oben
Xiluo Bridge aus der Ferne

Wahnsinnig innovativ ist das Bauwerk natürlich nicht, das sehe ich auch aus der Ferne. Die schiere Länge und Wiederholung der Module fasziniert aber trotzdem. Der Fluss darunter ist auch nicht weniger interessant, vor allem, weil ich keinen Namen zu ihm finde. Er führt aktuell kaum Wasser, was sich in der Regenzeit aber stark verändern dürfte. Gerade bei der schieren Breite, vermutlich der breiteste Fluss, den ich in Taiwan bisher gesehen habe. Im Satellitenbild sieht man eine fast ausschließlich gerade Rinne, die aus den Bergausläufer schnurstracks Richtung Meer führt. Ziemlich untypisch für Flüsse, wenn man mich fragt. Zwischen den Randrinndalen befindet sich eine enorme Fläche, auf der Planen, Steine zur Befestigung und so etwas wie Saatgut ausgelegt sind. Mich interessiert brennend, wie das Flussbett wohl im Sommer aussehen mag. Ist dann alles geflutet, wie hoch steigt das Wasser?

Bewirtschaftetes Flussbett

Ab hier fahre ich nach Südosten, wobei es immerhin wieder durch Felder und stark beruhigte Verkehrsgebiete geht. Tatsächlich erlebe ich mehr Aufregendes als auf jeder Landstraße. Bei genauerem Blick sieht man oft mehr, denn jeder Ort ist verschieden, trotz ähnlichen Strukturen. Zufällig aufgespannte Hängematten, winzige Klärwerke, Freiluft- und überdachte Plantagen, längliche Zelte für besonders empfindliche Setzlinge, selten sogar Maisfelder. Einmal mehr stechen du tiefgelegenen Felder hervor, zwischen denen ein durchweg ausgeklügeltes System zur Bewässerung installiert ist. Was passiert eigentlich hier zur Regenzeit? Können die Pflanzen eine Überflutung überleben? Denn genau darauf müsste es doch hinauslaufen… Hähne, vereinzelte Kühe und andere Tiere vom Bauernhof geben ihren Senf dazu, blöken und schreien vor sich hin.

Irgendwo im Nirgendwo
Eine Allee! Fast wie im Brandenburger Sommer

In den letzten Tagen wurde ich öfter ausgehupt, als ich auf Landstraßen gefahren bin, woraufhin ich meistens mit erhobener Hand als Geste des Widersprechens reagiert habe. Nun hupt der Fahrer eines kleinen LKWs neben mir und zeigt daraufhin einen erhobenen Daumen. Nicht, dass ich mich die ganze Zeit über Motivationsgesten aufgeregt habe… Außerdem frage ich mich, wie viele Leute wohl in der Landwirtschaft Taiwans arbeiten. Klar sehe ich nie viele Leute auf einmal, aber in regelmäßigen Abständen sieht man immer wieder Bauerngruppen auf Feldern, Motorrädern oder beim Installieren von technischen Anlagen. Auf die ganze Fläche der taiwanesischen Ackerindustrie verteilt macht das schon ziemlich viele aus. Durch die Fahrradtour bekomme ich gefühlt mehr Einblicke in die Wirtschaft des Landes als über jede Website. Allein ein Gefühl für die Massen an Arbeitskräften (die in der Zahl in Deutschland bestimmt niemals verfügbar wären), die hohe Felderdichte (auch in Städten) oder den militärischen Schutz von systemrelevanten Fabriken zu bekommen, finde ich super interessant. Übrigens bin ich sehr gespannt auf die Ostseite Taiwans. Gibt es dort endlich mal Abschnitte, in denen Land nicht eine geringere Zahl von Häusern und dafür ein erhöhtes Feldaufkommen bedeutet? Hier im Westen würde ich das nämlich kaum noch Land nennen. Dafür gibt es zu viele Scheunen, Wohnhäuser und Werkstätten. Trotz all der spannenden Einblicke irgendwie schade, dass die Natur so zurückgedrängt wird.

Wir wir schon von schlechten Dingen reden. Auf einem entlegenen Pfad komme ich an einem größeren Gelände vorbei, wo ich zumindest kurz mit ansehen muss, wie ein Arbeiter drei Hühner in jeweils eine Hand nimmt und sie in super enge Käfige eines Transporters fast schon reinwirft. Ob ihre Körper dabei analog zur Schwerkraft angeordnet sind, scheint keine Rolle zu spielen. Den Geruch der Hühner empfinde ich als ziemlich unangenehm. Für so etwas tragen die Taiwanesen dann wiederum keine Maske? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Grimmig werde ich angeguckt, weshalb ich mich nicht zu einem Foto oder sogar Video aufraffen kann. Was kann man in so einer Situation auch sonst tun? Vielleicht froh sein, dass man ein Mensch ist und dazu auf die Tiefkühl-Hühnchenprodukte in den convenience stores verzichtet.

Nur wenig später führt mich ein Feldweg an einem Entengatter vorbei, auf dem ein einzelnes Silo steht. Je näher ich komme, desto näher watschelt mir auch die Armee der Alleskönner entgegen. Immerhin können Enten laufen, schwimmen und fliegen. Wer kann das sonst schon? Sonderlich gesund sehen die bemitleidenswerten Tiere auch nicht aus, der Gestank ersetzt jegliche Erklärung. Hoffentlich kursiert hier keine Krankheit in den Aerosolen! Von der nächsten Autobrücke erkenne ich das gesamte Ausmaß, viele Grundstücke der Gegend sind so aufgebaut, als hätte man sie in Minecraft gebaut und die Tiere endlos gepaart…

Ein seltener Feldweg. Die meisten Strecken sind geteert.
Ich hab doch gar nix!
Entenarmee
Schwangehege?

In Richtung Zhuqi geht es schließlich erneut viel bergauf, aber die niedrigstehende Sonne schafft eine so tolle Atmosphäre, dass ich gerne unterwegs bin. Auf dem Anstieg der Landstraße hinter einem Dorf kommen auf einmal zwei Hunde mit Halsband aus dem Gebüsch gerannt und bellen nicht nur, sie verfolgen mich regelrecht. Erschreckt schreie ich einmal laut, aber das reicht nicht. Der Anblick der Köterzähne setzt ungeahnte Energiereserven frei. Ungefähr „Woaaah!“ brülle ich mehrfach zurück und lasse meine Oberschenkel brennen, bis die zwei Kreaturen der Hölle nachlassen. Mein Herz rast, weil ich mich so dermaßen erschreckt und dazu kaputtgestrampelt habe. Ich war noch nicht einmal in der Nähe eines Grundstückeingangs, sondern auf einer schnell befahrenen Landstraße. Ich glaube, Ihsan hatte Recht. Unfassbar, wie viele schlechte Erfahrungen ich jetzt schon mit den Biestern machen musste. Hunde sind glasklar die schlechtesten und vor allem dümmsten aller domestizierten Tiere.

Eine Viertelstunde vor 竹崎 „Zhúqí“, für das ich mich ziemlich gehetzt habe, schreibe ich Sky, der aber verwirrt antwortet. „Waaait. Do we meet today or tomorrow?“ Das war ja mal wieder klar… Er hat dann trotzdem Zeit, kennt in Zhuqi aber keinen guten Ort zum Essen, weshalb er dann Chiayi vorschlägt. Prinzipiell kein Problem, dann kann wenigstens noch im Hellen ankommen, aber den großen Umweg hätte ich mir auch sparen können. Auf jeden Fall steht damit die vollständige Erklärung für meine stark S-förmige Route im späteren Komoot-Link. Ich buche mein Hostel für die Nacht, brauche mein letztes Wasser auf und gebe nochmal alles, um den finalen Abschnitt abzuschließen. Lustigerweise trifft die Straße dabei auf den Alishan-Express-Zug, der diese mehrfach kreuzt. Die einspurige Schienen haben ein beeindruckend enges Format und der Zug, der sichtbar ausschließlich Senioren transportiert, kann nicht schneller als 40 km/h unterwegs sein. Jedenfalls schaffe ich es fast, Schritt zu halten und die meisten Autos überholen die Klapperkiste auch noch.

Die letzten Meter geht es nochmal bergab
Umspannungswerk am Straßenrand

Chiayi ist zum Glück nicht so groß wie Taichung, so gelange ich schnell an den Stadtpark, wo ich mich mit Sky treffen will. Weil sein Bus Verspätung hat, ruhe ich mich erst einmal im nächsten 7/11 aus und stelle ziemlich starken Sonnenbrand in meinem Gesucht fest. Ja, daran bin ich sowas von selber schuld. Pure Dummheit, mehr kann ich dazu nicht sagen. Wenigstens habe ich durchgehend meinen Longsleeve getragen, so bleibt immerhin der restliche Körper verschont.

Als Sky endlich da ist, begrüßen wir uns mit Handschlag und machen uns auf die Suche nach einem Restaurant. Er war zwar schon öfter in der Region, allerdings noch nie im Stadtzentrum und so wird es mir übertragen, nach etwas Geeignetem zu suchen. „It’s up to youu“ wird mir freundlicherweise nahegelegt. Wir fahren ein bisschen umher und finden nach Ausschluss von fehlenden Sitzmöglichkeiten ein merkwürdiges Burgerrestaurant, das ausschließlich auf „pineapple buns“ serviert. Ein süßes Cover und dazwischen Berge an Käse schmeckt mir vielleicht nicht zu 100%, macht aber satt. Sky hilft beim Bestellen auf Chinesisch und erzählt dann von letzter Woche. Er hat seine Studentenkarte verloren und eine neue beantragt, die 200$TD (5,50€) schmerzen ihn. Die Studis dürfen zum Glück einige Gegenstände im Dorm lassen, weil sie nächstes Semester ja wiederkehren. Das bedeutet wohl auch, dass Sky mit Dylan und Darren in A202 bleiben wird. Dylan sei nach Taichung zu seinem Bruder gegangen. Ob er da arbeitet oder was er sonst macht, weiß Sky aber nicht. Irgendwie krass, denn ich hatte oft das Gefühl, dass Dylan Skys engster Kontakt war. Aber so funktioniert das wohl in den Ferien. Sky arbeitet übrigens doch nicht in einer Fabrik. Der Plan habe sich geändert, nachdem die meisten Fabriken in Richtung Chinese New Year schließen. Stattdessen fährt der Junge jetzt täglich mit seiner Tante von Privathaus zu Privathaus und reinigt Haushalte von morgens bis abends, auch am Wochenende. Zum Neujahrsfest will er sich aber möglichst einen Kellnerjob besorgen, denn „they will give double money.“ Er grinst. „I know it will be tired but can be worth it.“ Die Branche ist auch für Kaohsiung im nächsten Semester eingeplant, denn sein Geld reiche dafür zwar noch, nicht aber für das dritte Semester. Im Gegenzug erzähle ich ein wenig von der Radtour und welche Orte ich schon gesehen habe. Nahe Kaohsiung und Kenting hat Sky einige Empfehlungen parat und zeigt mir verwackelte Videos seiner Galerie. An einem Pier waren die Wellen soo hoch, „I risk my life just for the view, hahaha.“ Ich halte das für leicht übertrieben, aber man weiß ja nie. Außerdem merkt Sky an, dass ich sehr ausgepowert sein muss, denn „I can see your legs become more thin.“ Die Tante, die ja keine Fremden in ihrem Haus haben will, ruft unterdessen an und fragt den verlorenen Neffen, wo er denn sei und ob sie ihm etwas zum Abendbrot machen solle.

Abendessen mit Sky

Wir sind beide noch hungrig und gehen folgerichtig auf den nahegelegenen „Wenhua Road Night Market“, nicht ohne vorher mein Fahrrad am Hostel abzustellen, das günstigerweise nebenan liegt. Damit beende ich meine bisher längste Tagestour von 124 Kilometern (hier der Komoot-Link). Entsprechend müde bin ich, aber das hat Sky ja schon längst festgestellt. „It’s the last time we see each other“, stellt mein Begleiter fest. „Oh no, why do I make it so sad.“ Weil es sich anbietet, kaufe ich mir dann doch eine Handyhalterung, schließlich bin ich in bester Beratung. „It’s up to youu.“ Das billige, aber viel zu tiefe Stativ sollte ich aber weglassen. „It was a bad quality, you can’t blame me, haha“, sagt Sky. Beim Essen lässt er den Fried Squid aus Zeitgründen weg und holt sich statt einem Eis ein paar halbsüße Milcheier. Die sponsere ich ihm als „goodbye present“, was er mit Bedauern annimmt. „Thanks, but it is so sad now.“ Ein Abschiedsfoto darf nicht fehlen, also frage ich zwei Mädchen dafür. Sky übersetzt, dass sie uns auf Chinesisch als cute bezeichnen und lacht sich schlapp, weil er eines seiner Milcheier präsentiert: „Now I have three eggs, hahaha“. Dann muss er los, der letzte Bus nach Zhuqi wartet. Wir umarmen uns und wünschen uns alles Gute. „It was a pleasure to meet you.“ „So was I.“

„Now I have three eggs“

Alleine esse ich mein Eis auf und kümmere mich um das lustige Hostel-Prozedere. Denn schon wieder gibt es kein Personal, alle Anweisungen kommen von einem Chatbot auf WhatsApp. Den Code für Hauseingang und Schlafsaal habe ich bereits vor der Bezahlung bekommen. Diese tätige ich, in dem ich einen Briefumschlag mit den 450$TD (12,20€) fülle und in einen Kasten in der Lobby werfe. Kein Beweis, kein gar nichts, alles basiert auf Vertrauen.

In meinem Schlafsaal treffe ich vorerst nur eine andere Person. Ich sage „Hi“, und wir kommen ins Gespräch, so einfach kann’s gehen. Er ist Taiwanese und wundert sich stark, dass ich das nicht sofort erkannt habe. Andererseits hält er mich für einen US-Amerikaner, was ich zumindest als Sprachkompliment deuten kann. „You don’t have a German accent.“ Er komme aus Kaohsiung und reise einmal im Jahr nach Chiayi, um in einem Tempel… er faltet die Hände. Ob er religiös sei? Nein, nein. Aber er sei wegen seiner Familie hier, er folge ihrer Tradition. Seinen Vorfahren, nehme ich an. Der 31-jährige, wie ich erfahre, hängt sich vor allem an meinem Tshirt auf. Das Sportshirt aus der Uni ist auf Reisen wirklich ein Bringer, gerade die Locals interessieren sich brennend dafür. Es war Gold wert, das mitzunehmen. Der Typ reicht mir die Hand und stellt sich als Jin vor. Im Chinesischen bedeute das etwa so viel wie zu einem Boss aufschauen oder Respekt vor diesem haben, wenn ich richtig verstehe. Seine Eltern haben ihm diesen Namen gegeben, weil sie ihm einen guten Karriereweg ermöglichen wollten, logisch. Mir wiederum kann er endlich mal erklären, warum mein eigener chinesischer Name immer für so schön empfunden wird. Das sagen die Taiwanesen nämlich ständig, ich konnte aber nie genau feststellen, ob sie das genauso meinen oder einfach höflich sind, weil ich etwas auf Mandarin gesagt habe. Jedenfalls soll mein Familienname 雷 „Léi“ ein besonders seltener Name sein. Jin hat sogar einen Freund mit diesem Namen und verbindet mit ihm nur Gutes, das ist seine Connection dazu. Anna dürfte das also auch freuen. Ich erfahre noch, dass das gute taiwanesische Essen natürlich aus dem Süden kommt, angefangen bei Chiayi. Jin will heute Abend noch ins Gym gehen und bietet mir an, sich an seinen Zigaretten zu bedienen, wenn ich denn möchte. Und wenn ich bei irgendwas Hilfe brauche, kann ich später einfach an seinen Vorhang ‚klopfen’ und ihn fragen. Sehr freundlich auf jeden Fall. Bevor er geht, gibt er mir noch eine kurze Lehrstunde in asiatischem Rassismus: Die Taiwanesen würden Westliche, vor allem Weiße, gut behandeln, weil sie sie auf einem höheren Niveau wahrnehmen würden. Zu anderen Asiaten wie Vietnamesen oder Indonesiern seien sie hingegen nicht ganz so freundlich. Stimmt, wenn ich so darüber nachdenke, hat Sky schon öfters von unfreundlichen Locals erzählt. Und auch Heizo meinte mal zu mir, dass die Taiwanesen sehr diskriminierend sein können. Irgendwie unvorstellbar. Der Vollständigkeit halber: Jins „perception“ der Deutschen lautet ungefähr so: „They don’t want to talk at all. And they work really hard.“

Bevor es zu spät wird, telefoniere ich dann noch mit Oskar aus Deutschland, der im Februar dazustoßen wird. Ein erstes Hostel in Taipei buchen wir, ansonsten tauschen wir Absichtserklärungen zu Aktivitäten aus. Außerdem finde ich in einem Cosmed kurz vor Ladenschluss Reisegrößen für Rasierschaum und Sonnencreme, na endlich.

Hinterlasse einen Kommentar