嘉義 Chiayi -> 臺南 Tainan
Die Nacht im Chiayi‘er Hostel ist wirklich in Ordnung, auch wenn ein junger Europäer ziemlich schnarcht und dazu nicht fähig scheint, eine Klobrille sauber zu hinterlassen. Jin, den ich gestern Abend als meinen Bettnachbarn kennengelernt habe, wünscht mir eine tolle Reise, er macht sich auf zum Tempel, um für seine Familie zu beten. Nach über einer Woche befreie ich mich vom 8-Tage-Bart und verbringe eine Weile mit der Neugestaltung meines Lenk-Cockpits. Die Handyhalterung nimmt ordentlich Platz ein und nötigt Licht und Windrad, sich einen Platz zu teilen.

Natürlich vergesse ich mal wieder, von Anfang an den Tracker zu starten, das erklärt nebenbei bemerkt die Luftlinien in der Komoot-Strecke. Ziemlich schnell kommt man aus Chiayi raus, verglichen mit Taichung ist das wirklich ein Dorf mit Acker. So hässlich wie am Bahnhof ist der Rest der Stadt nicht, er gleicht eher den ganzen anderen taiwanesischen Metropolen. Immerhin sind auch wieder ornamentierte Hochhäuser dabei, sogar ein besonders cooles.

Relativ schnell gebe ich meinem Hunger nach und frühstücke für meine Verhältnisse ausgiebig im nächsten FamilyMart. Warum nicht einfach mal warmes Essen? Es hält mich ja niemand davon ab. Also gibt es „Sichuan Style Mapu Tofu“, eines der wenigen (guten) vegetarischen Tiefkühlgerichte in den convenience stores, ein Onigiri mit „Pollack Roe“ und „Yogurt Green Tea“.

Richtig Strecke mache ich erst danach. Wie schon die beiden Tourtage davor geht es ausschließlich durch Felder hindurch, wobei südwestlich von Chiayi Mais dominiert. Im Gegensatz zu Salat, Reis und anderem Kleinkrams ragt die Pflanze mit den gelben Früchten sogar aus den tiefgelegenen Gräben so hoch, dass man nur knapp darüber hinweg schauen kann. Nach der vermutlich gesamten taiwanesischen Maisproduktionsstätte fahre ich lange Zeit an einer Art Damm entlang, ohne dass wirklich erkennbar ist, was er abtrennen soll. Auf jeden Fall gibt er etwas Windschatten, was den Fahrspaß ordentlich erhöht, der ausbleibende Verkehr erfreut mich genauso. Ziel ist erstmal die Westküste, an der ich einige Orte abarbeiten möchte, bevor es abends nach Tainan gehen soll. So weit der Plan, so gut.

Nach der Maispassage und generell, je näher man an die Küste fährt, desto mehr spezialisiert sich die Landwirtschaft auf Felder mit flachen Wasserschichten oder ganz auf Teiche, in denen bestimmt gefischt wird. Ikonisch sind die ganzen Maschinen, die das Wasser aufwühlen, Wasser versprühen und wie winzige Wassermühlen aussehen. Tempel sehe ich ja sowieso ohne Ende, aber folgender sieht in der Feuchtelandschaft dann doch ziemlich cool aus.

Obwohl ich diesmal vorbildlich Sonnencreme aufgetragen habe, hat sich eine Wolkendecke gebildet, die allerdings wörtlich aufbricht. Es sieht wirklich aus, als gäbe es am Himmel eine Kruste, die nach und nach Risse bekommt und die Sonnenstrahlen hindurchlässt. Schön. Einige Male komme ich an Höfen mit Hunden vorbei, die mich zwar blöd ankläffen, ansonsten aber zu faul für einen Angriff bleiben. Nur kurz vor der Küste werde ich einmal aus dem Nichts von der Seite verfolgt, kann mich aber durch einen lauten Schrei retten, der Köter weicht zurück. Auch ein anderes Exemplar dieser Tierart sucht Stress und läuft kurz mit, hält es aber nicht lange aus. Ich habe mal in einem Video eines Radbloggers gesehen, wie er in Iran aggressive Straßenhunde durch Schreie verschreckt hat, also halte ich mich für den Fall einer Attacke daran.

Mein erstes Ziel liegt vor 布袋 „Bùdài“, einer kleinen Fischerstadt. Die Vorinsel des Dorfes ist Heimat einer absurden Attraktion: eine Kirche in Form eines Stöckelschuhs, exakt so betitelt auf Google Maps. Ein Campus mit Büros und einem großen Park umgibt das Abuwerk, das im Grund nur aus einer Stahlkonstruktion mit jeder Menge punktverglasten blauen Scheiben besteht. Drumherum befindet sich ein obligatorischer Wassergraben und betreten solle man das Bauwerk bitte nicht, nur Fotos machen ist erlaubt. Zum Glück ist die Wolkendecke mittlerweile so sehr aufgebrochen, dass nichts davon übrig geblieben ist und die wenigen anderen Besucher erlauben es, gute Fotos zu machen. Es gibt sogar eine Reisegruppe mit Führerin in neongelbem Leibchen, das halte ich für etwas übertrieben. Aus Mangel an Optionen frage ich ein mittelaltes Ehepaar nach einem Foto, und von Sekunde eins weiß ich, dass das nichts wird. Ich sage sogar noch, dass die ‚Kirche‘ (ob das wirklich stimmt, wage ich zu bezweifeln) komplett im Bild sein sollte, aber die Frau bewegt sich nur langsam nach hinten, geht leicht in die Knie und hält das Handy so offensichtlich schräg, dass sie wirklich Probleme mit Augen und/oder Gleichgewichtssinn haben muss. Um die Angelegenheit schnell abzuhaken, bedanke ich mich sofort und lüge den Mann an, der netterweise fragt, ob ich zufrieden bin. In einem Land, in dem die Leute nicht nein (不 „bù“) sagen, weil es zu unhöflich ist, kann ich das keinem antun. Ich kann das Bild aber im Nachhinein noch etwas rauszoomen und im Format ändern, sodass es nicht nur halbwegs brauchbar wird, sondern fast aussieht, als hätte sich jemand absichtlich für einen 10-Grad-Winkel entschieden…



Ich bleibe kurz sitzen und genieße die kurze Sonne, dann soll es weitergehen. Allerdings hält mich eine Frau auf, die unbedingt möchte, dass ich mir den Shop des Areals ansehe. Gerne, wieso nicht. So führt mich herum, folgt mir auf Schritt und Tritt und erklärt jedes einzelne Produkt ausführlich. Hauptsächlich geht es um Seifen, Düfte und Gefäße, die alle die Form eines Stöckelschuhs haben. Ich darf mir von ihr die Hände einseifen lassen und schaue zu, wie sie die „magic soap“ einsetzt. Warum das magisch sei, soll mir das Ergebnis zeigen. Die Haut meiner rechten Hand ist jetzt weißer als davor, das findet die Angestellte ganz toll. „It makes white skin, is magic!“ Also in erster Linie sehe ich weggewaschenen Dreck und eine durchblutete Hand auf der anderen Seite, aber bitte. Mit dem engen Platz in meinen Fahrradtaschen habe ich ein gutes Argument, die Seife nicht zu kaufen, denn ich hasse es, mich so betätscheln zu lassen, dass ich am Ende etwas kaufen muss.

Ich komme aus dem Hafenkiez wieder raus und fahre fortan wieder Küstenstrecke. Vorbei geht’s an quadratischen Wasserflächen, die mal kleiner, mal riesig angelegt sind. Wo in der Ferne des Meer beginnt, vermag ich ob der unzähligen Dämme, Ufergewächse und technischen Anlagen auf der Wasseroberfläche gar nicht zu sagen. Ich bin auf jeden Fall wieder ziemlich einsam und bis ich aufgrund von zugewachsener Strecke ins Land umbiegen muss, genieße ich die endlose Gerade am Wasser. Perfekt gerade Strecken ohne einen erkennbaren Endpunkt zähle ich übrigens zu meinen favorisierten Typen. Genau das Konzept habe ich schon vor Taichung genossen und auch sonst finde ich es sehr beruhigend, sich keine Gedanken ums Abbiegen machen zu müssen und im Standby der Nase nachzujagen.

Allerdings wartet jetzt der schlimmste Part auf mich. Und ich meine wirklich schlimm. Sowieso muss ich mich durch die Felderlandschaft durchkämpfen, tausend mal abbiegen, umdrehen, wenn der auf einmal nur noch aus meterhohem Gras und einem vor zehn Jahren abgestellten Traktor besteht. Hier gesellen sich aber auf Übelste aggressiv bewachte Grundstücke dazu. Bewacht? Natürlich von den Hunden der Besitzer, die (warum auch?) so gut wie nie an der Leine sind und jeden als vogelfrei betrachten, der ihnen unter die Augen kommt. So zumindest mein Eindruck, der auf nächster Erfahrung beruht. In den nächsten 90 Minuten vergehen keine zehn Minuten, in denen ich nicht ein oder mehrere Male erschreckend laut angebellt werde, wenn es harmlos ist, und ansonsten vor tatsächlichen Angriffen aufpassen muss. Fast am schlimmsten ist, dass ich die Situationen oft vorhersehen kann. Der Weg führt an einem Grundstück vorbei, auf dem wahlweise zwischen einem und vier Hunde ihr Leben chillen, sich jedoch zum Märtyrer besinnen, sobald ein super gefährliches Fahrrad auftaucht. Entsprechend spare ich meine Energie und gebe genau dann Extra-Gas, wenn ich es brauche, nämlich an der Hofeinfahrt. Die bedrohlichen Viecher stehen nämlich spätestens dann auf und werden immer schneller beim Versuch, mir von der Seite Angst und Schrecken einzujagen. Inklusive ohrenbetäubendes Gebelle. Wenn sie zu nahe kommen, muss ich mit Gegengebrüll antworten, denn ich habe ehrlich Angst vor einem saftigen Biss ins Bein und wüsste beim besten Willen nicht, was für Konsequenzen das nach sich ziehen würde. Am meisten Schiss habe ich vor dem schwarzen Biest mit Halsband, das nicht einmal bellt, sondern taktisch klug früh genug aufsteht und berechnend angaloppiert kommt, mit reichlich Sabber im Maul. Die Zähne sind zwar klein, aber erstens sehe ich sie (!) ein kräftiger Kiefer lässt das auch ziemlich egal werden. Ich lasse akustisch also nochmal alles raus und trete die Pedalen durch. Bei einem anderen Bauernhof merke ich erst hundert Meter später, dass ein übermotivierter Knechthund mir hinterherrennt und so viel gibt, dass er sich fast selbst überschlägt. Er hält locker mit meinen 35 km/h mit, die ich auf dem Untergrund einfach nicht mehr steigern kann, also schreie ich mal komplett nach hinten.
Die Landschaft ist zwar nicht extrem besonders, aber trotzdem schön. Schade, dass ich sie nicht festhalten kann, denn mein Adrenalinpegel ist scheinbar zu Recht an der Obergrenze. hinter einer Kurve mit Sträuchern vernehme ich Gebell und merke dass ich wieder verfolgt werde, allerdings wartet frontal eine viel größere Bestie. Dazu ist der Weg so hoppelig, dass meine Handyhalterung aus der Befestigungskugel springt und im Staub landet. Zum Glück weicht der Verfolger nach meinem Gebrüll etwas zurück und ich kann das jetzt noch stärker zerkratzte Handy immerhin aufsammeln. Hätte ich vor einer Woche auch nicht gedacht, dass ich jetzt brüllend von Hunden umzingelt bin. Aber obwohl ich sofort die Gegenrichtung einschlage, werde ich hunderte Meter weit verfolgt und strample mich ab bis zum Gehtnichtmehr. Und dabei bin ich vielleicht sogar der schlimmeren Variante entkommen. Gegenüber dem Nebenteich sind unschwer zehn oder mehr schwarze Hunde als Rudel zu erkennen, die so laut bellen, weil ein Auto ihr Territorium betreten hat. Dass es sich hierbei immer noch um öffentliche Infrastruktur handelt und die Grundstücksgrenzen durch Tore und Pforten glasklar markiert sind, interessiert das Vierbeinervolk natürlich nicht. Ich mag mir gar nicht vorstellen, auf der Seite des Autos zu sein und haue schnell ab. Den Umweg nehme ich liebend gerne. Ein Königreich für eine Landstraße!
Nicht viel weiter steht ein Vater mit seinem Sohn und angelt. Da frage ich mich wirklich, ob sie genauso in Gefahr wären wie ich, wenn sie meiner Strecke gefolgt wären. Auf jeden Fall werde ich sogar auf der Landstraße immer mal wieder von der Seite attackiert, wenn auch nur kurz. Rieche ich irgendwie besonders oder ist es das Fahrrad? Das ist doch nicht mehr normal… Zumindest weiß ich jetzt, wie Postboten in Cartoons sich fühlen müssen. Einen Versuch will ich den Feldern dennoch geben, einfach weil es mir eine Menge Zeit ersparen würde. Zumeist geradeaus, viele Möglichkeiten zum Beschleunigen, das muss doch gehen. Die bösen Hunde hier bleiben weitgehend bei ihren Herrchenhäusern, dafür verfahre ich mich auf einen Friedhof. Schon witzig, dass der Übergang von Grabstätte, Fischteich und Plantage so nahtlos verläuft.

Auf den geteerten Straße habe ich weitgehend meine Ruhe. Und das auch, weil generell überhaupt nichts los ist. Alle paar Minuten werde ich von etwas überholt, das höchste der Gefühle ist eine längere Baustelle, auf der gearbeitet wird. Ansonsten sind auch zweispurige Landstraßen plus Seitenstreifen vereinsamt, ich der einzig Passierende. Erst nahe der Küste bekomme ich wieder mehrbeinigen Besuch, von den Tempelwächtern höchsten Grades. Offensichtlich wollte ich diesen leerstehenden Schrein gerade stürmen, deshalb ist Notwehr das oberste Gebot. Ich erdreiste es mir, akustische Gegenwehr zu leisten und drehe aus Respekt vor dem Mut der Garde schnell wieder ab. Kleine Missgeburten. Jetzt ist jedes Motorrad, jedes Auto, jede breite Straße und generell jedes zweibeinige Lebewesen mein Freund. Alles ist besser als diese Kreaturen der Hölle. Was oder wen müssen die eigentlich beschützen? Im Land ohne Diebe und Kriminalität… Will ich nur mal in den Raum werfen. Straßenhunde muss ich von meinen Vorwürfen übrigens so gut wie gänzlich ausnehmen. Die überleben ja nur deshalb, weil die Menschen sie in Ruhe lassen und verziehen sich meistens, sobald man in ihre Nähe kommt. Nur am Anfang einer Begegnung sind sie schwer zu unterscheiden, denn die meisten Hunde liegen auf der Schnauze, bis etwas passiert. Nur dass die obdachlosen Tiere nichts zu tun haben, sie gammeln vor allem rum und streichen wahrscheinlich auch noch Bürgergeld ein. Ne, Spaß.
Zum Glück sind es Hunde der friedlicheren und ängstlicheren Sorte, die mir in einer gänzlich verlassen scheinenden Hafengegend begegnen, sie rutschen vor Angst auf der Straße aus und suchen das Weite. Andersherum hätte ich auf dem engen Raum wohl keine Chance gehabt, hätten sie sich anders entschieden. Auf jeden Fall könnte ich den Hi-Life auf die Wand küssen, der mich in der Zivilisation willkommen heißt. Hier gönne ich mir eine ausgiebige Pause, buche ein Hostel und versuche, von diesem Fiebertraum herunterzukommen. Ein bisschen sehr spät komme ich wieder los, denn ich bin zwar schon weit südlich, will aber noch einiges sehen. Der „Tree of Life“ ist laut Sky total berühmt und wichtig, deshalb gebe ich mir die auf dem Wasser stehende Skulptur. Auf dem aufgeschütteten Weg sitzen Angler, die telefonieren, und endlich kommen mir andere Touristen unter die Augen. Dass ich das mal sagen würde… Ich höre zwei taiwanesische Jungs die Fische beleidigen oder glaube das zumindest, denn auf „Did you say to the fish, ‚fuck your mother‘?“ reagieren sie nicht besonders lustig, leugnen es vielleicht auch. Ist auch ne dumme Frage, aber ich war mir so sicher.


Eine andere Bikerin grüßt mich, aber ich habe keine Zeit für mehr als das. Ganz nah befindet sich ein Salzberg, der mitten in die Landschaft ragt und um den herum ein riesiger Erlebnispark aufgebaut wurde. Nur bin ich neben einigen Mitarbeitern und einem Pärchen der Allereinzige dort. Für die beiden mache ich ein Foto, dann eines für mich selbst, dann bin ich auch schon wieder weg.


Um den westlichsten Punkt Taiwans zu erreichen, … na? Muss ich natürlich durch die berüchtigten Felder. Und wie man unschwer vermuten kann, dauert es nicht lange, bis mich mal wieder drei Hunde als Zielscheibe wahrnehmen. Nur dass diesmal die Herrchen wenige Meter weit entfernt stehen. Dass ich einen Kraftschrei aus ganzem Leibe stemme, scheint sie aber eher zu verwundern. Weitere Reaktionen vernehme ich nicht, schließlich befinde ich mich auf der Flucht. Kurz überlege ich, was passieren würde, wenn ich einfach stehen bliebe. Eine geringe Chance auf Knuddeln gibt es natürlich schon, gerade wegen der Reaktion der Leute, aber jeder Bauernhof ist verschieden und niemals bedeutet das Zeigen der Zähne in Kombination mit Bellen, dass sie mir freundlich gesinnt sind. Ich bin kein Hundeexperte, ganz und gar nicht, aber mein grundsätzlicher Überlebensinstinkt funktioniert trotzdem recht gut. Wehe, mir erzählt noch einmal ein Hundebesitzer, dass man ihnen nur mit Liebe begegnen muss. Die Straßenhunde beweisen ja, dass es bei den anderen an schlechter Erziehung liegt. Man stellt doch auch keinen Bodyguard ein, der wahllos Passanten angreift…
Man kann die berühmte westliche Spitze von zwei Seiten erreichen und ich habe den Weg so gelegt, dass ich nach langer Küstenfahrt von Norden ankomme. Hier gibt es einen leeren Fischerhof, einige Autos stehen da, ansonsten ist es stiller als still. Am Straßenende befindet sich, nun ja, das Ende, denn Dünen haben sich zu einem Haufen zusammengeweht. Kein Problem, ich kann mein Fahrrad ja abstellen und die letzten 200 Meter durch den Sand laufen. An alle, die etwas ähnliches vorhaben: Macht das nicht! Keine zwanzig Schritte später vernehme ich, es will einfach nicht enden, herannahendes Gebell. Ich kehre sofort um, schaffe es aber bei Weitem nicht rechtzeitig, auf das Rad zu steigen. Das ist also eine neue Situation. Bisher war es schon kritisch, aber ohne den Drahtesel zwischen meinen Beinen bin ich nochmal deutlich hilfloser. Die beiden Hundesöhne teilen sich auf und mir bleibt nichts, als mir mal wieder die Seele aus dem Leib zu brüllen. Darin habe ich mittlerweile Erfahrung, jedenfalls kommen sie nicht näher. Ausreichend Zeit, um meine Beine in die Hand zu nehmen. Stattdessen versuche ich es jetzt von der Südseite. Das hört sich vielleicht dumm an, aber einen vermiesten Tag mit unendlich Schockmomenten habe ich ja bereits, aber wenn ich jetzt auch noch die coole Spots verpasse, kann ich ihn ganz in die Tonne kloppen. Schade für den Blog ist nur, dass ich die Hunde nicht auf Bild oder Video festhalten konnte, aber dafür war mir meine Gesundheit auch einfach zu wertvoll.

Und es lohnt sich! Energie habe ich genug, und die Sonnenuntergangszeit hilft auch beim Gasgeben. Nur ein angekettetes Monster wirft sich in die Bresche, danach bleibt es still. Auf dem kleinen Parkplatz der Südseite stehen zwei ältere Männer mit kleinem Hund. Der sei nicht gefährlich, lasse ich mir versichern. „Because there are so many dangerous dogs out there.“ „Oh, really? The wild ones, right?“ „No, the ones from the houses. They chase me all the time.“ Das können die beiden kaum glauben, aber gut, sie sind auch mit einem Auto hier. Wir kommen kurz ins Gespräch und ich erzähle von der Radtour. „I have also Done this. And three years ago, I walked around the island“, erzählt der mit dem besseren Englisch. Das kann wiederum ich nicht glauben, „you serious??“ „Yes. 45 days. Did you know your Bicycle is Taiwanese brand?“ Klar, ich war sogar im Museum. „You ride a Taiwanese bike and I drive a German car, hahahahaha“ lacht er sich kaputt. Netterweise macht er ein Foto von mir vor der Landkarte.

Ich werde gefragt, ob ich auf der Ostseite lieber die Route in Inland oder am Meer machen möchte. Sein Tipp sieht auf jeden Fall eher das Inland vor: „It’s beautiful there, and silent. Another world.“ Hoffentlich ohne Hunde. „The sea side in winter is really windy. Maybe not.“ Außerdem solle ich mir überlegen, die Strecke Hualien-Su‘ao mit dem Zug zu bewältigen, weil die einzige Straße dort von vielen Trucks befahren wird. Hmm, das ist ein Thema für wannaders. Und zum Schluss: „If you come to Hualien before 22nd, you can sleep at my house.“ Was für ein Wahnsinns-Angebot, es jemandem zu unterbreiten, mit dem man sich gerade einmal drei Minuten unterhalten hat. Leider, leider, leider werde ich da noch nicht so weit sein, sonst müsste ich die letzte Woche ja komplett dort oben verbringen, aber an sich klingt das so gut, dass man es fast nicht ausschlagen sollte. Ich lasse mir von Charles, so stellt er sich dann vor, sein Line geben, damit halte ich mir die Option offen. „Nice to meet you“ und ab geht’s für mich in die Dünen, das letzte Tageslicht genießen.
Endlich mal eine hundefreie Zone. Eine Gruppe Menschen sitzt entfernt im Kreis, ansonsten habe ich die Landschaft für mich alleine. Ich mag, wie eine Art Skelett-Leuchtturm aus dem Sand ragt und wie die Dünen sich übereinander schichten. Weiter unten liegt der feine Strand, der nur von ein wenig Angeschwemmtem überlagert wird. Es bietet sich sogar ein Farbstreifen am Horizont und für einen Moment kann ich wahrlich Ruhe empfinden. Ich wäre gerne viel früher da gewesen, hätte vielleicht auch baden gehen können, aber so sollte es wohl nicht.


Nach Anbruch der Nacht nutze ich das letzte Tageslicht am Horizont, um dem Land zu entfliehen und auf eine Art kleine Autobahn zu gelangen, wie es sie hier öfter gibt. Zwei, drei mal begegne ich den minderbemittelten Vierbeinern noch, zum Glück ohne große Probleme. Ich halte mich ausschließlich an die Hauptverkehrsrouten, mit ihnen kann ich sowieso gut durch den Verkehr schwimmen. Warum auch immer, habe ich genug Restenergie, um komplett durchzupowern. Ein weiterer Grund, warum meine Durchschnittsgeschwindigkeit heute so hoch ist. Tainan hat ebenso wie Taichung Unmengen an Vororten, bei denen man denkt, man sei schon in der Stadt, nur um dann wieder über einsame Schnellstraßen zu fahren.
Es ist schon lange dunkel, als ich das Hostel erreiche, irgendwo im engen Straßenwald von Tainan. Passend zum bisherigen Tagesverlauf (hier der Komoot-Link) bekomme ich auch hier Probleme. Das Tor benötigt einen Zahlencode, aber alles, was ich von den Besitzern bekomme, ist eine kryptisch übersetzte Nachricht, in der ich u.a. aufgefordert werde, eine Online-Zahlung zu tätigen und mein Ausweisdokument hochzuladen. Eine Putzfrau nebenan kann leider nicht helfen, abgesehen von hilfreichen Tipps wie „Sure it’s the right house?“ und „Maybe nobody‘s here“. Eine Mädelsgruppe versucht es auch, aber die Hostelbesitzer gehen auch nicht ans Telefon. Glück habe ich nur, weil mich ein Bewohner reinlässt, kurz bevor ich mir etwas anderes gebucht hätte. Das Wohnzimmer sieht aus wie eine heruntergekommene Studentenbude. „Do you work here?“ frage ich. „No, I live here. But longterm.“ Oh. Wie lange denn? „Two months now. Many guests complain about the check-in.“ Der Junge ist bestimmt so alt wie ich und erfüllt das Klischee eines introvertierten Junkies. Bequeme Klamotten, eckige Brille, ruhige Stimme, aber auch intelligent, wie er mit seinen Sätzen durchblicken lässt. Er heiße Junwei und habe vor zwei Monaten sein Studium an der „San Yut Sen“, also der NSYSU in Kaohsiung abgebrochen, weil es ihm zu „boring“ war. Und das, obwohl er im „third year“ Computational Science studiert hat. Einen Job hat er direkt danach auch hingeschmissen und jetzt lebt er erstmal hier. Seine Ersparnisse reichen noch für drei weitere Monate, bis dahin will er sich etwas anderes suchen. Das ist der Lifestyle, in einer Bruchbude rumharzen und nichts tun. Sogar einen deutschen Satz kann er, „Schön, Sie kennenzulernen.“ Das Sechserzimmer oben sieht etwas besser aus, ein anderer Junge liegt in seinem Bett, das Handy so nah am Gesicht, dass jede Interaktion erfolgreich verhindert wird. Ich höre nur das Klimpern eines Handyspiels, in dessen Bann er verfallen scheint. Junwei erzählt mir, dass der andere Gast ebenfalls „longterm“ hier ist und es einen lustigen Grund gibt, warum. Der lebe nämlich eigentlich in Taoyuan und sei aufgrund einer eigenen Firma ziemlich reich. Nachdem er neulich zum ersten Mal nach Tainan gekommen sei, habe er die hier berühmte „Beef Noodle Soup“ probiert und spontan entschieden, zwei Monate zu bleiben. Jetzt kann er also schön den ganzen Tag doomscrollen und zur Essenszeit immer sein neues Lieblingsgericht kosten. Kann man mal so machen.
Weil kein Personal vor Ort ist, darf ich wieder ein Video meiner Zahlung aufnehmen. 350$TD (9,50€) sind wirklich schwer in Ordnung, ich verstehe, warum die beiden Jungs hier langfristig leben. Junwei zeigt mir einen Waschsalon gegenüber, denn entgegen der Beschreibung auf Booking hat das Hostel keine eigene Maschine. Während ich auf die Wäsche warte, gehe ich zum ersten Mal in einem SimpleMart einkaufen, ein convenience Store mit Ausrichtung auch auf Selberkochen.
Junwei will dann „cookies“ kaufen gehen, ich komme mit. Für ihn sind das sämtliche Sorten Chips, und er teilt bereitwillig. Ein wenig setzt er sich an den Laptop, denn er hilft seiner Schwester, einen Online-Shop für ihre Bäckerei aufzumachen. Zum „family price“, aber er tut es gerne. Übrigens hätten die Besitzer mittlerweile ein anderes Hostel eröffnet, entschuldigt er sich fast. Das Wohnzimmer habe früher noch viel besser ausgesehen. Wir reden noch ein bisschen über Taiwan und die Welt und Junwei bietet an, morgen früh zusammen Frühstück zu holen. Dann lege ich mich endlich hin, erhole mich von der heutigen Schreitherapie. So geframt klingt es doch schon viel besser.


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