Radtour Tag 8 (Freitag, 16. Januar)

臺南 Tainan -> 屏東 Pingtung

Mit Junwei, meinem Mitbewohner in Tainan, besorge ich leckeres Frühstück. Tatsächlich probiere ich hier zum allerersten Mal die warmen Reisbällchen eines Straßenstandes. Sie sind den (japanischen) Onigiri aus den convenience stores gar nicht so unähnlich, allerdings fehlt das Seetangblatt und zusätzlich enthalten sie „fried dough sticks“, die das Ganze knusprig machen. Junwei kennt den Besitzer und schickt mir eine Filiale in Kaohsiung. „So I Germany, the 7/11 doesn’t have the Onigiri?“ „We don’t have 7/11. No convenience stores in Germany.“ Bei der Aussage bekommt Junwei, ungelogen, Schnappatmung. „What??“ Angst und Schrecken zeichnen sich in seinem sonst so emotionslosen Gesicht ab.

Frühstücksstand an der Hauptstraße
Reisbällchen-Frühstück

Recht bald muss er aber los. Nächste Woche besucht er einen Freund in Malaysia und muss im Haus seiner Eltern Sachen packen. Warum er ausgezogen ist? „Sometimes, you just don’t want to live in the house from your parents.“ Währenddessen liegt der andere Faulenzer immer noch im Bett, ich packe also meine Sachen und verpisse mich.

Kleiner Schlafsaal in Tainan

Die Gegend zwischen Tainan und Kaohsiung ist so dicht besiedelt, dass sich kaum ein Vergleich zu gestern ziehen lässt. Selbst nach dem Tainaner Flughafen kommt Siedlung um Siedlung. Zwischenziel ist der „Moon World Park“, in dem Anna und Buggi schon einmal gecampt haben. Er liegt mitten in der Hügelkette zwischen Kaohsiung und dem Hinterland, worüber ich aber sowieso fahren muss. Von Tainan kommt man ziemlich schnell hin, und der Park ist wirklich ein Wohlfühlort. Keine Autos oder Motorräder, wenig Gebäude, wenig Menschen, dafür schöne Hügelformationen, die an Lavaströme erinnern. Allerdings besteht alles aus bröckeligem Gestein, weshalb man auch auf keinen Fall von den Wegen abweichen darf.

Next Level Bonsai

Eine Reisegruppe voller Asiatinnen mittleren Alters schaut begeistert in die Landschaft und schießt jede Menge Fotos, ansonsten ist es still. Eine Art Rundweg führt durch den Park, auf manchen freien Stellen kann man bestimmt campen. Attrappen von Heißluftballons mit „Kaohsiung“-Aufschrift verschönern die Gegend, dominieren tun aber die bräunlichen Hänge. Eine Treppe führt nach ganz oben, wo ich am Bergteich Pause mache und mit Julius aus Deutschland telefoniere, der jetzt im Februar ebenfalls dazustoßen wird.

Mittagspause am Bergteich…
…mit tollem Ausblick
Ich verstehe, warum der Park „Moon World“ heißt
„Mud Vulcano“ trifft es auch ganz gut

Das Wetter tut allen einen Gefallen und erwärmt die Gemüter auf angenehme 26 Grad. Grund genug, dass ich zum ersten Mal die Thermowäsche weglasse und in kurzen Sachen vorankomme. Mir war gestern Abend schon klar, dass ich das Hundethema nicht ganz aus dem Kopf bekommen werde. Also ist mein Blick stets wachsam, ich meide unbelebte Kleinstraßen und luge um die Ecken jeder Einfahrt, besonders wenn es bergauf geht und ich sowieso langsam bin. Abgesehen von einer Handvoll angeketteten Hunde und einer Handvoll halbstarken Provokateure passiert aber nichts, genau wie Sebastian für die Region prophezeit hat. Langsam gewöhne ich mich auch wieder an einen (zumindest in der Hinsicht) unbedachten Fahrstil, schließlich will ich mich dabei auch entspannen können. So herum betrachtet bin ich wirklich sehr verwundert, wie extrem hundereich und vor allem aggressiv die gestrige Gegend war. Es war ja nicht das erste Mal, dass ich durch Feldwege gefahren bin…

Die erwähnte Hügelkette erstreckt sich dann doch breiter, als ich es erwartet hätte und verlangt mir einige Energie ab. Der Muskelkater der gestrigen Tortur zeigt sich genauso wie eine schnellere Ermüdung beim Aufwärtsfahren. Auf der ungefüllten, mehrspurigen Landstraße geht es mit tollen Perspektiven auf und ab, wobei ich an einer Stelle meine bisherige Höchstgeschwindigkeit von 56,9 km/h erreiche. Zwar sagt Komoot etwas anderes, aber 125 km/h am ersten Tag sind nun wirklich nicht glaubwürdig. Ein Gebiet weist durchgehende Bezäunung am Straßenrand auf und warnt mit dreieckigen Schildern vor einem Tier, das ich nicht einmal sicher identifizieren kann.

Hochebene
Eine Mischung aus Alligator und Eichhörnchen?

Die Straße führt nach 旗山 „Qíshān“, dessen 7/11 ich noch kenne, weil ich hier im Oktober mit Sky auf unseren Bus in Richtung Berge gewartet habe. Ansonsten ist der Ort aber langweilig, die „Old Street“ besteht aus nicht mehr als fünf Verkaufsständen und ganz bestimmt keinen denkmalwürdigen Häusern, wie das anderswo der Fall ist (z.B. in Daxi). Also schlage ich die direkte Route zum „Fo Guang Shan Buddha Museum“ ein, das südlich von hier liegt, ebenfalls am Fuße der Bergkette. Dort will ich nach Möglichkeit übernachten, immerhin habe ich vorhin auf der Website gesehen, dass der riesige Komplex 1200 Menschen Nächtigungsmöglichkeiten bietet. Die nächste Straße führt am Berg entlang und ist wirklich schön. Nach rechts blicke ich auf Natur und die mittlerweile tiefstehende Sonne, links auf das gewaltige Flussbett des „Gaoping River“ zwischen Pingtung und Kaohsiung, das gleichzeitig die Bundeslands-Grenze bildet. Eine größenwahnsinnige Brückenkonstruktion für den Pendelverkehr darf dabei nicht fehlen.

„Gaoping River Cable-Stayed Bridge“

Nicht viel später komme ich an und kann den gewaltigen Campus fast gar nicht erfassen. Wohin man auch blickt, findet sich ein neues Tempelgebäude, wenn nicht gar Palast, und unzählige Wege, Minigärten und Pavillons ergänzen die Hangbebauung. Am Museum werde ich weitergeschickt, ich soll mich am Clubhaus melden. Leider muss der dortige Mitarbeiter mir über Google mitteilen, dass man eine Reservierung benötigt, weshalb der Plan auf Eis fällt. Ich habe mich einfach zu sehr darauf verlassen, dass es funktioniert wie bisher auch immer und ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass die Zimmer ausgelastet sind. Nicht bei dem wenigen Besucheransturm. Aber gut, damit muss ich halt leben. Das Museum ist zwar noch anderthalb Stunden geöffnet, aber ich würde heute gerne mal im Dunkeln ankommen und gehe sowieso nicht davon aus, dass 90 Minuten reichen würden, um mich ausgiebig umzusehen. Dann ist das Museum vielleicht etwas für Ende Februar, mit meinen Besuchern…

„Fo Guang Shan Buddha Museum„
Eingangsturm

Plan B: Pingtung. Dafür muss ich noch deutlich weiter runter fahren (fast bis ins südliche Kaohsiung), denn Brücken sind nur spärlich gesät. Es findet sich aber eine, die mir tolle Blicke auf den Fluss mit niedrigem Wasserstand ermöglicht und die gleichzeitig enormem Verkehrsaufkommen ausgesetzt ist. Die Motorräder müssen für mich aber auch abbremsen, wenn ich fahre, insofern fühle ich mich nicht schlecht, am Rand der Fahrbahn anzuhalten.

„Gaoping River“
Wie das wohl zur Regenzeit aussieht?

In Pingtung, wo ich übrigens noch nie war, buche ich mir schnell die billigste Unterkunft, die tatsächlich kein Hostel, sondern eher ein geteiltes AirBnB ist, und fahre schnurstracks hin. Trotz der ‚nur‘ 80 Kilometer bin ich total durch. Vielleicht ist es besser so, das Buddha-Museum zu verschieben (ich war vorhin durchaus frustriert), so kann ich jetzt ruhig entspannen. Kann ich? Durch die kurzfristige Buchung muss ich warten, bis der Gastgeber, der mal wieder nicht vor Ort ist, mir sagt, wo ich den Schlüssel zu finden habe. Gerade rechtzeitig, bevor die Abendmücken zustechen, schaffe ich es ins Wohnzimmer, wo ich kurz einen anderen Typen erblicke, der sich schnell verzieht. Das Management schreibt mir, dass ich im „first floor“ einen Raum namens 夏房 „xià fáng“ hätte, den es aber offensichtlich nicht gibt. Auf meine Rückfrage bekomme ich aber erstmal keine Antwort, sodass ich mich hinsetze und die restliche Einrichtung betrachte. Das Wohnzimmer geht in Ordnung, aber dahinter befindet sich ein dunkler Küchenbereich mit Unmengen an unabgespültem Geschirr und ein Abstellkammerbereich mit nur spanischer Wand, der nach ordentlich Gammel aussieht. Das Badezimmer befindet sich lustigerweise unter dem Treppenhaus und zum Duschen sollte man nicht zu groß sein. Die Treppenunterseite hat definitiv größere Wasserschäden, lieber nicht berühren. Wie im klassischen Altbau sind die Zimmer halbstockwerks verteilt, ganz oben gibt es einen dunklen Dachboden mit Möglichkeit zum Aufhängen von Wäsche.

Dusche à la Harry Potter

Irgendwann verliere ich die Geduld und gehe ins das nächstbeste Zimmer. „Since you are not responding and the only room in the first floor is already occupied, I guess the room named Shin Fa a few steps up will be mine“, schreibe ich der outgesourcten Verwaltung, woraufhin diese prompt mit „Yes, you are so smart“ antwortet. Das ist gleichzeitig lustig und provokativ, das hätten sie mir ja genauso gut vor einer halben Stunde schreiben können. Immerhin habe ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder ein Einzelzimmer (tja, seit wann eigentlich?) und es ist sauber sowie mit einem Smart-TV ausgestattet, den ich trotzdem nicht benutzen werde. Achja, das „cash“ soll ich übrigens unter dem Kopfkissen platzieren.

Keine schlechte Suite für 665$TD (18,15€)

Leider schließen die Restaurants immer so früh, weshalb ich mal wieder auf einen FamilyMart ausweiche, aber billiges Trüffel-Risotto kann man sich schonmal geben.

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