Radtour Tag 11 (Montag, 19. Januar)

墾丁 Kenting -> 滿州 Manzhou

Nicht lang schlafen, Kopf in Nacken! Oder so ähnlich. Heute werden Meter gemacht, und zwar keine horizontalen. Auf jeden Fall liegt der Fokus nicht auf ihnen. Wegen akuter Muskelermüdung plane ich mir genug Zeit ein und stehe ‚schon‘ um 8:30 Uhr auf, denn heute soll es nach 大武 „Dàwǔ“ gehen. An der Rezeption bezahle ich noch schnell die gestern vergessene Gebühr, dann steige ich aufs fast umwehende Rad. Heute wird brutal, das wird mir klar. Wenn Google schon fünfeinhalb Stunden ankündigt, dann wird es ein langer Tag. Ich dürfte aber gut dabei sein, denn bis zum südlichsten Punkt ziehe ich erst einmal ohne Frühstück durch. Nach 30 Minuten extrem windige Landstraße erreiche ich den bestimmt südlichsten 7/11 Taiwans, dehne meine Oberschenkel etwas, futtere schnell einige Kalorien und besorge einiges an Flüssigkeit, denn convenience stores werden ab hier rar. Die Kassiererin kann gut Englisch und sagt mir, wo ich zum gewünschten Aussichtspunkt komme.

Dafür muss ich (logischerweise) ziemlich steil bergab, und das ganz schön weit. Den Leuchtturm spare ich dabei aus, mich interessiert die faktische Stelle. Einiges an geschwungenen Fußwegkurven später erreiche ich die Plattform auf Meereshöhe, deren zersplittertes, kegelförmiges Monument die geografische Besonderheit verdeutlicht. Leider bin ich allein, so muss ich mein Foto irgendwie selber hinbekommen. Meine Hilfskonstruktion aus Bauchtasche am Zaun funktioniert eher schlecht als recht, aber kurz darauf kommt ein junges Pärchen, die ich sofort als Fotografen einstelle. Natürlich ist die Landschaft auch sehr schön. Der kurze Grünstreifen geht schnell in Kies, Steine und Felsen über, an denen das anwindende Meereswasser anprallt. Wenn es vorher nicht bereits weggeweht wird. Wirklich, es ist fast wie damals auf Lü Dao, als der Wind den Wellen einen Teil ihrer Masse dadurch genommen hat, dass er kurzzeitig kräftiger als die Gravitation war. Freilich ist es hier nicht ganz so heftig, aber ich merke doch, die Ostküste rückt näher. Vom taiwanesischen Pärchen, die ganz gutes Englisch sprechen, darf ich im Gegenzug auch Bilder schießen – „Perfect!“, wie der Junge sich artig bedankt.

Monument am südlichsten Punkt Taiwans
Ab hier Richtungswechsel
Meereswinde

Dann will ich aber weiter, lieber früher mehr Strecke schaffen. Allein auf die Landstraße zu gelangen, verlangt mir einiges an Höhenmetern ab und ich muss vorsichtig sein, meine Energie nicht unnötig früh zu verbrauchen. Besucher auf dem Fußweg grüßen mich, sagen „Byebye“ oder rufen (im Fall einer Taiwanesin) begeistert „Gāokēdà!“, auf mein Shirt bezogen. Das motiviert und pusht mich den folgenden Berg nach oben. Die Landstraße ist schlagartig deutlich leerer, scheinbar wollen die meisten Menschen nicht über den südlichsten Punkt hinaus. Verständlich, wieso auch, wenn man kein Fahrrad dabei hat? Während ich gegen Höhe und Wind ankämpfe, passiere ich wenig Gebäude, aber dafür umso interessantere. Ein Märchenhaus mit täuschend echten Schafsfiguren sowie ein heruntergekommener Komplex mit stacheldrahtbesetzten Betonmauern. Ein Gefängnis? Laut Google nicht, also wird es etwas Militärisches sein. Macht am südlichsten Punkt ja auch Sinn. Aus einem vorbeifahrenden weißen SUV ruft mir der Taiwanese von vorhin ein paar motivierende Worte zu.

Welches Märchen wird hier dargestellt?
Militärbasis

An einer Raststelle nicht viel weiter treffe ich gerade ein, als das Pärchen aussteigt. „Hello again“ sage ich und wir quatschen kurz. Ich erzähle von meiner Route, dass ich entgegen meiner T-Shirt-Aufschrift nicht in Kaohsiung gestartet bin und erfahre, dass die beiden ebenfalls eine Taiwan-Rundtour machen, nur eben mit Auto. Sie kommen aus Taichung und haben sich sieben Tage Zeit genommen, schöne Orte der Heimat zu erkunden. Der Junge hat sogar sein persönliches Bike in den Kofferraum verfrachtet, um bei Bedarf die Bergabfahrten mitzunehmen. Das Fahrradmuseum kennen sie aber nicht, genauso wenig waren sie bisher am Easternmost Point of Taiwan oder auf Lü Dao. Irgendwie lustig, den eigentlichen Locals Empfehlungen zu geben. Woher ich komme, dürfen sie raten. USA? Frankreich? Tschechien? In Deutschland war das Mädchen sogar mal, kann sich an den Namen der Stadt aber nicht erinnern. Tina, so stellt sie sich vor, und Friday. „Like Saturday, Sunday, …“ sagt er und muss selbst lachen. „You chose by yourself?“ „Yes!“ Er will in zwei Jahren möglicherweise nach Deutschland kommen, ins Auslandssemester. Wegen der Sprache empfehle ich Berlin und rate ihm, nach München nur dann zu kommen, wenn er eine Wohnung sicher hat. Die LMU ist wohl sein Wunschziel.

Tina, Friday, Ich

Zusammen gehen wir zum Aussichtspunkt des Hügels. Ob ich mein Fahrrad nicht anschließen will? „Do you think somebody will steal it?“ „Noo“ sagen beide und lachen. Aber: „It is a good bike.“ Das stimmt natürlich. Weiter vorne befindet sich eine Plateaulandschaft, auf der eine große Gruppe Jugendliche mit Fahrradhelmen ebenfalls pausiert. Der Wind ist so heftig, dass man sein Handy sehr gut festhalten muss, ebenso vorsichtig sollte man auf den vorderen Felsen sein. Für die Aussicht lohnt es sich aber allemal. Wir reden noch kurz, bis der Wind einen sogar aus dem Gleichgewicht bringt und tauschen anschließend Instagram aus. Für nördlich von Dawu bekomme ich noch eine Bahnhofsempfehlung, dann sind sie weg. Zwei Biker ohne Radtaschen ziehen vorbei, entweder machen sie nur eine Tagestour oder jemand fährt ihr Gepäck.

Himmelblau – Tiefblau – Smaragdgrün – Braunrot – Beige
Sieht man, dass es windet?
Raucherpose

Wie man auf den Bildern bestimmt sieht, ist die folgende Strecke nicht weniger schön. Sonnencreme habe ich natürlich drauf, vor allem von hinten brennt die Sonne jetzt. Die wenigen Autos, die an mir vorbeifahren, sind in der Regel Teslas. Hier im Süden weht es ja, wie es dem Wetter gerade passt, deshalb muss ich auch bergab fighten.

10 km/h bergab sagen alles

In der kurvigen Fahrbahn komme ich an zunehmend mehr Häusern vorbei, mit dabei sind offensichtliche Ferienhäuser, ein rotdächriges Küstenwachenanwesen mit Metallschiebetor, hinter dem ein Hund bellt und diverse Privatgrundstücke. Tatsächlich wäre ich bei den langsamen Geschwindigkeiten in schwieriger Lage, sollte ich heute attackiert werden, insofern schaue ich nach jedem Grundstück einmal nach hinten, um eine spontane Verfolgung auszuschließen. Es passiert aber nichts, irgendwann entspanne ich mich.

Funktionale Bauweise schlechthin
Küstenwache Mandzhou
Da vorne liegt die spannendere Route

In einem der Vororte biege ich bewusst rechts ab, obwohl es eigentlich links weitergeht. Denn auf meiner Google-Liste steht noch ein Wasserfall, den man von hier aus erreichen kann. Auf der Straße begegnet mir ein professionelles Holzfällerteam, die mit Hebebühnen gefährliche Äste wegschnippeln, die gar nicht so gefährlich aussehen. Außerdem: ein Parkplatz lauter Vans und Menschen in Neoprenanzügen, die hier ihr Surfparadies gefunden haben. Recht bald kommt einer dieser Torbögen, wie man sie am Eingang von Nationalsparks so oft findet. Eine Frau ruft mir etwas zu, ich soll wohl bezahlen. 60$TD (1,60€) sind aber verkraftbar. „There are the waterfalls, right?“ Sie zuckt nur mit den Schultern und schaut mich vorwurfsvoll an. Die Straße ist ab hier breit, leer und holprig geteert. Ständig sehe ich übrigens Schilder, die vor Rehen oder Krebsen warnen, lustigerweise mit „Animal Crossing“ beschriftet. Die Switch-Anspielung sehe aber vielleicht auch nur ich.

So beginnt ein guter Nationalpark

Es folgt ein großer Platz, der gänzlich leergefegt ist und neben dem eine große Buddhastatue steht. Am hinteren Ende steht das Parkwächterhäuschen, und eine weitere Frau ruft mich zu sich rüber. Das Fahrrad dürfe ich auf keinen Fall weiter mitnehmen, aber zu Fuß gehen sei erlaubt. Na gut, dann werden aus den letzten paar Minuten eben eine halbe Stunde Fußmarsch. Ironischerweise auf einer bestens flach konstruierten Straße, aber was weiß ich schon.

Wächter des Nationalparks?

Ich bisschen muss ich mich schon beeilen, da allein für den Weg eine knappe Stunde draufgehen wird. Dabei bin ich in einem Küstenparadies angekommen, das ich so eigentlich nur aus postapokalyptischen Videospielen kenne. Ein steiler Hang zur linken, eine graue, aber kurvige Betonstraße vor mir und auf der rechten eine sehr felsige Pufferzone, die die teils massiv angeschlenderten Wellen bricht. Abgerundet durch die Sonne, die sicherlich jetzt ihren höchsten Punkt erreicht und das Wasser in regelmäßigen Abständen glitzern lässt. Ich würde sagen, „Death Stranding“ könnte sich hier Inspiration geholt haben.

Einsamer Küstenweg

Mehrere rote Schilder mit Signatur des Gemeinderats weisen auf die Gefahr durch Wind und Welle hin und darauf, dass man den Weg nur auf eigene Gefahr verlässt. Andere Erklärtafeln beschreiben Meereserosionsplattformen, die kurzgesagt dadurch entstehen, dass das anprallende Wasser die vordersten Gesteinsschichten löst und damit senkrechte Klippen entstehen lässt, die wiederum die bröseligen Plattformen zu ihren Füßen haben. Außerdem entstehen geriffelte Steinformationen ebenfalls durch erodierendes Gewässer, das die Kanten kurvig schleift und daraus „tofu rock“ macht. Ich begegne mindestens drei funktionierenden Toilettenhäusern sowie einer extrem morschen Aussichtsplattform, nach deren Aufstieg ich am besten gar nicht erst suche. Die Palmen am Steilhang sind mal mehr, mal weniger von den Böen gekennzeichnet, die hier definitiv regelmäßig entlangfliehen.

Die hat ihre besten Zeiten hinter sich
Hat hier auch der Wind gewütet?
Primitives WC, grandioser Ausblick

Am Ende des Pfads wartet ein steinerner Pavillon auf mich, sowie zwei Motorräder, die es scheinbar durch die Kontrolle geschafft haben. Auf den nassen Felsen sehe ich zwei Angler, vermutlich haben die eine Sondergenehmigung. Sie beachten mich mit keinem Blick, bis zu ihnen würde ich mich sowieso nicht hinauswagen. Ein paar Schritte auf den trockene Felsen mache ich aber schon, die über lange Zeiten erwaschenen Formen sind überaus faszinierend. Eine Bucht weiter steht ein Haus, zu dem man von hier aus aber nicht gelangt. Muss ein einsames Leben sein, dort drüben. Der Wasserfall ist übrigens kaum mehr als ein kleines Gerinnsel, das immerhin von ziemlicher Höhe tropft. Dafür allein hat es sich nicht gelohnt, aber wie man sicherlich heraushört, ist die Küste selbst die Hauptattraktion.

Wimmelbild: Zwei Angler sind gesucht
This is life
Steinerner Pavillon
Verrückte Formen der Natur
Die 佳樂水瀑布 „Jiā yào shuǐ pùbù“ Jialeshui Falls sind zur Regenzeit bestimmt imposanter

So viel mehr gibt es nicht zu sehen. Den Rückweg gehe ich entspannter an und spaziere, wohl wissend um die Länge der Strecke. Klar habe ich viel Zeit verloren, aber es hat sich gelohnt, und das ist oberste Maxime. Ich kann später noch Gas geben. Eine komplette Küstenwanderung auf den Felsen stelle ich mir übrigens super spannend vor. Ähnliches war mir auch schon in den Kopf geschossen, als ich an der Westküste über die massenhaft leeren Flussbetten gefahren bin. Warum denn eigentlich nicht? Saisonal begrenzte Wanderwege… Ein Paar, das am Ufer gefährliche, aber coole Fotos schießt, muss die Strecke auch laufen. Tja, ohne Stativ und ohne Begleitung komme ich wenigstens nicht auf gefährliche Ideen.

Welcome to the East Coast
Kommt schon nah an Freiheit ran

Auf dem Weiterweg überholt mich ein Polizeiwagen mit Blaulicht. Haben die sich damit für die Aussicht aufs Gelände gesneakt? Wieder auf dem rechten Wege, ändert sich die Landschaft. Ein minimal weniger windiges Tal umgibt den Besucher mit Bergen und jeder Menge grünen Feldern. Nicht solche Felder wie an der Westküste, sondern weniger nach Kleinindustrie aussehende, grüne Felder. Eine halbe Allee aus dunklen Bäumen, die mich an Birnen erinnern, markiert die Hauptverkehrsroute. Neben den üblichen Wegdekorationen sehe ich ein schön geschwungenes Dach und höre religiösen Gesang aus dem Inneren, während außen viele Glocken klirren. Ein hinausfahrendes Auto verscheucht mich hupend. Ist ja gut, ich will eure Sekte gar nicht stören.

Tal-Allee
Ein schönes Haus

Irgendwann geht es bergauf, und bevor die Hauptsteigung ihren Lauf nimmt, raste ich im letzten FamilyMart vor Ende der Convenience-Store-Zivilisation. Manzhou ist wahnsinnig ruhig, viel mehr als tausend Einwohner kann es gar nicht haben. Ich gönne mir Gemüse mit Reis aus der Mikrowelle sowie einen Kaffee für den bevorstehenden Kraftakt, fülle Flüssigkeit auf und kaufe wenige Snacks für zwischendurch.

Um 14:30 Uhr, rechne ich durch, bleiben noch drei Stunden bis Sonnenuntergang, entsprechend bereit bin ich, durchzupowern. Interessanter Fun-Fact: als ich in Taipei losgefahren bin, ist die Sonne um 17:20 Uhr untergegangen, in Kenting war es gestern um 17:36. Abzüglich der wenigen Minuten durch längerwerdende Tage dürfte ein Unterschied von Pi mal Daumen zehn Minuten herrschen, was bedeutet, dass die Tage im Süden 20 Minuten länger sind als im Norden. Natürlich kein Grund, sich nicht ranzuhalten, Dennis hat mich ja gewarnt. Allerdings fällt mir beim Öffnen meiner Seitentasche auf, dass an Stelle meiner Bauchtasche nur der Fleece zu sehen ist. Dadrunter? Nein. Andere Tasche. Fehlanzeige. Ich durchwühle beide Taschen, packe vieles direkt auf dem Parkplatz aus. Klar sieht das nach einer Panikaktion aus, aber nur so bringe ich in Erfahrung, ob ich mir umsonst Stress mache. Ungläubig schaue ich mich um und gehe zurück in den Store, wo sie aber natürlich auch nicht ist. Wieder auf den Parkplatz, ein zweites Mal schauen. Mein Gehirn schmeißt mit Jugendwörtern um sich (Bruuder, Digga, das crazy), die Tasche muss tatsächlich irgendwo hinter mir liegen. Streckenmäßig. So ärgerlich ist das! Klar, als Leser denkt man sich jetzt, schon wieder? Dabei ist das hier eigentlich das erste Mal, dass ich etwas so richtig vergessen habe. Bisherige Aktionen waren halt auf andere Weise dumm: das Portemonnaie ist mir unbemerkt runtergefallen, das mit der Kreditkarten-PIN war ein großes Anzeige-Missverständnis. Und ich checke sowas sonst immer doppelt und dreifach, wie allein das Feststellen der Situation beweist. Sehr gut übrigens, denn nach dem steilen Anstieg wäre es eine Katastrophe gewesen. Aber ja, ich habe den Fehler begangen, auch wenn ich keine Ahnung hab, wo. Also, ich überlege. Im 7/11 beim südlichsten Punkt? Könnte sein, dass sie dort auf dem Boden liegt. Oder im Hostel? Vielleicht. Auf jeden Fall darf ich keine Zeit verlieren, im FamilyMart spreche ich den einzigen anderen Kunden an, einen seriös aussehenden Mann mit Hemd, Anzughose und einer smarten, eckigen Brille. Er kann zwar kein Englisch, versteht aber meine Übersetzung und ruft umgehend den 7/11 an. In dem Moment kann ich dankbar sein, den Blog zu schreiben und immer so viele unnötig erscheinende Bilder meines Alltags zu machen, ich kann sofort zeigen, wie die Tasche aussieht. Ich höre in dem Telefonat mehrfach die Wörter „Uniqlo“ und 外國人 „wàiguó rén“, Fremder/Ausländer. Nunja, als ein solcher erkennt man mich halt. Trotzdem Fehlanzeige. Das Hostel? Eventuell meldet sich jemand später. Ich kann übrigens nicht selbst telefonieren, weil meine Flatrate so wenige Minuten hat, dass sie schon im September aufgebraucht waren. Mir fällt dann aber auch auf, dass die Tasche nirgendwo dort sein kann, eben weil ich Portemonnaie und Handy immer woanders habe und nur damit das Rad verlasse. Auf meine Bitte ruft der Mann ein zweites Mal durch, die Kassiererin guckt auch schon komisch, da fällt es mir ein. Am südlichsten Punkt habe ich die Tasche benutzt, um mein Handy zu stützen und bin dann schnell weitergezogen. Boah. So weit weg, das trifft mich hart.

Es schmerzt, aber eigentlich ist klar, dass ich zurückmuss. Ich bedanke mich bei dem Mann für seinen Einsatz und bringe den Drahtesel in Schwung. Zwei Gedanken: Erstens sind in der Bauchtasche nicht nur wertvolle Gegenstände wie meine Powerbank und meine AirPods, auch wenn die seit zwei Wochen unterschiedlich laut sind, aber das ist eine andere Geschichte. Sondern meine Reisepass ist da drin, wenn ich den verliere, kann ich mir die restliche Tour abschminken. Zweitens bin ich mir selbst aber sehr dankbar, selbst um kurz vor drei noch kein nächstes Hostel gebucht zu haben, denn Dawu werde ich heute niemals erreichen können. Klar bringt es nichts, zu viel daran zu denken, die Tasche ist, wo sie ist. Aber ganz abschalten geht auch nicht. Ich denke, jeder kennt dieses Unwohlsein Gefühl, wenn man seine Wertgegenstände nicht in Sicherheit weiß und gerade auf dem Weg ist, ihr Schicksal zu erfahren. Tja, der Weg wohin eigentlich? Die einzigen auch nur halbwegs nahen ‚Polizeistationen‘ sind einmal die Küstenwache mit dem bellenden Hund sowie eine Feuerwehr, die werden beide wohl kaum in den Besitz meines Gesuchs gelangt sein. Also fahre ich zum „Southernmost Point of Taiwan“ zurück. Nicht gerade eine kurze Strecke, aber immerhin kann ich die Kraft, die ich mir für die Steile aufgespart habe, in die Strecke pumpen. Das, der Kaffee, auch ein bisschen günstiger Wind und vor allem meine Motivation lassen mich fliegen. Ich rase (natürlich vorsichtig genug) den Hügel von Zentral-Manzhou herunter, nochmal vorbei an einem schönen Tempel, den kleinen Ortschaften, der halben Allee, dem Fischerdorf, der Küstenwache, der eingestürzten Brücke. Ich sehe sogar einen Affen auf der Straße, dann geht es ordentlich bergauf. Einige entgegenkommende Radfahrer winken mir aufmunternd zu, so als ob ich diesen Hügel nur einmal erklimmen müsste. Ohne Pause hustle ich komplett durch, irgendwo kommt die ganze Energie her. Scheinbar gibt es neben der Angst vor Hunden und purem Ego-Push eine weitere Antriebsmotivation: materieller Verlust.

Knapp 45 Minuten später habe ich die Strecke zurückgelegt, für die ich zuvor ein paar Stunden gebraucht habe und drifte (nicht wirklich) durch die letzten Kurven des Fußgängerwegs, der zum Aussichtspunkt führt. Moment der Wahrheit… nichts. Wie ein Detektiv, dessen Investigation nicht zum Verbrecher geführt hat. Andere Touristen schauen mich verwirrt an, ich erkläre mich. Der Pfosten, an den die Tasche gebunden war, ist leider unbesetzt. Ein Junge guckt mit mir mit, auf der anderen Seite der Plattform. Der ist früher bestimmt auch neben den Leuten gelaufen, die die Matten getragen haben. Ein älterer Herr sagt: „I think you have to go to your embassy.“ Bro! Mach mal halblang, bitte keine Horrorszenarien. „I‘m not local, I don’t know where you can go.“ Puh, immerhin, er hat keine Ahnung. Ein Mädchen (die Local zu sein scheint), ist da schon hilfreicher. Ich solle zum „Lost & Found“ gehen, auch wenn unklar ist, wo sich das befindet. „Taiwanese people are… they don‘t…“ „…they don’t steal things, yes.“ Das stimmt, und darauf setze ich auch meine Hoffnungen. Allerdings ist Freundlichkeit etwas anderes als das Fundsystem. Beim Portemonnaie damals war es genauso, alle dachten, es taucht auf, ohne Eintreten. Und ich würde nicht ausschließen, dass es daran lag, dass die Beamten einfach meinen Namen nicht zuordnen konnten.

Jedenfalls muss ich den steilen Hang zur Landstraße erneut auf mich nehmen. Ein Tourguide der Touristen erklärt, dass es ein „Lost & Found“ gar nicht gibt und ich höchstens in einer Polizeistation nachfragen kann. Dann gehe ich halt zum 7/11, die Frau kannte sich aus. Leider war mittlerweile Schichtwechsel und die Dame kann kein Englisch, aber mittels Übersetzer gibt sie ihr Bestes. „Let me check“ schreibt sie auf und führt ein Telefonat. Scheinbar gibt es in der Nähe Kokosnussverkäufer, bei denen sich ein Versuch lohnen soll. I doubt it, welcher Finder soll denn wissen, dass es da eine Sammelstelle gibt? Dann kommt aber die Erlösung. Eine Email von vor 49 Minuten, von der Uni übrigens, meldet den Fund meines Reisepasses in der Polizeistation Kenting, ich solle ihn doch bitte innerhalb von drei Tagen persönlich abholen. Hätte ich mal früher mein Postfach gecheckt, wäre mir ein Großteil des Stresses erspart geblieben, aber es war nur eine Stunde ich freue mich, dass die Uni-Mails für irgendetwas gut sind.

Klugerweise habe ich mich vorhin schon nach alternativen Hostels umgesehen und ein halbwegs billiges im Fischerdorf unterwegs gefunden. Kenting nochmal kommt nicht infrage, das verkraftet mein Ego nicht. Buchen werde ich aber erst, wenn ich die Bauchtasche wirklich sehe. Bis dahin ist es ein gutes Stück, die Polizeistation liegt nämlich ungelogen drei Häuser neben meinem letzten Hostel. Komplett verschwitzt trete ich ein und grinse, weil ich dem Ziel nahe bin. „Bag?“ fragt das Personal, ich sehe die Tasche bereits in ein Paket gehüllt. Ohne weitere Nachfrage bekomme ich sie ausgehändigt, soll aber vorerst Platz nehmen. „Take a rest.“ In einem Fünferteam aus lauter Jungen nimm sich der einzig Ältere meiner an. Informationsaufnahme, klar. Genaue Uhrzeit und den Ort der Fundstelle, und ob noch alles in der Tasche ist. Alles muss ins System. Ein anderes Dokument (Studi-Ausweis) vorzeigen, Name, Geburtsdatum, Telefonnummer, Anschrift (auch wenn ich nicht mehr im Dorm lebe), Ausweisnummer. Bei den Infos wird er hellhörig und fragt interessiert, was ich genau in Taiwan mache, wie lange ich bleibe und sonstige Standardfragen. Sein Englisch reicht, um mich zu verstehen, um selbst zu kommunizieren, spricht er aber lieber ins Handy. Mit jeder Antwort löse ich noch mehr Begeisterung aus. „Woaoww!“ stößt es aus ihm heraus, als ihm klar wird, dass ich die Insel umrunde. Gemeinsam lachen wir über meine jetzt schon mehrfach zurückgelegte Strecke und jedes verwendete chinesische Wort meinerseits verstärkt den Woaow-Effekt. Die Kirsche auf der Sahnetorte ist meine chinesische Unterschrift, deren Gekrakel er als „very good handwriting“ euphemisiert. „I admire you“, werde ich für meinen Mut gelobt, alleine nach Taiwan zu gehen und so eine Kraftanstrengung auf mich zu nehmen. Im Gegenzug lobe ich Taiwan, ich weiß mittlerweile sehr gut, wie man die Taiwanesen an den Haken bekommt. Aber ich meine es ja auch so, ganz ehrlich. Der nette Herr in Uniform betont mehrfach, wie gutmütig die anderen Touristen sind, die meine Tasche hergebracht haben und dass ich auf den Straßen sehr vorsichtig sein soll.

Persönliche Betreuung auf der Kentinger Wache

Ich will zwar los, solange es noch hell ist, aber zugegeben ist die Situation schon sehr witzig. Vermutlich freut der Typ sich vor allem, dass mal etwas los ist, in diesem Kaff. Sehr beschäftigt sieht der Rest der Truppe nämlich auch nicht aus. Ehrlich gesagt, vielleicht war es gar nicht so schlecht, meine Bauchtasche zu vergessen, denn so etwas hätte ich andernfalls bestimmt nicht erlebt und dazu werde ich morgen mehr Zeit für die Steigung haben. Meine sozialen Skills habe ich auf jeden Fall gestärkt. Wenn Zeitdruck und die Not des Anliegens es erfordern, spricht man einfach jeden sofort an, ohne sich Gedanken zu machen, was man denn jetzt sagt oder ob es komisch klingen könnte. Und alle waren sie so freundlich und hilfsbereit!

Zum Verfahrensabschluss kommt der Kollege mir sogar zuvor und fragt selbst, ob wir ein Foto zusammen machen können. Klar, dann aber bitte auch auf meinem Handy. Ein jüngerer Kollege findet das Ganze vielleicht peinlich, stellt aber den Fotografen. Ich soll die Tasche in die Kamera zeigen, schließlich ist das der Hauptgegenstand des unfassbar spannenden heutigen Falls. Hach ja, die gute Laune muss ihm mal einer nachmachen.

Fall gelöst!

Ob ich Wasser habe, fragt er mich noch sorgsam. Klaro. Trotzdem darf ich die zwei Getränkedosen „Fin“ (so ähnlich wie „Pocari Sweat“, Sportwasser mit Geschmack) wohl nicht ablehnen. Ein Mitgibsel, wie lieb. Der Chef begleitet mich zum Fahrrad, staunt über das Design, macht noch ein Foto von mir, warnt nochmal vor gefährlichem Verkehr und schlechtem Wetter („Do you have a rain coat?“) und lässt mich dann ziehen. Ein drittes Mal jage die Strecke entlang, trotze dem Wind. Wieder der 7/11, eigentlich will ich mir nur Abendessen holen, denn im Fischerdorf gibt es auf Google keine Essmöglichkeit, aber da ist ja noch die Kassiererin. Aufgeregt guckt sie und klatscht mit den Händen und jubelt, als ich ihr vom Erfolg berichte. Sie übersetzt, dass sie soeben eine Freundin losgeschickt hat, eigenständig nach meiner Tasche zu suchen, die kann sie ruhigen Gewissens zurückrufen. Krass, was für eine Hilfsbereitschaft hier herrscht, ich bedanke mich ausgiebig.

Oben auf dem Berg-Rastplatz läuft nur noch ein Arbeiter mit Leiter herum, der die Laternen frisch streicht. Dabei sieht die Sonne jetzt am schönsten aus. Zum letzten Mal erblicke ich die Westküste, dann kämpfe ich mich durch den Wind nach unten und suche das Hostel. Dabei werde ich immer wieder von der weit tönenden Müllabfuhr überholt, die sich auch nicht davor scheut, in Kurven ohne Verkehrsspiegel zu überholen.

Tschüss, Westküste

In der Komoot-Route kann man übrigens gut die Symmetrien meine Umkehrungen erkennen. Ein winziger Hund verteidigt die offene Tür des Hostels. Obwohl er sich streicheln lässt, darf ich seines Erachtens erst mit Erlaubnis der Besitzerin eintreten, die mich komisch anschaut. Sie kommt offensichtlich nicht von hier, klar, es ist ja auch ein Surfer-Hostel. Der Schlafsaal besteht aus recht interessanten Lehmbetten und außer mir nächtigt nur eine weitere Bikerin. Sie hat viele Tattoos und ist dem Akzent nach Amerikanerin. Sie sei heute in Kaohsiung gestartet. „That’s impressive!“ sage ich und wirke bestimmt wie der größte Lappen, dass ich das wirklich nah gelegene Kenting nenne. Sie halte sich nicht an die „Route Nr. 1“, aber sie ist vermutlich eh schneller als das. In Hualien sei sie gestartet, also „you might end your tour then in three days?“ frage ich optimistisch. „I hope two!“ Okay, das ist einerseits äußerst beeindruckend. Wenn man die Sonnenzeit komplett ausnutzt, kann man es wahrscheinlich schaffen, aber ganz ehrlich: Warum? Bro, das ist so unnötig. Was hat man denn am Ende davon? Gerade die schöne Ostküste… Sie soll ja machen, was sie will, aber eigentlich habe ich kein Verständnis für so einen Rush. Wenn man zu wenig Zeit hat, kann man doch auch nur die Ostküste machen. Immer noch besser als alles und dabei nichts sehen, weil man ständig weiterfahren muss. „You can do it“ sagt sie. Danke, aber ich präferiere das eher nicht. Eigentlich will ich noch fragen, ob sie die ‚gefährliche‘ Straßenstrecke von Hualien aus genommen hat oder mit dem Zug gefahren ist, aber der Vorhang ist schon zu.

Lehmbetten-Schlafsaal

Ein anderer stiller Typ kommt noch dazu, dann war’s das. Leider macht sich bei mir oben eine halbe Ameisenkolonie breit und der Gastgeberin fällt nur ein, mich das Bett wechseln zu lassen. Ein zweites Mal dusche ich trotzdem, gefühlt krabbeln die Viecher überall an mir herum. Später sitze ich noch viel im Wohnzimmer, einfach das nervige Gekrabbel vermeiden.

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