滿州 Manzhou ->大武 Dawu
Glücklicherweise beschränken die Ameisen ihre Aktivitäten nur auf mein erstes Bett, sodass sich mein Körper in Ruhe erholen kann. Um neun Uhr sind die beiden anderen Gäste bereits weg. Klar, wenn man in zwei Tagen bis nach Hualien kommen will… Geräuschlos verziehe ich mich und arbeite die bereits bekannte Strecke nach Manzhou ein letztes Mal ab. Dort decke ich mich mit Verpflegung ein und strample ab hier neuer Strecke entgegen.


Endlich Landschaft, die ich noch nicht kenne! Und auch wenn es windig ist, bei schönem Wetter. Anna und Buggi vollenden mittlerweile ihre bereits im Dezember angefangene Inselrunde, allerdings im Uhrzeigersinn. Sowohl die beiden als auch Dennis, der bald in Hualien ist, scheinen wechselhaftes Wetter zu haben, da stehe ich mit zwölf Tagen ohne Regentropfen doch wirklich gut da. Für weiter nördlich kündigt sich leider Böses an, ich werde später wohl schauen müssen, wie ich mir das einplane.
Erst einmal geht es aber auf und ab. Die winzigen Ortschaften hinter Manzhou, die meistens aus kaum mehr als zehn Häusern bestehen und rein an der Hauptstraße liegen, verstecken sich in den Senken des Höhenverlaufs. Heißt, sollte ein Hund aggressiv werden, kann er mich an meinem langsamsten Punkt erwischen. Es passiert zwar nichts, aber diese Vorsichtshaltung kann ich nicht so schnell ablegen, gerade weil die Hofbewacher mir sehr aufmerksam zugucken, wenn ich mit meinen 12 km/h vorbeiziehe. Wenige bellen sogar, was aber auch Baustellenmaschinen gelten könnte. Zwischen den Orten ist die Straße das einzige Objekt, das den Dschungel vom Wuchern abhält und es sind gar nicht mal so wenige Affenschreie zu hören. Ja, ich gebe zu, ganz wohl fühle ich mich mit der Kombination nicht, gerade bei wachwütigen Hunden wäre ich wahrscheinlich sehr wehrlos. Insofern freue ich mich über den Lärm von Autos und Motorrädern, die zumindest kurzzeitig Tiere abhalten und Sicherheit garantieren.
Das wird aber besser, als es nach längeren Passagen endlich mal den Berg runtergeht. Hier gibt es keine Anwesen weit und breit und ich kann schnell fahren. Das muss die Abfahrt sein, von der Dennis so geschwärmt hat. Dafür war der Anstieg aber gar nicht so anstrengend. Jedenfalls ist es um mich herum wunderschön. Klar sind die Berge genauso grün wie sonstwo auch, aber es dauert noch, bis ich mich vollends sattgesehen habe. Dann sehe ich auch schon das Meer, wunderbar. Ganz ran geht es aber nicht, ein weiterer Anstieg wartet, wenn auch kürzer.

Dort sehe ich einen Unfall, ein SUV hat sich in den Seitengraben gelegt. Mein Hilfe wird nicht gebraucht, stattdessen feuern die Ruinierten mich an, und tatsächlich, wenige Kurven später begegnet mir bereits das Polizeiauto mit Blaulicht. Als es dann endgültig bergab geht, komme ich richtig ans Meer. Dass es windig ist, wäre untertrieben, ein Zementmischer vor mich wirbelt so viel Sand und Staub auf, dass die Straße für bestimmt 100 Meter komplett zugenebelt ist.

An der breiten Promenade wartet das erste Tageshighlight. Nicht nur beeindrucken die hohen Wellen, dem Wind gemäß, sondern in kurzer Entfernung tut sich so etwas wie ein Dünenberg auf. Straßenschilder ernennen die Attraktion sogleich zur kleinen Wüste, frei übersetzt, was für taiwanesische Verhältnisse, und gerade für die steinigen Verhältnisse der Ostküste aber durchgeht. Auf dem Sandabschnitt der Strandes fahren mehrere Quads und der Bereich davor ist abgesperrt, als ob es eine Baustelle gäbe. Natürlich weiß ich es nicht genau, aber die Quads sehen mir eher nach Spaß aus, und eine Baustelle ist auch nicht zu erkennen. Spaßige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?

Am Promenadenende warten mehrere lustige Dinge. Zuerst fällt mir die weiße Statue auf, die der Buddha-Statue von gestern stark ähnelt. Ehrlich gesagt, finde ich so etwas viel schöner und beeindruckender als die ganzen farbreizenden Tempel. Letztere sehen m.E. allzu oft aus, als kämen sie allesamt aus der gleichen Plastikfabrik, während die weißen Steinstatuen dezenter daherkommen, eine mystische Atmosphäre generieren und mit wenigen Klingbling individueller erscheinen. Und dann gibt es ein Grundstück am Ufer, das nicht gerade bewohnt aussieht, aber ziemlich coole Gartendekoration aufweisen kann. Eine Treppe in den Himmel ist leider gesperrt, allerdings windet es so heftig, dass ich mich ehrlich nicht raufgetraut hätte. Nicht gesperrt, aber garantiert an kein Abwassersystem angeschlossen sind zwei Toiletten, die vermutlich ungewollt die Inkarnation einer ganzen Meme-Sektion darstellen. Im dazugehörigen Pavillon stelle ich mein Fahrrad ab, überall sonst würde es nämlich umwehen.



Der nächste Abschnitt führt an der Küste entlang. Vermutlich hätte ich oben in den Bergen klüger abbiegen und mir einige Meter sparen können, aber schon vor Längerem habe ich mir weiter vorne einen Strand markiert, den ich sehen will. Außerdem hat es sich jetzt schon gelohnt, nach unten zu fahren. Jedenfalls komme ich nicht allzu schnell voran, ziemlich konstante 10 km/h auf frisch geteerter Straße sind das Maß der Dinge. Ich kann die Wellen in meine Richtung kommen sehen, das ist sehr beeindruckend.
Dann: Noch mehr Strandarbeiter, die auf einem langen Kiesabschnitt mit kleinen Baggern umherfahren, ohne etwas zu transportieren. Der Strand sieht ziemlich unangetastet aus und die jüngeren Arbeiter sitzen entspannt am Rand. Ein Mopedfahrer lässt seinen Hund hinterher trotten, wirklich Next-Level-Gassi-Gehen.

Am 旭海沙灘 „Xù hǎi shātān“ Xuhai Beach, der ganz nett ist, aber halt irgendwie auf meiner Liste stand, hält eine Motorrad-Gang aus fünf Jungs und macht genau wie ich ein paar Fotos. Ich gehe sogar runter bis zu den Steinen und schaue mir die Wellen so nah an, wie es eben geht. Baden ist hier glaube ich bei jedem Wetter unerdenklich. Aus dem Wellenschaum, von dem es nicht zu wenig gibt, reißen einzelne Brocken ab und wehen durch die Luft. Die Luft schmeckt nach Salz, und das sage ich nicht nur so, der fliegende Schaum erklärt es.

Weiterhin gibt es am Rand der Straße kaum bewohnte Häuser. Abgesehen von Baustellen, für die gefühlt unendlich Arbeiter zur Verfügung stehen, findet man vor allem Militäreinrichtungen, sowohl alte als auch eine moderne Anlage mit Stacheldraht. Ich weiß noch, dass davon André erzählt hatte, dass früher viele Armeebauten sowie Flugplätze an die Ostküste verlegt wurden, da sie dort schlechter bis unmöglich für China zu erreichen waren. Dieser Vorteil hat sich unlängst egalisiert, was bleibt, sind die dunkelgrünen Ruinen.




Eine Polizeiwache weist schließlich den Weg ins Inland. Taitung wird hier „Taidong“ geschrieben. Aha, so lokal ist man also. Da muss ich kurz ausholen, auch wenn ich es vielleicht schonmal erwähnt habe: die englischen Namen der allermeisten Städte und Stadtteile kommt aus einer Zeit vor dem Pinyin, entsprechend werden diese im internationalen Kontext anders ausgesprochen. Kaohsiung wird bspw. „Gao-xiong“ ausgesprochen, das „K“ ist also eigentlich ein „G“. Und so weiter, Betonungen außen vor gelassen. Genau dasselbe für Taitung, und daran zeigt sich eine wunderbare sprachliche Logik der taiwanesischen Städtenamen. Das „Tái“ sowohl in Taiwan als auch in den größten Städten ist nämlich überall dasselbe. Tatsächlich schreibt man mal 臺, mal vereinfachter 台, die Bedeutung ‚Turm‘ bleibt aber dieselbe. 灣 „wān“ heißt soviel wie Bucht, folglich deutet der Inselname (reine Vermutung) auf die hohen Berge und die vielen Buchten bzw. die Uferlänge hin. Turmbucht, Insel der Berge und Buchten, je nachdem, wie man will. Weil 北 „běi“ Norden, 東 „dōng“ Osten und 南 „nán“ Süden bedeutet, ergeben sich die Namen der großen Städte von selbst: 臺北 „Táiběi“ (Taipei), 台東 „Táidōng“ (Taitung), 臺南 „Táinán“ (Tainan). Mit 西 „xī“ als Westen gibt es leider keine Entsprechung, dafür bedeutet 中 „zhōng“ die Mitte und gibt 臺中 „Táizhōng“ (Taichung) seinen Namen. Der Vollständigkeit halber noch die anderen wichtigen Städte: 高雄 „Gāoxióng“ (Kaohsiung) heißt so viel wie große Männlichkeit, 花蓮 „Huālián“ (Hualien) ist eine Lotusblume, 桃園 „Táoyuán“ (Taoyuan) der Pfirsichgarten, 新竹 „Xīnzhú“ (Hsinchu) der neue Bambus und 嘉義 „Jiāyì“ (Chiayi) hat irgendwas mit Gerechtigkeit im Namen. Na, da bin ich ja in der feministischsten Stadt überhaupt gewesen.
Auf jeden Fall führt Google mich irgendwann von der Hauptstraße weg, was mich ein wenig besorgt. Es sieht immerhin nicht nach Höfen aus, dafür weicht der Teerbelag einer Art Kiesplatte, und rechts und links türmt sich der Urwald auf. Über 500 Höhenmeter sollen es auf den nächsten Kilometern werden, Hallelujah. Den großen Hinweis auf irgendwelche grasslands sehe ich noch, dann bin ich erstmal allein. Oder fast, denn alle paar Minuten kommt auch mal ein Auto vorbei. Ein Ehrenmann hält sogar an und reicht mir eine Convenience-Store-Wasserflasche aus dem Fenster. Ablehnen ist keine Option, ich danke vielmals.

Richtig spooky wird es erst, als ich selbst diese breite Straße verlassen und einen engeren, steileren Weg einschlagen muss. Wenn das Satellitenbild bei Maps schon keine Straße erkennen lässt, ist das immer besonders beruhigend (nicht). Freilich liegt das an den auskragenden Baumkronen, aber trotzdem. Es ist hier oben, und im Schutz des Blätterdaches relativ unwindig, aber selbst im niedrigsten Gang muss ich regelmäßig anhalten, wo steil ist es. Von allen Seiten höre ich Affenschreie, wenn auch zeitlich versetzt. Manche Arten, besonders der Felsenmakak, können aggressiv sein, trotzdem fühle ich mich nicht so bedroht wie von den Hunden.

Prinzipiell macht die Route alleine sogar Spaß. Während ich mich totschwitze, flattern Schmetterlinge aus jedem Loch und jede zweite Kurve zeigt mir meine eigene Fresse im Verkehrsspiegel. Später kann ich sogar einen Blick aufs entfernte Meer erhaschen und staunen, wie weit ich bereits gekommen bin. Gruseln tue ich mich zwei, drei Mal, als ich die Äffchen für Sekundenaugenblicke irgendwo entlangschwingen sehe und dann wieder nur ihr Kreischen vernehme. Einer setzt sich auf einen Ast direkt über dem Weg, woraufhin ich ein paar Sekunden lang Mut und Kraft sammeln muss, durch die Stelle durchzujagen. Ich weiß nur, dass die Affen in Kaohsiung manchmal auf Leute springen, das käme mir hier ziemlich ungelegen. Eine Campingplatz-Abzweigung passiere ich einfach, nicht mein Territorium. Als eine Bikergruppe entgegenkommt, lachen sie allesamt und winken.

Endlich erreiche die obere Landschaft, wo an einem Aussichtspunkt zwei mittelalte Männer in Jeans, massiven Stiefeln und dicken Windjacken stehen. Wir können uns nicht verständigen, nur nett zulächeln. Ich esse mein letztes Brötchen und buche mein Hostel in 大武 „Dàwǔ“.


Die eigentliche Wegstrecke lege ich erst ab hier zurück. Ewigkeiten geht es leicht bergauf, durch entspannte Kurven, bestimmt mehr als die Hälfte aller Autofahrer jubelt mir zu oder hupt aufmunternd.


Irgendwo im Landesinneren erreiche ich dann den höchsten Punkt, den Ost-Wess-Pass. Die Ampeln an dieser Kreuzung schalten vermutlich nie etwas anderes als den Standy-by-Modus. Die Route mit der Nummer „1-9“ trifft auf die von Westen kommende Nummer „1“, welche die stets referierte Tour bezeichnet. Allerdings sehen die Schilder für sämtliche Routen sehr ähnlich aus, was zu einiger Verwirrung führt. So bin ich wohl auch nach Hsinchu falsch abgebogen. Die Bodenmarkierung ist bei allen Routen übrigens gleich. Und dann stelle ich fest: Ahhh, ab hier kenne ich die Strecke wieder! Ende Oktober bin ich hier mit Verena runtergefahren, auf dem geliehenen Roller. Also kenne ich den nächsten Ort, „Daren“, ja bereits. Verena hatte mich damals davor gewarnt, mich zu sehr in die Kurven zu legen, aber jetzt bin ich alleine, außerdem haben Ray und Gibson in der Zwischenzeit bewiesen, dass die Physik das Reinlehnen zu einem gewissen Grad durchaus mitmacht.
Ich kenne meine Grenzen auf jeden Fall und habe einen Heidenspaß an der Talfahrt, für die ich ganze 27 Minuten brauche. Es sind noch die gleichen Baustellen in Betrieb wie vor drei Monaten, sogar das Wetter ist ähnlich. Seit ich oben bin, hat sich die Wolkendecke zugezogen. Mein Tshirt reicht nur noch, solange ich schwitze. Entsprechend ziehe ich im FamilyMart in Daren den Fleece über und setze mich fast anderthalb Stunden rein, wo laut telefoniert wird und eine Jungsgruppe nicht einmal fürs Essen die Radhelme abzieht. Das Hostel ist um kurz vor vier fast erreicht, Zeitdruck habe ich keinen mehr.


Ich fahre also so, dass ich die letzten Minuten in der Dämmerung verbringe, wenn man das so nennen kann. Am Wasser ist es wieder übermäßig am Wehen, trotz großem Abstand windet das Meerwasser regelmäßig in mein Gesicht. Der Komoot-Link für heute ist hier. Ich denke, man kann meine Beschreibungen gut mit ihm abgleichen. Der Hostelleiter kassiert meine 600$TD (16,20€), führt mich ins Zimmer und empfiehlt, Restaurants vor 20 Uhr aufzusuchen. Mein Raum besteht aus einer riesigen Trennwand und zwei Betten, wobei die Unterkomstruktionen und die Bodenfliesen mehr als nur stark an das Dorm erinnern. Im Treppenhaus riecht es stark nach Rauch und das Badezimmer wurde in den Raum gebaut, der am Entwurfsende noch übrig blieb.


Die umliegenden Etablissements sind mir aber zu teuer, ich esse im Nachbar-7/11. Da kann man sich auch angenehm an einen Tisch setzen und in Ruhe seinen Dingen nachgehen. Beispielsweise rechne ich mir grob die Planung der letzten zehn Tage durch und schaue eine Reportage, in der in Leipzig propalästinensische und proisraelische Linke gegeneinanderprotestieren. Ein eigener Mikrokosmos.
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