大武 Dawu -> 台東 Taitung
Diese Nacht schlafe ich deutlich besser, obwohl mir beim Einschlafen gestern erstmalig etwas übel war, vom ganzen Convenience-Store-Fraß. Trotzdem muss genau der fürs Frühstück herhalten, ich beschränke es auf das Nötigste und schaue mir Ihsans Taipei-Vlog an. Die Zeit in Berlin nutzt er also, um das Erlebte zu verarbeiten. Eine coole Sache schaue ich mir dabei gerne ab, denn die Normal-Budget-Variante für „Taipei 101“ scheint sich zu lohnen. Für angeblich nur 540$TD (14,50€) darf man in den höchsten Stock und dort nicht nur in jede Richtumg hinausschauen, sondern auch das gewaltige Pendel beobachten, das Erdbeben und Winde ausgleicht. Außerdem erfahre ich, Taipei sei die drittmodernste Stadt der Welt. Wer das sagt oder an welchen Kriterien man so etwas festmacht, frage ich mal nicht.

Die heutige Strecke geht wie von Dennis angekündigt, ausschließlich über die an der Küste liegende Landstraße. Apropos Dennis, bei ihm im Norden regnet es jetzt über mehrere Tage durchweg, ich kann es nicht lassen, auf seine Beschwerde mit einem Foto aus dem Sonnenschein zu antworten. Zu Beginn erreiche ich auf jeden Fall erstmal das richtige Dawu, genächtigt hatte ich nur in einem Vorort. Die lokale Attraktion ist eine „Rainbow Street“, die interessanter klingt, als sie ist.


Den ganzen Tag werden mich unzählige Laster, Zementmischer und andere Großfahrzeuge überholen, während ich mich auf den kieselversehenen Seitenstreifen verziehe. Mal geht es steil hinauf (was tolle Blicke auf die Wellen ermöglicht), mal geht es bergab.

Verglichen mit gestern ist es zwar weniger windig, nicht aber so, dass man von einer schnellen Fahrt sprechen könnte. Gerade seit ich im windigen Süden bin, muss ich mehrfach täglich an eine Infotafel im Giant-Museum in Taichung denken. Dort stand, man arbeiten beim Fahrradfahren 40% gegen die Gravitation und 60% gegen den Wind. Dass das Durchschnittswerte sind, habe ich da stark bezweifelt, aber mittlerweile gehe ich da voll mit. Auf steil nach unten führenden Straßenabschnitten kann mich die Luft urplötzlich auf unter 20 km/h abbremsen, nicht ganz so spaßig. Außerdem erlebe ich meine ersten Regentropfen, für die ich mir sogar die Jacke überziehe. Nach fünf Minuten ist aber Schluss und schwitze wieder. Den Longsleeve brauche ich für den Wind aber so oder so.
Irgendwo stößt die Bahnstrecke hinzu, die ihren Weg in den Bergen durch viele Tunnel gemeistert hat. Die meiste Zeit schaue ich einfach nach rechts, sehe, wie die Wellen teils selbst gegen den Wind ankämpfen und sich dadurch mit den nächsten vermischen, es entstehen Endlosbrecher. Fast entlang der gesamten Küste verteilen sich massiv viele Wellenbrecher, jede der Steinstrukturen ein Monstrum. Wie sind die da eigentlich hingekommen? Dass LKW die transportieren können, würde ich fast bezweifeln…


Ein schöner Ort ist die 多良觀光車站 „Duōliáng guānguāng chēzhàn“, also die „Duoliang Railway Station“. Die Bahnstation liegt etwas oberhalb der Landstraße, am Eingang eines weiteren Eingeborenenstamms, und wird vermutlich nicht mehr benutzt. Eine Attraktion ist sie trotzdem, es werden ganze 20$TD (0,55€) verlangt, um danebenzutreten. Mittelmäßig viele Leute sind gekommen, allesamt mit Auto. Sogar zwei deutsche Frauen hört man. Auf die teuren Smoothies verzichte ich, aber zum Glück fährt just in dem Moment einer der älteren Züge vorbei und hupt. Keine schlechte Kulisse.


Nicht viel später stößt man auf ein Örtchen, das den Eingang in ein Tal markiert. Weiter im Inland will ich einen ‚Hot Spring“ besuchen, dessen Google-Bilder aussehen, als würde man direkt im Flussbett chillen. Zwei Frauen im 7/11 sind leider nicht gerade behilflich, in Erfahrung zu bringen, ob man dort wirklich baden kann und wenn ja, wo man sich am besten umzieht. Die eine zeigt letztlich nur auf mein Handy, wo die Thermalquelle markiert ist und hebt den Daumen. Also fahre ich hin, der Weg ist garniert mit Luxushotels, die alle mit „Certified Hot Spring“ werben. Letztlich gelangt man aber nicht ins Flussbett, auf jeder Seite des Flusses geht es steil bergab. Da rege ich mich schon auf. Wie kann man so schwer von Begriff sein? Die eine Frau hat die übersetze Frage sogar laut vorgelesen, und ich habe die chinesischen Wörter für Klamotten und Wo erkannt, so falsch kann es also nicht gewesen sein. Wenn sie es nicht weiß, hätte sie mir das auch einfach sagen können, statt mich ins Nichts zu schicken. Leider weiß ich nicht mehr, wer mir das empfohlen hat, sonst hätte ich genauer fragen können. Auf dem Rückweg fällt mir tatsächlich auf, wie in den Höfen der Hotels gedampfbadet wird, ich bekomme ganz leichte Après-Ski-Vibes. Im „Route Nr. 1“-Guide sind übrigens noch andere Hot Springs markiert, für die empfohlen wird, sich nach einem harten Tag auszuruhen. Wäre ja schön, wenn der Ratgeber auch dazu schreiben würde, dass es ebenfalls kostenpflichtige Spa-Angebote sind und keine wilden Blubberquellen. Die gibt es nämlich auch.


In vielen Kurven der Landstraße, die großteils durch Betonpfeiler gestützt am Hang verläuft, wird im laufenden Betrieb gearbeitet. Hier wird der Boden aufgerissen, da die Fahrbahn verengt, hier werden neue Rohre verlegt, da die Autos durchgewinkt. Das Wetter klar so sehr auf, dass das Wasser auf einmal blau statt grau wirkt. Der dunkle Kiesstrand hat nämlich eine nicht zu unterschätzende, farbtrübende Wirkung. Die Bahngleise sind mal einspurig, mal zweispurig und kreuzen die mehrspurige Landstraße unzählige Male. Ein Fotograf steht auf einer Brücke und wartet, bis der nächste Zug kommt.

Ich denke schlauerweise daran, mich in einem „PX Mart“ mit Snacks einzudecken, denn erstens wird es die nächsten Tage dazu weniger Möglichkeiten geben und außerdem ist der indonesische Supermarkt billiger als jeder convenience store. Zu Mittag esse ich vietnamesisch, Abwechslung muss sein. Der Laden ist gemessen an der Besucherzahl viel zu groß und der Mann am Tisch nebenan kann nicht aufhören, mich in Taiwan willkommen zu heißen. Ich bin zwar schon eine Weile hier, aber danke.


Nach heute sind es immer noch ganze neun Fahrtage, weshalb ich mich dann entschließe, über Nacht in Taitung zu bleiben. Der Link zur Komoot-Route ist wie immer hier, es sind sogar mehr Höhenmeter dabei als erwartet. Sehr viel weiter wäre ich sowieso nicht gekommen, und in Taitung kann man wenigstens noch etwas machen. Bei Booking habe ich „Genius-Level 3“ erreicht, was auch immer das heißt. Auf jeden Fall werden ein paar Unterkünfte günstiger und ich habe sogar die Möglichkeit, mich für 10% weniger Geld vom Flughafen abholen zu lassen. Woaow! Im Ernst, 405$TD (10,90€) für ein Hostel im Zentrum sind gar nicht schlecht, besonders, weil der sympathische Gastgeber mir zu viel Geld zurückgibt. Schicksal oder so… Auf jeden Fall gibt es ein paar goldene Regeln, die er mir ausführlichst erklärt. Kein Essen im Zimmer (so wie immer), auf keinsten Fall Fremde reinlassen, immer den Schlüssel bei sich tragen, nach zehn Uhr keine Wäsche mehr waschen, und und und. Sogar wo sich Kühlschrank, Toilette und Dusche befinden, wird mir vorgetragen, als hätte ich es mit einer Maschine zu tun. Immerhin spricht Jackson Wang, der Hausherr, äußerst gutes Englisch. Der Schlafsaal ist unverhältnismäßig groß und außer kurzen Holzaufstellern gibt es keine Trennungen zwischen den Betten. Ich höre, wie sich ein niederländischer Backpacker bei einem alten Japaner einschleimt, der ihm von schwachen Yen erzählt und die Taiwanesen belächelt, nett formuliert. „We buildt a lot in this country“, meine ich zu verstehen. Auch von den Toiletten bin ich nicht ganz überzeugt. Jackson hat sie als Wunder Technik präsentiert, weil sie ein automatisches Licht haben, das bei Türschließen angeht. Allerdings steht man so zwei Sekunden im Dunkeln und dazu gibt es keine Waschbecken, nur Desinfektionsmittel…
Technisch gesehen kannte ich die heutige Strecke sogar ein wenig, weil ich die Zugstrecke bereits mit Ihsan gefahren bin und Taitung sowieso erkundet habe. Insofern steuere ich ab morgen auf gänzliches Neuland zu, da bedarf es ein wenig Planung. Ich befrage Hasan (der einmal von Taitung nach Hualien geradelt ist) und Dennis (der mir ja ein paar Tage vorausradelt). Beide gehören (mit Henry) zu den größten Faulenzern und verschicken fast ausschließlich Sprachnachrichten, das muss ich einfach mal erwähnen. Während Dennis sich die windige Küstenseite vorgenommen hat, weil er zu große Angst hat, etwas zu verpassen, wenn er nicht komplett an der Küste bleibt, ist Hasan einen klügeren Weg gegangen. Er ist zuerst ins Inland, wo es eine sehr berühmte Straße gibt und das schöne Tal, und ist dann die äußere Bergkette runter ans Wasser gefahren. Da auf der Zugstrecke nach Hualien nichts gesehen hat, was besonders wäre, empfiehlt er mir, es ihm gleichzutun. Er ist auf jeden Fall ein schlauerer Bursche als Dennis und durchdenkt, was er macht, insofern vertraue ich ihm und werde mich vermutlich daran halten. Nur sieht das Wetter für morgen nicht gerade rosig aus, ich werde wohl spontan entscheiden, ob oder wieviel es weitergeht.
Nach der kurzen Ausruhpause ziehe ich in die Stadt. Erst suche ich erfolglos einen passenden Massageladen, dann viel zu spät ein gutes Restaurant. Die, die mir gefallen, nehmen bereits 35 Minuten vor Ladenschluss, der immer sehr früh ist, keine Gäste mehr auf. Ein Buchweizen-Osmanthus-Bubble-Tea dient zur Überbrückung. Ich weigere mich aber, heute einen convenience store aufzusuchen, also lande ich etwas überraschend bei McDonalds. Auch wenn ich kein großer Fan bin, bekomme ich hier einen gesund anmutenden Quinoasalat und extrem billiges Oreo-Eis. Dazu schaue ich mir, man sollte nicht fragen warum, die Live-Rede Trumps auf dem Weltwirtschaftsforum an und werde Zeuge eines größeren Brainrots, als ich ihn sonst auf Instagram finde. Klar ist das bestimmt immer so, aber digitale Primärquellen gebe ich mir dann doch nicht so oft. Immerhin gibt es vorerst keinen Angriff auf Grönland, dafür wirres Auslassen über Macrons Sonnenbrille, Deutschlands Stromproduktion, viele ganz sicher nicht stimmende Zahlen und das Teufelswerk der Windkraft. Genau, China baut die Dinger und verkauft sie, setzt sie aber selbst nicht ein, denn sie sind ja nicht effektiv und sollen anderen Ländern nur einen Bären aufbinden. Es gäbe noch andere Dinge zu nennen, aber das hier ist kein Politik-Blog, er beschreibt nur meinen geistigen Zustand nach 40 Minuten Dauerbeschallung.

Erlöst werde ich im Hostel. Eigentlich will ich die Rede zu Ende schauen, aber im Gemeinschaftsbereich traue ich meinen Augen nicht, und mein Gegenüber genauso. Da sitzt einfach Giuseppe, der Italiener, den ich letzte Woche in Taichung kennengelernt habe! Er steht auf, umarmt mich mit Handschlag und stellt mir Alice vor, mit der er sich gerade unterhält und die er ebenfalls zufällig wiedergetroffen hat, nachdem sie sich auf Xiao Liuqiu getroffen haben. Sie ist definitiv Muttersprachlerin und scheint nett, verabschiedet sich aber sobald ins Bett. Mit Peppo, wie er sich auf Instagram selbst nennt, habe ich aber noch ein bisschen was auszutauschen. So groß, wie wir glauben, ist der Zufall am Ende vielleicht gar nicht, denn er wird so wie ich einfach das billigste Hostel genommen haben. Aber wir haben noch mehr gemeinsam. Als ich letzte Woche Donnerstag bei den Dünen des westlichsten Punktes war, war er am selben Tag auch dort, und wir hatten kurz geschrieben, dass wir uns verpasst haben. Er war dort per Motorroller mit einem anderen Ausländer, den er immer nur „that guy“ nennt und der scheinbar auch gerade hier im Hostel ist. Auf jeden Fall hat Giuseppe dort exakt dieselben Erfahrungen mit Hunden gemacht wie ich. Sogar auf dem Moped wurden sie verfolgt, und hatten den entscheidenden Nachteil, nur umständlich wenden zu können. Peppo wurde genau wie ich fast gebissen, zumindest waren die Hunde mehrfach fast an ihm dran. Er zeigt mir, dass sogar bei der eigentlichen Attraktion die Google-Rezensionen teilweise auf aggressive Hunde in der Gegend hinweisen. Aber gut, wer schaut sich schon Google-Rezensionen an, wenn die Bilder einen bereits überzeugt haben? Peppo hatte sich da jedenfalls gefragt, ob ich den Biester eventuell einfach nicht begegnet bin, aber nein. Als Neapolitaner behauptet er, dass er noch nie größere Probleme mit Hunden hatte und dass sein Herz Alarm geschlagen hat. Viele Wörter fallen ihm beim Beschreiben nicht ein, dafür zeigt er eindrucksvoll auf die entsprechenden Körperteile. Schlauerweise hat er danach sogar gegoogelt, wie man sich in solchen Situationen am besten verhält. Und siehe da, heute habe er das neue Wissen schon anwenden können. Er sei nämlich von Taitung mit einem YouBike nach Norden gefahren, habe es abgestellt und sei zu Fuß in die Falle getappt. „No eye contact, no running, because it‘e will‘e charge the predator instinct‘e.“ Peoppo steht auf und zeigt, wie man in grober Boxerhaltung seitlich zurückweichen kann. Interessant! Wir lachen uns tot, sind vermutlich beide froh, uns die Gefahr nicht nur eingebildet zu haben.
Für die Ostküste gebe ich ihm noch ein paar Denkanstöße mit, denn die wenige Zeit der nächsten vier Tage will gut geplant werden. Lü Dao überlegt er genauso wie einen Mietwagen nach Hualien auszuleihen und natürlich dort Zeit zu verbringen. „I will decide tomorrow.“ Er erzählt mir noch, dass er am fünften Tag in Japan (zu Beginn seiner Reise) sein Handy verloren hat, wie lange sich die zwei Wochen in Taiwan bereits anfühlen und dass er aber seinen besten Freund in Thailand treffen will. Von da aus soll es mit „slow boats“ nach Laos gehen und dann nach Vietnam. Klingt nach einer spannenden Route, die Verena mittlerweile auch gemacht hat. Scheint beliebt zu sein. Peppo und ich verabschieden uns, wie wir uns kennengelernt haben, beim Zähneputzen im billigsten Hostel der Stadt. „Was a pleasure“ sagt er und umarmt mich nochmal, dann müssen wir schlafen.
Ich stelle mir den Wecker früh, denn sollte das Wetter gut werden, habe ich eine enorme Strecke vor mir. Wenn nicht, behalte ich mir aber alle Optionen vor, vom Chilltag bis zu spontanen Zwischenlösungen.
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