台東 Taitung -> 池上 Chishang
Ich frage mich wirklich wieso, aber Taitung scheint militärisch derart relevant, dass man anständig überbeschallt wird. Die zutiefst fliegenden Jet-Paare ziehen alle paar Minuten ihre Kreise und wecken mich daher schon lange vor meinem Wecker. Freilich waren sie gestern Nachmittag auch schon da, vielleicht nur 100 Meter über dem Boden, und von meinem Trip mit Ihsan erinnere ich dasselbe.
Im Gemeinschaftsraum höre ich zwei viel redende Stimmen. Durch eine Milchglas-Trennwand erkenne ich die Silhouette des sich beim alten Japaner einschmeichelnden Niederländers. Ich kenne keinen von beiden, aber irgendwie regt mich das zustimmende Gelächter von Letzterem auf. Allein die 2D-Projektion zeigt, wer wem mit erhobenem Zeigefinger die Welt erklärt und wer dazu sabbert wie ein Kleinkind. Ist ja nicht auszuhalten. Natürlich treffe ich Giuseppe nochmal beim Zähneputzen, und jetzt bekommen wir es auch gebacken, ein gemeinsames Bild zu schießen. Tatsächlich hat er sich gegen Lü Dao und für das Inland entschieden. Wer weiß, wo man sich nochmal zufällig trifft…

Das Wetter ist grob bewölkt, weshalb ich den Tag entspannt angehe. Ziel ist der „Brown Boulevard“, eine berühmte Straße im Inland der Ostküste. Wieso, wird sich zeigen, ich will nicht spoilern. Auf jeden Fall liegt sie in einer moderaten Entfernung von etwa 60 Kilometern und sofern ich in der Nähe übernachte, habe ich morgen die kleine Chance, sie auch noch bei gutem Wetter zu betrachten.
So verlasse ich das „Hostel Who Knows“ in Taitung und damit das mir bekannte Gebiet. Gen Norden erwarten mich die Berge und der Eingang in das angeblich so schöne Tal der Ostseite. Zunächst aber bleibt der Eindruck der Großstraße. Neben Trucks en masse sehe ich zum ersten Mal Fußsoldaten und anschließend zwei militärische Transportlaster. Solche, bei denen man hinten reinschauen und sich gegenübersitzende Militärs beobachten kann.

Trotzdem zeichnet sich eine gewisse Natur ab. Viele bauernhofartige Grundstücke verfallen still und leise, das Grün nimmt überhand. So, wie manche Abdeckplanen zerschlissen und überwuchert sind, sieht die Gegend maximal verarmt aus. Die typischen Garagen, in denen jedes Bauteil und jedes Werkzeug gerade da abgelegt wurde, wo es zuletzt benutzt wurde, verschönt diesen Eindruck nicht gerade. Generell sieht vieles aus wie in einem Teenagerzimmer. Nur eben auf Werkstätten, Vorgärten und offene Küchen angewendet.


Nach einer knappen Stunde beschließe ich, mir mein Frühstück erkämpft zu haben, und speise in einem Feinkostrestaurant namens „SevenEleven“. Ganze sechs Produkte auf die Theke zu legen, kommt mir ganz schön protzig vor. Und gefräßig natürlich. Entsprechend lasse ich mir Zeit und höre nebenbei ein Interview über Putin, das mir für große Teile des Resttages Gedankenlangeweile nimmt. Danach dehne ich mich und fahre weiter gegen den Wind bergauf. Eine Limousine erregt meinen Blick, ansonsten alles normal. Schön wird es, und das dürfte auch den endgültigen Eingang in das etwa 150 Kilometer lange Tal markieren, als es endlich runter und über die Brücke eines riesigen Flussbettes geht.



Wie ich später erfahre, lege ich beim Weg hinunter nicht ansatzweise die vorherige Steigung zurück, sodass das Tal insgesamt deutlich über dem Meeresspiegel liegen muss (auch wenn es kein bisschen auffällt). 鹿野 „Lùyě“ heißt die erste Ortschaft und begrüßt mich mit großen, naja, Schriftzeichen im Hollywood-Stil. Es gibt natürlich in ganz Taiwan diese Flussbetten (man könnte das Land sogar nach ihnen in Abschnitte teilen, ähnlich der nordmazedonischen Flagge), trotzdem faszinieren sie mich immer wieder. Zur aktuellen Trockenzeit fließt das Wasser, wenn überhaupt, nur durch einen winzigen Nebenkanal, sodass eine karge Steinwüste übrig bleibt, die sich bestens zum Wandern eignen würde. Ist garantiert verboten, auch weil in den meisten Senkungen Bagger herumfahren und arbeiten, aber schön wäre es wohl.
Hinter der Brücke zeigt das Fahrradroutenschild auf einmal zur Seite. Maps überzeugt mich, es zu versuchen, auch wenn es dadurch nochmal stark nach oben geht. Viel Strecke werde ich heute eh nicht machen und kann mir daher Zeit lassen und die Höhenmeterstatistik aufbessern. Die 鹿野高台 „Lùyě Gāotái“, also die Luye Highlands, kündigen sich an der Felswand mit humorvollen und schönen Bildern an. Es ist ein grundsätzliches Merkmal von Taiwan und seinen Nationalparks, Reserve Areas und wie das Zeug sonst noch heißt, dass ihre Eingänge nämlich zumeist mithilfe von konischen Steinen, zumindest angeschrägten Elementen, dekoriert werden. Das sieht gleichzeitig modern und nicht zu auffallend aus. Bei Häusern würde ich es nicht mögen, aber dafür passt es.




Die Abkürzung über einen Bauernhof spare ich mir aus allseits bekannten Gründen, es wäre eh sehr steil geworden. Stattdessen geht es mit moderater Neigung durch eine sehr einsame Visitor-Center-Anlage, in der die Bediensteten die einzigen Lebenszeichen senden. Am Hang sehe ich ein Tipi-Zeltlager, ein paar Obstbäume und immer mehr freie Flächen. Zwar findet heute keine Fliegershow statt, gelohnt haben wird es sich trotzdem. Ganz oben befindet sich nämlich eine Grünfläche, die nicht nur sehr groß, sondern auch wie ein Chip geformt ist, derjenige zum Essen. Hyperbolisches Paraboloid nennt man das glaube ich. Wobei die nach unten gekrümmte Parabel schon stärker ist, muss ich zugeben. Auf jeden Fall gibt es eine hölzerne Aussichtsplattform, auf der dann doch wenige Menschen zu sehen sind. Ich laufe hoch, lasse mich fotografieren und genieße den Rundumblick. Ich weiß gar nicht, ob ich ein vollständigeres Panorama in Taiwan bisher hatte. Entsprechende 360-Grad-Bilder habe ich stand jetzt nämlich kaum gemacht.



Besonders cool finde ich, sowohl meinen Anfahrtsweg als auch die nächsten zig Kilometer sehen zu können. Die Strecken handfest vor Augen zu haben, in Form des in den Horizont gezogenen Tals, ist irgendwie motivierend. Jetzt habe ich eine viel bessere geografische Vorstellung davon, inwiefern die Ostküste zweigeteilt ist, mit der unmittelbaren Küste hinter der einen Bergkette. Den Ausblick genieße ich dann noch aus anderer Perspektive auf dem Hang.

Im Folgenden geht es sehr lange bergab, sehr lange geradeaus. Es sind erstaunlich viele Reisebusse unterwegs, vielleicht aber auch nur aus Logistikgründen. Gehäuft im Straßenbild sehe ich jetzt die alten taiwanesischen Omas, die die traditionelle Arbeiterkleidung mit dem breiten Hut tragen und mit aller Zeit der Welt ihre Wege zurücklegen. Die Gefährte variieren wie immer zwischen klapprigem Damenrad und einer Mischung aus Rollator, Golfmobil und elektrisiertem Dreirad. Jungs auf Motorrädern, die sich rosafarbene Schilder auf den Rücken gehängt haben, jubeln mit mehrheitlich zu, ab und zu tut es ihnen ein Truckfahrer gleich und hupt. Die Bepflanzung osttaiwanesischer Felder (und von denen gibt es jede Menge) unterscheidet sich erkennbar von der Westseite. Zum einen erkenne ich jede Menge Pflanzen, die wie Palmen auf der Erdoberfläche aussehen. Wenn mich nicht alles täuscht, Aloe Vera. Ansonsten sehe ich auf jeden Fall keinen Mais, dafür anderes Gemüse. Weil auch der Talboden ein Tal ist (zumindest, wenn man es genau nimmt), stapeln sich viele Felder in die Höhe. Das Wasser aus dem ersten seiner Reihe wird in das zweite weitergeleitet und so weiter. Das ist zwar kein Bilderbuch-Vietnam, aber das Prinzip gilt. Es finden sich weniger Bäume zwischendrin, auch weniger Hütten, weshalb eine sehr flache Gegend entsteht. Die Maschinen, mit denen beackert wird, könnten die mittelalterlichen Geräte im Westl sogar noch untertreffen und ohne Weiteres aus einer Steampunk-Fantasie stammen, in der jede Schraube wackelt, nur um cool auszusehen. An einer Stelle entdecke ich sogar einen Lade-Truck, der den ‚Traktor‘, wenn man es so nennen darf, am Ende wieder einlädt. Straßentauglich ist der nämlich nicht. Leider habe ich kein Bild, auch weil ich den armen Bauern nicht ins Gesicht filmen will, aber die winzigen Räder unter der Maschine, die manuell ausklappbaren Säh- und Ernteaufsätze, das Sonnenschirmdach gegen Hitze und vor allem Wind und wie gesagt das allgemeine Ruckeln, das man auch aus der Ferke erkennt, sollten aus Beschreibung genügen.



Die Natur ist im Detail aber dieselbe. Der gleiche Grünton durch und durch: Schlingpflanzen, Gräser, Büsche, Hangbewuchs folgen alle derselben Farbdoktrin. Natürlich sind auch Bergvolumen, die niedrige Wolkensetzung und die bereits erwähnten Trockenschluchten nichts Neues. Ich freue mich über alles, was ich sehe, weiß aber schon, dass ich gut damit werde abschließen können, wenn ich die im Groben betrachtet monotone Natur irgendwann verlasse. Auch werde ich fehlende Fußgängerwege, unübersichtliche Rechts-vor-Links-Kreuzungen, knapp überholende Motorräder und plötzliche Schlaglöcher nicht vermissen. Wobei letzteres nicht von Taiwan abhängen dürfte. Bei der ganzen schlechten Infrastruktur hier bekomme ich intuitiv Lust, mal wieder Minecraft zu spielen und die Welt nach meinen geometrischen Vorstellungen zu formen.

Bei den Fahrradweg-Nummern blicke ich wirklich nicht mehr durch. Statt dass die Nummer eins ausgeschildert wäre, darf ich mich plötzlich zwischen 48 und 48-1 entscheiden, also fange ich an zu freestylen. Und finde einen namensverdienenden Fahrradweg am Talrand, der glatt geteert ist und schöne Kurven macht, bis hin zu einer überlebensgroßen Briefmarke.



Luftlinie bin ich nicht mehr weit von der berühmten Straße entfernt, brauche aber lange, mir einen Weg zu bahnen. Zum einen zwingen mich sich auf die Straße stellende, hibbelige Hunde, andere Routen einzuschlagen, dazu führt nur eine weit entfernte Brücke über ein nächstes Flussbett.

Dann ist es aber soweit: Ich erreiche den 伯朗大道畫框 „Bó lǎng dàdào“, den „Brown Boulevard“. Berühmt für sein einzigartiges Panorama, bedingt durch nichts als Felder außenrum und eine schräge Richtung im Vergleich zur Talausrichtung, lockt er selbst an diesem grauen Donnerstagnachmittag ein paar Touristen an. Selbstverständlich alles Taiwanesen, der komische Vogel bin immer noch ich. Dabei fahren sie fast alle wie die größten Vögel herum, mit ausgeliehenen Fahrmobilen. Als könnte man sich nicht einfach ein YouBike nehmen, oder noch besser, einen Spaziergang machen. Sowohl auf der Straße als auch vor einem berühmten Bilderrahmen, in den man sich stellen kann, wird mir bei den Fotos geholfen, wobei die Gruppe beim Rahmen eindeutig ausbaubedürftige Fotografierskills hat. Die Straße, vor allem die Sicht entlang ihrer Fluchtlinie ist aber auch genial. Obwohl das Wetter und damit auch die Farbigkeit der Landschaft maximal durchschnittlich ist, beeindruckt es. Für diesen Ort spreche ich eine uneingeschränkte Empfehlung aus.





Ein Glück gibt es selbst an so stillen und abgelegenen Orten öffentliche Toiletten, was für ein Luxus. Auf die Felder zu urinieren, hätte ich nicht nur nicht bringen können, weil man es meilenweit hätte sehen können. Es wäre auch maximal asozial, weil dort Essen wächst.
Kurz darauf erreiche ich den Pavillon, den Hasan mir geschickt hatte und für den er empfohlen hatte, bei Möglichkeit darin zu nächtigen. Die Location ist schon krass, das stimmt, aber 13 Grad sind mir dafür eindeutig zu kalt und ein ziemlich verrückt wirkender Opi hat sich schon breit gemacht.

Als letztes umquere ich den örtlichen 大坡池 „Dàpō“-Pond, ein netter Ort. Mein Hostel habe ich nebenan in 池上 „Chíshàng“ gebucht, eine für Ostküstenverhältnisse große Festung. Es gibt sogar einen Bahnhof und mehrere Übergänge, sowie den Plural von convenience store und meines Wissen den letzten PX Mart für lange Zeit. Dort werde ich morgen früh noch einmal vorbeischauen.


Sogar in den Straßen bellen sich die Hunde an und machen Stress. Hasan schreibt mir derweil, dass er auf dem Weg hierher ebenfalls Probleme mit denen hatte, das beruhigt und beunruhigt mich gleichzeitig. Dennis hat gestern übrigens den gefährlichen Hualien-Abschnitt hinter sich gebracht und natürlich erst im Nachhinein herausgefunden, dass davon abgeraten wird. Tatsächlich hat er dabei wohl wenig Spaß empfunden, denn es der Verkehr sei zahlreich gewesen, dazu ein paar Tunnel, auch wenn die Fahrradmarkierung durchweg angebracht sei. Ich bleibe aber dabei, mich erst kurz vorher festzulegen. Vermutlich wird mir auch das Wetter bei der Entscheidung helfen. Zunächst ist hier der Komoot-Link für heute.
Mein Chishanger Hostel ist jedenfalls klasse! Die Frau am Tresen spricht perfektes Englisch, reicht mir zur Begrüßung eine Tüte Pocari-Sweat-Pulver (Elektrolyte) und überbringt die frohe Botschaft, dass das Frühstück morgen inklusive sei. Außer mir nächtigt nur eine andere Frau und die Einrichtung ist liebevoll gestaltet: Organische Deckenpaneele, eine Sofaecke mit Bücherregal in der Lobby, Platz zum Abstellen meines Fahrrads, einige Pflanzen, Wandbemalung und -bebilderung, ein Aquarium. Das Obergeschoss ist abgespaced, und das meine ich wörtlich. Neunfarben in den quadratischen Regalfächern, steril weiße Möbel und der Schlafsaal toppt alles. Jedes Bett ist eine eigene Kapsel, die bestimmt nicht nur zufällig im Raumschifflook gestalten wurde. Mit der persönlichen Chipkarte, die übrigens in einem handgeschriebenen Umschlag serviert wird, kann man die Schleusentür zum Bett öffnen. In dem sieht es nach acht Monaten Marsmission aus, verschiedene Lichteinstellungen erzeugen weltraumhafte Atmosphäre und totale Anonymität. Irgendwie cool, nach so vielen Billo-Unterkünften. Bei Fragen soll man sich sofort melden, tatsächlich empfiehlt die Rezeptionistin ein vegetarisches Restaurant um die Ecke. Und das, obwohl das Hostel selber Speisen anbietet. Die 585$TD (15,80€) würde ich fast gerne ein zweites Mal zahlen, aber morgen soll es regenfrei bleiben, was mir beim Fahren gelegen kommt. Außerdem habe ich die Attraktionen hier in der Gegend jetzt ja schon gesehen.



Das Restaurant funktioniert ganz klassisch: Ich suche mir die Zutaten aus, zahle pro Einheit und bekomme alles zusammen als Suppe gekocht. Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass doch nicht alles vegetarisch ist, aber das ist jetzt halt so und der Rest schmeckt auch wirklich gut. Vorausschauend hebe ich dann noch etwas Geld für die kommenden Tage ab und begebe mich zurück in die Unterkunft, die übrigens im leersten Stadtteil überhaupt steht. Hier ist nach acht Uhr abends wirklich gar nichts mehr los.


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