Radtour Tag 17 (Sonntag, 25. Januar)

花蓮 Hualien

Den Schnarcher der Nacht begegnet mir im Treppenhaus, und mir fällt sofort auf, dass deine üppige Statur der von James durchaus ähnelt. Ich weiß es nicht absolut, aber könnte es einen Zusammenhang zwischen dieser und einer gefährlichen Schnarch-Apnoe geben? Gesund ist beides jedenfalls nicht und die Apnoe beeinflusst die Schlafgesundheit anderer Hostelgäste massiv. Sogar im Stockwerk drüber haben Anna und Buggi den Störer gehört, ich selbst musste längere Zeit mit Kopfhörern rumprobieren, bis ich endlich eingeschlafen bin.

Nach kurzem Frühstück verlässt das deutsche Team „A Good Man Hostel“ und sucht sich ein besseres. Vorher geht es aber in ein Louisa-Café in der Nähe, denn um neun Uhr startet Alex Honnold, ein amerikanischer Extremsportler, die erste Solo-Free-Climb-Besteigung des Taipei 101. Über Netflix lässt sich die halsbrecherische Aktion in Echtzeit verfolgen, 90 Minuten schauen wir gebannt auf meinen Handybildschirm. Eigentlich wollte er die Aktion gestern starten und hatte auch unter der Woche bereits gesichert auf die schwierigen Kletterpassagen vorbereitet, allerdings ist er dann im ersten Stockwerk abgerutscht und hat die Aktion um einen Tag verschoben. Prinzipiell passiert nicht viel mehr als das Zeigen von Nahaufnahmen eines konzentrierten Kletterers, und auch die Kommentatoren geben jede Menge Nonsens von sich. Trotzdem ist es unfassbar spannend. Jeder leicht falsch gesetzte Griff oder Tritt kann zum unmittelbaren Tod führen, und das mitten in Taipei. Netflix sendet zwar mit Verzögerung, um bei Bedarf einen Blackscreen zu schalten, aber allein die Vorstellung eines Absturzes maximiert den Spannungseffekt. Auf dem Weg gaffen hunderte Menschen von innen nach außen und schießen Fotos. Während ich vor allem das moralisch verwerflich finde (man stelle sich vor, der Sportler stürzt wegen einem fotogeilen Störer ab…), wird in Medien eher kritisiert, dass Honnold zwei kleine Kinder hat sowie eine Frau, die vor Ort ist und unterstützend, aber auch ängstlich um ihren Mann zittert. Es geht aber alles gut. Nach ziemlich genau 90 Minuten, die der Kletterer selbst so prophezeit hat, steht er auf der allerobersten Kugel, schaut in alle Richtungen und macht ein Selfie. Nachdem kurz nach der Eröffnung 2004 ein anderer die Besteigung mit Sicherung geschafft hat, ist es jetzt also „free solo“ geschehen und beeindruckt erstmals auch über einen Streaming-Dienst die Massen. Eine lächerliche sechsstellige Zahl habe er damit verdient, sagt Honnold auf Social Media. Na gut; auf jahrelange Vorbereitung runtergerechnet ist das im Vergleich zu anderen Spitzensportlern wirklich nichts.

Währenddessen hat Hualien begonnen, noch regnerischer zu sein, sodass wir im Café bleiben und überlegen, ob wir den kleinen Wasserturm gegenüber schaffen würden. Buggi ist so langweilig, dass er minutenlang auf einen braunen Fleck starrt und überlegt, welches Tier es sein könnte. Mittagessen gibt es in einem Thai-Restaurant, das leckeres, für hungrige Radlermägen aber zu wenig Essen anbietet.

Pausetag in Hualien

Am Nachmittag suchen wir einen Second-Hand-Buchladen auf und finden ein neues, besseres Hostel mit angenehmem Gemeinschaftsraum. In diesem chillen nicht nur jede Menge taiwanesische Gäste, sondern auch der Besitzer findet es hier angenehm. Mindestens drei Booking-Jahresauszeichnungen rühmen die Unterkunft, die nur 389$TD (10,50€) pro Nacht kostet. Die Wolkenkratzerbesteigung ist übrigens auf jedem Fernseher Thema, Schaulustige scheitern medienwirksam am ersten Riegel der metallischen Fassade. Laut Hostelbetreiber gibt es jährliche Wettkämpfe, die die schnellstgelaufene Zeit aller Treppen bis zum 91. Stock belohnen. Rekordhalter sei ein Mann, der die knapp 400 Höhenmeter in zehneinhalb Minuten absolviert hat. Dass Alex Honnold mit Klettern bis ganz zur Spitze nur etwa neunmal langsamer war, finde ich am krassesten. Ansonsten lese ich, dass Xi Jinping seinen ranghöchsten General sowie fast die ganze Militärspitze austauscht, ein angeblich beispielloser Vorgang. Hoffentlich kommt die Säuberungswelle Taiwan zugute und verschafft dem m.E. unschuldigen Land etwas Zeit.

Am Abend geht’s auf den Hualiener 東大門夜市 „Dōngdàmén yèshì“, den „Dongdamen Night Market“. Hualien ist klein genug, dass man für die meisten Wege mit Rad kaum zehn Minutek benötigt. Allerdings braucht man ein eigenes Rad, das YouBike-System gibt es hier aus irgendeinem Grund nicht. Manche Käffer auf dem Land (z.B. Chishang an der „Brown Avenue“) haben es, aber die größte Stadt des Ostens nicht… Der Nachtmarkt ist auf jeden Fall ein spezieller, und das nicht nur, weil er von taiwanesischen YouTube-Legenden gefeiert wird. Anders als die meisten Märkte seiner Art ist er nicht provisorisch aufgebaut, sondern liegt halbwegs fest installiert auf dem Hauptplatz der Stadt. Ein etwas langweiliges, aber markantes Schachbrettmuster ziert den weitläufigen Boden, längst nicht jede Ecke ist tatsächlich mit einem Stand versehen. Es gibt sogar Wegweiser, die in Richtung spezifischer Küchen weisen, unter anderem zur „Street of Mainland China Cuisine“ führen. Neben einigen Jahrmarktsangeboten findet sich reichlich fleischlastiges Essen, in nicht allzu billigen Preissegmenten, oder andersrum: nicht allzu großen Volumensegmenten (zumindest für Nachtmärkte). Trotzdem gibt es einen Laden, der uns zusagt, und der angeblich eine große Palette Veganer Produkte anbietet. „Ein schmuddeliges Hinterzimmer. Das ist die experience!“ sage ich zum gastronomischen Winzergarten, dessen durchsichtige Vorhänge sich hinter der Küche ausbreiten. Bei dieser Art von Plastikhockern ist man vor allem dankbar, einen Abstandhalter zu möglichen Kakerlaken zu haben, auch wenn ich heute gar keine sehe. Anna schwört, dass ihr Soya-Gericht mit Schweinefleisch in Kontakt gewesen sein muss, was entweder ein großes Lob oder eine negative Offenbarung sein kann. Sie erzählt außerdem, dass der Geruch des stinkenden Tofus, der heute besonders hervortritt, i.d.R. nicht vom frittierten Pflanzenspaß ausgeht, sondern von den eingelegten Stinkklötzen, deren Suppe den Gestank massiv verstärkt. Der Hostelbesitzer hat ihr erzählt, dass mal eine Frau aus dem vierten Stock nach unten gekommen ist und von der Tofusuppe eines anderen Gastes etwas abhaben wollte.

東大門夜市 „Dōngdàmén yèshì“ Dongdamen Night Market
Gastronomischer Wintergarten
Speisen in der Schmuddelecke einer Night-Market-Küche

Ein Musiker spielt angenehmes Hintergrundrauschen, sodass das Rumlatschen zwischen den anderen Ständen wohliger wirkt. Schließlich suchen wir den gegenüberliegenden Supermarkt auf und besorgen ein paar Snacks. Die Kette habe ich noch gesehen, genauso wie die Größe beispiellos ist, für Taiwaner Verhältnisse.

Großer Supermarkt

Zurück im preisgekrönten „Sleeping Boot Backpacker Hostel“ pflanzen wir uns zu dritt in die Chillerecke und übertönen das auditiv unerträgliche Essverhalten unserer Mitgäste mit einigen Folgen „The Office“. Die Serie wurde mir von Anna und Buggi oft genug als die beste überhaupt angepriesen, jetzt darf ich sie mir endlich anschauen. Einige Situationen treffen, wie vorhergesagt, meinen Humor ganz gut. Und obwohl wir uns morgen trennen, werden wir nächste Woche wohl noch ein paar Folgen zusammen genießen können. Denn wie heute festgestellt, haben wir uns jeweils separat in die Central-Park-WG eingeschnorrt. Fabi ist mit seiner Freundin immer noch in Österreich und Kaan und Philipp bis fünften Februar in Vietnam. Was für ein Glück für uns.

Preisgekröntes Hostel: Äußerst gemütliches Wohnzimmer
Das Schlafzimmer: Standard

Schlauerweise machen wir unsere jeweilige Planung abends um elf. Anna und Buggi wollen etwa 70, 80 Kilometer weit kommen und entsprechend früh aufstehen. Meine eigene Recherche ergibt, dass ich nicht nur die ‚gefährliche‘ Route mit den Tunneln vor mir habe, sondern bis zu einem bezahlbaren Hostel mindestens 113 Kilometer und nicht weniger als einen neuen Rekord an Höhenmetern auf mich nehmen muss. Ich scherze nicht, die genaue Zahl wird es wohl morgen geben. Für die Strecke habe ich mich nicht zuletzt aufgrund des gut vorhergesagten Wetters entschieden, allerdings fühle ich mich durch Dennis Bestehen bestärkt (nichts gegen ihn oder seine Fähigkeiten) und habe einfach das starke Bedürfnis, die Inselrunde mit eigener Muskelkraft zu vollenden. Damit ich möglichst sicher bin, will ich auch so früh aufstehen, denn mehr Zeit im Gepäck liefert den nötigen Spielraum, vorsichtig zu fahren und bei Bedarf (bspw. kurzzeitig erhöhtem Verkehrsaufkommen) besondere Vorsicht walten zu lassen.

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