Radtour Tag 18 (Montag, 26. Januar)

花蓮 Hualien -> 羅東 Luodong

Eine erwartbar kurze Nacht liegt hinter mir und ich bin trotzdem voller Energie, den Tag zu meistern. Größte Floskel überhaupt, aber in dem Fall stimmt sie. Je nachdem, könnte die härteste Herausforderung noch vor mir liegen, der Druck pusht. Mit Anna und Buggi frühstücke ich noch, dann fahren wir gemeinsam in Richtung Küste. Die beiden kommen die ganze Tour ohne Radfahrhosen zurecht, das finde ich wirklich verrückt. Trotz Radhose ist mein Allerwertester einfach nur wund, nach zweieinhalb Wochen aber auch verständlich. Am Molenbeginn trennen wir uns um kurz vor ach, dann bin ich nach dieser anderthalbtägigen Unterbrechung wieder alleine. Endlich losspeeden, wie es mir gefällt, das macht Spaß.

Küstenradweg Hualien

Es ist noch bewölkt und auch ein wenig nass, aber vereinzelte Strahlen kündigen das vorausgesagte gute Wetter schon an. Für die Promenade in Hualien habe ich nur gute Wörter übrig, es handelt sich quasi um einen langgezogenen Park mit Fußgänger- und Radweg, der abwechslungsreiche Blicke bietet. So finde ich nach ungefähr fünf Minuten meinen heutigen Buddha, ein gutes Zeichen.

Ein Buddha am Tag hält den Psychiater fern

Der folgende dunkelrote Belag ist mit Sicherheit der beste Untergrund, der mir auf der gesamten Tour begegnet ist. Kaum Geräusche, das Bike gleitet darauf förmlich hin. Das ist psychologisch nicht ganz unwichtig, denn ich muss wirklich einiges schaffen. Nicht nur handelt es sich beim heutigen Tag um den so gefährlichen Streckenabschnitt mit den engen Tunneln und jede Menge Lastern, sondern Maps (zugegeben, nicht immer das verlässlichste) prophezeit bis 羅東 „Luódōng“ (alle Orte davor sind viel zu teuer) ganze sieben Stunden Fahrzeit und etwas über tausend Höhenmeter. Die Zeiten sind aber meist so bemessen, dass man gut und gerne die Hälfte obendrauf rechnet, um hinzukommen. Weil der gewohnte Gegenwind aber erstmal ausbleibt, ziehe ich durch.

Im Norden von Hualien liegen sowohl Hafen als auch Flughafen, vermutlich ein Grund für die vielen Militärfahrzeuge, die mir begegnen. Viele Straßen sind in dem Gebiet außerdem gesperrt, wenige Male muss ich umkehren. Neben dem Stacheldraht der Landebahn, am Stadtausläufer, beginnt die Welle an guten Aussichten, die mich heute erwartet. Die abgeneigte Straße zeigt auf die Berge, und die sind so viel klarer sichtbar als gestern, was ihre unfassbare Höhe endlich komplett zeigt. Dazu sehe ich schon den immer noch weit vor mir liegenden Abschnitt, wo die Straße zwischen Hängen und Meer eingequetscht wird. Nicht schlecht. Zum Glück findet sich ein Parkplatznutzer, der mir mit einem Foto hilft.

So sagt man einer Stadt ‚Auf Wiedersehen‘
Auftakt der Hualien-Su‘ao-Passage

Im nächsten FamilyMart decke ich mich vorsorglich mit Elektrolyt-Pulver ein und schmeiße die ersten Portionen gleich ins Wasser. Die Sonne strahlt jetzt weitgehend ungehindert herab, Sonnencreme wird nötig.

Solche halbvergammelten Orte gibt es natürlich auch immer wieder

Um einen Blick auf den Bahnhof von 新城 „Xīnchéng“ werfen zu können, schlage ich sogar Feldwege ein. Der Beiname „Taroko“ unterstreicht den landschaftlichen Hintergrund. Die Wolken sind noch dabei, sich zu verziehen.

新城火車站 „Xīnchéng huǒchēzhàn“ – Bahnhof Xincheng
Der letzte Vorort von Hualien

Wenig später muss man sich endgültig entscheiden, ob man Richtung Taroko abbiegt oder weiter nach Norden fährt. Natürlich eine rhetorische Frage, denn der Nationalpark, jedenfalls die touristische Hauptregion, bleibt weiterhin gesperrt. Auf der Straße befinden sich zunehmend mehr Laster und andere massive Fahrzeuge, die scheinbar beliebte Lieferketten bedienen. Ein Vorgeschmack auf das, was kommt? Bevor ich richtig reinstarte, muss ich noch einen bestimmten Kiesstrand aufsuchen, von dem Hasan schwärmt. Der 崇德礫灘 „Chóngdé lìtān“, also der „Chongde Gravel Beach“ bildet den flachländischen Abschluss des Ostens. Von hier aus kann die natürlich elevierte Grenze nur noch per Teer gequert werden. Die Kiesfläche befindet sich hinter einem Fischerhof, in dem meterlange Fische zappelnd erdrosselt werden und ein Hund verhalten bellt, so als würde er gerne das Grundstück beschützen, sich aber nicht richtig trauen. Ein einziges Auto steht am Strandeingang und der rauchende Mann in meiner Nähe guckt herüber. Sein Dunkelblond identifiziert ihn ebenfalls als Ausländer und nach kurzem Zunicken fragt er direkt: „Where are you from?“ Er stellt sich als australischer Lucas vor, der mit seiner Schwester drei Wochen Urlaub in Taiwan macht. Das Land schenkt ihm zu gefallen, denn der Blick wird gönnend und neidisch zugleich, als er von meinem Auslandssemster erfährt. „Incredible view, isn‘t it?“ Total! Lucas erzählt mir noch, dass sie bereits im Taroko Nationalpark waren. Der ist doch gesperrt? „There wasn‘t anybody, so we just went for it.“ Stimmt, so kann man es auch machen, gute Idee eigentlich. Dann müssen sie auch schon weiter und ich kann mir den Strand genauer ansehen.

Das wahre Wunder ist, hier alleine zu sein
崇德礫灘 „Chóngdé lìtān“ Chongde Gravel Beach
Strandpanorama

In der Nähe des Wassers sind die Kieselsteine so rund und wohlig geformt, dass man mit allen perfektes Ditschen machen könnte. Zwei Boote des Typs, die man in ganz Taiwan findet (aneinandergeknotete Röhren, die am vorderen Ende als Bug schräg nach oben verlaufen), liegen herrenlos umher, das eine sogar mit Motor. Ich finde nicht nur die Berge gen Norden so beeindruckend, sondern auch die nicht enden wollende Weite im Süden. Das ist mal wieder so ein Ort, an dem ich wahnsinnig gerne eine Strandwanderung machen würde. Vorne am Ufer schaue ich den Wellen zu, wie sie einerseits von rechts nach links brechen und das Ganze mehrfach pro Einheit wiederholen. Als ob man unter der Wasseroberfläche TNT zünden würde. Dieser Strand ist definitiv einer der schönsten, die ich jemals gesehen habe und ich freue mich jetzt schon, nicht den Zug genommen zu haben. High risk, high reward. Ja man, so muss das.

Herrenloses Küstenboot, ein fahrendes Fischerboot weiter hinten
Vielfach brechende Wellen
Beweis, dass ich da war

Wobei es dann aber erst richtig losgeht. Über die Züge habe ich mich gar nicht erst informiert, zu spät für einen Einstieg dürfte es aber sowieso längst sein. Der highway, der sich stetig an die Felswand anzugleichen versucht, hat keine Überbreite, aber ausreichend Platz und ab und zu winzige Ausbuchtungen, in denen ich verschnaufen kann. Nur weil ich einen Pausetag hinter mir habe, heißt das nämlich noch lange nicht, dass die Muskelermüdung verschwunden ist. Ich spare also Energie, verhalte mich rücksichtsvoll und weiche aus, falls nötig. Die Transporter tun es mir gleich, halten einen respektablen Abstand. Freilich ist das keine Garantie für sichere Durchfahrt, denn theoretisch benötigt es nicht mehr als einen ausscherenden LKW und ich bin Geschichte. Das gilt aber genauso gut an anderen Orten, und von der Logistik genutzte Straßen habe ich in Taiwan schon so einige passiert.

Der erste Tunnel

Der erste Tunnel lässt nicht lange auf sich warten. Er ist nicht lang und geht um nur eine Kurve. Dabei staut es sich aber, die Baustellenpolizei lässt netterweise immer nur eine Richtungsgruppe fahren. So kann ich mithalten und hänge mich sogar an die Motorräder dran, die sich rechts vorbeischlängeln. Ein zweiter Tunnel ist wesentlich länger, mindestens einen Kilometer, und bei den vielen Autos bekomme ich leicht Angst um meine Lunge. Alle Motorradfahrer haben eine Maske in der Fresse, nur ich nicht. Dass ich schlecht Luft bekomme, dürfte aber trotzdem an meinen 35 km/h liegen, zu denen die Autos mich mitreißen. Weil wieder nur eine Richtung fährt, überholen alle mit Sicherheitsabstand. Platz für eine Zweiräderspur gäbe es jedenfalls keinen.

Stau in Taroko

Am Ende jeden Tunnels wartet nicht nur ein ziemlicher Windschwall, sondern auch ein damit einhergehender Temperaturabschwung. Eine enorm lange Schlange der Gegenrichtung wartet, das bringen die langen Ampel-Schaltzeiten eben mit sich. Öfter, als ich zählen könnte, finden sich Baustellen im Vollbetrieb. Alle sind beschäftigt, aber was genau die Aufgabe ist, lässt sich nicht auf den ersten Blick herausfinden. Vermutlich wird entweder die Fahrbahn erweitert, der Hang besser abgestürzt oder beides. Da die Region noch zu Taroko zählt, fallen die Bauarbeiten in das Aufräumsegment, welches seit dem heftigen Erdbeben vor, ich glaube zwei Jahren, immer noch alle Hände voll zu tun hat. Bestimmt fahren viele der Zementmischer nur für die Baustellen hierher, und auch die Transporter könnten mit dem Abfahren von Bauschutt gute Arbeit leisten. Ab und zu erkenne ich die Zugtunnel, die einige Stockwerke weiter unten kurz an der frischen Luft schnuppern.

In der Ausweich-Kuhle
Die Bergstraße und zwei Zugtunnel

Phasenweise bin ich eben wegen der Schaltphasen total allein, kann in Spurmitte mein Tempo fahren. Dazu gibt es einen Rastplatz, von dem aus ich eigentlich eine Alternativroute um den Berg herum nehmen möchte. Die ist allerdings gar gesperrt, unter Verweis auf Taifune und sonstwas. Am Ende gibt es da noch eingestürzte Brücken, lieber nichts riskieren. Also kommt der nächste Tunnel, ausweislich 2948 Meter lang. Ich stelle mich schon auf Lungenleiden ein, allerdings ist die Bergröhre hochmodern. Die turbinenartigen Geräusche aus dem Inneren kommen tatsächlich von Turbinen, die an jedem Eingang über zwei Ebenen geschaltet sind und jede Menge Luft nach innen pusten. Das macht Sinn! Außerdem gibt es Notausgänge alle 200 Meter (wohl eher Safety Rooms in der Wand), sowie jede Menge Ausweichbuchten, Notfalltelefone und Geschwindigkeitsrichtlinien, an die sich keiner hält. In der Mitte sind kleine Poller aufgestellt, zudem gibt es eine Zweiradspur und sogar einen Fußgängerweg. Zwei Jogger zu sehen, gibt mir Mut. Ich habe eine so gute Phase abgepasst, dass ich erst auf den letzten Metern von einem einzigen Auto passiert werde. Die Turbinen geben den ersten Gegenwind des Tages, dann bin ich auch schon im nächsten Tal, neben einer seelenlosen Zugstation.

Im Drei-Kilometer-Tunnel
Gas geben, solange keine Autos kommen

Ich sehe nicht viel mehr als eine fette Industrieanlage zu meiner Rechten, die hemmungslos Fließbänder angeschlossen hat, die teils hoch über der Straße verlaufen und weit hinten im Tal immer noch zu sehen sind. Das sieht nicht besser aus als in Fortnite platzierte Wände, aber was tut man nicht alles fürs Geld… Gibt es hier eine Mine oder was? Immerhin stehen weiter hinten noch mehr Hallen, sowie eine Polizeistation und das „Hualien County Fire Department“. Da steht hier ja gut; wenn es in Hualien brennt, braucht die Rettung nur knapp 40 Minuten…

Förderbänder verschandeln die Natur

Nach insgesamt zwei oder drei großen Buchten ist es dann möglich, der Hauptroute auszuweichen. Die Küstenstraße führt zwar auch durch einen Tunnel, ist aber viel leerer. Die Hauptnutzer sind so etwas wie Angler, die in zwar strukturell geschaffenen, aber keineswegs offiziell aussehenden Seitentunneln verschwinden und sich an die Klippen setzen. Leider ist mir nicht klar, wie man aus dieser enormen Höhe angeln könnte. Im Tunnel selbst gibt es ab und zu offene Seitenstützen, ansonsten fühlt sich die Beleuchtung mittelalterlich an, Feuerlöscher sind provisorisch an die Wand gebunden und ich will mir gar nicht vorstellen, wie erdbebenunsicher das Gewölbe ist.

Langer Bunker oder Verkehrstunnel?

Ab hier verliert mein Handy regelmäßig Funk- und GPS-Verbindung, teils auch im Freien. Die Tourschilder helfen aber und im nahe gelegenen 秀林鄉 „Xiùlín“ funktioniert alles wieder. Dort lege ich um kurz vor 12 meine Mittagspause ein, ich stehe bei bereits 55 Kilometern und einem durchschnittlichen Tempo von 25 km/h. Bisher macht die Strecke einen Heidenspaß, ich habe jetzt schon viel mehr bekommen, als ich nach Dennis‘ Horrorgeschichte erwartet hätte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sämtliche Höhenmeter folgen und auch die Tunnel noch nicht vorbei sind. Eine Dreiviertelstunde frsse ich mir Kalorien und Magnesium an, dann bringe ich den Drahtesel wieder in Schwung.

Radler-Mittagessen

Und tatsächlich, der Anstieg beginnt. Immer noch liegt meine Route abseits der ‚schnellen‘ Autostraße und führt die wunderbaren Küstenserpentinen fort. Während Warndreiecke mal wieder vor den Makaken warnen (no shit, Sherlock, im Dschungel gibt es Affen), reißt ein einzelner Bauarbeiter die halbe Straße auf. Sein Auto parkt vor den ersten Warnhütchen, dahinter bedient er den unfassbar lauten Bohrbagger. Versandete Straßenbewehrung liegt herum, über hunderte Meter ist die Fahrbahn verengt. Nicht dass das etwas ausmachen würde, vielleicht kommt alle paar Minuten mal ein Motorrad vorbei. Die in der Ferne liegenden, vereinsamten Fabrikgebäude steuert jedenfalls niemand mehr an. Winzige Wasserfälle am Straßenrand plätschern vor sich hin, während ich die vor mir liegende Steigung erfasse. Wenn man schon sieht, wie viel höher die gegenüberliegende Fahrbahn ist, kann das durchaus mulmige Gefühle erzeugen. Aber ja, irgendwo her müssen die Höhenmeter ja kommen.

Straßenaufreißer

Im allerniedrigsten Gang ist es ein gutes Workout, ich kann weitgehend ohne Pausen fahren. Ein riesiger, bemalter Felsen wird von einer Betonkuppel vor Regen geschützt. Zum Bauarbeiter gesellen sich zwei Kollegen, die mit ihren Transportern angereist sind und die Aussicht genießen. Ob am Nachmittag noch gearbeitet wird, stelle ich mal infrage. Von weiter oben sehe ich wieder die Zugtunnel, zu denen Metalltreppen herabführen. Eine bis in die Berge hörbare Durchsage lässt mich aber zweifeln: Nein, es handelt sich um den großen Autotunnel! Die bahnhofsmäßige Ansage ergibt immer noch keinen Sinn, aber das tut hier vieles nicht.

Betonierte Schutzkuppel
Blick zurück: Gemeisterte Steigung und die Tunnelröhren
Der immer wiederkehrende Blick in die nächste Bucht
Da habe ich die Fischernetze doch glatt für Risse im Meer gehalten…

Die wenigen Autofahrer hier zollen mir anerkennende Blicke, manche freuen sich ganz offensichtlich mit mir. Die Freude über die erste lange Abfahrt steht mir bestimmt ins Gesicht geschrieben, nach so einer Strampelei gibt es nichts Schöneres. Die mit Abstand meisten Menschen, die mir begegnen, sind Bauarbeiter. Eine Gruppe ruft mir so laut zu, dass ich leicht erschrecke, dabei sind es nur ein paar „Hallo“-Rufe. Am Fuß des Bergs kommen mir nacheinander sogar zwei Radler mit Taschen entgegen. Ich hatte bereits mit Buggi und Anna festgestellt, dass kaum andere Tourbikes unterwegs sind, eine richtige Seltenheit also. Google will mich mal wieder durchs Land jagen, aber ich habe mittlerweile ein gutes Gespür, welchem Ratgeber ich in welcher Situation vertrauen sollte.

Ja, diese Raster sind einseitig zur stabilisierten Begrünung gedacht

Auf den Abstieg folgen maximal 15 Minuten Tal, durch ein halbtotes Dorf und über weite Flussbetten. Danach geht es wieder gnadenlos aufwärts, des Öfteren muss ich am Rand halten und mir den Schweiß aus der Stirn wischen. Ein Helikopter überfliegt die Szenerie unzählige Male, transportiert dabei in die eine Richtung jedes Mal ein Gut am Seil, das aufgrund der Geschwindigkeit schräg hinterher hängt. Was es genau ist, kann ich leider nicht erkennen, genauso wenig, wo der Flug hin geht.

Schwitzige Grüße

Vor dem nächsten Tunnel, der zum Glück nicht ewig auf sich warten lässt, leider aber nicht umwegbar ist, stehen zwei westliche Radler, die ihn gerade verlassen haben. „Helloo!“ mache ich mich im Vorbeifahren gut gelaunt bemerkbar. Die Frau dreht sich daraufhin um und ruft nur: „Be careful!“ Daumen hoch, dann bin ich schon drin. Und sehe, was sie gemeint hat. Die Fahrbahn ist äußerst eng, zum Ausweichen kann ich höchstens auf einen schmalen und unebenem Gulli-Streifen wechseln. Gut zwei Kilometer ziehe ich das Tempo an und schaffe es geradeso hinaus, bevor die nächste Autowelle aufschließt. Lief doch super. Wieder geht es durch ein Tal, selbes Prozedere wie immer. Dann folgt der letzte Aufstieg. Ich könnte mir durch einen Rekordlängen-Tunnel Höhenmeter sparen, habe daran aber aus mehrerlei Hinsicht kein Interesse.

Starker Job: Laubbläser auf einer verlassenen Bergstraße

Nachdem ich von einer Motorradgang und einem noch lauteren, spinnenden Sportwagen unter lautem Knattern überholt werde, habe ich Ruhe. Es gibt einige Aussichtspunkte, wobei man diese eigentlich von überall aus bewundern kann. Obwohl sich die Buchten objektiv sehr ähnlich sehen, bin ich durchweg beeindruckt. Die schiere Höhendifferenz zwischen Land und Wasser, der türkis gefärbte Uferbereich, der wilde Dschungel überall, wo es nichts Menschliches gibt. Nur schade, dass die Sonne sich langsam zurückzieht. Knappe zwei Stunden ist es ja noch hell. Da kann man ruhig mal alle verbleibenden Snacks runterschlingen.

Das. Den ganzen Tag.
Bester Snackspot
Darf Giant gerne als Werbung benutzen

Jeder zu schnelle Tritt erfordert erstmal eine Sekundenpause, in der der Oberschenkel abkühlen muss. Wie sagt man so schön? Schön, wenn der Schmerz nachlässt. Weiter, weiter, weiter. Irgendwann kommt die Belohnung, die oberste Kurve. Erste Ausläufer des Yilaner Tieflands trauen sich hervor. Auch die Schildkröteninsel und sogar das Ufer hinter ihr (meine morgige Tour) scheinen durch den Horizontnebel.

Ausläufer des Yilaner Tieflands

Beim Runtersausen lege ich mich kontrolliert in die Kurven, dafür hat es sich doch gelohnt. Ewig lange bleibe ich im Stand-by, bremse erst ab einem Aussichtspunkt. 蘇澳 „Sū ào“ alias „Su‘ao“ wartet mit einem quadratischen Hafenbecken auf. ‚Für Elise‘ der Müllabfuhr dringt nach oben, wie im Miniatur Wunderland lässt sich der Müll-Algorithmus verfolgen. Einige Menschen joggen den Berg hinauf, was ich mir sehr anstrengend vorstelle. Su‘ao ist übrigens die Stadt, aus der man aus dem Zug aussteigen kann, der vom „Route Nr. 1“-Guide empfohlen wird. Was ich alles verpasst hätte!

蘇澳 „Sū ào“
Die Aussicht genießend
Müllabfuhr-Sound-Äquator überschritten

Das Städtchen wirkt sehr angenehm, auch abseits des Hafens, aber die Zeit drängt. Ich buche mein Hostel in 羅東 „Luódōng“, der ersten billigen Gegend seit Hualien, und muss dafür etwas landeinwärts fahren. Nach Schnellstraße und Industriegebiet stoße ich zuerst auf eine Straße, die sich ohne Spaß „Dongshan Mr. Brown Avenue“ nennt. Sie liegt inmitten weitläufiger Wasserfelder und ist tatsächlich wunderschön. Etwas irreführend wird auf Google nur eine grasbewachsene Landschaft gezeigt, aber die Gräser sind wohl keine Wintergewächse. Die Ähnlichkeit mit dem Original ist auf jeden Fall da, auch wenn es keine so lange geradeaus gehende Straße gibt. So viel homogene Fläche hat einfach immer etwas Besonderes. Die massig hervorkommenden Fliegen stören allerdings gewaltig.

Leere Landschaft
„Dongshan Mr. Brown Avenue“

Der restlichen Gegend muss ich fast ein noch größeres Lob aussprechen. Bis Luodong, also zur ersten richtigen Stadt sind es noch ein paar Fahrradmimuten, aber im Gegensatz zu bspw. gottlos verlassenen Gegenden rund um Chiayi lebt diese Region. Die Wasserfelder beschränken sich nämlich nicht nur auf den zweiten braunen Bouleard. Jede Menge kleiner Teiche und Kanäle säumen den Landkreis, verbunden mit unzähligen sauber gepflanzten Grünanlagen und Bäumen seitlich der Spazier- und Fahrradwege. Das untergehende Sonnenlicht hilft natürlich, aber der Orr wäre auch ohne ziemlich schön. Stressmachende Hunde erlebe ich trotz enger Gassen keine, sowieso schon den ganzen Tag nicht.

Was für ein Tagesabschluss
Kleinbürgerliches Amsterdam

An so einem wunderbaren Kanal schließe ich die Tour ab, hier der Komoot-Link. Nicht nur bin ich bei weit über 100 Kilometern gelandet, auch die Steigung hat die Vorhersage massiv übertroffen. Fast anderthalb Kilometer sind schon ein kleiner Wahnsinn. Trotzdem war die Tour vom Samstag m.E. anstrengender, weil der Gegenwind deutlich stärker war. Vor dem Hostel begegnet mir Matt, der muskulöse Besitzer, der gerade vom Joggen kommt. Wie in den meisten anderen Unterkünften auch bekomme ich die Standardregeln erklärt: kein Essen im Zimmer, der Türcode lautet Soundso, Hygieneregeln, bei Fragen melden. Der Schlafsaal besteht aus Zelten, die aber einigermaßen komfortabel wirken. Es sind nur zwei andere Jungs in meinem Schlafsaal, für 500$TD (13,40€) kann ich mich eigentlich nicht beschweren.

Schlafsaal in Luodong

Leider habe ich meine Brille im Hualiener Hostel auf der Bett-Ablegplatte vergessen. Glücklicherweise ist es das preisgekrönte Hostel und der Betreiber gibt sich äußerst kooperativ. Er schickt die Brille (hoffentlich so heil wie möglich) an einen convenience store meiner Wahl, und das Geld dafür kann ich ihm sogar paypalen. Ehrenmann. Gerade nochmal gut gegangen.

Abends laufe ich durch das wirklich sehr überschaubare Luodong und finde mal wieder kein passendes Restaurant. Die meisten Geschäfte sind deutlich zu nobel, und auf reine Fleischküche kann ich auch verzichten. Ich bin nicht stolz darauf, aber am Ende lande ich bei McDonalds. Ehrlich gesagt ist das kaum ungesünder als ein x-beliebiger convenience store und bietet wenigstens Abwechslung. Hauptsache, ich kann mich mal ein, zwei Stunden irgendwo hinsetzen und abschalten. Ganz schön anstrengend, so ein Tag.

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