Radtour Tag 19 (Dienstag, 27. Januar)

羅東 Luodong -> 貢寮 Gongliao

Weil ich die letzten beiden Tourtage so durchgezogen habe, liegt nicht mehr allzu viel vor mir. Das Wetter sieht nicht gerade berauschend aus, auch wenn der Regen vorerst ausbleibt.

Morgendlicher Blick aus dem Hostel

Das Ziel für heute könnte 貢寮 „Gòngliáo“ sein, ein Örtchen am Nordostzipfel. Bis dahin sind es aber nur etwa 60 Kilometer, also lasse ich mir Zeit und frühstücke in einem billigen Lokal in Luodong. Drei Speisen plus Getränk für 205$TD (5,50€) kann man sich gefallen lassen. Ich finde es übrigens super entspannt, wie normal es in der taiwanesischen Kultur ist, sich alleine in ein Restaurant zu setzen. Zwar geht das bei vielen mit dauerhaftem Starren aufs Handy einher, aber niemand schämt sich, ohne Begleitung unterwegs zu sein. Vielleicht habe ich mich auch einfach daran gewöhnt, weil ich selbst alleine unterwegs bin. In jedem Fall bin ich aber sehr glücklich, gut damit klarzukommen. Ich habe mich vor der Radreise ja schon öfter auf kleine Trips alleine begeben, aber hatte immer ein ungutes Gefühl, im Gegensatz zu meinen Mitmenschen alleine zu sein. Das war sogar in Taipei so, bevor ich mir das Fahrrad ausgeliehen hatte. Mittlerweile, eigentlich seit Tag zwei oder drei schon, genieße ich es in vollen Zügen. Das hätte ich mir vorher niemals vorstellen können!

Gesundes Frühstück für 205$TD (5,50€)

Obwohl es auf der Karte nicht so aussieht, gehen Luodong und Yilang fast nahtlos ineinander über. Eine typische Stadtstrecke, gespickt mit Ampeln, langsamen Autos und nicht zuletzt grauem Wetter. Als es zu nieseln anfängt, suche ich mir schon nach 20 Kilometern mein Mittagessen. Vielleicht liegt es auch an der Erwartungshaltung für den Tag, aber besonders viel Kraft habe ich heute nicht.

Benieseltes Yilan
Motorrad mit Anhänger
Geschmorter Fischbauch, Kristalleier und frittiertes Tofu

Die chinesische Fischkost schmeckt gut, liegt aber etwas schwer im Magen. Eine andere Kundin bringt mir aus dem Nichts eine eisgekühlte Wasserflasche und hält mir ihr Handy vor die Nase. „Please take some mineral water.“ Wow, danke! In 礁溪 „Jiāoxī“ liegt laut dem „Route Nr. 1“-Guide nicht nur ein ganzes Geothermalfeld in der Ebene, sondern es soll auch Parks geben, in denen man die heißen Quellen gratis genießen kann, mit einem Fußbad. Der explizit genannte Park hat leider nur bezahlpflichtige Angebote, weshalb ich es im Nebenpark versuche. Die Szenerie ist wirklich schön, viele kleine Becken sind miteinander verbunden, und mit der Hand kann ich schön fühlen, dass das Wasser warm ist. Ich bilde mir sogar ein, in den Stein geformte Sitzflächen zu erkennen. Weil die meisten Leute nur spazieren, frage ich sicherheitshalber im Café nach. Dort stehen tatsächlich auch Preise dran, aber versuchen kann ich’s ja. Der junge Barkeeper versteht mein Englisch nicht, weshalb ich auf meine Füße und das Wasser zeige. Daraufhin lacht er ungläubig und sagt „No, you can’t, you can’t.“ Na toll, vielleicht hätte ich es doch lassen sollen. Auf den bescheuerten Guide höre ich nicht nochmal.

„Jaoxi Hot Springs Park“

Die Schildkrötenberginsel erfordert Buchung im Voraus und für die Besteigung des „Matcha Mountain“ in der Nähe ist es viel zu wolkig, insofern fallen fast alle meine side quests aus. Bleibt das Radeln zum östlichsten Punkt, der sowieso auf der Strecke nach Gongliao liegt.

Interessantes Haus

Beim dem Verlassen des Flachlands ändert sich vieles. Auf einmal weht Gegenwind, und das Wetter schlägt weiter nach unten. Wolkiger Leichtregen wird immer stärker, LKWs wirbeln die Pfützen neben mir auf, als wären sie Staubberge. Kurz nachdem es zu schütten beginnt, raste ich am letzten FamilyMart. Ich habe die wirklich gute Idee, meine Regenhose auszupacken (und die damit zum ersten Mal auf der Tour zu nutzen), denn ab jetzt wird es wild. Die Dreiviertelstunde bis zum Ostzipfel sind von schmetterndem Regen geprägt, teilweise tut es selbst mit zugekniffenen Augen weh, nach vorne zu schauen. Weitläufige Pfützen und nicht zuletzt kleine Tsunamis der durchjagenden Laster durchnässen mich schnell bis auf die Unterste Schicht. Am schlimmsten trifft es meine Füße, da die Schuhe sowieso aus dem letzten Loch pfeifen (wortwörtlich) und auch vorher schon nicht wasserdicht waren. Insofern eigentlich ein gutes Zeichen, dass ich noch kein neues Paar gekauft habe, das ich hier ruinieren könnte. Die Temperaturen sind in Ordnung, nur wenn der Schutzschild der Füße zum Regenauffangbecken wird, fühlt es sich unangenehm an.

Die Schildkrötenberginsel 龜山島 „Guīshān Dǎo“ ist aufgrund ihrer außerordentlichen Erhebung meist gut zu erkenn, im Regenschauer verschwindet sie aber vollends. Stattdessen fallen mir vor allem Hunderte Angler auf, deren Vehikel am Straßenrand parken und die als kleine Figürchen vorne bei den brechenden Wellen zu erkennen sind. Ein schönes Bild.

Angler im Regen

Nach gefühlten Ewigkeiten, bestehend nicht nur aus Gegenwind, sondern auch aus ständigem Auf und Ab der Küstenstraße, gelange ich endlich an das Ostende. Eine Landkarte zeigt bereits vorher, wo man sich ungefähr befindet, der Leuchtturm nebenauf erbringt den Beweis.

Anfahrt zum östlichsten Punkt

Der Punkt selbst ist aber schwierig zu erreichen. Eine enge Buschgasse führt an äußerst privat aussehenden, wenn auch totenstillen Höfen vorbei. Google will mich über den größten von ihnen schicken, obwohl neben einem großen geschlossenen Tor nur ein Fußgängerspalt offen bleibt. Ich nehme all meinen Mut zusammen, das Risiko muss ich einfach eingehen. Ich habe aber Glück, werde nicht attackiert, sondern kann das Gut umfahren. In einer Seitentür sehe ich sogar einen jungen Mann, der vermutlich gerade Fische zersetzt. Er nickt mir lächelnd zu und fragt sich innerlich bestimmt, wie dumm ich eigentlich bin.

Anders als die anderen drei Punkte hat der 台灣最東點 „Táiwān zuìdōng diǎn“, der „Easternmost Point of Taiwan“ keinen besonders offiziellen Auftritt. Das Gebiet, in dem ich jetzt bin, sieht mehr nach einem verrotteten Hafen aus als alles andere. Eine Steinplattenwüste auf mehreren Ebenen, dazu ein in sich zerfallenes Häuschen. Hinter einer Mauer befindet sich ein riesiges horizontales Gitter aus Stein, in dessen Lücken das Meerwasser schwappt. Das ist dann wohl der östlichste Punkt, hinaufgehen werde ich da aber nicht. Allein, bei Regen hier zu sein, ist mir schon genug. Na gut, einmal nach Osten (in den Pazifik) urinieren, muss schon sein. Die Wellen spielen verrückt. Ein paar Fotos und Videos bekomme ich hin, dann reicht es auch schon.

Östlichster Punkt oder einsamster Punkt?
Lost Place
Nett hier.
Dystopische Hafenanlage
Wellen am östlichsten Punkt Taiwans

Damit dürfte ich die Ostküste offiziell verlassen, ab hier geht es also nur noch west- und nordwärts. Eine halbe Stunde kämpfe ich mich durch die Kurven, dann habe ich es geschafft (hier der Komoot-Link). Direkt neben dem Gongliao‘er Bahnhof liegt das „One House Hostel“. Der einzige vor der Sinflut schützende Parkplatz ist eine große freie Fläche im Arkadengang des Nachbarhauses, doch sofort kommt ein Mann raus und sagt „No“, schüttelt die Hand von links nach rechts. „Okay, sorry“ gebe ich zurück und stelle das Rad zurück in den Regen. Der Mann starrt weiter, dass es mich schon provoziert. Was will er denn? „Is everything okay?“ frage ich, aber er gibt keine Antwort. Idiot. Ein Mädchen taucht aus dem Nichts auf und hält ihren Regenschirm über mich. Ich bedanke mich und zeige auf das Hostel, ich bin hoffentlich gleich versorgt.

Wirklich schützen tut das kurze Dach nicht, aber es ist besser als nichts.

Eine blaue Treppe führt ins Hostel und es handelt sich mal wieder um eines mit self check-in. Das Schreiben mit dem freundlichen Host erweist sich aber als extrem schwierig, weil mein Handy genauso nass ist wie jede einzelne Kleidungsschicht. Nur Pusten macht es nach einer Weile trocken genug, um den Zugangscode erfragen zu können. Drinnen ist es dunkel, scheinbar bin ich der einzige Irre, der sich bei dem Wetter in diese abgelegene Region wagt. Ich ziehe sofort alles aus und hänge es über die Stühle. Es gibt eine Waschmaschine, aber keinen Trockner. Weil ich weder Ersatzschuhe, noch Ersatzpulli oder -jacke dabei habe, bin ich vorerst an diesen Ort gebunden und muss schauen, nicht zu frieren. Eine jämmerlich miauende Katze vor dem Fenster will offensichtlich rein, allerdings verbietet mir ein entsprechendes Schild genau diese Hilfestellung. Später soll jemand kommen, um das Geld einzusammeln.

Kaltes, aber nettes Wohnzimmer für mich allein

Sogar meine angeblich wasserdichten Seitentaschen wurden nicht verschont, bestimmt die Hälfte meiner Sachen ist durchnässt. Glücklicherweise liegen im Bad mehrere Föns, deren wärmste Stufe mir beim Trocknen hilft. Ein Fön in jedem Schuh, ein weiterer zum manuellen Trocknen, besser improvisieren kann ich nicht. Wenn das Zeug morgen nicht trocken ist, kann ich den Tag wohl vergessen. Immerhin habe ich Stand meiner Berechnungen noch einen Puffertag offen. Wäre nur gut, ihn nicht im 700$TD-Hostel (18,70€) zu verschwenden.

Rate my setup

Der Betreiber ist ein netter alter Herr, der nach Einsammeln des Geldes sofort wieder verschwindet. So habe ich meine Ruhe und kann mich entspannen.

Hinterlasse einen Kommentar