Radtour Tag 20 (Mittwoch, 28. Januar)

貢寮 Gongliao ~> 臺北 Taipei

Leider sind viele meiner Klamotten immer noch nass, sodass ich den Morgen erst einmal mit anderthalb Stunden Föhnen verbringe. Ich kann mir wenig Spannenderes vorstellen. Wenigstens kann ich meine Box mal anstellen, die in den letzten Wochen ansonsten äußerst unnötiges Frachtgut gewesen ist. Das Wichtigste bekomme ich trocken, allerdings erbringen meine sowieso abgewetzten Schuhe ein Opfer, das an Totalschaden grenzt. Der neue Tiefpunkt beinhaltet nicht nur Löcher in der linken Schuhsohle, diese ist durch die warme Luft in die Länge verzogen, plötzlich nach unten gewölbt und stinken tut der ganze Mist sowieso.

Während die Züge am Fenster vorbeirauschen, verlasse ich das Hostel erst nach elf. Nach dem gestrigen Tag mit zu viel Essen im Bauch verschiebe ich das Frühstück auf einen Zeitpunkt, an dem ich hoffentlich schon etwas Strecke gemacht haben werde. Apropos, so weit ist es ja gar nicht mehr. Ein Luxusproblem, dass mir noch drei volle Tage bis Freitag bleiben. Eigentlich will ich die übrige Route in mindestens zwei Abschnitte einteilen (und eventuell einen Pausetag). Es wäre doch zu schön, wenn ich am Abschlusstag nach 十分 „Shífēn“ hochfahren und den berühmten Zug sehen könnte, der ähnlich dem in Hanoi, eng die Häuser passiert. Allerdings ist er aktuell wohl außer Betrieb und soll er ab Samstag, 31. Januar wieder fahren. Also sollte ich mir die 700 zusätzlichen Höhenmeter vielleicht sparen, zumal die Strecke heute dann nur gut 30 Kilometer wären. Je länger ich auf der nassen Straße gen Norden fahre (fünf bis zehn Minuten reichen voll aus), desto mehr bevorzuge ich die Variante, frühzeitig abzuschließen. Es schmerzt zwar, die zwei Tage zu viel bezahlt zu haben, was aber durch zwei ausgelassene Hostelnächte egalisiert werden wird. Wenn ich heute Abend den Bus nach Kaohsiung nehme, habe ich außerdem mehr Zeit im sonnigen Süden und kann ein paar organisatorische Dinge erledigen.

Wolkenverhangene Landstraße

Ich bereue die Entscheidung nicht, alleine schon, weil die Bewölkung nach Kurzem wieder in Regen umschlägt. Ich habe mir zu keinem Zeitpunkt der Fahrradtour gedacht, ‚hoffentlich ist es bald vorbei‘. Ich kann aber gut damit leben, heute zu stoppen.

Obwohl es eine Inlandsroute nach Taipei gibt, schießen massenhaft LKW an mir vorbei. Sie sorgen durch ihre Pfützenspritzer nicht nur für einen nassen Seitenstreifen (auf dem ich fahren muss, wenn ich nicht sterben will), sondern genau dort sammelt sich eine gut getarnte Schicht Schlamm im Farbton des Asphalts. Einmal schlingern meine Reifen in unmöglichem Winkel, das Fahrrad landet in stabiler Seitenlage zwischen meinen stabilisierenden Beinen. Auf den letzten Kilometern der Tour baue ich fast meinen ersten Unfall, aber nur fast.

Die Nordostspitze Taiwans besteht aus einer riesigen Bucht, und zeitweise kann man beide Enden gleichzeitig sehen. Ich liebe es immer, wenn man mit den eigenen Augen geografische Formationen sieht, die ansonsten nur auf Landkarten zu sehen sind. An der oberen Ecke gibt es jedenfalls die vermutlich letzte starke Steigung der Tour, es geht durch zwei Tunnel, die mindestens genauso gefährlich sind, wie die Strecke Hualien-Su‘ao beschrieben wird. Einmal muss ich anhalten, um einen LKW vorbeizulassen, der beim Anfahren übrigens fast einen Meter nach hinten rutscht.

Als ich auf die Nordküste einbiege, erblicke ich mit Keelung Island das erste Objekt zum zweiten Mal. Jetzt ist das Ende wirklich nicht mehr weit. Es ist windig, die Wellen verhalten sich nicht anders als im Osten und in den wolkenverhangenen Bergen zu meiner Linken taucht auch irgendwann der „Teapot Mountain“ auf, den ich erstmal Sidd schicken muss. Er gratuliert mir schon zum „completing the feat“. Ein kleines bisschen ist es aber noch. Ein gottverlassener Hi Life gibt mir das nötige Frühstück, dann ziehe ich weiter durch.

Keelung Island!!
Und der Teapot Mountain…
Interessant, wie die Wellenbrecher hier so bräunlich werden. Rost?

Der einzig schöne Abschnitt dieses Tages währt nicht lang. Deutlich vor Keelung biegen die Straßen nach Taipei ab, und den Keelunger Umweg spare ich mir bei dem Wetter sehr gerne. Es dauert nämlich nicht lange, bis aus dem Dauerniesel ein Niederschlag von nervigem Ausmaß wird. Auch wenn es nicht an gestern herankommt, bin ich doch ziemlich schnell wieder von oben bis unten nass. In Anbetracht dessen, dass meine Jacke wirklich kaum Wasser abhält, bin ich wohl der größte Glückpilz, erst auf den letzten zwei Tagen mit dem Problem konfrontiert worden zu sein. Die lineare Schnellstraße erlaubt leider weder Mopeds noch Fahrräder, weswegen mein Weg durch kurvige Bergstraßen führt. Ich passiere 瑞芳 „Ruìfāng“ und so manches Hochhaus-geprägte Bergdorf, bevor ich in die Zwischenzone von Keelung und Taipei komme.

Regnerischer Norden

Mein Handy ist jetzt so nass, dass ich wie gestern Probleme mit dem Bedienen habe, also muss ich meine grauen Zellen anstrengen. In der Gegend des Keelung River, der nach Taipei fließt, beginnt meine Orientierung, sich zu bessern. Und irgendwann stoße ich sogar an den Radweg, den ich am ersten Tag gefahren bin. Stimmt! Die hochfrequentierten Schild-Hinweise, man soll doch bitte absteigen und schieben, während es sich offensichtlich um einen Fahrradweg handelt und von jedem auch so genutzt wird. Irgendwie passiv aggressiv. Mal ist es etwas grüner, mal dominieren die grauen Hochhäuser aus dem letzten Jahrhundert.

Bergfriedhof vor den Toren Taipeis

Die Strecke dauert wesentlich länger, als ich sie in Erinnerung hatte, und das trotz Rückenwind. Schließlich sehe ich aber den markanten Wolkenkratzer und weiß, es ist nicht mehr weit. Obwohl es regnet, sind erstaunlich viele Städter unterwegs. Vermutlich regnet es so oft, dass man ansonsten den ganzen Winter zuhause bleiben müsste. Das zeigt nur einmal mehr, wieviel Glück ich an den ersten Tagen mit dem Wetter hatte.

Nicht mehr weit

Auf der breiten Stadtstraße genieße ich das smoothe Fahren noch ein letztes Mal, gebe Gas, fahre freihändig, bremse widerwillig ab, wenn die minutenlangen Ampelschaltungen es nicht gut mit mir meinen.

Hier ein letztes Mal Gas geben
Tschüss, Fahrrad

Im Giant-Store prüfen sie das Rad schnell, dann hat sich‘s erledigt. Zum Abschluss gibt es hier den letzten Komoot-Link meiner Reise. Mit meiner Pennertasche laufe ich also wieder durch die Gegend, wie vor drei Wochen. Auf geht’s, schnurstracks zum Busbahnhof. Es zieht mich in den sonnigen Süden. Die erste Metro seit drei Wochen ist rappelvoll und sehr ungewohnt. Eine Mall an der „Taipei Main Station“ zieht sich über mehrere MRT-Stationen, was für ein Labyrinth. Im dritten Stock eines Hauses fahren die U-Busse ab, ich bekomme mein Ticket für einen, der nur fünf Minuten später ablegt. Gerade so schaffe ich es, meine Regenhose in der Tüte zu verstauen und etwas Essen mit hoch zu nehmen, dann geht es auch schon los. 550$TD hat das Ticket gekostet, 14,65€. Eine Europäerin sitzt neben mir, aber ich habe nicht die Muße, ein Gespräch zu beginnen. Meine Füße sind noch nass und wie sehr sie stinken, will ich den anderen Fahrgästen durch einen Sockenwechsel eigentlich auch nicht antun. Naja, passt schon.

Komplett durchgefroren steige ich um kurz vor elf Uhr abends aus dem Bus und habe nur noch ein Ziel, die Central-Park-WG. Nach einem sehr lustigen und kurzen Telefonat mit Philipp aus einem vietnamesischen Schlafbus ist der Pförtner überzeugt, dass ich die Erlaubnis besitze, in den 28. Stock zu fahren. Dort gebe ich den sechsstelligen Türcode ein und bin endlich in meinem Gratis-Hostel.

Ich wusste bereits, dass die Wohnung ein kleines Kakerlakenproblem hat und dass Fabian manchmal in der Küche eingreifen muss. In der Zeit, in der die Wohnung jetzt leergestanden ist, haben sich scheinbar ein paar mehr der kleinen Biester angesammelt. Mit dem Staubsauger gehe ich erstmal eine ganze Weile gegen die Invasoren vor, im Bad, in der Küche, und leider auch in der Sofaritze sowie in der Türangel von Fabians Zimmer. Ist halt ein Gratis-Hostel. Entsprechend esse ich mein Abendessen im 7/11 gegenüber und chille mich dann in Fabians Bett, nach gründlicher, kammerjägerlicher Untersuchung ohne weiteren Befund.

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