Dienstag, 3. Februar

Die letzten regulären Stunden (alleine) in Kaohsiung brechen an und ich stehe um sieben auf, um Anna und Buggi mit einer Umarmung zu verabschieden. Für die beiden geht es nach Hongkong und dann ebenfalls auf die Philippinen, bevor sie Anfang März heimkehren. Sie haben schon fast alle Unterkünfte gebucht, davon könnte ich mir eine Scheibe abschneiden. Zuerst muss ich aber die dringendsten Dinge erledigen. Müll runterbringen, frühstücken, eine Folge Avatar schauen, Klamotten sortieren, Rucksack und Koffer packen usw.

Einmal Postkarten schreiben muss doch sein

Nach dem Vollenden meiner Postkarten bringe ich sie zur selben Filiale und werde von der selben Mitarbeiterin betreut, die mir damals beim Weihnachtspaket geholfen hat. Eine Briefmarke kostet nur 12$TD (0,32€), selbst sie muss lachen.

Netter Stempel – und chinesische Signatur ist natürlich auch Pflicht

Das vorerst letzte taiwanesische Mittagessen kommt wieder aus einem convenience store. Der geliebte Reis mit Lachs und ein Joghurt für die letzten Haferflocken tun es. Ich wasche Fabis Bettwäsche, sauge die wichtigsten Stellen und reinige die nach Zedernholz riechenden Bettpfosten. Mit den Vakuumbeuteln aus dem Showba spare ich zwar eine Menge Platz, dennoch bekomme ich meinen Koffer nicht ganz gefüllt. Ich brauche ihn heute nicht, will die Wohnung aber auch nicht unnötig zustellen. Dann die Bärenaufgabe: Alle Bewerbungen rausschicken. Das dauert aufgrund der riesigen Anhänge wirklich unverhältnismäßig lange, aber ich bin sehr froh, es endlich hinter mir zu haben. 17 oder 18 Büros dürfte ich jetzt kontaktiert haben, ich bin sehr gespannt, ob und wann Antworten einfliegen.

Vorerst letztes Mittagessen
Bestimmt zwei Drittel meiner Klamotten im Auslandssemester

Gefühlt packe ich den Wanderrucksack schon sparsam, aber Gott sei Dank erinnert Anna mich an die Handwaage. Mit fast 12kg habe ich mich gottlos verschätzt und das zulässige Gewicht weit überschritten, ich muss noch einmal massiv ausdünnen. Schließlich stehe ich mit einem etwas über sechs Kilo wiegenden Rucksack dar, der gleichzeitig zu einem Drittel leer ist. Krass, damit soll ich mehr als zwei Wochen überleben? Ich habe jetzt noch viel weniger dabei als auf der Fahrradtour… Klamotten, Kulturbeutel, Ladekabel und ein Buch sind eigentlich schon alles. Wenn ich schon nicht mehr unbegrenzt Internet habe, komme ich vielleicht wirklich mal zum Lesen. Wer weiß.

Wie immer wird es dann doch knapp. Weil ich den Schlüssel in der Wohnung lasse, muss ich den Müll separat runterbringen, und das dauert. Ganze dreimal hält der Aufzug, lässt langsame Leute rein und raus, bevor ich den Müllkompressor anschmeißen kann. Situationen, in denen man seine Geduld üben kann, man kennt‘s. Ich habe aber genug Zeit und kann langsam, aber trotzdem etwas gestresst durch den Central Park laufen. Es fühlt sich schon wieder wie ein Abschied an, obwohl ich ja noch einmal in Kaohsiung bin. Ich sehe schon wieder dieselben Pickleballer wie immer, irgendjemand spielt Dudelsack und einige machen Picknick neben Babywagen.

Vorletztes Mal: Tschüss, Kaohsiung

Trotz leichtem Stress komme ich weitaus früh genug in die departures hall. Man mag kaum glauben, dass Kaohsiung eine Millionenstadt ist, so wenig ist hier los. Genau wie ich es von der Landung Ende August in Erinnerung habe. Der angesprochene Stress hat sich ehrlich gesagt auch nicht auf Probleme am taiwanesischen Flughafen bezogen. Viel eher bin ich generell aufgeregt, nochmal alleine zu verreisen, und zwar diesmal in ein ganz anderes, fremdes Land. Krasser, als damals, als ich nach Taiwan aufgebrochen bin. Ohne exakten Plan, wie ich ihn bei der Fahrradtour hatte. Selbst wenn ich nur an die sicheren Orte gehe (Mindanao rühre ich nicht an), ist es doch eine ganz andere Situation. Wie passe ich denn alleine am besten auf meine Sachen auf, wenn ich mal schwimmen gehe oder ein Leihmotorrad irgendwo abstellen muss? Was, wenn ich gar kein Motorrad bekomme? Und die Fähre nach Bohol? Und eine Unterkunft? Habe ich beides noch nicht gebucht. Okay, letztere sollte kein Problem sein, das bin ich von der Fahrradtour jetzt ja gewohnt. Aber der Grad zwischen Spaß haben und Sicherheitsbedenken und selbst Sachen organisieren wird bestimmt crazy. Es kann in jede Richtung gehen. Und natürlich habe ich ein bisschen Schiss vor den Fliegern. Die kleinen Maschinen sind ja für ihre Turbulenzen berüchtigt. Nichts, wo ich vor Angst sterben würde, aber Respekt habe ich durchaus. Und am schlimmsten wäre natürlich, wenn ich bei der Einreise kein Visum bekomme oder einen Flug verpasse oder etwas Wichtiges wie den Reisepass verliere.

Gähnende Leere am KHH „International Airport“

Okay, genug gesorgt, erst einmal esse ich in Ruhe meine letzten Vorräte auf und begebe mich dann an den Schalter. Trotz fehlendem Aufgabegepäck wollen sie meinen Rucksack wiegen, exakt 6,34kg. Auf der Boardkarte wird das Boarding spontan 20 Minuten vorverschoben, ich wusste gar nicht, dass das auch so herum geht.

Departures-Halle

In der Security fühlt es sich ebenfalls an wie auf einem Friedhof, in größter Ruhe diskutiere ich mit dem Sicherheitsmann, was auf seinem Bildschirm jetzt welchen Gegenstand darstellt. Am Ende hat ihn nur mein Rasierschaum-„spray“ besorgt. Die Flughafeneinrichtung ist ganz nett, am Gate gibt es sogar angemalte Lüftungsrohre und Dekoration im Unterwasserstil. Um mich herum sitzen ausschließlich Filipinos, das glaube ich mittlerweile erkennen zu können.

Im Flieger, es ist jetzt schon dunkel, bekomme ich den Mittelsitz neben einer netten Dame, deren Hintergrundbild vermutlich ihre Tochter ist. Der Fensterplatz bleibt frei, zum Glück habe ich ihn nicht aufgebucht. Und dann steht im Flur doch noch ein westliches Gesicht. Ich lächle den mit spärlicher Kopfbehaarung versehenen Mann an, er lacht zurück. Vermutlich sind wir beide beruhigt, irgendwie. Ich würde lügen, wenn ich nicht auch irgendwo diese Berichte im Hinterkopf hätte, die von abgestürzten Fliegern in Dritte-Welt-Ländern handeln. Neulich in Kolimbien, wenn ich mich recht erinnere. Allerdings sind das meistens besonders kleine Passagiermaschinen, ich sitze immerhin in einer Dreierreihe. Die kleinen Flugzeuge kommen später noch, lol.

Ich habe echt sauwenig Platz, den Rücken spüre ich bereits nach wenigen Minuten, aber ich wollte ja unbedingt billig fliegen. Nein, ist schon okay, es wird sich lohnen. Der Adrenalinkitzel beim Abheben macht ja auch irgendwie Spaß, und schwups, sind die zwei Stunden vorbei. Zumindest solange die Frau neben mir nicht an ihrem „Beef Gyudon“ schnabuliert, die Kabinenlichter an und aus gehen und übersteuerte Ansagen gedroppt werden. Ganz interessant: Es wird mehrfach explizit darauf verwiesen, dass man jede Ein- und Ausfuhr von Währungen, Wertgegenständen und anscheinend auch ‚schriftlichen Werken‘ dem Zoll melden muss. Meine sicherheitshalber 600 eingesteckten Taiwan-Dollar nehme ich da aber trotzdem mal aus. Wenn ich mich rüberlehne, kann ich aus dem Fenster gucken und den waagerecht zu uns liegenden Mond beobachten, sehr spannend. Aber noch spannender wird es, als die ersten Lichter auftauchen, philippinisches Festland! Manila? Noch nicht. Die aufgezeichnete Stimme informiert die Passagiere, dass nun eine Anti-Insekten-Chemikalie versprüht wird, um unerwünschte Krankheiten zu vermeiden. Wer damit gesundheitliche Probleme habe, könne das mit dem Personal besprechen, auch wenn ich nicht wüsste, wie man das lösen sollte. Schnell riecht es nach Erbrochenem, lecker. So etwas hätten wir gegen die Kakerlaken gut gebrauchen können, naja.

Und dann bin ich auch schon in Manila. Viel zu viel Zeit verschwende ich vor dem „Transfer Desk“, der nicht nur meinen Flug nicht anzeigt, sondern auch akute Probleme mit den Computern zu haben scheint. Der westliche Typ aus dem Flugzeug schwitzt sichtbar und auch ein anderer Europäer neben mir hat es eilig. Sein Flug geht ebenfalls nach Cebu, allerdings eine Stunde vor meinem. „It was only 20 euros, so why not?“ Joa, warum nicht? Irgendwann schickt die Mitarbeiterin mich zum Ausgang, wo ich aber aufgehalten werde, denn die Philippinen haben da eine besondere Überraschung auf Lager. Um im Land anzukommen, muss man sich die regierungseigene App namens „eGovPH“ runterladen, die ungelogen alle drei bis fünf Meter beworben wird. Diese quetscht mir sämtliche Daten ab, wirklich sämtliche. Namen, Telefonnummern, Email, alle vorherigen Flughäfen, Dauer des Aufenthalts in Taiwan, Flugnummern meiner Flüge, Meldeadresse in Deutschland und viele weitere Informationen. Schließlich darf ich vorbei und in die Maniler Nacht treten. Es ist nochmal deutlich wärmer als Kaohsiung (eher wie Kaohsiunger Herbst), und voll. Brechend voll. Instinktiv beschütze ich Bauchtasche und Hosentaschen. Viele junge Männer ziehen umher, man sieht die Ablieferstraße vor lauter Autos nicht und es herrscht einzigartiges Gewusel, alles um 22 Uhr.

Erster Eindruck von Manila

Den angeblichen Shuttlebus finde ich überhaupt nicht, erst ein Wachmann kann mir helfen. „It’s at Bay 6.“ Der kostenlose Transfer legt ab, sobald ich eingestiegen bin, und mit zehn anderen Filipinos umkreisen wir den gewaltigen Flughafen. Auf Maps werden mir die Ausmaße erst richtig klar. Ein umgedrehtes T mit parallelen Landebahnen und fünf Terminals, die allesamt meilenweit voneinander entfernt liegen. Okay, ich habe noch Zeit, aber die brauche ich auch! Auf der anderen Seite angekommen, bleibt es unübersichtlich. Fragen, fragen, Leute fragen. Schließlich laufe ich das Security-Prozedere nochmal durch und lande im Gate. Dort gibt es Wasserspender, aber ich habe keinen Behälter und die Geschäfte haben allesamt zu. Glücklicherweise befindet sich am Hallenende „The Robot Barista“, eine riesiger Kaffeeautomat, dessen Protagonist ein mittig sitzender Roboterarm ist und der eine baristawürdige Live-Performance bietet, auf Knopfdruck. Wieviel sind eigentlich 280 philippinische Peso? 4,50€ für eine kleine Vanillemilch, na gut. Mit dem Becher kann ich mir wenigstens Wasser nachschütten. Ich bin so durstig, dass ich es vorher nicht einmal gemerkt hatte, aber die Flüssigkeit war dringend nötig.

Jetzt habe ich noch gut anderthalb Stunden zum zweiten Flug, die ich im Flughafen-WLAN mit zwei Avatar-Folgen verbringe. Kaum zu glauben, dass diese Kinderserie wirklich so spannend und unterhaltsam werden konnte.

Das nächste Boarding ist deutlich praller gefüllt. In mehreren Bussen werden wir zum Flieger gefahren, wo eine interessante Aufgangstreppe wartet. Hauptsache, das Flugzeug ist modern, und danach sieht der Airbus auch aus. Drinnen riecht es wieder nach Kotze und die Flugbegleiterin begrüßt mich mit „Good morning!“ Um zehn vor null eine wilde Aussage, hoffentlich sind die nicht auf Koks. Dass ich jetzt richtig in den Philippinen angekommen bin, erkenne ich auch an der Musik, „Cup of Joe“ erhallt in der Kabine, während es vorher immer abwechselnd „The Weeknd“ und „Capital Cities“ waren.

Jetzt fängt‘s an

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