Camiguin (Mittwoch, 4. Februar)

Leo‘s Philippinen Blog?

Nunja, der Blogname suggeriert es nicht gerade, diese Reise stand zu Beginn noch nicht einmal in meinen Gedanken. Und prinzipiell soll der Blog vor allem meine Zeit in Taiwan beinhalten. Aber ich kehre ja nochmal zurück und eine Pause verträgt sich mit meiner Schreibroutine bestimmt ganz schlecht. Außerdem gehört der Urlaub hier auch zu meiner Zeit fernab Zuhause, also warum nicht darüber schreiben?

Der Flug nach Cebu hat jedenfalls mehr Turbulenzen als der erste, aber ich fühle mich sicher. Die Männer rechts und links von mir tragen Masken, es könnte die immerwährende Angst vor Corona sein. Der eine spielt League of Valor, Mike würde sich freuen. Meine Beine haben ein wenig mehr Platz als vorhin und ich kann sogar etwas schlafen. Nach etwas über einer Stunde landen wir in Cebu, es ist jetzt knapp halb zwei. Die Frau von der Sicherheit entdeckt in meinem Kulturbeutel ein Feuerzeug, von dem ich nicht einmal selbst wusste, dass es existiert. Krass, dass ich damit schon durch zwei Flüge gekommen bin.

Der Inselflughafen ist tausendmal angenehmer als der der Hauptstadt. In der Halle für domestic flights gibt es übersichtliche Gates, nette Souvenirläden und eine Menge Essmöglichkeiten. Vielleicht kann ich mir hier später etwas reinziehen. Ich plane jedenfalls nicht, den Flughafen zu verlassen, auch wenn der nächste Flug erst um halb zehn geht. Andere Passagiere zeigen, wie man halbwegs bequem auf dem Boden schlafen kann, außerdem spart man sich dadurch weiteren Stress. Eine kleine Wasserflasche kostet mich 80 Peso (1,15€). Wenn das die Flughafenpreise sind, kann ich damit leben. Es sprechen übrigens sämtliche Flughafenmitarbeiter perfektes Englisch, ein sehr angenehmes Upgrade zu Taiwan.

Nudeln nachts um drei

Ich finde auf einer der Bänke Platz und buche zunächst einmal mein erstes Hostel, in einem Ort, der laut Google scheinbar nur aus Hostels besteht. Dann versuche ich, für den Rest der Nacht irgendwie Schlaf zu finden. Auf meinen Rucksack zu lehnen funktioniert besser als gedacht und dass ich immer wieder aufwache, liegt eher an Sicherheitsbedenken als an anderen Dingen. Um sieben Uhr suche ich mein Gate auf, wo man jede Menge Europäer sieht, eine Deutsche führt neben mir ein intensives Telefonat. Leider fällt mir vor lauter Müdigkeit meine Powerbank aus der Hand und der Lightning-Adapter bricht ab, eine mittelschwere Katastrophe.

Normalstes Schlagloch

Der dritte und vorerst letzte Flug findet dann wirklich in einem Zweierreihen-Flieger statt. Die Propellermaschine sieht zugegeben ziemlich cool aus, wie sie da fast auf dem Boden liegt, die Flügel weit über Fensterhöhe und mit zwei metallenen Windrädern statt richtigen Triebwerken. Wie klein der Innenraum ist, merke ich auch daran, wie ich mir selbst in Gangmitte fast den Kopf stoße. Glücklicherweise wurde mir ein Platz in vorderster Reihe zugeteilt, mit viel Platz für die Beine und sogar am Fenster, wofür ich leider einen Westlichen auf den Gangplatz verscheuchen muss. Sorry, aber bei dieser Gelegenheit kenne ich keine Gnade. Er steckt sich sofort Kopfhörer rein und schaut dann die ganze Zeit einen Anime. Immerhin bin ich jetzt in der Pflicht, im Fall der Fälle den Notausgang freihebeln zu müssen.

Tiefflieger
Enge Kabine

Schon kurz nach Start der Propeller sind sie für das menschliche Auge nicht mehr sichtbar. Umso lustiger, dass das Handy sie trotzdem noch einfängt, wie eine magische Täuschung. Ganz langsam rollt die Maschine ans Fahrbahnende und beschleunigt dann umso schneller. Einen riesigen Unterschied zu ‚normalen‘ Fliegern bemerke ich übrigens nicht, außer dass wir vielleicht etwas steiler abheben. Auch von den angeblich so starken Turbulenzen spüre ich gar nichts, alles entspannt.

Beschleunigung: Level Propeller
Und abgehoben

Stattdessen kann ich in Ruhe die unter uns vorbeiziehende Landschaft beobachten. So etwas wie Slums an der Küste von Cebu, jedenfalls stehen im Küstengebiet tausende farbige Hütten ohne erkennbare Wege zwischen ihnen, mit fließendem Übergang in den Uferbereich. Das Meer sieht extrem ruhig aus, nur ein paar winzige Schaumkronen erheben sich. Recht schnell überfliegen wir einige Sandbänke, die große Gebiete zieren und manchmal sogar Dörfer auf Wasserlevel beinhalten. Dann kommt Bohol, ein weitgehend flaches Landstück mit Feldern und einzelnen Straßen. Ich meine, die Schokoladenhügel zu erkennen, kann mich aber auch irren. Ein kleines Kind schreit nach seiner Mama, der Vater flucht auf Französisch. Kurz darauf meldet sich der Kapitän, wir hätten noch 40 Meilen vor uns und das Wetter sehe gut aus, leichter Wind. Das hätte ich auch ohne Ansage erkannt, bestes Wetter.

Bohol von oben

Ich spüre den exakten Moment, in dem zur Landung angesetzt wird. Das Flugzeug verhält sich wie eine Wippe, die ihren Scheitelpunkt überschreitet. Ab jetzt geht es in leichtem Winkel abwärts und auch Camiguin (man spricht es übrigens ‚Kamigin‘ aus) zeigt sich. In den Bergen haben sich Wolken wie Widerhaken eingehängt, daher kommt also die schlechte Wettervorhersage von dauerhaftem Regen in den nächsten Tagen, aber an der Küstenlinie wirkt es eigentlich prächtig. Das Meerwasser rückt immer näher, schließlich überqueren wir die ersten Hütten und Staubwege. Massenhaft Palmen zieren die Natur, gefühlt berühren wir sie fast, bevor der Flieger aufsetzt und abbremst. Es gibt nur eine Landebahn, auf der die Maschine nach der Hälfte direkt wenden und zum Anfang zurückrollen muss. Hier befindet sich das einzige Terminal, das außer uns keine anderen Flugzeuge beherbergt.

Ah, da liegen Camiguin…
…und die berühmte Sandbank namens „White Island“
Das nenne ich mal einen Palmenwald

Beim Aussteigen spüre ich sofort die sengende Hitze im Nacken, nochmal deutlich stärker, deutlich südlicher als Taiwan es ist. 26 oder 27 Grad dürften wir haben, es fühlt sich vielmehr nach 33 an. Hinter dem kurzen Gepäckband wird man quasi direkt auf die Straße entlassen, ich kann auf den ersten Blick keine Sicherheitsschranken oder Ähnliches erkennen. Dort stehen Einheimische mit Schildern, die ihre reichen Gäste abholen, zum Glück aber auch zwei, drei Leute, die klar verständlich „Motorcycle!“ schreien. Darauf hatte ich gehofft! Ich hebe meine Hand und werde umgehend an die Seite geleitet. Ein freundlicher Herr zeigt mir die Preistabelle (450 Peso pro Tag, das entspricht 6,45€) und auch gleich ein mögliches Leihobjekt. Sogleich zieht er einen zerknülltes A4-Papier aus der Jackentasche, das ich bitte unterschreiben soll. Gesagt, getan, erst dann fragt er mich nach einer ID, und niemand erwähnt das Wort Führerschein mit einem Wort. Ein Foto vom Reisepass genügt ihm. Sein Kollege gibt mir sogar noch einen Zettel mit QR-Code, über den ich mich bei Ärgernis beschweren darf.

Gelandet

Geld habe ich noch keins, aber kein Problem, der Vermieter fährt mich doch gerne zum nächtsgelegenen ATM. Danach geht’s noch zum Luft aufpumpen, während er auf dem Weg gefühlt jeden anhupt oder anwinkt, kennen tut er hier wahrscheinlich jeden. Überholt wird von allen Seiten von allen Verkehrsteilnehmern, die Straße ist dafür breit und glatt genug. Es sind unglaublich viele Fahrzeuge unterwegs, die ich am ehesten als Weiterentwicklung eines Motorrads beschreiben würde. Die Basis ist nämlich wirklich ein solches, währen drumherum eine Hülle gebaut wurde, die das Gefährt mehr nach Nachtmarktwagen aussehen lässt, aber vermutlich gut gegen Hitze und gut für das transportable Volumen ist.

Nette Währung – erinnert mich leicht an die Taiwan Dollar
Diese Gefährte sind überall unterwegs – bei genauem Hinschauen entpuppen sie sich als Motorrad mit aufgesetztem Anhänger

Der motivierte Rollervermieter bringt mich wieder an den Flughafen und will mich schon entlassen, aber die Chance muss ich nutzen. Wenn sich einer auf der Insel auskennt, dann wohl er. Ob Camiguin sicher ist? Ja na klar, „very safe“. Genau das wollte ich hören, danke. Es fühlt sich ja wirklich so an. Zweitens: Kann ich mir spontan am Hafen ein Fährticket nach Bohol besorgen? „Yes“, und ich kann das Motorrad sogar am Hafen zurückgeben, wenn ich möchte. Drittens: der Berg. Da hat Anthony, wie er sich vorstellt, etwas Besonderes parat: einen Guide! Ohne solle man die Wanderung nämlich nicht machen, zu riskant. Er gibt mir eine Nummer und sagt, dass er mir später nochmal schreibt, falls irgendwas nicht klappt. Was für ein Luxus, direkt diese Option zu haben, so gehe ich ganz entspannt in den Resttag.

Meine Unterkunft ist nur acht Minuten entfernt, aber weil man um zwölf logischerweise nicht einchecken kann, hole ich mir ein längst überfälliges Essen. Dazu setze ich mich auf die Veranda im 1. Stock von „Checkpoint Food Camiguin“. Im Erdgeschoss befindet sich eine Art Mensa für Schulkinder, sowie ein Kiosk und eine Menge Filipinos, die mich komisch anschauen. Okay, ziemlich sicher sehe ich ziemlich lost aus. Oben bekomme ich aber eine übersichtliche Speisekarte und ordere den „Sweet & Sour Fish“ mit Reis und Cola. Keine ganz schlechte Option, zumal der betrachtlichen Menge, nur ungewohnt. Das Motorrad mit rangehängtem Helm im Blick, eine bettelnde Katze abwehrend, genieße ich meine erste vollständige Mahlzeit seit gestern Nachmittag.

Essen am „Checkpoint Food Camiguin“

Ich bin auf jeden Fall müde, aber nicht so sehr, dass ich das restliche Tageslicht nicht ausnutzen könnte. Wenn ich heute verschwende, habe ich nur noch drei ganze Tage hier. Einer für die Bergwanderung, einer für eine Inselumrundung (man sagt, so etwas würde mir liegen) und ein weiterer für „White Island“ oder sonstiges Chillen. Außerdem hat das Hostel in seiner Beschreibung weitere Aktivitäten angepriesen, Yogakurse und Wassersport. Alter, jetzt muss ich mal kurz stolz sein, wie schnell bin ich denn bitte von ‚Gar kein Plan‘ zu ‚Ich hab zu wenig Zeit für alles‘ gekommen? Wow!

Also fahre ich einfach zum Hostel. Es ist noch eine knappe Stunde zum Checkin, aber wohin soll ich den Rucksack auch sonst tun? Für die Unterkunft, die direkt am Wasser liegt, muss ich einen Waldweg einschlagen und sehe schnell einen klassischen Surfschuppen. Auch wenn da nur Motorboote stehen, der Vibe gilt. Auf einer Veranda sitzen zwei ältere Europäer ohne Kopfbehaarung, einer von ihnen spricht mich sofort in einem unidentifizierbaren Akzent an. Irgendwas südliches, aber sonst keine Ahnung. Er führt mich in das Hostel ein, obwohl er nicht da arbeitet. Mein Gepäck könne ich ruhig schon abstellen, gar kein Problem, sowieso seien alle sehr freundlich. Bis auf die eine Dame dort. Die angesprochene fühlt sich geneckt und widerspricht. Aha, hier fliegen die Späßchen hin und her. Die gute Frau nennt sich „Mimi. And you?“ „Leo.“ „Liam?“ „No, Leo.“ „Nice to meet you!“ Das mit der Freundlichkeit stimmt aber. Ich soll Platz nehmen, denn „they currently prepare the welcome drinks.“ Wow! Eine der erstaunlich vielen Personalfrauen bringt mich den gemixten Fruchtsaft mit Glasstrohhalm. Essen kann man im Hostel dazubuchen, aber nur vor bestimmten Uhrzeiten. Mimi kommt aus Camiguin und hat ein besonderes Anliegen: Am Samstag finde eine Art indigenous event statt, bei dem man sich anmelden könne. Gezeigt werden Saat, Ernte und Verarbeitung einer lokalen Pflanze, die ähnlich wie Hanf starke Faserstränge produziert und ein Lokalstolz zu sein scheint. Camiguin beliefere die ganzen Philippinen und auch Japan mit den praktischen Gut. Bei der Tour, die 2500 Pesos (36€) kostet, ist Transport, Essen und das Treffen mit Locals alles inklusive. Ungelogen klingt das sehr gut, ich werde es mir überlegen. Außerdem stelle ich weitere Fragen, denn Mimi scheint daran interessiert. Auch sie empfiehlt für die Wanderung einen Guide, schwärmt von einer Inselrundtour mit tausend Abstechern ins Landesinnere und ist sich sicher, dass die Hunde hier trotz ihrer Vielzahl nicht gefährlich sind. Ohne anzuhalten, bräuchte man angeblich knapp anderthalb Stunden. Wann ich gehe? Am Sonntag. „Okay, see you, Liam!“ Ja, genau, tschüss.

Motorradstellplatz vor dem Hostel
Der darf auch nicht fehlen
„Welcome Drinks“

Eine andere Kellnerin führt mich in das „dorm“, das sich oben neben einem Geneinschaftszimmer befindet. In letzterem sitzen aber eindeutig zu viele Leute, vermutlich ist das sowas wie ein Internet-Café. Im Schlafzimner selbst ist nämlich nur ein anderes Bett belegt, wie entspannt. Sauber ist es auch noch, das Bad in Ordnung (außer dass die Toilette wie für Gartenzwerge gebaut scheint). Lustig finde ich, dass in den Fensteröffnungen keine Fenster, sondern nur Fliegengitter sitzen, aber das ist wohl dem Klima geschuldet. So höre ich nahgelegene Hähne, die ans Ufer schlagenden Wellen und mit Konzentration auch ab und zu eine Kuh, von deren Artgenossen man hierzulande überraschend viele vor die Augen bekommt. Das kein Ungeziefer anwesend ist, sehe ich aber als größten Bonus.

Ein akzeptables Schlafzimmer. Auch wenn Vorhänge an den Betten fehlen.

Kurz chille ich und will mit dem Wanderguide schreiben, der sich nach einem lustigen Opener aber leider nicht mehr meldet. Sehr interessant finde ich, wie in Zusammenhang mit Ausländern die Anrede „Sir“ inflationär genutzt wird. An den Flughäfen war es mir schon ein bisschen aufgefallen, die Guides auf Camiguin treiben es aber auf die Spitze.

„Good pm sir“, zu lustig

Außerdem lade ich das Handy, dann geht’s auch wieder los. Nur mit Bauchtasche, Badehose, T-Shirt und Adiletten (beste Taiwanmanier) schwinge ich mit auf den Motoresel und fahre entgegen des Uhrzeugersinns. Die Straße ist sehr schön ländlich: friedliche Höfe wechseln sich mit Bauschutt-Baustellen, überwucherten Hängen und tollen Ausblicken auf das Meer ab. Die vielen herrenlosen Hunde machen zwar nichts, stehen aber penetrant im Weg und reagieren teilweise nichtmal auf lautes Hupen. Sie außen zu umfahren, tut den ohnehin verletzten Verkehrsregeln aber keinen Schaden.

Traumhafte Küstengegenden

Die Leute, allen voran mal wieder die Arbeiter auf den Baustellen, nicken jedes Mal freundlich zurück. Außerdem sind philippinische Straßen scheinbar getarnte Hupkonzerte, ständig ertönt die erschreckend laute Tröte. Eine Weile denke ich, dass ich die Leute nerve, weil jch ständig für Fotos stehenbleibe, dann bemerke ich aber die immerwährenden Winkezeichen, die Leute freuen sich also einfach, mich zu sehen. Sehr wohlig fühlt sich das an. In Punkto Freundlichkeit sind die Philippinen bisher nicht so weit entfernt von den Taiwanesen.

Diese Straßen mit einem Roller geradebiegen

Beim versunkenen Friedhof, den ich mir schon vor Längerem rausgesucht hatte, muss ich einmal anhalten und schauen, auch wenn ich ihn mir nicht gerade für heute vorgenommen hab. Durch ein Privattor geht es an die Küste. Auf der linken Wegseite reihen sich Souvenirstores und Tauchausrüstungsläden aneinander, in der Straßenflucht tut sich das bekannte aus dem Wasser ragende Kreuz auf.

Am versunkenen Friedhof

Ein paar asiatische Touristen knipsen Bilder. Das Kreuz ist wirklich schön, aber es wird sich kaum um dasjenige handeln, das vor über 200 Jahren mit der restlichen Grabstätte (bei einem Vulkanausbruch) untergegangen ist. Weil ich mich echt fehl am Platz fühle, quatsche ich einen Verkäufer an, der sich neben einer Kollegin aufhält. Auch ein dritte Frau kommt hinzu und hat ebenfalls Interesse, etwas über mich zu erfahren. Ich hatte die Unterhaltung mit dem Friedhof begonnen, da erklären die drei doch gerne, wo ich mit Ausrüstung zum Erkunden ausleihen kann. Morgen vielleicht? Mal schauen. Woher komme ich, wie alt bin ich? „27? 30?“ Und: „Where‘s your girlfriend? In Germany?“ „No, haha.“ „No?“ „No, currently no girlfriend.“ Was darauf folgt, kann ich schon auswendig: „You can find your girlfriend in the Philippines!“ Strahlende Gesichter um mich herum. Na klar, in zwei Wochen ohne Bleibeperspektive. „We can find you a girlfriend“, schlägt die ältere Verkäuferin dann vor. „Okay“ sage ich und grinse, „It’s a deal.“ „You want to snorchel today?“ werde ich mich einmal gefragt. Ganz ehrlich: „Yes, why not“, entscheide ich mich um.

Ausrüstung bekomme ich auf der anderen Straßenseite. Mit einem Guide zu gehen, ist natürlich „mandatory“, aber nicht allzu teuer. 100 Peso für den generellen ‚Eintritt‘, 150 für den Guide und jeweils 50 für ein Schnorchelset und ein Paar Flossen (insgesamt also 350 Pesos (5€)). Außerdem Teil der Gruppe werden viele Jugendliche im Alter von vielleicht 16 oder 17 Jahren sein. Die philippinischen Jungs und Mädels begrüßen mich allesamt in sehr gutem Englisch und machen Freudensprünge, mit einem Fremden Schnorcheln zu gehen. Die Kleinen zeigen mir, wo ich Ausrüstung finde und begleiten mich zum Strand. Die Verkäuferin von vorhin nickt zufrieden. „You are already surrounded by Filipino girls, good!“ „A bit young maybe“, gebe ich zurück, woraufhin sie ihre Augenbrauen hochzieht. Auf jeden Fall geht es dann ins Wasser, neben den etwa zwölf Kinder schwimmen auch ein Guide und die Frau mit, die mir das Ganze verkauft hat.

Vorbereitungsraum

Die Flossen sind ein wenig eng und auch in die Brille geraten ein paar Tropfen Wasser, aber ich sehe genug, um sehr beeindruckt zu sein. Wenn ich nicht irgendwas vergesse, dürfte das das erste Mal sein, dass ich ein Korallenriff mit eigenen Augen sehe. Korallen über Korallen, hunderte, tausende Fische dazwischen. Die Szenerie kommt mir bekannt vor, in einem gewissen Sealife-Museum in Kenting habe ich das schon einmal gesehen. Aber darin mitzuschwimmen, ist natürlich viel schöner. Ganz viele Korallenformen erkenne ich wieder, von der Gehirnkoralle bis zur Schirmkoralle. Während einige Bereiche monoton braun und dunkelgrün und grau sind, strahlen andere Regionen nur so vor unterschiedlichen Farben, wie es in einer Eisdiele verschiedene Sorten gibt. In den Meeresbodensträuchern suchen kleine Nemos und Artgenossen Unterschlupf, es ist ein in sich funktionierendes Biotop. Ich habe zugegeben Probleme damit, ausschließlich durch den Mund zu atmen, obwohl ich darin sonst ein wahrer Meister bin. Nicht die Möglichkeit zur nasalen Atmung zu haben, engt auf jeden Fall ein und mein Herzschlag steigt am Anfang. Ruhige Atmung ist aber der Key zur Entspannung und nach einigen Minuten komme ich damit auch gut klar. Der Guide schwimmt mit einem Rettungsring voran, obwohl der Boden nie tiefer als zwei Meter ist. Ich halte mich an die Schwimmrichtung meiner Buddies und genieße die Unterwasserwelt. Dass der Boden so nah ist und ich manchmal sogar aufpassen muss, nicht mit dem Bauch über Felsen zu streifen, ist zwar kurzzeitig nervig, aber auch ein Luxus, denn so erlebe ich die Unterwasserwelt aus nächster Nähe.

Nach einer Weile deutet der Guide nach unten und offenbart damit die „gigantic clams“ auf dem sandigen Grund. Die sind wirklich crazy, muss ich sagen. Halb so groß wie ich, bestimmt genauso massiv und schwer, intensives Lila in der äußersten Schicht und die erinnern unverwechselbar an ein bestimmtes Geschlechtsorgan. Vielfach gewundene Lippen atmen ganz offensichtlich in ihrer Bewegung, das kann nicht einfach nur die Meeresströmung sein. Mehrere Münder stoßen Luft/Wasser aus und wieder ein, als wären es Eintrittstore einer Stadt für Fische. Zu schade, dass ich keine Fotos machen kann, dafür bleibt eine einzigartige Erinnerung. Bestehen die Muscheln eigentlich aus Fleisch? Wenn ja, wären sie bestimmt gefundenes Fressen für jeden Wilderer.

Nach fasziniertem Starren geht es weiter. Ich sehe Seesterne in knalligem Blau. Ist das die einzige Farbe oder gibt es noch andere Sorten? Weit hinter dem großen, aus dem Wasser aufragendem Kreuz gelangen wir an das ursprüngliche, richtige Friedhofskreuz. In den Philippinen gibt es auf jedem Friedhof nämlich ein besonders großes Kreuz für diejenigen, deren Heimat woanders liegt oder deren Körper nie den Weg auf einen Friedhof gefunden hat. Da der Friedhof vor 200 Jahren oder mehr versunken ist, ist das damalige Kreuz entsprechend vermoost und glitschig. Praktischerweise liegt es auf einer Sandbank und mit seiner Oberfläche fast gänzlich über Wasserhöhe. Hier brechen die vom Meer kommenden Wellen, was die ruhige Riffatmosphäre von weiter vorne erklärt. Eine Gans oder große Ente erregt die Aufmerksamkeit der Gruppe. Angeblich ist sie jemandem entlaufen/entflogen, da sie einen Tag am Fuß hat. Die Kinder versuchen sie zu fangen, und das Tier kommt ihnen unschüchtern erstaunlich nahe, es gelingt aber nicht. Also stellen wir uns alle aufs Kreuz und lassen den Guide ein paar Fotos knipsen. Auch für die Kinder ist es das erste Mal, so eine Tour zu machen, entsprechend begeistert sind alle.

Auf dem alten Friedhofskreuz
Jippieee!

Auf dem Rückweg schwimmen wir mal hier, mal dorthin und stoppen schließlich am großen Kreuz. Kleine Stufen führen an dessen Fuß und theoretisch führt in ihm eine glitschige Leiter nach oben, die sich aber niemand zu besteigen traut. Langsam wird es echt kalt (ich bin der einzige ohne Badeshirt), sodass wir ausgelaugt zurückkehren. Im Clubhaus spülen wir uns mit Süßwasser aus einer Gartenleitung ab, überkippen uns gegenseitig mit kleinen Plastikeimern. Meine linke Finne hat sich irgendwo aufgespalten, aber das macht nichts, sagt die liebe Frau. Ehrenfrau. Die Kinder fragen mich nach meinem Insta, um mir die Bilder schicken zu können, kein Problem. Ich verabschiede mich und gehe noch einmal zum Aussichtspunkt. Unten am Wasser bringen sich Frauen in Stellung, vor einem malerischen Fischerkahn und im angehenden Sonnenuntergang. „Miss Philippines/Miss Thailand“ hat der Guide vorhin gesagt. Es sind auch andere Touris gekommen, wobei sich ein schwules Pärchen (Ami und Thailänder) bereit erklärt, ein Foto von mir zu machen. Absolut lohnenswert, denn schlagartig färbt sich der Himmel tiefrot und einer der schönsten Sonnenuntergänge, die ich in letzter Zeit gesehen habe, entsteht.

Traumhaftes Abendlicht
LG von Camiguin
Großes neues Kreuz und dahinter das liegende alte Kreuz

Eine Verkäuferin erzählt mir noch, was ich morgen am besten in welcher Reihenfolge abarbeiten sollte („White Island for sunrise, Old Ruins, Cold Springs, Waterfalls, other Waterfalls, another Island, …“), dann mache ich mich auf den Rückweg. Na, der Ausflug hat sich doch mal gelohnt.

Es wird gefühlt langsamer dunkel als in Taiwan, obwohl der Sonnenuntergang liegt mit 17:47 Uhr kaum später liegt. Als es anfängt zu winden, friere ich sogar und dann beginnt es schlagartig zu regnen. Mein Visier tropft vor lauter Tropfen und die Lichter des Gegenverkehrs verschlechtern meine Sicht auf die Straße. Langsam und vorsichtig lasse ich mich durchnässen und komme in vollständiger Dunkelheit im Hostel an.

Beste Dämmerung

Eine Kellnerin im Poncho erwähnt nebenbei, dass es morgen einen Taifun geben soll, ja was auch sonst. Im „Dorm“ des Hostels ist weiterhin nur ein Bett belegt, die Person duscht gerade. Hardtechno und die schlichten Schuhe würden mich auf einen Jungen schließen lassen, sicher bin ich aber nicht. Tatsächlich kommt dann ein Mädchen raus, die sich als Natalia vorstellt und Spanierin ist. Sie trägt einen Pony, den ich intuitiv als politisch links einordnen würde, und hat ein freundliches Lächeln. Sie ist auch erst heute angekommen, war aber schon auf anderen Inseln im Land. Palawan z.B., wie ihre Handtuchaufschrift nahelegt. Seit November sei sie auf Reisen in Asien, kann aus Geldknappheit aber nicht mehr allzu lange durchhalten. Sie ist noch am Überlegen, nach Australien zu gehen und auf Farms etwas dazuzuverdienen, oder dasselbe in Spanien zu tun, wo ihre Familie sie nicht vermissen würde. Genau wie ich vermisst sie niemanden ganz konkret und könnte ruhig noch länger wegbleiben, allerdings habe sie konstant das Gefühl, die besonderen Momente eigentlich mit ihren Freunden teilen zu wollen. Das lässt sie wohl auch nach ein paar Monaten noch nicht los, da unterscheiden wir uns. Ich finde es vielleicht sogar gut, schöne Dinge alleine zu erleben, denn manche Freunde erleben Momente auch anders und würden es vielleicht dadurch zerstören, diese abzuwerten oder konstant auf der Suche nach Saufgelagen zu sein.

Da der Wanderguide sich nicht mehr meldet, hat Anthony natürlich jemand Zweites auf Lager. Mit Raymund Dumangcas telefoniere ich mehrere Male, denn seine Übersichtsliste für die Wanderung auf den Hibok-Hibok enthält verrückte Sachen. Nicht nur soll ich unbedingt „Bananas and Biscuits“ mitbringen (warum immer so spezifisch?), sondern auch „Trekking Shoes mit Spike“, einen „Bucket Hat“, ein „Medical Kit“, „Long pants stretchable“ und einiges mehr. Dass ich das meiste davon nicht besitze oder zumindest nicht bei mir habe? Kein Problem. „Just send me a picture of your shoes. … Yeah, that’s totally fine!“ sagt er zur mehr oder weniger flachen Sohle meiner New Balance. Auch die fehlende Thermohose scheint egal. Es geht zwar darum, sich vor Insekten zu schützen, aber obenrum langärmlig soll wohl reichen. Najaa, ein allzu gutes Gefühl habe ich dabei nicht, aber noch muss ich auch nichts bezahlen. Weil morgen das Wetter schlecht wird, planen wir die Tour am Freitag, morgen solle ich mir nur das „permit“ an der offiziellen Stelle besorgen und ihm dann Bescheid geben.

Ich frage meine Zimmergenossin, ob sie schon essen war (und etwas empfehlen könne). War sie nicht, und sie kommt mit mir mit. „Just walk around?“ „Yeah, I guess so.“ Wir stellen fest, dass wir im selben Flieger gesessen haben müssen, wobei sie direkt zum Hostel gefahren ist. Man kann sich gut mit ihr unterhalten, wir kommen gut ins Gespräch. Natürlich gibt es da die für Reisende wichtigsten Themen: Wo war man, wo will man noch hin, was hat man gebucht? Ich bekomme wertvolle Tipps für Bohol und die dringende Empfehlung, auf Palawan eine „Isle-Hopping-Tour“ zu machen, auch wenn es in den Geldbeutel langt. Sie habe es nicht getan und bereue es. Weil sie so wenig Geld übrig hat, lebt sie möglichst sparsam. „The more money I save, the longer I can travel.“

Zwei philippinische Restaurants müssen wir auslassen, weil es schlicht keine Gerichte ohne Fleisch gibt. Natalia hat Verständnis, sie war selbst sieben Jahre vegetarisch, bis sie es in Vietnam aufgegeben hat. „It will be hard for you in the Philippines“. Schließlich finden wir Platz in einem italienischen Restaurant am Straßenrand, in dem es ausreichend Auswahl gibt. Gut, dass sie keine Italienerin ist, Giuseppo hätte bestimmt etwas zu meckern gehabt. Tatsächlich ist Natalia zwar Spanierin, aber ihre Eltern kommen aus Argentinien und haben angeblich italienische Wurzeln. Irgendwas mit Kolonialisierung, sagt sie. Die Bestellungen brauchen ewig und werden leider in großem zeitlichen Abstand zueinander serviert. Das sei aber normal, versichert Natalia. Es gibt „San Miguel“, übrigens kein spanisches Bier, wie ich erklärt bekomme. Die Philippinen waren war mal eine spanische Kolonie, die Brauerei wurde aber hier eröffnet und ist schließlich nach Europa expandiert. Sie sagt viele Dinge über die Philippinen, die ich fast genau so auf Taiwan beziehen würde. Die freundlichen Menschen, viel Fleisch im Essen, gewöhnungsbedürftige Tischsitten, neben dem Offensichtlichen wie der schönen Natur und den tropischen Temperaturen.

Während wir auf das Essen warten, bleibt viel Zeit zum Quatschen über Beruf und Leben. Sie hat Philosophie studiert und in Spanien keinen Job gefunden und würde deshalb gerne fachlich etwas abbiegen. Ihre Kenntnisse in Moralwissenschaften würden sie nämlich gerne im Umwelt- und Tierschutz einbringen. Ich meine, Gesetze müssen geschrieben und Petitionen organisiert werden, irgendwas findet man da bestimmt. Sie macht mich auf die grassierende Krätze unter den Straßenhunden aufmerksam und setzt sich dafür ein, die Tiere zu impfen, damit sie nicht jedes andere Tier anstecken. Außerdem solle man die meisten Hunde hier kastrieren, damit sie sich nicht unkontrolliert ausbreiten. Klingt hart aus dem Mund einer Philosophikerin, sie hat aber einen Punkt. Einige Straßenhunde streifen um die Tische und lassen sich zahm streicheln. Geckos, die angeblich riesig sind, geben laute Schreie aus dem Off und ich versuche, Natalia zu überreden, auf die Wandertour mitzukommen. Sie überlegt es sich, hat aber Lust, etwas gemeinsam zu unternehmen.

Wegen der zeitlichen Verzögerung der Gerichte (die aber trotzdem sehr lecker sind), können wir erst um elf gehen. Für ein Bier und eine große Pizza zahle ich 440 Pesos (6,30€), selbst für Touristenpreise schwer in Ordnung. Regnen tut es übrigens nicht mehr, der Spaziergang an der warmen Abendluft ist sogar richtig angenehm. Ich hätte niemals gedacht, so schnell Leute kennenzulernen und mit jemandem unterwegs zu sein, das ist echt besonders. Gerade von der Fahrradtour bin ich es ja gewohnt, höchstens kurze Gespräche mit Fremden zu führen, bevor ich wieder mein eigenes Ding mache. Und das wäre auch für hier vollkommen in Ordnung gewesen, trotzdem enjoye die Gesellschaft sehr.

Laut Natalia soll der Taifun morgen wirklich kommen. Über eine WhatsApp-Gruppe mit anderen Spaniern, die die Philippinen bereisen, erfährt sie von gecancelten Fähren für die nächsten zwei, drei Tage. Wenn selbst die profitgierigen Betreiber ihre unsicheren Fahrten absagen, sollte man als Tourist vermutlich erst Recht besorgt sein. Zumindest was die Querung der See angeht.

Einzuschlafen gestalten sich interessant. Ohne Fenster dröhnt der Regen auf das außenliegende Blechdach und auch die Wellen machen von sich zu Hören. Erstaunlicherweise gibt es keine Klimaanlage, nur zwei große Ventilatoren, die wir lieber aus lassen (genug von den Geräuschen). Ich stelle mir einen frühen Wecker, um dann zu entscheiden, wie ich mit dem potenziellen Regen umgehe.

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