Es ist schon sehr frustrierend, als ich um zehn Uhr aufwache und es immer noch konstant regnen tut. Der Taifun ist wohl vorbeigezogen, seine Schlieren hinterlassen aber lange Spuren. Ich kann also ganz entspannt versuchen, mich ohne Spiegel zu rasieren und wieder ins Bett legen. Erst um elf wird es etwas besser. Immer noch die einzigen Gäste seiend frühstücken Natalia und ich im leeren Saloon. Kakaomüsli und mexikanisches Omelette sowie erneut der wunderbar erdige Kakao füllen meinen Magen äußerst effizient. Natalia schätzt mich auf 26 und gibt sich selbst als frisch 25 zu erkennen. Um knapp zwölf Uhr fällt mir ein, dass ich vielleicht langsam eine Verlängerung im Hostel beantragen sollte, vorsichtshalber hatte ich nur die ersten zwei Nächte gebucht. Es ist kein Personal aufzufinden, also reiße ich einen Zettel von deren Küchenblock und notiere meinen Wunsch mit freundlichen Grüßen.


Es nieselt ein wenig, aber besseres Wetter bekommen wir wohl nicht. Ich beruhige Natalia, was die nassen Straßen angeht, schließlich bin ich gestern einen halben Fluss hinaufgefahren, dann geht es los. Zuerst langsam und übervorsichtig, dann in entspannterem Tempo erkunden wir das regnerische Camiguin. Ziel sind erst einmal die „Katibawasan Falls“, die gerade heute ein gutes Wasservolumen führen dürften. Dazu biegt man irgendwann wieder von der Hauptstraße ab und fährt leicht bergauf. Öfters durchquert man schlammige Senken, die Straße querende Bäche und rutschig aussehende Kurven. Alles im richtigen Tempo, genau wie die Einheimischen. Im Gegensatz zu Natalia und quasi allen anderen besitze ich keinen Regenponcho, weshalb meine wasserundichte Jacke nach kurzer Zeit ihre Schutzfunktion verliert und sämtliche Nässe hindurchlässt. Solange es moderat nieselt, ist das kein Problem, wir haben nämlich trotz allem 26 Grad.





Bevor wir den Wasserfall erreichen, hält uns ein verlassenes Dorf auf. Die Häuser könnten theoretisch noch bewohnt sein und überall hängen Schilder, die ganze 15 Peso (0,22€) Parkgebühren für Motorräder verlangen, es zeigt sich aber keine Menschenseele. Ein großes Tor zum Wasserfall ist blöderweise verschlossen, sodass wir überlegen, dieses zu umgehen. In dem Moment kommt aber ein Mann aus Richtung der Wasserfälle und winkt. „It‘s a 100 Pesos, if you want to go here. Just kidding, you can go here and enjoy a free waterfall.“ Aussehen und Akzent sprechen für einen Ami, er grinst und zeigt auf einen abgebrochenen Holzzaun am matschigen Hang. Mit ein wenig Hangelgeschick kommt man easy vorbei und gelangt so nicht nur in Richtung des Wasserfalls, sondern auch zu den Toiletten, bei denen immerhin noch die Spülung und die Wasserhähne funktionieren. Der Mann verlässt das Gelände, will noch mehr von Camiguin erkunden. Wir hingegen haben die magische Szenerie für uns alleine. Alle paar Meter warnt ein weiteres Schild davor, sich dem Naturschauspiel zu nähern, warum auch immer.

Der Wasserfallpark fühlt sich genauso wie ein lost place an. Neben ein paar verlassenen Pavillons liegen kaputte Blechdächer, Reifen und sonstiger Schrott. Der Wasserfall selbst ist zwar längst keine 75 Meter hoch, wie auf Google angegeben (vielleicht sind es 35 Meter), fasziniert aber trotzdem extrem. Wegen des Regens führt er gewaltige Wassermassen in den Abgrund, die dort einer Explosion gleichkommend zur Seite stäuben und uns selbst einige Meter über der Beckenebene anwinden. Rundherum umgibt uns eine Felswand, die mit tropischen Pflanzen überwuchert ist und an der einiges an Wasserdampf wieder aufsteigt. Ein sehr visueller Wasserkreislauf.

Nicht lange, bis man wirklich vollends nass ist, aber es lohnt sich. Hier zu baden, ist in regenarmen Zeiten bestimmt schön, aber aktuell wäre die Strömung garantiert zu gefährlich. Also geht es weiter.

Fortan fahren wir langsamer, schauen uns die Umgebung ausführlich an und machen noch mehr Fotos. Im Vergleich zu Taiwan finde ich die Landschaft erfrischend neu, herrlich vor allem die provisorische Architektur. Endlich keine Fliesenfassaden und Sichtbetonwände mehr, sondern kreative Bambusgerüste, spolienhaft eingesetzte Säulen und Bögen, einzelne Farbwände und Putzfassaden. Ein alter Mann benutzt ein riesiges Palmenblatt als Regenschirm und starrt uns an, während wir vorbeiziehen. Andere Menschen lächeln uns zu, sind mit ihren Tieren beschäftigt oder joggen mit Flipflops den Berg rauf. Kühe, Pferde, Hunde und Hühner auf der Straße sind mal wieder keine Seltenheit.



Ich dachte in Taiwan schon öfter, mich im Regenwald zu befinden, aber Camiguin belehrt mich eines Besseren. Das knallige Grün der gesamten Umgebung hängt wohl maßgeblich vom Dauerregen ab, mit dem die Region regelmäßig konfrontiert ist. Sehr interessant finde ich, auf wie viele christliche Einrichtungen man stößt. Die Zahl der Kirchen und Kapellen sowie nach Jesus bekannten Einrichtungen hält sich nicht gerade im einstelligen Bereich auf. Teilweise sind einfache Schuppen als Gedenkstätte markiert, auch wenn die meisten Gebäude ziemlich leer aussehen. Na gut, Sonntag ist auch erst übermorgen und es regnet, aber hey, ein bisschen Farbe und Glamour bringt das alles schonmal trotzdem. Als wir wieder an die ‚große‘ Straße kommen, findet Natalia einen Kiosk, in dem sie sich ein Feuerzeug besorgen will. Die verkaufende Dame sagt „I like your friend“, wie ich aus dem Off mitbekomme. Dass sie mich gerade erst im Hostel kennengelernt hat, sei ja nicht schlimm. Naja, „my friend is waiting for me in my home“, sagt Natalia. „Ohh, sorry, sorry“, kommt es zurück.

Entlang der Hauptstraße begegnen uns noch mehr Ziegen, Kühe, grüne Felder, massenhaft Zebrastreifen, Baracken und auch Schulen. Do manche Baustelle wird mit unzählige Warnschildern angekündigt. „Heavy Materials“, „Man at Work“ (nicht die Band), „Construction Side“, „Max. Speed 40“, „Watch Out“ oder „Bridge under Construction“ sind nur ausgewählte Warnungen, die alle auf individuellen Flächen in verschiedenen Farben und Schriftformaten angezeigt werden. Besonders lustig finde ich eine offizieller anmutende Tafel mit folgendem Schriftzug: „This is where your taxes go“. Aufklärend gedacht, aber in Anbetracht der chaotischen Baustelle wirkt es eher wie ein Eingeständnis der Behörden, mit Steuergeldern zu pfuschen.
Ansonsten steht an jeder zweiten Kurve „Slow Down Accident Prone Area“, auf dass man ja nicht zu schnell fährt. Die Hälfte aller Fahrzeuge sind klapprig umgebaute Motorräder mit Dach und weitere Sitzen, die sowieso nicht schneller als 30 km/h fahren können, die andere Hälfte sind Autos und schnelle Motorräder, die sich sowieso nur an die eigenen Limits halten. Zugegeben färbt das Verkehrsbild auch auf mich ab, aber wenn das motorisierte Dreirad vor mir herumschlingert, ist es einfach sicherer, zügig von rechts zu überholen. Mit der Hupe, die die Filipinos ausschließlich zum Grüßen oder als Überholwarnung benutzen, ist das auch kein Problem. Bald fahren wir direkt neben dem Küstenwasser, wo weitere Schilder vor potenziellen Tsunamis warnen und Kanus im Kies liegen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass diese Szenerie (inklusive des Schilds) auch nur eine Vier-Meter-Welle überlebt, aber was weiß ich schon.

Irgendwann beschließen wir, umzukehren. Der Regen fühlt sich langsam kalt an und eine vollständige Inselumrundung würde noch einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Schade, aber lässt sich eben nicht ändern. Nur auf einem chinesischen Friedhof schauen wir noch kurz vorbei. Nach den ganzen taiwanesischen Grabstätten bietet dieser endlich Abwechslung mit kleinen Mausoleen, zwischen denen angeleinte Kühe das saftige Gras genießen und ein bewachender Hund sich trotz seiner Aufgabe davor hütet, uns anzubellen. „I can see, it’s not a Taiwanese dog.“ „It’s also not a Vietnamese dog.“ „Yes, probably because they don’t eat them here.“



Der Rückweg dauert seine Weile und ich muss mehrfach meine Ärmel nach unten richten, um das angesammelte Wasser zu releasen. Leicht angefroren kommen wir schließlich zurück und wringen alles aus. Unsere Dusche kann leider nur kalt, aber dafür haben wir danach trockene Klamotten. Durch die drei Fensteröffnungen des Zimmers tönt wieder der nicht enden wollende Regen und Natalia legt sich kurz schlafen. Ich frage mich, was die Einheimischen in solchen Zeiten machen. Wir haben ja noch nicht einmal reguläre Regenzeit, und trotzdem gibt es kaum Aktivitäten, außer zuhause zu chillen.
Ich schaffe es tatsächlich mal, ein wenig zu lesen, Natalia liest sogar ein halbes Buch. Ich entschuldige mich bei Kaan, dessen halbes Shampoo ich letzte Woche verbraucht und es nicht gemeldet habe, und sortiere meine Galerie in Vorbereitung auf Posts zur Taiwan-Zeit. Der Regen vor dem Fenster ist irgendwie deprimierend, aber wenigstens habe ich alles aus dem Tag rausgeholt. Weil es morgen und übermorgen tatsächlich besser werden soll, nimmt eine Überlegung immer mehr Gestalt an, nämlich den Aufenthalt um einen Tag zu verlängern. Für die Schokoladenberge auf Bohol reichen angeblich ein paar Stunden, und abgesehen davon ist mit Camiguin wahrscheinlich lieber. Aber das entscheide ich dann einfach spontan. Weil ich’s kann.
Um acht Uhr gehen wir schnell nach unten, bevor die Küche schließt. „About your extension…“ sagt die Kellnerin, die glaube ich Lucy heißt. „Yes. Does it work?“ frage ich hoffnungsvoll. So als ob die Möglichkeit bestünde, dass ich jetzt meine Sachen packen und im Dunkeln eine neue Unterkunft suchen müsste. Ganz nach dem Booking-Motto: Nur noch ein Bett übrig! Natürlich darf ich verlängern. Zwei oder drei Nächte? Erst einmal zwei, die dritte würde ich spontan entscheiden. Kein Problem! In der spanischen WhatsApp-Gruppe von Natalia schreiben sie, dass auch heute keine Fähren in Richtung Camiguin gefahren sind, was erklären dürfte, warum wir immer noch die beiden einzigen hier sind. Wir bestellen jeweils die „Asian Invasion“, ein gemüsiges Nudelgericht, zu dem wir zum ersten Mal Stäbchen gereicht bekommen. Anscheinend sind die Philippinen dahingehend eine asiatische Ausnahme. Natalia meint, dass viele vor allem mit den Händen essen. Wir unterhalten uns über Serien, Bücher und darüber, welches nun das billigste südostasiatische Land ist: eindeutig Vietnam.

Anschließend gibt es wieder die Abendzigarette auf dem Holzvorsprung im Obergeschoss, denn der Salon schließt und ich muss Bier, Muffin, Wasser und Süßkartoffelchipsschale nach oben nehmen. Angeblich habe ich meine spanische Zimmergenossin dazu gebracht, weniger zu rauchen. Obwohl ich gestern zum ersten Mal seit Langem wieder geraucht habe und heute sogar eine eigene Zigarette annehme (die mir rückblickend aber ein bisschen zu viel ist). Sie hätte wohl auch tagsüber die ganze Zeit geraucht, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, meint sie zumindest. Na, das freut mich doch. Ich trinke mein philippinisches Bier zuende und bekomme Wellenspritzer ab, obwohl das Ufer garantiert 15 Meter entfernt und mehr als ein Stockwerk unter uns liegt. Die Holzplanken unter den Füßen sind noch nass, die Luft hat sich auf entspannte 24 Grad abgekühlt. Wir reden über Studentenjobs, das Aufhören vom Rauchen, Vapes, Abendessenszeiten in Spanien und Deutschland und über den strikten Stundenplan spanischer Schulkinder: 8:30 Uhr bis 14:00 Uhr. Dann guckt Natalia auf die Uhr, es ist wieder Zeit für Telefonate mit der Familie und dem Freund, der sich zuhause langweilt.
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