So, heute und auch nur genau heute habe ich Zeit, um mir Bohol anzuschauen. Laut allen Reisenden, mit denen ich gesprochen habe und die schon hier waren, sollte das auch reichen. Nach einem sehr, sehr spärlichen Frühstück mache ich mich um zehn Uhr los, erstes Ziel ist das „Philippine Tarsier Sanctuary“. Ich mache mir übrigens zum ersten Mal bewusst, dass die kein-Trinkgeld-Tradition aus Taiwan in den Philippinen vielleicht gar nicht Bestand hat. Auf jeden Fall freut sich die überaus freundliche Betreiberin über 66 zusätzliche Peso (etwa ein Euro). Das Kleingeld hier ist sowieso äußerst nervig. Ehrlich gesagt sind auch die Scheine besch…eiden: Weich wie Fährtickets und sie decken ein nerviges Spektrum ab: 50 Peso (etwas weniger als ein Euro) sind für Papiergeld viel zu wenig, ein Tausender als höchste Einheit (je nach Wechselkurs höchstens 15€) gestaltet sich ebenfalls oft unpraktisch. Genau wie die Kellnerinnen auf Camiguin spricht sie mich mit Leonard an, was aus hiesigen Mündern etwa so klingt: „Leyanaad.“ Sehr ungewohnt, aber auch irgendwie cool, mal wieder so genannt zu werden. Sie gibt mir außerdem den guten Tipp, ein anderes sanctuary zu besuchen, eines, das auf meinem Weg ins Landesinnere liegt. Nebenbei frage ich nach Checkpoints im Inland, sie gibt aber Entwarnung: „No, noo. Most are in Tagbilaran and Panglao.“ Uff, na dann. Ist das Problem eben auf später verschoben. Trotzdem packe ich meine Tausenderscheine (bis auf einen) versteckt ins Brillenetui. Falls ich doch aufgeknüpft werde, kann ich immerhin glaubhaft verklickern, nicht mehr dabei zu haben. Um Strafverfolgung mache ich mir definitiv keine Sorgen, aber spontan gefällte Strafmaße müssen sich trotzdem in schadensbegrenzenden Bereichen aufhalten.
Das Wetter ist mittelmäßig, aber es regnet nicht. Die Straße hinter Loboc geht weiter, wie sie gestern aufgehört hat, vielleicht mit einem Tick mehr Regenwald. Oder Urwald? Was ist eigentlich der Unterschied? Den Loboc River lässt man irgendwann hinter sich, aber die tropfenden Pflanzen am Straßenrand bleiben dieselben. Ich habe schon oft von Dschungel geschrieben, auch in Taiwan, aber ich merke immer mehr, wie viel mehr Dschungel noch geht. Tropischer als hier habe ich es jedenfalls noch nicht erlebt. Bei 26 Grad mittags (bei 24 Grad nachts) und fast durchgehend 90% Luftfeuchtigkeit kann auch das südliche Taiwan nicht mithalten. Neben den mittlerweile gewohnten Baustellen, die gefühlt die Hälfte der Wegstrecke ausmachen und den Jobs als Durchwinkern fällt besonders die schlechte Straßenqualität auf. Asphaltwechsel und auch Steine sind ja ab und zu okay, aber dafür, dass es sich um eine Hauptverkehrsachse sprich Landstraße handelt, ist der Zustand katastrophal. Öfter fühlt es sich an, als würde mein Motorrad aufschlagen, zum Glück ohne sichtbare Schäden. Noch vor dem tarsier sanctuary passiere ich den „Bilar Man-Made Forest“, der mir erstaunlicherweise empfohlen wurde. Ich finde ihn alles andere als krass, es handelt sich lediglich um einen waldigen Straßenabschnitt, dessen Rand regelmäßig mit hohen Bäumen bepflanzt wurde. Scheinbar krass genug, um viele Touristen für Fotos stoppen zu lassen. Straßenschilder weisen auf genau diesen Umstand hin, außerdem spaziert ein Fotograf durch die Gegend und fragt, ob ich ein Foto haben will. Von mir vor ein paar Bäumen. Selbst ein Eingang mit einem entsprechenden Schild verspricht mehr, als es hält. Außer ein paar verlassenen Hütten ist nichts zu sehen, eher verranzter Hinterhof als sehenswertes Dorf.



Weiteren Aufenthalt spare ich mir und fahre weiter. Die Zipline der Region hat wegen Wetter leider zu, aber einen Kilometer weiter kommt dann endlich ein „Tarsier Sanctuary“. Tarsier sind auf Deutsch Koboldmakis; winzige Äffchen, die es nur in Südostasien gibt und die mit zwei Merkmalen auffallen: einem sehr beweglichen Hals sowie den deutlich bekannteren, riesigen Augen. Der Parkplatz vor dem Eingang ist ein trostloser Ort, und das ist noch harmlos. Klar hilft die Bewölkung nicht, aber der helldreckige Kies, der Schlamm abseits der parkenden Autos und natürlich genau diese machen den Platz so grau wie möglich.


Will man hier gerne chillen? Als Tourist vermutlich ja. Alle strömen zum Eingang, wo es Vollpreistickets für 170 Peso (2,40€) gibt. Meinen Studiausweis hat ja der Motorradtyp und ein fettes Schild sagt: „No ID, no discount!“ Vor einem „I ❤️ Bohol“-Schriftzug posiert einer nach dem anderen. Und diese anderen füllen sogleich den Besichtigungspfad. Blitzfotografie ist verboten und man soll leise sein, was mal so, mal so eingehalten wird. Ich vernehme einige osteuropäische Stimmen, während wir uns aneinander vorbeiquetschen. Und natürlich Deutsche, was auch sonst. Ein paar der kleinen Äffchen sind schnell entdeckt, allerdings haben sie sich wegen des Regens (verständlicherweise) unter Palmenblättern versteckt, außerdem sind sie eh sehr klein, nicht größer als eine Faust. Entsprechend schlecht ist die Qualität aller geschossenes Fotos und Videos, aber ehrlich gesagt fühle ich mich sowieso ein bisschen dämlich, die Tiere beim Chillen zu fotografieren. Süß sind sie trotzdem.


Nach nicht einmal zehn Minuten ist das stille Spektakel vorbei. Es hat sich gelohnt, weil ich bereut hätte, es nicht wenigstens auszuprobieren. Das ist zwar die geringste Form von Wertschätzung einer Erfahrung, aber gut, immerhin.
Bis zu den „Chocolate Hills“ ist es noch ein Stückchen, also fahre ich weiter. Die Straßen machen so lange Spaß, wie es Kurven und coole Bergsteigungen gibt. Irgendwann geht es aber nur noch geradeaus, Ewigkeiten. Bohol ist groß und man benötigt seine Zeit von Ort zu Ort. Prägnantes Landschaftsmerkmal sind die versumpften Felder, deren Grün wirklich unschlagbar saftig ist, schön.

Um zwölf fängt es an zu regnen und schnell bin ich komplett nass. Die Schlaglöcher füllen sich mit erdigem Wasser und die Autos fahren darüber noch langsamer, um keinen Unfall zu bauen. In den Abschnitten dazwischen geht es aber schnell zu und ich würde ein Königreich für ein Visier ausgeben, so sehr prasselt der Regen ins Gesicht. Meine Augen sind vom eingetroffenen Wasser schnell angeschwollen, das spüre ich. Hochfrequentiertes Blinzeln und ein so weit wie möglich gesenkter Blick sind das einzige, was ich dagegen tun kann.

Die Schokoladenhügel (die übrigens so heißen, weil ihr Gras Ende des Sommers tiefbraun wird) erstrecken sich zwar über weite Teile des Inlands, es gibt aber einen Touristenspot, bei dem man auf einen hohen dieser Hügel hinaufkommt und sich in alle Richtungen umschauen kann. Natalia hatte mir davon abgeraten, stattdessen könne man gut weiter fahren und von beliebigen Seitenstraßen einfach selbst auf manche Hügel latschen. Der Touristenspot sieht auch wirklich schlecht aus, mit seinen Guards, die einen ohne Ticket nichtmal in die Straße lassen, also folge ich Natalias Anweisung. Google zeigt einige Wanderstücke an, weshalb ich kurz darauf einbiege und eine kleine, abgeschiedene Straße betrete. Eigentlich befahre, wobei der Ausdruck den Straßenverhältnissen ebenfalls nicht gerecht wird. Der Asphalt hört schnell auf, stattdessen dominieren Schutz, Steine und sonstige Oberfläche, die man aufgrund des darüberliegenden Wassers nicht identifizieren kann. Weite Strecken ziehe ich mich durch den seitlichen Matsch und muss höllisch aufpassen, nicht steckenzubleiben oder in einen der braunen Teiche zu fallen.

Hier bin ich wirklich weitgehend alleine, das ist der Vorteil im Vergleich zur Hauptstraße. Vereinzelt komme ich an Grundstücken vorbei, die aber meistens ruhig sind. In Taiwan hätte ich jetzt riesigen Respekt vor Hunden, die tauchen hier aber nicht auf und wären sowieso friedlich. Besonders schön wird es, als mehr und mehr die wohlgeformten Hügel um mich herum auftauchen. Zwischen ihnen grasen tiefschwarze, im Gegensatz zu den angeleinten am Straßenrand auch wohlernährte Kühe und würzen das Landschaftsbild. Mein rausgesuchter Wanderweg führt direkt an einigen von ihnen vorbei. Auch wenn sie nicht aggressiv aussehen, habe ich Respekt vor den teils beeindruckenden Hörnern und lasse es lieber sein. Matschig wäre der Weg sowieso, das muss ich mir zusätzlich zum Regen nicht antun.

Manche Weganschnitte will ich definitiv kein zweites Mal bestreiten, als fahre ich weiter und weiter in das abgelegene Gebiet rein. Unter normalen Umständen würde ich jetzt Schiss vor Kriminalität und so bekommen, aber abgesehen vom bisher echt sicheren Gefühl in den Philippinen kann ich einfach keine Angst vor Menschen haben, deren Hauptfortbewegungsmittel ein ulkiges Dreiradmobil ist. Die paar Häuser wachsen sich immer mehr zum Dorf aus und urplötzlich laufen Dutzende Kinder auf der Straße, in Gruppen, höchstens jugendlich, lachend, mit Regenschirmen. Jedes einzelne winkt und schreit euphorisiert „Hello!“, als es mich entdeckt. Ich winke zurück und kann auch nicht anders, als zu lächeln. Sogar die Erwachsenen tun es ihrem Nachwuchs gleich. Hier sieht man Ausländer vermutlich wenig bis nie, dem vorigen Weg nach zu urteilen.

Zurück auf der Hauptstraße will ich den Freestyle-Anlauf auf die Schokohügel noch einmal versuchen und fahre bis nach Carmen, eine Stadt im Hinterland. Vor dem dortigen 7/11 bleibe ich stehen und denke nach. Langsam friert es mich, die kurzen Klamotten sind tropfnass und die Feuchtigkeit macht sich temperaturtechnisch bemerkbar. Einen „rain coat“ bekomme ich nur im lokalen department store, wo mich ein bewachender Polizist bittet, Rucksack und Helm an einer sechsköpfigen Rezeption abzugeben, bevor ich die fünf Meter zur Kasse wage, um den 100 Peso teuren (1,40€) Schutzmantel zu kaufen. In der Straße, die gerade einen Markt stattfinden lässt, schreien große Aufstellschilder „No vehicles!“, obwohl massenhaft Autos und Motorräder herumgurken. Dinge gibt’s. Jetzt habe ich zwar Regenschutz, der bringt mir aber nur mit trockenen Klamotten etwas, also bleibt er in der Verpackung. Auf die Hügel hinter Carmen habe ich keinen Bock mehr, also fahre ich zurück.
Den zuvor verschmähten „Chocolate Hills“-Aussichtsspot nehme ich dann aber doch noch mit. Besser das als nichts. Ein Ticket kostet 100 Peso (1,40€), die Schwierigkeit besteht eher darin, den dünnen Zettel unbefeuchtet, und damit lesbar, vom Tickethäuschen zu den Kontrolleuren 200 Meter weiter hinten zu bringen. Dann darf ich in den besonderen Bereich und fahre die Straße hoch, wo man allerdings nicht parken darf, weshalb ich wieder runterfahre und den Scooter im Regen stehenlasse. Ich muss die Straße aber nicht alleine zu Fuß bestreiten, sondern treffe auf drei Leidensgenossen. Zwei Männer und eine Frau mit Regenponchos sowie aufgesetzten Motorradhelmen sind ebenfalls erleichtert, ihr Schicksal in anderen gespiegelt zu sehen. Still geht’s nach oben, und immerhin sehen die Hügel von hier wirklich wie ein Upgrade aus.

Von oben führt eine Treppe zur Spitze, von der man aber überhaupt nichts sieht, weil die Wolken so derart tief hängen. Die drei anderen, die einen osteuropäischen Akzent haben, machen ironische Bilder vor der Nebelwand, ich schließe mich an. „60 kilometers from Panglao, for this!“ beschwert sich die Frau mit schelmischem Unterton. Ihren Plan für eine Bootstour am Fluss canceln sie lieber. Ich erfahre, dass sie aus Polen kommen und was sie wie lange in den Philippinen machen.



Das war’s mit den coolen Attraktionen auf Bohol! Die traveler hatten alle recht! Ein Tag reicht vollkommen aus, ist fast schon zu viel. Es ist erst 14 Uhr, aber wenigstens der Rückweg nimmt noch Zeit von der Uhr. Kurz vor Tagbilaran suche ich zwei Stunden später ein Café auf, das mir als einzig anwesendem Gast philippinisches Frühstück serviert. Milchfisch, Reis und Pommes, Hauptsache Nahrung. Die Chance nutze ich, um mir trockene Sachen anzuziehen und die nassen aufzuhängen. Klamotten bekomme ich trocken, aber die durchsifften Schuhe könnten noch zum Problem werden. Adiletten tun es für heute Abend, aber was ist die nächsten Tage? Moment, so weit denke ich ja auch sonst nicht, warum also jetzt? Erstmal verabrede ich mich für später mit Fabi und seiner Freundin Lina, die gestern in Panglao angekommen sind.

Und dann stelle ich mich dem unausweichlichen Hindernis: dem Weg nach Panglao. An der Brücke habe ich wieder Glück, erwische den Checkpoint in einer Brotzeitpause. Auch die schnurgerade Straße durch die Inselmitte geht gut, trotz ständigem Bangen. Kurz vor Schluss passiere ich mehrere Kolonnen von Polizisten, die einfach am Straßenrand stehen und gucken, wen sie eventuell rausziehen könnten. Glücklicherweise bin ich nicht dabei und kann das Motorrad im Garten des Verleihers abstellen, wo seine Frau aufwartet und mich beruhigt, meine ID sei auf dem Weg. Während der Mann noch nicht da ist, unterhalte ich mich mit der Frau, die sich für meine Reise interessiert. Es sei sehr schön, dass ich die Philippinen mit meiner Reise appreciate. Aber:„We can not afford to travel.“ Sie sagt es nicht mit bitterem Unterton, wie man es vielleicht könnte, sondern einfach so, klarstellend. Genauer legt sie dar: „Palawan is very good. But Bohol is expensive, soo. Minimum salary here is 500 peso.“ (7,20€). Sie meint, das würden allerdings viele Hotelpagen, Arbeiter und sonstig Angestellte bekommen. „But for one kilo fish you need to pay 300 (4,30€) already. When you have children you can not afford to travel.“ Ich bin ein wenig perplex, was sagt man denn da? „Maybe you can travel to Vietnam? It’s one of the cheapest countries.“ Die Frau überlegt kurz und nickt zögerlich. Auch Bildung koste Geld. Schule ginge noch in Ordnung, aber an den Unis zahle man 30.000 Peso (430€) für ein Semester, einfach mehr als in Deutschland. Dort hat sie tatsächlich eine Schwägerin, die ihr von der billigen Bildung erzählt hat. Ein Wermutstropfen für die Philippiner: Wer nur angestellt ist und kein Haus besitzt, müsse keine Steuern zahlen.
Dann kommt ihr Mann, ich gebe den vollgetankten Scooter ohne Schäden zurück und laufe in Richtung Alona Beach. Vor den Hunden habe ich überhaupt kein Angst mehr, an die philippinische Gelassenheit habe ich mich gewöhnt. Auch die Polizisten können mir jetzt egal sein, wie angenehm. An der dunklen Straße ist es nicht ganz ungefährlich, aber mein Poncho reflektiert ein wenig vom grellen Autolicht. Neben dem Strand wird die Straße zu einer Art zweitem Kenting, nur deutlich aufgeblähter und noch touristischer. Es bleibt aber, dass die Straße vollen Verkehr erlebt, an den Rändern Essen verkauft wird und viel zu laute Musik aus jeder Ecke dröhnt. Es fühlt sich nicht gerade nach einem Wohlfühlort an – krass, dass trotzdem so viele Touristen herkommen. Gut, reiche Fabis zieht es scheinbar an, irgendwas muss es hier ja geben (vielleicht Luxusressorts?).

Die Seitenstraßen sind im Gegensatz dazu leer, dreckig und nicht asphaltiert. Vor den Schranken eines Luxusressorts fühle ich mich grundlegend falsch aufgehoben (nicht nur wegen meiner Kleidung, die mich wie ein Tagelöhner aussehen lässt), trotzdem passt es. In einer der Dreiradkutschen kommen sie vorgefahren, ich höre, wie Fabi dem Fahrer zuruft, mich bitte ebenfalls einzusammeln. Ihr Lieblingsrestaurant hat leider geschlossen, also fahren wir in einen öffentlicheren Bereich, besser gesagt die Strandmeile, die von Bars und einem europäischen Straßenbild bestimmt wird. Beliebtester Fotospot ist dabei eine Sandburg, für deren Zerstörung laut einem Schild 2.000 Peso (28,80€) fällig werden. Gar nicht so viel eigentlich. Prankbros, Apo Red, wo bleibt ihr, wenn man lustige Assis braucht?

Wir drei setzen uns schließlich in eine Bar und essen spanisches Fingerfood, dazu das philippinische San Miguel. Ein bierbäuchiger Westlicher feiert meinen durchsichtigen Regenmantel: „Is this made from bubble wrap?“ „Yes.“ „Awesome!“ „You want to buy it?“ „No.“ In der wenigen Zeit unterhalte ich mich mit Fabi und Lina natürlich übers Reisen, wir tauschen Erfahrungen aus. Sie pennen zwar nicht in einem Hotel, dafür in so etwas ähnlichem, es gibt einen Pool und ein großes Zimmer. Beim heutigen schlechten Wetter haben sie den Tag in einem Ressort verbracht und sich massieren lassen. Für morgen haben sie eine geführte Tour (in so einer Dreiradkutsche) gebucht, etwa acht Stunden lang will ihr Guide sie durch Bohol karren. Es sei ja auch viel besser, wenn der bereits genau wisse, wohin man muss. Hmm, joa. Immerhin scheinen die beiden interessiert an meiner Empfehlung, sich zumindest danach in Cebu einen Scooter auszuleihen und drauf los zu fahren. Ich erfahre außerdem, dass Kaan und Philipp sich für jeweils 250€ Pickleball-Schläger gekauft haben. Bei einem kürzlich stattgefundenen Turnier in Kaohsiung hat Philipp damit vier Spiele gewonnen, Kaan kein einziges. Das nenne ich mal eine Investition. Wir reden dann noch über Taiwan, Lina ist zum ersten Mal in Asien und war anfangs auf jeden Fall überfordert, nichts Ungewöhnliches. Nach den Philippinen gehen die beiden nach Taipei, wo Fabi auch noch nicht war. So viel anders ist die Stadt nicht, warne ich. Naja, in Kaohsiung gebe es ja kaum was gescheites zum Essen, meint Fabi. Das ist eine krasse Aussage. Okay, ja, vermutlich gibt es in Taipei wirklich mehr Luxus-Restaurants, die sich von jeglicher Lokalität abkoppeln, aber auch gutes Essen servieren.
Während wir futtern und uns unterhalten, geschieht neben uns etwas eigentlich zutiefst Erschreckendes. Kinder im Alter von höchstens sieben, acht Jahren laufen wie Gartenzwerge zwischen den hohen Tresen umher und bieten Nüsse für irrsinnig kleine Preise wie 10 Peso (0,14€) an. Dass es sich dabei um Kinderarbeit in Reinstform handelt (immerhin ist gerade Primetime), fällt mir erst auf den zweiten Blick auf. Fabi überlegt, etwas zu geben, aber ich rate ihm davon ab. Ich habe auch Mitleid, aber am Ende landet das Geld in den Taschen von irgendwelchen Erwachsenen, die die Minderjährigen für sich ausbeuten.
Einmal wechseln wir den Ort noch und setzen uns eine Ecke weiter für Cocktails hin. Sich für etwas über 3€ nach einem actionreichen Tag anzuschwipsen, ist schon ganz nett. Ich enjoye es sehr, mit den beiden Ösis zu quatschen, beide sind irgendwie der Typ Mensch, mit dem ich matche. Nicht gerade, was Urlaube angeht, aber auf der kommunikativen Ebene doch sehr. Die Zeit vergeht viel zu schnell, am Ende bestellt Lina mir über die philippinische Alles-App „Grab“ ein Taxi (für 2€) zum Flughafen. Die Kellnerin lassen wir noch schnell eine Erinnerung knipsen, dann bringen die beiden mich an die Hauptstraße.

Der Fahrer ist super nett und kann die Zeit im Stau der Nachtmarktstraße gut überbrücken. Fast grenzenlos begeistert ist er, dass ich jetzt nach Palawan fliege. „Bring me some sand!“ sagt er verträumt. „You can travel, when you are not married.“ Lustig, das hat mein Onkel vor meiner Abreise im Sommer auch gesagt. Der Fahrer hat auf jeden Fall selbst einmal für ein Jahr in Palawan gewohnt, aber das ist schon 20 Jahre her. „Maybe you will meet someone there.“ Ihm selbst sei das damals passiert, aber sie seien nicht füreinander bestimmt gewesen. „Long distance relation.“ „But you seem to have good memories from there.“ Er bejaht kopfnickend. „I have to go there again, it’s so beautiful.“ Puerto Princesa sei die sauberste Stadt der Philippinen. Und es gebe dort guten Fisch: „Salmon, ahh, so fresh. And cheap! Bohol is so expensive. When locals can’t afford to buy fish anymore… it’s bad.“ Krass, er ist jetzt schon der zweite, der genau das Beispiel nimmt. Bohol bzw. Panglao hier ist erstens etwas ranzig, und dann auch noch so teuer! Wahnsinn.
Der Stau macht mich nervös, noch nie war ich so spät am Flughafen! Es sind nur noch knapp 70 Minuten bis zum Abflug, etwa 40 bis zum Boarding. Auch ein Verkehrs-Guard lässt uns zappeln, bevor ich in der Parkstraße vorm Eingang aussteigen darf. Sobald ich aber raus bin, gelange ich in drei Minuten ans Gate, bestimmt ein persönlicher Rekord: keine Schlange an der Sicherheit (wo ich mein Wasser unbeaufsichtigt auskippen darf) und das Gate nur eine Treppe weiter oben. Sämtliche Flüge scheinen nach Manila zu gehen, das ist auch wild.
Es gibt eine herrlich detaillierte Boarding-Reihenfolge: Senior citizens, elderly people, families with little children, VIP guests, lower level VIP guests, und erst dann die verschiedenen Boarding-Gruppen nach Buchstaben. Im Flieger sitzen nicht überraschend viele Filipinos, das Personal von Philippine Airlines wirkt mit Anzügen professionell. Powerbanks sind ab Platznahme verboten zu nutzen, aus Europa kenne ich das nicht. Weil meine Schuhe trocknen, betrete ich zum ersten Mal ein Flugzeug in Adiletten, viele andere tun es mir gleich. Die Ansagen gibt es zwar auf Englisch und auf Philippinisch, bei letzterer kommen allerdings trotzdem einzelne englische Wörter vor: „seat belts“, „electronic devices“, „cabin crew“. Haben die keine eigenen Wörter dafür?
Der Flug ist von angekündigten Turbulenzen geprägt, nur wenig besorgniserregend. Gratis wird ein Snack verteilt, der „green pea“ mit „dried mango“ kombiniert. Ein sehr philippinisches Essen, zumindest die grünen Kerne habe ich bereits unzählige Male in Märkten entdeckt. Dass das Wasser danach gratis ist, rechne ich der Airline hoch an. Bestimmt hätten viele dafür gezahlt. Der Flug geht schnell vorüber und diesmal darf ich in Manila am selben Gate bleiben, das bedeutet sehr viel weniger Stress.
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