Manila die zweite. Kein Wunder, vier Stunden nachts ziehen sich dahin. Die Wartehallen sehen hier alle gleich aus, die Leute quälen sich alle gleich stark, das Ticken der Uhr zu überstehen. Hier habe ich weniger Vertrauen in meine Mitmenschen, weshalb der Rucksack zwischen meinen Beinen klammert, während ich versuche, die Augen zu schließen. Das Boarding wird mehrmals verschoben, bis es dann doch früher stattfindet. Passt mir gut, weiter geht’s.
Neben mich setzt sich ein Filipino, dessen Parfüm bestimmt drei Reihen weiter auch noch zu riechen ist. Zum Start bietet er mir ein Minzbonbon, ich nehme dankend an. Daraufhin schüttelt er mir die Hand und stellt sich als Mark vor. Die Art, wie er spricht und seine Gestiken sagen mir irgendwie, dass er vom anderen Ufer ist. Der Mann, mit dem er sich vorhin unterhalten habe, sei sein Boss gewesen. Sie sind zusammen unterwegs, um für ihre „fishing company“ einen neuen Anleger in Puerto Princesa zu kontrollieren. Also Business. Trotzdem sei es sein erstes Mal in Palawan, ansonsten ist er based in Manila. Weil Mark einen 11-Tage-Urlaub für Japan beantragt hat, möchte er jetzt so viel Präsenz wie möglich zeigen und nimmt dafür scheinbar auch so gottlose Uhrzeiten für Businessflüge in Kauf. Der Arme. Allein das Visum für Japan zu bekommen, sei eine Herkulesaufgabe gewesen, mit philippinischem Pass komme man nicht allzu weit. Nächsten Frühling gäbe es die Möglichkeit, nach Spanien mitzureisen, auch wenn es keine Freizeit unterwegs gibt. Naja, ist doch besser, als zuhause zu arbeiten, oder? Da stimmt er mir zu.
Mr. Mark steckt sich zum Abflug (genau wie ich) Kopfhörer rein und pennt quasi sofort ein. Er fällt dabei ein bisschen weit in meine Richtung, aber es hält sich Grenzen. Ich höre mir wie auf den letzten Flügen mal wieder Mike Oldfield an, das entspannt mich. Der Flieger hebt nämlich erstaunlich flach ab und wackelt sowohl bei Start als auch Landung viel mehr als der vorherige, müssen wohl die Turbulenzen sein. Pünktlich zur Landung geht die Sonne auf, über den Wolken immer ein besonderes Schauspiel.

Der Flughafen Puerto Princesa fühlt sich noch kleiner an als der in Bohol, nach dem Ausstieg laufen die Passagiere das halbe Rollfeld hoch. Die einzige Toilette in Reichweite ist schnell komplett überfüllt, schnell raus hier. Um halb sieben hat natürlich noch kein Internetcafé geöffnet, wo ich meine Geräte laden könnte, also schaue ich mich gleich nach einem Bus in Richtung El Nido um. Google zeigt eine vor dem Flughafen abfahrende Linie an, das ist mein einziger Anhaltspunkt.


Hinter den Grundstücksschranken wird mir mal wieder aufgelauert. Eine Gruppe von fünf Taxifahrern oder sonstigen Transportanbietern bringen sich in Stellung, hilflose Touristen mit verbalen Nonstopangeboten zu attackieren. Ich winke aus Erfahrung mittlerweile sofort ab, das reicht aber nicht. „Which transport guy do you have, Sir? I will have a cheaper price.“ „I have the bus, Sir.“ „Ahh, the bus“ ruft er und erhebt belehrend einen Zeigefinger. „But the station is five kilometers away and it only goes from 9am, now it’s early in the morning.“ Und ich bin der Papst. Was für ein dreistes Arschloch. Ich reiße mich aber zusammen, „Let me have a look first.“ Er hebt die Augenbrauen, kann dagegen aber nichts mehr sagen. Und siehe da, der Buspunkt von Google liegt nur auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung. Okay, eine Busstation im klassischen Sinne sehe ich nicht, aber eine Art Sitzecke mit ähnlich grünen Logos wie dem Grün auf der Google-Route. „You go to El Nido?“ frage ich den Mann, der mich sitzend erwartungsvoll anschaut. „Yes“, erwidert er und verweist mich an eine Dame neben ihm. „You have a reservation?“ „Not yet.“ Okay, das scheint dann doch kein Problem zu sein. Ich soll warten, aber nur ein paar Sekunden später nimmt mich der Mann auch schon mit. Ein weißer Van mit vier Sitzreihen a drei Plätze, ohne Lackierung oder so, soll das Transportmittel sein. Zum Glück sitzen schon drei Franzosen und eine Französin drin, die ebenfalls sehr nach Touris aussehen, ansonsten hätte ich berechtigte Zweifel an einer Entführung angemeldet. Ahja, ganz wichtig, bevor man einsteigt, ist es, den Preis zu klären. „670, right?“ „No, Sir. It’s 700.“ 30 teurer als der auf Google angezeigte Bus, nach einem schlechten Deal sieht es nicht aus. Vor allem, weil es direkt losgeht, nachdem ein weiterer, strohblonder Tourist einsteigt.
„You are also going to El Nido?“ Der Gruppensprecher neben mir, einen riesigen Pickel im Vollbart versteckt, bejaht. Die Jungs sehen alle müde aus und lassen die Köpfe hängen, entgegen der philippinischen Musik des Fahrers, die zwar nicht schlecht klingt, aber vielleicht etwas früh am Platz ist. Der Fahrer in seiner Haupttätigkeit ist übrigens crazy, man kann eigentlich auch verrückt sagen. Er drückt durchgehend aufs Tempo und ist sich keines Manövers zu schade, um uns ein paar Sekunden früher abliefern zu können. Zugegeben, die Straßen sind ziemlich leer (kein Wunder um die Uhrzeit), aber man muss es sich auch erstmal trauen, in einer Linkskurve am Berg auf die linke Straßenseite zu wechseln, nur damit man die Drehung smoother bekommt und folglich einen besseren Kurvenausgang hat. Wenn doch mal jemand vor uns ist, fährt er auf Fahrradlänge Abstand auf und setzt den Wagen leicht versetzt auf die Mitteltrennlinie, als würde er gleich überholen. Wenn er kann, tut er das auch, aber in den wirklich uneinschätzbaren Kurven erweist sich sein Gehirn als lebenswillig. Dass er überhaupt so fahren kann, beweist übrigens die Asphaltqualität auf Palawan. Betonplatten und Asphaltabschnitte sind gut in Schuss, nur zweimal müssen wir auf Schritttempo verlangsamen. Ab und zu hat sogar jede Seite drei Spuren, obwohl wir definitionstechnisch weit von einer Autobahn entfernt sind. Von der Landschaft mache ich leider kein Foto, aber ich erinnere mich an den Gedanken: Irgendwas hieran ist paradiesisch. Wie wohl die Berge in der Ferne geformt sind (nicht so klumpig und unidentifizierbar aufstoßend wie in vielen anderen Gebirgen) und wie das Licht durch die hindurchscheint, ist auf den ersten Blick besonders. Ich lehne den Kopf an die Seite und versuche zu schlafen, erfolglos.
Die Strecke ist echt wahnsinnig weit, man bewegt sich auf der Landkarte nur langsam voran, irgendwann muss auch der vom Blitz besessene Fahrer eine Pause einlegen. 20 Minuten können wir Luft schnappen oder rauchen, wie der am ehesten zum Reden gewillte Franzose es tut. „The driver is crazy!“ sagt er. „He is driving a Ferrari. He thinks he is Leclerc.“ Jo, an die Formel eins musste ich während der Fahrt auch zwangsläufig denken. Die vier Franzosen sind zusammen auf Asienreise und kommen gerade aus Vietnam, wo sie zwei Wochen verbracht haben. Jetzt sind die Philippinen dran und am Ende Thailand. Auch sie haben eine Island-Hopping-Tour gebucht, starten aber schon morgen und zwar von El Nido aus. Der Bärtige stellt sich als Daniel oder Dani vor, ein dunkelhäutigerer als Niro. Sie kommen alle aus Paris und Dani freut sich, dass ich letztes Jahr einmal da war. Die Gebäude, die ich mir mit der Uni angeguckt habe, kennt er aber alle nicht. Er selbst war zuletzt zweimal an Silvester in Deutschland, einmal Frankfurt, einmal Köln. „Ah, you have friends there?“ frage ich naiv. Natürlich nicht, aber Böllern ist in Frankreich verboten, was Dani nicht so schmeckt. Boom, Boom, darauf steht sein dopaminverschossener Kopf. „There are some crazy people“ versteht er die Diskussionen, „but I‘m not one of them. And the majority does only normal things.“ Das mag tatsächlich sein. Ehrlich gesagt habe ich zu dem Thema keine klare Meinung, ich finde nur lustig, wie Dani sich gleich verteidigt, ohne angegriffen worden zu sein. Der blonde Typ gesellt sich jetzt auch dazu, spricht mit schwer zuordbarem Akzent. Ich traue mich nicht, etwas Falsches zu raten, und frage. „I‘m from Sweden.“ Die Haarfarbe hätte ausgereicht. Er ist heute Nacht ebenfalls aus Vietnam gekommen, Ho-Chi-Minh-City, und hatte so viel Verspätung, dass sein Name einer derjenigen war, die am Gate wiederholt aufgerufen wurden. Der Schwede und alle der Franzosen haben den Transport übrigens viele Tage im Voraus gebucht und wundern sich, dass ich spontan dazugestoßen bin. Wie es scheint, habe ich einen totalen Glücksgriff gehabt. Der Bus wäre bestimmt auch noch gekommen und hätte niemals gerechtfertigt, mit dem Abzocker vom Flughafentor mitzugehen, aber so komme ich in Windeseile nach El Nido. Dort muss ich morgen früh die einzige Fähre des Tages nehmen, um pünktlich zum Tourstart übermorgen in Coron zu sein. Der Schwede hat sich außer einer Unterkunft noch gar nicht gebucht oder überlegt, er hat vielmehr eine sehr gleichgültige Art, es komme ja schon alles so auf ihn zu, wie es soll. Ahja, eine Unterkunft brauche ich auch noch, zack, gebucht.
Der Franzose Niro konstruiert sich für den Restweg eine Pullischleife um seine Kopflehne, sodass sein beim Schlafen hängender Kopf nicht nach vorne schlägt, wenn der Fahrer mal wieder eine Kurve auf drei sprichwörtlichen Rädern nimmt. Tatsächlich überfährt er kurz darauf fast eine Ziege. Knapp zwei Stunden und viele Doppelkurven, Entschuldigung, Schikanen später sind wir endlich da.

Hatte es zwischendurch noch geregnet, so ist es jetzt brennend heiß, als wir den Van um kurz nach elf verlassen. Auf der Hauptstraße von El Nido blüht der Handel, der wirklich das einzige Geschäftsfeld darstellt, neben den üblichen Stransportheinis. „You want to rent, Sir? Tuk tuk“ sagt der Mann und dreht seine rechte Hand. Allein in der ersten Minuten verteile ich zehn Absagen, dann wird es schrittweise weniger. Der Schwede verschwindet sofort, mit den Franzosen laufe ich noch kurz in dieselbe Richtung. Die Kulisse rundherum ist überwältigend, jede Menge Felswände schießen nach oben, beeindruckender als jeder Schokohügel. Nachdem die Franzosen ihr Hostel gefunden haben, bin ich wieder alleine. Noch nie habe ich auf einem Fleck so viele Backpacker gesehen wie im Stadtzentrum von El Nido, das ist der schiere Wahnsinn. Das fühlt sich so falsch an. Sollte man als Solotraveller nicht eigentlich in der Minderheit sein?? Okay, nicht jeder ist Backpacker, es gibt auch einfach sehr viele normale Touristen. Zumindest im Zentrum sind die Filipinos in der Minderheit. Ich sehe eine wohlriechende Bäckerei, aber die spare ich mir für später auf. Die Hauptstraße entfließt irgendwann einfach dem städtebaulichen Gefüge und endet im Sand, der nur fünf Meter weiter das Meerufer bildet. Bei genauerer Betrachtung verhält sich das hier überall so. Der Strand ist ein einziger Gummipuffer, der die Bebauung vom direkten Wasserkontakt abhält.


Das macht den Ort aber gleich viel schöner. Mir rinnt ein Wow über die Lippen, als ich den Blick von links nach rechts schweifen lasse. Eine große Zahl Boote haben sich im ruhigen Wasser niedergelassen, es gibt kaum Wellen. Die Bucht wird von den bereits gezeigten hohen Felsbergen begrenzt, dazu sieht man eine vorgelagerte Insel, ebenfalls hoch, die vermutlich eine gute erste Verteidigunglinie gegen Naturkatastrophen aller Art ist. Oder die Tsunamis und Taifune erreichen El Nido erst gar nicht, was wirklich sein kann, schließlich liegt Palawan viel westlicher als alle anderen philippinischen Inseln. Irgendwie müssen Häuser am Wasser ja funktionieren. Weil mein Hostel dummerweise fernab liegt, laufe ich erstmal den ganzen Strand hoch und eine ganze Bucht weiter, wo das Treiben zwar noch rege, aber ruhiger ist.


Mein Hostel ist purer Standard, es gibt nichts Besonderes zu zeigen. Die Bedienung ist nett und lässt mich schon um 12 Uhr einchecken. Für eine Schlafkoje im Achtbettschlafsaal bezahle ich 13€, ich kann mich nicht beschweren. Nach einer Schicht Geräteladen und einmal duschen mache ich mich los. Mein Körper sollte müde sein, hat aber gerade eines dieser temporären Niveaus erreicht, auf denen man die Schlappheit nicht spürt. Ich stoppe bei einer nahegelegenen Massage, um mir die Preise anzusehen und werde prompt von der Betreiberin eingeladen, mich reinzusetzen. Die Preise sind mehr als billig, ja warum eigentlich nicht? Bisher habe ich mich immer drumrumgeredet, und solange ich in billig Asien bin, sollte ich die Chance wahrnehmen. Außerdem bin ich frisch geduscht, ich würde mich verschwitzt gar nicht trauen, mich hier hinzulegen. Die vielleicht Fünfzigjährige wirkt immerhin nett, erklärt mir gerne die Unterschiede auf dem Menü. Letztlich entscheide ich mich für die philippinische Behandlung, die wohl Bananenblätter und heiße Steine auf dem Rücken beinhaltet. Für 60 Minuten werden 900 Peso fällig (13€) fällig, und das ist noch nicht einmal das billigste Programm.
Nach der Behandlung solle ich etwa 90 Minuten lang chillen und einige Stunden lang nicht vor duschen, nimmt die Frau vorweg. Kein Problem. Irgendwie lustig, dass ich mir so eine Behandlung genau dann gebe, wenn ich mal keine Verletzung habe und und keine sportverursachte Beschwerde. Schadet tut es bestimmt nicht. Auf einer Liste soll ich meine Daten eintragen und dann in einen abgedunkelten Raum gehen. „Oh, very young“ bemerkt sie, bevor sie mich anweist, mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Auf einer riesigen JBL läuft Meditationsmusik mit hintergründlichem Bachplätschern. Mit dem Bauch soll ich auf die Liege, dann gibt sie eine Art Startsignal: „Sir, the massage start now, ok?“ Klar. Mit dem Kopf nach unten sehe ich nichts, aber es gehört wohl dazu, jede Menge Öl zu benutzen, um die Muskelstränge besser massieren zu können. Nicht nur bin ich jetzt oiled up, nach einer halben Minute zieht mir die gute Frau auch noch die Unterhose zur Hälfte runter. Ich hoffe inständig, dass das ebenfalls dazugehört. Also sehr wahrscheinlich ja, die Behandlung wirkt normal, aber habe so etwas ja auch noch nie gemacht, das ist schon ungewohnt. Die Bananenblätter und heißen Kieselsteine sind ehrlich gesagt nicht so krass, keine Empfehlung. Ein paar Mal zucke ich zusammen, weil sie in Handgelenken und Fußunterseite empfindliche (verkrampfte?) Stellen trifft. Ansonsten ist es aber einfach angenehm und das Geld definitiv wert. „If you have time, come again“, wird mir zum Abschied nahegelegt.
In der Stadt laufe ich dann erstmal umher, auf der Suche nach Essen. Einen Smoothie sowie sagenhafte fünf Bäckereiteilchen für zusammen einen Euro reichen aber nicht. Ich esse indisch, aber obwohl das Restaurant in einer Seitenstraße und nicht gut besucht ist, fallen die Preise eher europäisch aus. Das wird aber an El Nido und seinen Hauptkunden liegen, schade. Ich irre noch eine Weile herum, wobei mir auch hier Hunde mit teils unerträglicher Krätze auffallen. Wie manche sich über den Boden rollen, nur um dem Juckreiz vergeblich ein Ende aufzwingen zu wollen, ist schon sehr bemitleidenswert. Ansonsten erlebe ich wieder mein persönliches Großstadtphänomen. Natürlich ist El Nido alles andere als eine Stadt, aber es gibt eine hohe Dichte an feierlustigen Europäern, die allesamt als Pärchen oder mit der Familie gekommen sind. Die Backpacker von vorhin waren vielleicht doch nicht alleine unterwegs oder sind in dem Fall im Hostel geblieben. Jedenfalls fühle ich mich verloren im Trubel der Gassen, nichts gegen den Trubel. Aber ohne Anknüpfungspunkt bin ich auch nicht motiviert, mir alleine einen reinzusaufen.

Am Ende bleibt mir nichts anderes, als zum Hostel zu laufen. Glücklicherweise gibt es nebenan einen Kiosk, der eine Waschmaschine betreibt. Getrocknet werde nur mit Sonnenlicht, aber die Frau verspricht, dass mein Stuff bis morgen um zehn fertig sein wird. Mit sämtlichen Hosen in der Wäsche kann ich auch gar nicht mehr rausgehen, da fühlt sich Drinnenbleiben gleich etwas sinnvoller an. Die Lichter in den Schlafkojen zeigen mir an, dass die meisten der Rucksackbesitzer ebenfalls schon um acht Uhr im Bett sind. Ein äußerst nerviger davon meint, ein kleines Gesangskonzert geben zu müssen, und ignoriert oder hört mein Klopfen und Räuspern einfach nicht. Außerdem ist das Essen im Bett entweder erlaubt, oder die Person hat noch eine Regel ebenfalls lautstark gebrochen. Ignoranten gibt’s immer und überall…
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