Palawan (Donnerstag, 12. Februar)

Neuer Tag, neue Reise. Bevor ich loskann, muss ich nur noch (wie ausgemacht um zehn) meine Wäsche abholen, aber das gestaltet sich schwierig. Weil ich gestern Abend quasi alle Hosen weggegeben habe, stehe ich nun mit umgeschlagenen Pulli vor den staubigen, verschlossenen Türen des Kiosks. Dass ich so ein Risiko eingegangen bin, war mir gar nicht bewusst, jedenfalls wissen auch die Leute im Store nebenan nicht, wie sie mir helfen könnten. In Hängematten liegende Jungs im Garten nebenan überlegen kurz, dann klopfen sie am Fenster eines weiteren Hauses. Kurze Unterhaltung, dann läuft einer mit mir mit, Türen aber weiterhin verschlossen. Nochmal am Fenster klopfen, dann wird mir gesagt, ich soll warten. Ja, kein Stress, ich muss bloß gleich los. Ich komme ja in drei Tagen nochmal nach El Nido, aber ich kann nicht sämtliche Klamotten hier lassen. Mir fällt also ein Stein vom Herzen, als die Frau von gestern dann doch noch auftaucht. Meine Sachen sind sogar gefaltet und zum Glück nicht eingegangen, was ich mir irgendwie hätte vorstellen können. 140 Peso (2€) zahle ich für die zwei Kilo, dann packe ich schnell und gehe los.

Aus irgendeinem Grund fährt nicht nur die einzige Fähre des Tages um 12 Uhr, sodass man die beste Zeit auf See verbringen muss, sondern muss man auch eine ganze Stunde vor Abfahrt im Hafen sein, ausdrücklich in der Buchung erwähnt. Nach einem kurzen Bäckereinkauf sehe ich, warum. In der Hafenstraße läuft und fährt alles wild durcheinander, lange Schlangen mit Touristen bilden sich vor offiziellen Gebäuden. Habe ich schonmal die philippinische Bürokratie erwähnt? Natürlich muss ich wieder zurück in die Stadt, um mir für meinen Handy-QR-Code ein weiches, gelbes Ticket in die Hand drücken zu lassen. Für einen Stempel darauf muss ich an anderer Stelle 20 Peso (0,30€ Hafengebühr zahlen und an wieder anderer Stelle durch eine Sicherheitskontrolle, bei der aber kaum jemand darauf achtet, ob man nicht einfach an der Seite vorbeigeht. Ein Warteraum ist massiv überfüllt, man kann sich vorbelastet Gepäck kaum bewegen. Alle fünf Sitze wird ein Platz für Schwangere oder Alte freigehalten, viel mehr als nötig. Zwei verschiedene Fährdienste kämpfen um Passagiere, ich halte es seit Buchung mit den „Montenegro Shipping Lines“. Soldaten, oder zumindest Menschen in entsprechender Uniform, helfen, das Gepäck im hinteren Schiffsteil zu verstauen. Seit dem Gespräch mit Diggi muss ich immerzu an Korruption und Geschäftsmanipulation denken. In El Nido habe ich übrigens auch ein Büro zur Wählerregistrierung gesehen, und einen Schriftzug: „Petition for the end of violence on women“. So, als ob man nur abstimmen müsste, um Gewalt an Frauen zu beenden. Aber ja, bei den Touris kommt es bestimmt gut an. Genauso wie manche Aushängeschilder, die nein zu Einwegplastik sagen. Ich lach mich tot. Dabei ist die Situation sogar ein bisschen besser als in Taiwan, meine Brötchentüte habe ich bspw. in Papier bekommen. Okay, auch dadrin sind zwei Sachen in Plastik eingepackt, aber das verstehe ich. Kurzer Gedanke zur Bäckerei noch: Bei der hastigen Bestellung habe ich hinterm Tresen erhaschen können, wie die Frau meine Zimtschnecken mit bloßer Hand eingepackt hat. Weil ich gestern bei der selben Dame schonmal etwas bestellt habe und es mir noch gut geht, sollte objektiv alles in Ordnung sein, aber ein bisschen dreht sich mein Magen dabei schon um. Andere Länder, andere Sitten.

Kleine Fähre von „Montenegro Shipping Lines“

Draußen ist es brutzelnd heiß, meine Sonnencreme verläuft sich in Richtung Gravitation, statt einzuziehen. Immerhin hat die Fähre einen halbwegs belüfteten Innenraum mit angenehmen Sitzen, immerhin hockt man hier jetzt die nächsten paar Stunden. Wieder fallen mir die vielen osteuropäischen Stimmen auf, die mit ihrem scheinbar neu erlangten Reichtum auf Weltreise gehen. Ich frage mich, ob es ein Fehler ist, sich ans Fenster zu setzen, auch wenn die Schiffsschwankungen kein Vergleich zu Lü Dao in Taiwan sind.

Die meiste Zeit fahren wir an sowas vorbei. Ein preview der nächsten Tage?

Eine halbe Stunde zu spät legen wir ab und passieren für Ewigkeiten Küstenstreifen um Küstenstreifen. Wellen gibt es kaum, man kann äußerst angenehm schlafen. Notfall-Schilder warnen für einen solchen Fall: „Don’t get excited“. Sagt man das so? Das Internet ist mal so, mal so, was auch ein Hinweis auf die nächsten drei Tage sein könnte. Strom soll es dann sowieso nicht geben.

Ich kann mir kaum ein grauenvolleres Schiffdesign vorstellen

Keine Ahnung, was da schiefgelaufen ist, aber Coron erreichen wir erst zwei Stunden nach der angekündigten Zeit, nach fünf Uhr. Damit ist der Tag offiziell gewasted. Mir tun die armen Arbeiter leid, die das Gepäck Dutzender Passagiere in einer Fünfer-Menschenkette auf den Pier schleppen, nur damit wir es dann selbst einsammeln. Und als wäre der Einstieg in El Nido nicht kurios genug gewesen, stellen sich dann alle an einen Ausgangsschalter an, der nochmal 200 Peso (2,90€) abkassiert. „What for?“ fragt sich auch ein Pärchen neben mir. „Maybe for each hour late one hundret Peso…“ „They should pay us! Or at least put all stuff in one payment together.“ Sehe ich genauso. Für die Bezahlung bekommt man eine Art neues Ticket, mit dem man den Hafen verlassen darf. Was steht drauf? „Environment, Tourism and Development“. Okay, die Gründe werden verständlicher.

Ich bin schon recht geübt im Abwimmeln, deshalb stellt der Hafenausgang kein großes Problem dar. Nach so vielen Sitzstunden kann ich auch mal laufen. Nur andere Touris, die sich leichter ausnehmen lassen, versperren mir unwillentlich den Weg. Auf einer langen, teils sehr matschigen Hauptstraße laufe ich dem letzten Tageslicht entgegen. Dominiert wird das Geschehen fast ausschließlich von Motorraderweiterungen, hierbei handelt es sich aber um asymmetrische Modelle, wo dem Motorrad eine Art Beifahrerwagen angehängt wurde, im Gegensatz zu den symmetrischen Wägen auf Camiguin.

Taxistraße

Eine Frau mittleren Alters, die einen Koffer und eine Freundin hinter sich herzieht, spricht mich unvermittelt an: „Do you also go to the backpackers?“ „You mean a hostel?“ „Yes…“ „Yeah, I booked a hostel for tonight. But it’s called 80BarDive.“ Sie schaut mich verwirrt an. „I think, there Are many hostels in the city.“ Das stellt sie nicht zufrieden: „How long is it from here?“ „15 minutes walking. You didn’t book a hostel yet?“ „I did. But I don’t know the name. And I have no internet here.“ Das kann ich mir kaum vorstellen, aber auf Nachfrage erfahre ich, dass sie sich einfach keinen Handyvertrag geholt hat. Das ist wild. Sie fragt mich aber nicht nach Hotspot oder so. Ich biete es auch nicht an, das muss sie sich schon selbst trauen. Komische Begegnung.

Man passiert die „Coron School of Fisheries“ und „St. Augustune Academy“, vor der kleine Filipinas in tiefblauen Uniformen auf Bus oder eine Mitfahrgelegenheit warten. Die Straße ist an manchen Stellen nur so breit, dass zwei philippinische Taxis aneinander vorbeikommen, alle Fußgänger irgendwo dazwischen. Ich sehe einen um einen uralten Baum herumgebauten Kiosk und herumlatschende Jungs ohne erkennbare Tätigkeiten, dafür mit Lächeln im Gesicht. Kurzgesagt ist Coron eine typische philippinische Kleinstadt, meiner kurzen Erfahrung nach zu urteilen. Am städtischen Einkaufszentrum, einem umverhältnismäßig hohen Dreistöcker, geht es links rein. Drei Straßen später komme ich auch schon an.

„Coron – Busuanga Rd“

Der Rezeptionist ist gut gepflegt und heißt mich wie einprogrammiert willkommen. Das ist nichts Schlechtes, aber ich finde es schon krass, wie roboterhaft die Menschen manchmal auftreten. Er bedankt sich ausführlich, dass ich mich für das „80BarDive“-Hosten entschieden habe und scheint sich für meine Reise zu interessieren. Natürlich aus finanziellen Gründen, der „ride“ zum Hafen morgen früh ist sofort Thema. Danke, ich laufe lieber. Ich weiß, dass es bestimmt billig ist, aber darum geht es nicht vorrangig. Solche kurzen Strecken lege ich prinzipiell zu Fuß zurück, ich bin ja noch jung, sitze sowieso viel und werde ab morgen außerdem full inclusive versorgt. Für so eine kurze Strecke überhaupt Geld auszugeben, widerspricht außerdem meinem Familiengen, das ich nur schwer überwinden kann. Was aber schön ist, ist das inklusiv gebuchte Frühstück, das ich mir jetzt schon aussuchen kann. Für 6:30 Uhr bitte, schließlich werde ich 7:30 Uhr am Hafen erwartet. Meine Daten darf ich dann noch in ein Formular eintragen, das halb auf Chinesisch gehalten ist. Angeblich gibt es viele chinesische Gäste, die zum Tauchen kommen.

Der Schlafsaal entspricht schon eher dem Preis von 8,50€. Ein Asiate, vermutlich Chinese, sitzt oberkörperfrei auf seinem Bett und schweigt mich an, von dem leisen „Hello“ mal abgesehen. Er zieht dann den Vorhang zu und schaltet sein Handy an. Die Position der Steckdosen wurde gefühlt gewürfelt: Über der Tür unter der Decke, auf der geschlossenen Seite meines Betts, auf Kopfhöhe am Fenster, und so weiter. Die in meiner Nähe funktionieren nicht einmal, aber mit etwas Mühe bekomme ich ein Kabel durch den Lattenrost gefädelt. Am gegenüberliegenden Bett hängt sogar ein Fluchtplan, gar nicht so schlecht. Es gibt auch zwei Fluchtwege, aber ich erkenne den Raum erst gar nicht, weil statt der drei Doppelstockbetten nur ein einziges angezeigt wird, was auch schon eng aussieht. Naja, dafür war der Raum bestimmt mal gedacht, oder die Software hatte einfach keine kleineren Betten auf Lager.

Vor der Suche nach Essen schaue ich mir die letzten Himmelsfarben vom Tag an, auf der hauseigenen Dachterrasse. Ich frage mich, woran es liegt, dass ich in den Philippinen so viele rote Abendhimmel sehen kann. Hängt das mit tropischem Klima zusammen? In Deutschland hat man das auf jeden Fall viel weniger, aber auch in Taiwan war die Unterste Horizontschicht sehr oft mit diesigen Wolken bedeckt, sodass ein richtiger Sonnenuntergang ausgefallen ist und die rötlichen Wolken ausgeblieben sind.

Sonnenuntergang auf Coron

Ich suche mir ein Sushi-Restaurant raus. Einmal muss man das eigentlich gemacht haben, solange es noch billig ist. Ich bestelle mir vier Platten à acht Stücke für 960 Peso (knapp 14€) und eine Yakult-Limonade für 155 Peso (2,25€). Die Kellnerin bringt mir zwei Seitenplatten mit jeweils Sojasoße, Wasabi und Essstäbchen, bis sie feststellt, dass ich alleine bin und es wieder mitnimmt. Um mich herum sitzen ausschließlich junge, europäische Pärchen, die meinem Essen genauso viel Aufmerksamkeit widmen. Irgendwie leicht unangenehm, aber ich gönne mir halt mal eine große Sushi-Platte. Tatsächlich geht das Teil schnell weg und ich bin immer noch hungrig, sodass ich auf dem Rückweg eine weitere Bäckerei besuche. Zwei Dinger davon, eins hiervon, nochmal zwei hier und auch davon zwei. „40 Peso, Sir.“ Also die Philippinen sind billig, aber die Backwaren toppen wirklich alles. Eine gute Gelegenheit, einen 50er-Schein ohne Rückgeld wegzugeben. Ich fühle mich fast schlecht, dass es nicht teurer war.

Abend-Snack
Ich kenne mich nicht aus, aber diese Mischung ist garantiert nicht natürlich

Die Tourorganisation hat mittlerweile zu einer WhatsApp-Gruppe eingeladen, aber auch am späteren Abend sind wir erst sieben Teilnehmer. Ich bin sehr auf die Gruppengröße gespannt, habe keine Ahnung. Die angezeigten Kontakte enthalten bislang zum Glück keine deutschen Nummern, nur andere europäische Nationen, sowie junge Gesichter. Viel besser als alte Ehepaare, die sich über Komfortmängel beschweren. Nur so eine Theorie.

Vorm Schlafengehen kommt dann noch ein weiterer Gast ins Zimmer. Er ist deutsch, heißt Felix und startet übermorgen seine dreitägige Island-Hopping-Tour, nachdem er krank geworden ist und ein paar Tage auf Coron verbracht hat. Gebunden ist er nur an sein Geld, er betont, nur zwei Wochen für zwei Monate Urlaub gearbeitet haben zu müssen. Wie viele will er später noch nach Thailand und enjoyt es, mit Locals zu chillen, Basketball zu spielen. „Viel besser als mit anderen Touristen“. Er kommt aus Oldenburg, berichtet mir von seinem legendären Auslandssemester in Istanbul und zeigt sich auch an mir interessiert. Wenn ich im Master die Chance habe, solle ich doch in die Türkei gehen. Seine Uni kann er wärmstens empfehlen, angeblich die zweitbeste im Land, mit vielen Sportbegeisterten. Felix und ich tauschen Insta aus, er telefoniert noch.

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