Ab heute gibt’s mal wieder mehr zu erzählen! Schon früh starte ich Vogel in den Tag, also so war das doch mit dem Sprichwort? Das inklusive Frühstück besteht aus zwei Pfannkuchen à la Supermarkt, aber das ist okay. Bevor ich mich in den nächsten Tagen rundum verpflegen lasse, latsche ich die Strecke zum Hafen selbst und höre die wenige philippinische Musik, die ich kenne.

Es gibt dort einen eigenen Bereich für alle Expeditionsgruppen, so heißt die Branche anscheinend. „Seatours? Seatours! Here!“ ruft ein kleiner Filipino mit Klemmbrett und Shirt mit entsprechendem Firmenlogo. Eine Frau neben mir gibt zu erkennen, in der selben Gruppe untergebracht zu sein. Sie ist deutsch, nennt sich Franzi und meint, dass die Tourgruppe vor Deutschen nur so strotzt. In der WhatsApp-Gruppe bin ich bisher zwar der einzige, aber das ändert sich gleich. Franzi stellt mir ihren Freund Marius vor, den ich wie sie auf Anfang/Mitte 30 schätze und der mit seinem Vollbart, Cap, Sonnenbrille, stämmiger Statur zumindest oberflächlich ein wenig asozial rüberkommt. Erst im gemeinsamen Losgehen kristallisieren sich noch mehr Mitglieder heraus. Im Vorbeigehen rufen mir zwei Jungs „Servus“ zu, aaha, wir lachen.
In einer Wartehalle lassen wir uns ins Handgepäck schauen, die großen Rucksäcke werden sogar von einem Spürhund abgesucht. Während des Listenchecks ergeben sich erste Kontaktmöglichkeiten. Die beiden Jungs von zuvor sind Wiener und offensichtlich auf viele Kontakte aus. Der Sarkasmus, mit dem sie leben und mit dem sie sich gegenseitig hochpushen, matcht meinen eigenen eigentlich ganz gut. Wir verstehen uns gut, das merke ich schnell. Im Gegensatz zu mir reisen sie zu zweit und sind ‚nur‘ ein paar Wochen in den Philippinen unterwegs. Sie heißen Lukas und Leo, sind wahrscheinlich jünger als ich und ihr Wiener Dialekt lässt so ziemlich alles, was aus ihnen rauskommt, lustig klingen. Dass Leo Braun nicht fälschlicherweise als Lea Braun eingetragen ist, stellt sich raus, als letztere dazustößt. „Hey, ich bin Leo B.“ Damit kann ich auch ein bisschen mithalten. Insgesamt sind wir 15 Reisende: die beiden Jungs, das deutsche Pärchen, drei weitere deutsche/schweizerische Mädels, drei Spanierinnen, drei Briten, eine Niederländerin und ich.

An Bord der „Princess Zaya 1“, wie das gelbrumpfige Expeditionsboot heißt, nehmen wir im Hauptraum Platz. Das Schiff ist ähnlich aufgebaut wie die kleinen Boote auf Camiguin, der schmale Rumpf wird durch seitliche Parallelkufen unterstützt, wobei die ganze Konstruktion provisorisch aussieht. „It’s a traditional boat“ wird unser Chef später sagen, was vermutlich das gleiche heißt. Es ist aber recht groß, deshalb fühle ich mich schon sicher. Über den hohen Bug verläuft der Zustieg, der runter ins Erdgeschoss und zu den beiden Außengängen aus blauen Holzpaneelen führt. Dahinter liegen Maschinenraum, Küche und winzige Toilette, der Crewbereich. Eine Treppe auf der linken Seite führt nach oben, wo es abgesehen vom Führerhaus einen großen Chillbereich mit geflochtenen Bänken und Yogamatten gibt, vornehmlich zum Sonnen gedacht. Es gibt eine Netzüberdachung, diese kann aber wenig mehr ausrichten, als die Intensität der Sonne leicht abzuschwächen. Wir warten aber wie gesagt erst einmal im Hauptbereich auf. Es handelt sich weniger um einen Raum als um eine überdachte Fläche, die Fenster zu den Seiten und zum Maschinenraum sind eigentlich nur nicht geschlossene Flächen. Zwei längliche Holztische werden von parallelen Sitznischen flankiert, am Ende ein Tisch mit Tee und Kaffee. Während wir die ersten Kekse snacken, müssen wir leider unverhältnismäßig lange auf die Küstenwache warten, die einmal alles abchecken und grünes Licht geben soll. Ja ja, die philippinische Bürokratie. Leo entdeckt dabei meinen Blog und kündigt an, meinen Bericht später zu lesen. Über den Umstand, dass wir zwei Hunde an Bord haben, einen im Käfig, lassen sich schonmal gute Witze reißen. Zwischen Krätzeepidemie und dog nuggets ist quasi alles dabei. Nach über einer Stunde taucht die Wasserpolizei dann auf. Für die drei Minuten müssen wir alle Schwimmwesten anziehen, dann beginnt die offizielle Begrüßung.
Es ist nichts, worauf ich gesondert stolz bin, aber ich werde mir in den kommenden drei Tagen praktisch keinen Namen der Besatzungscrew merken können. Die Filipinos sind für mein europäisch und mittlerweile auch etwas ostasiatisch geprägtes Gehirn schwer zu unterscheiden, alle vereint die dunkle Haut- und Haarfarbe sowie kleine Körpergröße. Der Teamleader trägt meistens Cap, hat längere offene Haare und schmale Augen. Er erklärt erst einmal die Grundregeln (nicht schwimmen gehen, während das Boot fährt, kein Alkohol vor Nachmittags, und so weiter), dann wird die Crew vorgestellt. Wie gesagt merke ich mir keine Namen, wohl aber die Prozedere. Auf einmal tauchen immer mehr Filipinos im Shirt auf, letztlich dürften es fast genauso viele sein wie Gäste. Sie sind für Kochen, Fahren, Guiding im Kayak (während wir Schwimmen), Sauberkeit und Ankerlegen zuständig. Jeder einzelne (es sind nur Männer) wird mit fettem Applaus und ein paar Worten begrüßt. Wir dürfen abschließend ein Formular unterschreiben, dann geht es um kurz nach halb zehn endlich los.
Mit den drei Spanierinnen neben mir (Anna, Marta, Berta) akklimatisiere ich direkt ganz gut. Schonmal in Madrid gewesen zu sein, schafft einen Anknüpfungspunkt, ebenso mein Bilbao-Bandana, das sie zum Glück nicht hassen (Ich hatte es immer so verstanden, dass es für die Unabhängigkeitsbestrebungen steht). Nach vielleicht zwei Stunden, in denen wir uns schonmal oben aufs Deck legen, mit Sonnencreme einschichten und auf den Yogamatten Sonne einsaugen, gelangen wir an den ersten Spot unserer Reise. Ehrlich gesagt kann ich meinen Augen kaum trauen, als wir ankommen, und das eher aus schlechten Gründen. Bestimmt zehn andere Boote liegen vor dem weißen Strand vor Anker, und auch das Ufer kann sich vor Menschensilhouetten kaum retten. Ja ist das denn zu glauben? Ehrlich gesagt weiß ich natürlich nicht genau, ob in der Reisebeschreibung stand, man würde zu einsamen Stränden fahren. Aber da man durch eigenständige Exploration ebenfalls schöne Buchten entdecken kann, war ich schlicht davon ausgegangen, dass genau dieser Punkt der große Vorteil der Expedition ist. Zumal es zwischen Coron und El Nido nun wirklich nicht an Inseln mangelt, die größtenteils sehr einsam sein dürften. Auf jeden Fall macht der Chef eine Ansage, wie er sie in den nächsten Tagen immer wieder machen wird, wenn wir irgendwo ankommen. „Excuse me guys, we are now at araw beach. In Filipino, it means sun. Because you can see a good sunrise and a good sunset here. Activities are swimming, chillig at the beach, playing basketball, snorcheling, you can see many fish and corals.“ Abgesehen vom ganz kreativen Strandnamen merke ich mir den Preis von 1.500 Peso (knapp 22€), falls man das Schnorchelequipment verliert. „Don’t loose it, because it’s your money“, erklärt einer der Guides.
Also springen wir alle rein und schnorcheln. Leider ist das Leihequipment nicht ganz so gut wie das derjenigen, die ihre eigene Ausstattung dabei haben, aber es reicht, um die versprochenen Korallen und Fische zu sehen, bevor Wasser in Brille und Atemrohr läuft. Nichts, was ich nicht schon auf Camiguin gesehen hätte, und auch Marius ruft mir nach zehn Minuten zu: „Ist kacke, oder?“ So drastisch würde ich es nicht formulieren, immerhin sind die schwarzen Nemos trotzdem süß und auf den farbigen Steinen sitzen unfassbar viele papayaförmige Muscheln, die schön anzusehen sind. Irgendwann reicht es aber und ein paar schwimmen an den Strand, wo man mit einem Volleyball auf einen Basketballkorb werfen kann, der so tropisch aussieht, als wäre er gerade angespült worden. Dabei greift mich ein kleines Fischchen an, zwei werde ich in den Oberschenkel geboxt. Richtig gefährlich hier. Lea und ihre Freundin Elena sowie Emma, das Dreiergespann, kümmern sich um das erste Bier des Tages, nachdem sie zuvor schon fantasiert hatten, wann denn endlich Alkohol ausgeschenkt wird. Die Tourguides haben das für Nachmittag versprochen, allerdings gibt es auch auf dem Schiff nur 36 Flaschen Rum sowie jede Menge Cola. Ein hartes Leben, da kommt die Strandbar mit frischgekühltem Bier gerade recht. So sehr, dass wir dann auch schon zurückgepfiffen werden, der Zeitplan ist strikt. Das Bier wird sicher auf einem der Guide-Kayaks transportiert, dann geht es weiter.
Am nächsten Spot gibt es dann Mittagessen. Die großen Holztische werden gedeckt, in der Mitte finden unzählige Platten Platz. Es gibt Fruchtsaft, frittierte Garnelen mit thousand island sauce, noch mehr Fleisch und Gemüse, eine fruchtige Nachtischplattr, Reisnudeln und natürlich: Reis. Einer der beiden Köche stellt das Festmahl Punkt für Punkt vor und stimmt uns auf einen Sprechchor ein. Nach jeder angekündigten Speise trommeln alle mit ihren Fingern auf die Tischplatte und rufen: „Yamyamyam!“ Die Krönung bildet der Reis, der offensichtlich das simpelste ist, auf den die Filipinos aber sehr stolz zu sein scheinen. „Last but not least… Filipino… power!“ Das „power“ schreien alle mit und heben die Hände nach oben. Dann wird für den Koch und die Crew geklatscht und das Büffet ist eröffnet.

Nach dem Essen bekommt Emma den Chef überredet, die erste Flasche Rum rauszuholen, es ist wohl an der Zeit. Wahrscheinlich punktet sie mit ihren rudimentären Filipino-Kenntnissen, jedenfalls wiederholt sie die jeweiligen Schlüsselwörter so oft, bis sich der Langhaarige genug geschmeichelt fühlt, um ihrem Charme nachzugeben. „Lasing lasing!“ steht wohl für Betrunkensein. Weshalb die Deutschsprachigen die Tour gebucht haben, merke ich schon. An sich ist das Gruppengefüge auch ganz lustig und weil die anderen es tun, mache ich irgendwie auch mit. Ich warne aber vor, meine Toleranz geht gegen Null, während die anderen Deutschen schon jede Menge Saufgelage hinter sich haben. Auf dem Deck diskutieren wir, wie man jetzt richtig Busfahrer spielt und leeren parallel die erste Flasche Rum. Für die Briten und die Niederländerin tut es mir etwas leid, dass alle Deutsch reden, aber alleine auf Englisch zu schalten, ist wie gegen eine Wand zu reden. Am Nachmittag stelle ich fest, dass ich vergessen habe, im Vorhinein ein Einführungsvideo zu schauen. Mit meiner Unterschrift heute früh habe ich nämlich bestätigt, bis übermorgen nicht an mein Hauptgepäck zu müssen, was eine mittelschwere Katastrophe wäre, angesichts der spärlichen Ausstattung in Form meiner Bauchtasche, mit der ich gerade unterwegs bin. Aber naja, minimalistisch lebt sich‘s auch irgendwie.
Gegen 16, 17 Uhr bricht die dritte Flasche Rum an, nachdem wir schon eine kurzzeitige Sperre kassiert haben. Wir rotieren die Trinkspiele, unter anderem wird „100 questions“ gespielt, nicht gerade mein Favorit für neue Gruppen. Da man sich nicht kennt, kommen die oberflächlichen Bewertungen noch gemeiner rüber und wenige Personen polarisieren, quasi jede zweite Karte wird an Lucas verwiesen. Trotzdem haben sich die Spanierinnen (verständlicherweise) zurückgezogen, führen conversación vorm Bug. Mehr als ein paar Sätze haben wir auch aus den Britinnen und der Niederländerin nicht herausgekriegt, aber der Londoner Matt scheint cool zu sein. Die Filipinos würden ihn immer Max nennen, was Lucas prompt zum Anlass nimmt, es denen gleichzutun. Matt und die Niederländerin Lina haben sich auf Sri Lanka kennengelernt und reisen immer mal wieder zu zweit, so auch aktuell. Die beiden Britinnen kommen aus Nottingham, wirken wie ca. 30, arbeiten wohl als Anwältinnen und haben den hochnäsigsten Akzent der ganzen Gruppe, was sicherlich nur ein Vorurteil ist. Am nächsten Strand lässt Marius seine persönliche Drohne steigen, das passt zu dem Bild, was er in den ersten Stunden präsentiert. Etwas schlecht gelaunt, nicht allzu gesprächig, außerdem nerdig verwöhnt, so wie er sein Privatspielzeug fernsteuert. Er und Franzi sind auf jeden Fall die ältesten und würden sich in einer Gruppe mit höherem Altersdurchschnitt wohler fühlen, da bin ich mir sicher. Franzi versucht es wenigstens mit der Konversation, mal erfolgreicher, mal weniger erfolgreich.

Am dritten purweißen Strand legt nur noch ein anderes Boot an, mit ebenso vielen Leuten wie bei uns. Theoretisch nichts Besonderes, aber ein aufgebautes Volleyballnetz sorgt für viel Spaß. Unter allen Spielern sind die Guides natürlich am besten, klar, wenn man hier alle paar Tage vorbeikommt. Außerdem hat der philippinische Profi mit „inside island“ ein Totschlagargument gegen jeden Einwand auf seiner Seite. Obwohl wir uns heute bestimmt schon dreimal komplett eingecremt haben, scheint bei quasi jedem ungesunde Hautrötung durch. Richtig verhindern lässt sich das wohl nur mit einem UV-Shirt. Nach viel zu kurzer Zeit werden wir wieder zurückgeblasen (übrigens durch ein Muschelhorn), es gibt frittierte, karamellisierte Bananen, und dann wird die Unterkunft angesteuert. An der Südspitze der „Culion Islands“ drehen wir ab und fahren in einen Fjord, der tatsächlich etwas verlassener erscheint. Dabei setze ich mich zu Lucas und dem einzigen Crewmitglied, dessen Namen ich dann doch behalte, auf die Bugspitze. Aristhon, wie der kleine Filipino heißt, ist 19 Jahre alt und erzählt von seinem Leben in Palawan. Seine Mutter komme aus El Nido, sein Vater aus Manila, viel mehr als unseren Tourbereich habe er in seinem Leben aber nicht gesehen. Er und alle seine sieben älteren Geschwister arbeiten im Island-Hopping-Betrieb, alle Achtung. Er wolle aber auf keinen Fall im selben Betrieb arbeiten wie sein Bruder, weshalb er bei „Seatours“ gelandet sei, so der Kurzname. Meiner Schlussfolgerung könnte das damit zu tun haben, dass Aristhon gerne mal Alkohol trinkt und seine Familie das lieber nicht wissen sollte. Okay, no judgement, das wäre auf solchen Touren aber auch wirklich schwer zu schaffen. Tatsächlich meint er, jetzt aber endgültig aufhören zu wollen, gestern sei der letzte Tag gewesen, an dem er noch trinkt. Seine Schwestern arbeiten in der Orga, seine Mutter verkauft Obst in El Nido. Das komme übrigens alles aus Manila, auch die Obstindustrie scheint zentralisiert. Seine Oma stamme aus Cebu, wo Aristhon aber noch nie war. Da fühle ich mich nur ganz leicht schlecht, aber so ist es halt. Ich bleibe dann alleine auf der Spitze liegen und genieße die Aussicht. Marius steht mit aufgesetztem Headset am Rand und lebt in seiner eigenen Welt, während die beiden Ösis Energie versprühen und mit dem deutschen Rest interagieren. Kurz vorm Ziel verliert Marius‘ Drohne den Funkkontakt und fällt unreparierbar ins salzige Wasser, mein sein Gemüt ein ziemliches Desaster.
In der finalen Bucht liegt eine Insel, deren Hang beidseitig mit kartenhausförmigen Hütten besetzt ist. Zum ersten Mal ist die Gruppe für sich alleine, jeder bekommt ein traditionelles Holztipi zugewiesen, in denen jeweils zwei Matratzen liegen. In der Gegend dürfen wir nicht mehr schwimmen, wegen des erhöhten Aufkommens an „jellyfishes in the mangroves“. Gnädigerweise lässt mich der Chef dann doch noch an meinen Rucksack, wofür eine Klappe im Boden weggeräumt werden muss. Zahnbürste, Kontaktlinsenflüssigkeit und eine Unterhose sollten reichen, um die nächsten Tage zu überleben. Es gibt vor Ort sogar Duschen und Toiletten, wobei man vermehrt mit Wasserkübeln arbeiten muss.


Nach längerer Pause wird unten am Wasser aufgetischt, das Prozedere mit Präsentstion und Klatschen ist wieder dasselbe. Es gibt zwei gigantische Fische, frittierte Auberginen, jede Menge Fleisch, „Filipino power“-Reis, Mangos und natürlich: Rumcola. Daydrinking doesn‘t stop at night, stimmts? Ich sitze zwischen zwei Gruppen und verliere mich zwischen den Konversationen. Links die jüngeren, im Regen Austausch über Sprachen, rechts die älteren, irgendwelche erwachsenen Themen, Organspenden und so. Beim Reden fällt mir auf, wie ich teilweise selbst schon sehr in eine Imitation des Wiener Dialekts verfalle, Spiegelneuronen hallo. Nach einer halben Stunde wird strikt abgeräumt, und mir fällt auf, wie wahnsinnig viel davon übrig bleibt. Was mit den Resten passiert, oder besser gesagt nicht passiert, mag ich mir gar nicht vorstellen. Wir sitzen jetzt in kleinen Grüppchen und ich lasse mir von Emma erzählen, dass sie Französisch, Englisch und Deutsch alles gleich gut spreche. Philippinisch probiere sie jetzt seit drei Wochen und ich lerne ein paar neue Wörter: „Tubig“ heißt Wasser, „Hindi“ bedeutet Nein und „Opo“ meint Ja. „Ja, mit den Locals chillen ist das einzig Wahre“ sagt sie, bei dem Wort „Locals“ wird ihre sowieso tiefe Stimme noch rauchiger. Apropos Rauch, ich muss einmal erwähnen, wie sehr Emma, aber vor allem die drei Spanierinnen am vapen sind, das ist wirklich nicht mehr normal. Den ganzen Tag stinkt die Dampfmaschine, immer mal wieder sieht man kleine Wölkchen aufsteigen. Dass das so viel besser als Rauchen ist, stelle ich anhand der erhöhten Intensität mal infrage.
Das Tagesprogramm ist noch nicht durch, sondern gelangt jetzt erst an seinen Höhepunkt. Auf dem Basketballplatz vorm Anleger stellen wir uns an den Rand und genießen eine Feuershow vom Chef und von einem anderen Crewmitglied, die ihr Können mit zwei lodernden Ketten unter Beweis stellen. In der Dunkelheit der Nacht, zu Songs wie „Titanium“, und dazu im angetrunkenen Zustand sieht das wirklich sehr beeindruckend aus, alle klatschen begeistert. Der zweite Künstler führt anschließend traditionelle Tänze auf, wobei die Musik immer noch modern bleibt und mit „Dragostea Din Tei“ oder „Macarena“ bestimmt nicht ganz so traditionell ist. Ab einem gewissen Punkt tanzen wir alle, und auch die Musikbox wird irgendwann von Leo übernommen. Damit haben die beiden Österreicher ein Aufmerksamkeitsmonopol, gegen das man nicht ankommt. Das ist nicht grundsätzlich schlimm, aber ich bin eher Fan von geteilten Wartschlangen, anstatt zu österreichischer Volksmusik zu tanzen. Wenn ich ehrlich bin, nervt mich auch ein wenig, dass sich alle den beiden so zuwenden. Egal, mit wem ich spreche, die Aufmerksamkeit scheint zu pendeln. Ich weiß, dass ich keine Charismabombe bin, in manchen Momenten wünsche ich es mir trotzdem. Das sind eben auch Nachteile von Gruppenreisen, gerade wenn man sich untereinander vorher noch nicht kennt. Es gibt gefühlt immer andere, die sich besser einfinden als man selber. Ich will es nur mir selbst gegenüber erwähnt haben, natürlich freue ich mich trotzdem über neue Kontakte und finde mich mit dem ab, was ich halt so erlebe. Beobachten und Zuhören macht immerhin auch Spaß: Von Lina erfahre ich, dass sie ihre eigene Muttersprache merkwürdig findet, vor allem seit sie früh gelernt hat, zusätzlich Deutsch, Spanisch und Englisch zu verstehen/sprechen. Das könnte auch erklären, warum sie mit 19 Jahren kein bisschen wirkt, als hätte sie Probleme, die Welt zu bereisen. Eine Art Studium light hat sie bereits abgeschlossen, nachdem sie die Schule mit 16 erfolgreich verlassen hat. Sie kommt übrigens aus Maastricht, ebenfalls im Süden der Niederlande, wo ich selbst aufgewachsen bin. Matt alias Max zeigt sich besorgt über den Brexit und die far rights in ganz Europa. Wenn Reform die nächste Wahl gewinnen sollte, will er auswandern. Tja, trifft sich doch gut, dass er ein großer Fan von Deutschland und Österreich ist („I love Germany!“). Überaus stolz präsentiert er schon die ganze Zeit seine Duolingo-Kenntnisse, immer mal wieder hört man ein „Das ist sehr gut“ oder ein „Dankeschön“. Dass er als Brite nicht wie quasi alle anderen zwei Sprachen fließend spricht, stört ihn sehr und er will es unbedingt ändern, auch daher seine Lernmotivation. Emma hat derweil den Chef an der Angel, immer tiefer verliert er sich in ihren Augen, während sie sich interessiert an seiner Sprache und Kultur zeigt. Locals eben. Die Spanierin Berta zeigt sich hingegen interessiert an meinen spärlichen Chinesischkenntnissen, die auf Laien aber nach mehr wirken und die mir wahrlich Spaß machen, zu erklären (wie man auch im Blog vielleicht ab und zu mal gemerkt hat). Trotz betrunkenem Zustand kriege ich die meisten Zeichen aufgemalt, meine Alkoholtoleranz hat sich scheinbar über den Nachmittag aufgebaut.

Als altes Fomo-Opfer verspüre ich natürlich keinen Drang, frühzeitig ins Bett zu gehen, deshalb bleibe ich einfach so lange, wie Leute aktiv sind. Dadurch komme ich immerhin in den Genuss, mit den Buben ein paar Witze zu reißen und mich vorm Einschlafen einmal von Leo mit Aloe Vera eincremen zu lassen. Oder wie er selbst sagt: einschlotzen zu lassen. Dieses wunderbare Wort beherrscht ab sofort den Sprachgebrauch der restlichen Tour und erzeugt folgendes wunderbare Video:
Das Schlimmste, was mir an diesem Freitag (den 13.) passiert ist, ist wohl der Sonnenbrand. Trotz Leerung fast einer ganzen Tube Sonnencreme hat die Sonne nicht aufgehalten werden können, wirklich verrückt. Das Aftersun-Glibbergel ist dabei nur ein Tropfen auf den verbrannten Latissimus.
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