Der zweite Bootstourtag beginnt früh. Das Gequake benachbarter Frösche weckt mich auf, außerdem höre ich die beiden Jungs neben mir reden, ich solle doch mal aufstehen. Ich habe nur halbwegs Kater, was mich wirklich verwundert, und auch den anderen scheint es gut zu gehen. Eilig packe ich meine Sachen, während Lucas und Leo sich lauthals als Swifties outen. Um 7:30 Uhr finden sich alle an Bord ein, der Valentinstag kann beginnen. Außer Franzi und Marius hat vermutlich niemand ein Date, aber ich kann mir wesentlich Schlechteres vorstellen, als bei 30 Grad durch das westphilippinische Meer zu schippern. Solange keine chinesische Küstenwache erscheint, zumindest.

Frühstück gibt es reichlich und ich alter Sparfuchs frage mich wieder, wohin die Reste wandern, die m.E. auch viel zu früh abgeräumt werden. Dass ich so wenig wie möglich wegschmeißen will und nicht spare, Pfannkuchen mit Sirup zu vertilgen, stößt rundherum aber auf Verwunderung. Zum ersten Spot, der in der nächsten Inselgruppe, nämlich den „Linapacan Islands“ liegt, fahren wir über zwei Stunden, die meisten nutzen die Zeit, um Schlaf nachzuholen. Matt, dessen Rücken und Arme gestern buntstiftrot gebrannt waren, sieht entgegen seiner Bräunungsankündigung immer noch aus wie ein Stück glühende Kohle, die Schmerzen sind ihm ins Gesicht geschrieben. Ich meine, ich bin kaum besser mit meinen proportional übermäßig pigmentierten Armen, laut Matt habe ich „a typical british tan“. Aber die Sonnencreme setze ich heute smarter ein: immer dann, wenn ich absehbar länger nicht ins Wasser gehe. Anders hätte ich wohl schon morgen keine Vorräte mehr. Gut vorbereitet schnappe ich mir also meinen Lieblingsplatz von gestern, die Bugspitze. Hier sitzt oder liegt man so hoch, dass aufspritzendes Wasser vorbeizieht und es wackelt trotzdem genug, um sich wie eine echte Galeonsfigur, sorry, ein echter Seefahrer zu fühlen. Heute finde ich besonders krass, auf die weit entfernte Inselgruppe zu schauen, deren Hügelspitzen erst nur im Dunst zu sehen sind und immer klarer erscheinen, während die „Culion Islands“ hinter uns diesen Prozess umgekehrt durchmachen. In dieser Zeit denke ich viel nach, genieße es, kein Handy griffbereit zu haben und drehe mich alle Viertelstunde, um meinen Oberkörper farblich an die Arme anzugleichen. Auch wenn Gruppenreisen vielleicht stressiger sind, als ich es vorher eingeschätzt habe, sind solche Momente dann schon sehr nice.
Eine ganze Weile später sind wir dann am ersten weißen Strand des Tages, oder jedenfalls liegen wir in der Nähe vor Anker. Der Chef macht wieder eine flughafentypische Durchsage und fügt am Ende hinzu: „If you get lucky, you can see turtles.“ Das ist doch mal eine Motivation, dafür gibt man sich sogar freiwillig nochmal die schlechten Schnorchel und springt ins Wasser. Hier draußen ist es teilweise sehr tief und die Korallenfelsen sind höher und variantenreicher, inklusive blauer Seesterne und schwarzer Nemos. Ich sehe sogar einen länglichen Fisch, den ich erst für einen Ast gehalten habe. Laut Franzi handelt es sich dabei um einen Trompetenfisch. Schildkröten sehe ich am Ende natürlich nicht, dafür kann ich Leo beim eindrucksvollen Springen und Emma beim Tauchen an den Grund zuschauen.
Kaum wieder an Bord, erlebe ich meinen nachträglichen Freitag, den 13. Der Bereich zwischen Bug und Hauptraum ist äußerst glatt und barfuß verliere ich komplett den Halt, pralle mit beiden Schienbeinen gegen die erste Bankreihe. Vor Schmerz auf dem Boden rollend, kommt sogleich ein Helfer herbeigeeilt, kann aber nicht mehr tun, als mir aufzuhelfen. Es ist immer schön, wenn der Schmerz nachlässt, aber das geht diesmal mit ziemlich starkem Bluten auf der linken Seite einher. Nach kurzem Abwaschen im Meerwasser komme ich auf den Trichter, dass es rein theoretisch Haie in der Region gibt und lasse es lieber sein. Glücklicherweise haben wir mit Franzi und den drei spanischen Medizinstudentinnen lauter Ärztinnen an Bord, die sich sofort meiner annehmen. Die Wunde ist offen, weshalb einiges an Gewebe austritt, mit einem Verband kann aber das Ekligste gestoppt werden. Blöd nur, dass ich damit heute besser keinen Wasserkontakt mehr haben sollte. Na toll.



Das würde mich im Normalfall nicht unglaublich stören, aber gerade jetzt fangen wir an, coole Orte zu erreichen. Als Nächstes gibt es nämlich „cliff jumping“. Zu meinem Ärger hatte ich vorher verstanden, dass es auch Kletteraktivitäten gibt und mich umso mehr darauf gefreut. Jetzt darf ich dafür den anderen zusehen, wie sie an einem Seil die Klippe raufklettern und dann gute sieben Meter in die Tiefe springen. Das kleinste Crewmitglied legt sogar noch ein paar Meter drauf und springt mit dieser Katzensprungtechnik. Der hat vor wirklich gar nichts Angst, Respekt. Aber auch Leo traut sich was: Rückwärtssalto aus dieser Höhe scheinen für ihn eher normal zu sein. Emma zeigt mir ihren kleinen Zeh, der auch ordentlich mitgenommen aussieht, anscheinend ebenfalls eine offene Wunde. „Und du gehst ins Wasser damit?“, frage ich. „Ja komm, es ist expedition!“ entgegnet sie nur. Allerdings hat sie wohl Schmerzen, ab jetzt lässt sie das Baden auch sein.

Im Folgenden schlafe ich viel. Die Sitzbänke unten bieten sich dafür gut an, man ist halbwegs verschattet und es gibt auch genug Beutel zum Kuscheln. Matt ist erstaunlich still im Vergleich zu gestern Abend, auch Lina ist viel weniger gesprächig. Marius schaltet sich mit Headset und Sonnenbrille mal wieder komplett raus, die beiden Britinnen bleiben auch zu zweit. Franzi versteht sich mit den Spanierinnen und alle Deutschsprachigen drehen auf. Bis zur ersten Mische ist es nicht mehr weit, ich versuche, die Zeit bis dahin zu genießen. Ich bin kaum im Mood zum Saufen, sehe es aber unweigerlich auf mich zukommen, wenn der Rest auch folgt. Sicherlich wird es irgendwie Spaß machen, aber das ist alles andere als mein Lebensstil der letzten Monate, kurzzeitig wünsche ich mir, die Reise wäre vorbei.
Am vorletzten Spot des Tages gibt es angeblich Mantarochen zu sehen, nicht schlecht. Ich bin so frustriert von der Beinverletzung, dass ich aus Trotz fast trotzdem ins Wasser springe, aber zum Glück tue ich es nicht, denn niemand entdeckt wirklich einen Rochen. Auf die normalen Fische kann ich verzichten. Ab 15 Uhr wird dann wieder gesoffen, zu lauter Musik und zu tanzenden Wellen. Noch halte ich mich aber zurück und schlafe, bis mein Akku für die Musikbox gefragt ist.

Der letzte Spot ist wieder ein Volleyballfeld, und besonders lustig ist das Geschehen drumherum. Die Guides transportieren mich netterweise mit ihren Kayak an den Strand, wo in einer Strohhütte Karaoke von Locals gesungen wird. Ein kleiner Junge von vielleicht drei Jahren ist stolzer Betreuer eines Spatzenkäfigs, aus dem unvorstellbar lautes Quieken kommt. Unseren zotteligen Bordhund lockt das natürlich an und wie ein Verrückter gibt er alles, die Bewohner des Käfigs zu fressen. Dabei wedelt sein Schwanz, als hätte er gerade den Jungbrunnen entdeckt. Selbst nach Entfernen des Käfigs gibt er nicht nach und jagt durch die Gegend. Das kommt einem anderen Hund gerade recht, und man kann ihnen minutenlang zusehen, wie sie sich bekriegen. Sogar ein gewaltiges Schwein, das selbst größer als alle Menschen ist, bekommt die Angriffslust des Hundes zu spüren, was für ein David-Goliath-Kampf. Parallel dazu flechtet ein Local aus Palmenblättern einen Hut und unsere Guides rufen zur allgegenwärtigen „Happy Hour“, im Grunde wird nur grenzenlos Rum ausgeschenkt. Vom Gruppenverhalten geleitet, gehe ich da mit und die Sachen fangen tatsächlich an, mehr Spaß zu machen. Vor allem aber lassen die Schmerzen im Schienbein und Rücken nach, wo ich den ärgsten Sonnenbrand verzeichne, den ich dort wohl trotz besten Eincremens ergattert habe.
Gerade als das Volleyballspielen richtig in den Flow kommt, müssen wir wieder weiter. Eine Stunde später landen wir am Endspot, diesmal handelt es sich um einen weitläufigeren Strand mit einer ganzen Hüttenkolonie, in der auch ein, zwei andere Gruppen unterkommen. Wegen meinem Verband werde ich mit dem Kayak verschifft, alle anderen erwischt es aber übel. „Die Jellyfishe fressen mich auf!“ schreit Leo, und auch Franzi leidet sichtbar. Eieiei, solche Gefahren, und dann ist der Strand noch nicht einmal einsam. „Schierch“ findet Leo die weiße Küste. „Lieber alles zubetonieren“, ganz meine Rede. Genau wie alle anderen Strände heute, total schierch. Immerhin lässt sich der wolkige Sonnenuntergang gut beobachten. Dabei stelle ich mich neben die eine Britin und quatsche etwas mit ihr. Sie erzählt, wie sie ihre Freundin in die Philippinen eingeladen hat, während sie selbst schon länger auf Reisen ist. Da Matt und Lina sich auch schon kennen, bin ich (vielleicht neben Emma) der einzige, der tatsächlich alleine diese Tour gebucht hat.


Abendessen gibt es an einem ewig langen Tisch, der im Anschluss daran als Karaokebar umgenutzt wird. Ein Fernseher im Schiebeschrank, wie man ihn nur aus Grundschulzeiten kennt, findet am Kopfende Platz. Zwei Mikros machen die Runde, sowie ein antik anmutendes Lexikon mit Songnummern, die man sich alphabetisch raussucht. Die englische Auswahl ist zwar irgendwo groß genug, lässt aber trotzdem viele gute Songs vermissen. So singen wir neben den philippinischen Songs der Crew vor allem Klassiker von Oasis & Co. Der Tisch bietet dabei eine gute Tanzfläche.
Da der Apparat um 23 Uhr ausgeschaltet werden muss, verlagert sich das Gelage danach an das winzige Barhäuschen, in dem es sogar einen Kühlschrank mit Getränken gibt. Dort versammeln sich auch die anderen Gruppen und der Abend fühlt sich jetzt vielmehr nach Saufen im Park zu Zeiten der Oberstufe an, was nicht unbedingt etwas Schlechtes heißt. Es gibt verschiedene Sitzkreise am Boden und es entwickeln sich entsprechend unterschiedlich tiefe und oberflächliche Diskussionen. Marius meint bspw., mir die besten Tipps fürs Reisen geben zu können, weil er schon vor zehn Jahren in den Philippinen war, und mit seinen Party-Aufsteckfingern hat er auch den ultimativen Opener für „die Ladys“ im Aufgebot. Aus einer anderen Gruppe quatsche ich mit einer (natürlich) Deutschen namens Louisa, die aktuell in Hongkong studiert, ansonsten aber in Amerika und ziemlich reich erscheint. Es sind jede Menge Jungs anwesend, mit denen wir gestern und heute Volleyball gespielt haben, so mancher Kandidat bedient sich unseres Rums. Um halb drei entscheide ich mich (längst nicht als Letzter) dafür, das Bett aufzusuchen, schließlich stehen wir auch morgen wieder um kurz nach sieben auf.
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