Überhäuft mit Sand werde ich von Hahnenschreien geweckt. Neben Übersandung werde ich auch von einem engen Hals, einem nicht zu kleinen Kater, Schmerzen im Schienbein und solchen auf dem Rücken geplagt, Ursprung Sonnenbrand. Beim Verlassen der Hütte appreciate ich ausgesprochen, dass sich jemand anderes um die ganzen Befindlichkeiten wie nachts stehengelassene Flaschen und Gläser sowie Ordnung kümmert. Nach und nach werden wir per Kayak aufs Mutterschiff verfrachtet, die Quallen will sich heute niemand mehr antun. Das dauert eine Weile, sodass sich jeder ganz in Ruhe versuchen kann, einzunüchtern. Die Spanierinnen erzählen, erst nach drei schlafen gegangen zu sein, andere hat es sicherlich noch ärger getroffen. Lukas ist launisch, speiübel und verzichtet aufs Frühstück, obwohl es zu Matts Freude zum Teil englisch und daher variantenreicher ist. Mich stört mal wieder die kurze Essenszeit und noch mehr, wie unfassbar viel am Ende übrig bleibt, seinen Weg dahin findet, wo niemand nachfragt.
Sofern möglich, will ich schon heute Abend nach Puerto Princesa zurückkehren. In El Nido erwartet mich nichts Neues, zudem ist es vergleichsweise teuer, und sicherheitshalber früher am Flughafen zu sein, kann auch nicht schaden. Einen Bus muss ich dafür aber spontan suchen. Erstmal legt sich das halbe Boot schlafen, während wir zum ersten Spot fahren. Dass die Sonne wieder scheint, ist natürlich ein glücklicher Umstand, aber auch gefährlich hinsichtlich der UV-Gefahr. Bald erreichen wir den ersten Spot des Tages und wie kaum zu erwarten, gibt es hier nicht nur Fische und Strand und Palmen, sondern auch Korallen! Das ist so einzigartig, dass nochmal 200 Peso (etwa 3€) Gebühr fällig werden (in den letzten Tagen gab es immer mal spontane Zusatzgebühren für besondere Strände). Ich entledige mich meines Verbandes und werde dann doch nur im Kayak transportiert, denn auch hier gibt es Jellyfische. Da ich noch ohne Sonnencreme unterwegs bin, finde ich mich unter einer Palme ein und bestaune die abgestorbenen Korallen, mitsamt getarnter Bewohnerkrebse. Wie werden die eigentlich so steinern und schwer? Ist das so ein Verwesungsprozess? Es dauert nicht lange, bis auch die drei Spanierinnen, Matt und die beiden Ösis dazukommen. Nur 40 Minuten haben wir hier, die wollen entspannt genutzt werden. Ehrlich gesagt wäre es bestimmt besser, weniger Spots mitzunehmen und dafür an ihnen umso mehr Zeit zu verbringen. Ein anderer Ösi, Teilnehmer einer benachbarten Tour, den wir schon gestern Abend an der Bar gesehen haben, gesellt sich kurz dazu. Nachdem er weg ist, bezeichnet Lukas ihn als Zigeuner, ein ziemlich inflationär verwendetes Wort der beiden.

Abgesehen von einem kleinen Korallenweitwurf liegen wir nur da und labern, lassen die vergangenen zwei Tage, aber insbesondere gestern Abend Revue passieren. In bester Hangovermanier (und bestimmt auch einfach im Wiener Stil) wird dabei kein Blatt vor den Mund genommen. Lukas schimpft auf Marius, den „Bastard“, der ihm erst um halb drei darüber informiert hat, dass die Spanierinnen alle drei einen Freund haben. Jetzt ergibt alles Sinn! Ich war schon schwer beeindruckt, als Lukas gestern einen spanischen Song nach dem nächsten gesungen hat. Des Weiteren höre ich, dass Anna Botoxlippen und Emma krasse Augen hat sowie lange den Blickkontakt hält und dass die Britinnen ihn unnötigerweise gejudgt haben, als er den Schiffshund versehentlich mit einem chicken nugget gefüttert hat. In El Nido würden ein paar Hamburgerinnen auf sie warten, die sie letzte Woche kennengelernt haben. Lukas ist immer noch sauer, dass Leo ihm eine weggeschnappt hat. Ich erfahre, dass ich mich gestern Nacht irgendwo voll hingelegt und Leos Latschen in mein Zelt mitgenommen habe, keine Erinnerung daran. So langsam wandern einige Wörter in meinen Sprachgebrauch, von denen ich das niemals gedacht hätte. Sachen, die leiwand oder schierch sind, hören sich mittlerweile total normal an. Außerdem benutzen wir das Verb schlotzen besonders oft, seit Leo mich am ersten Abend unter der Bezeichnung mit Aloe Vera eingecremt hat. Die beiden Jungs beleidigen sich und ihre Mütter gegenseitig, ein herrlicher Mechanismus, um mit dem Kater klarzukommen. In den verbleibenden Handvoll Tagen will Lukas sich nur noch einmal komplett zusaufen. Hoffen wir mal, dass er den Vorsatz besser einhält als der kleine Filipino, mit dem Lina und ich gestern gesprochen haben. Hatte er am ersten Abend noch dem Trinken abgeschworen, so hinfällig war das Vornehmen, nachdem gestern begonnen wurde, Rum auszuschenken. Lukas geht es gerade aber wirklich am schlechtesten, sein Blut bestehe nur noch aus rum coke. „Boah, jetzt ein eisgekühltes Bier… Nein, eine Rumcola!“ sagt Leo. „Jetzt ein warmes Rumcola und ich glaube, ich muss mich töten“, erwidert Lukas. Aber: „Ist das absurd schön hier, oder? Das Wasser, die Farbe…“ Stimmt, das Türkis ist schon wirklich wunderschön hier, auch wenn die Strände alle gleich aussehen. Neben all den Flüchen hat Lukas auch noch ein vergiftetes Kompliment, was in dem Zustand aber einem Fußkuss gleichkommen dürfte: Ich sei ganz lustig, auch wenn ich ein Deutscher sei. Wenn ich mal nach Wien komme, dürfe ich bei ihm aber nur auf dem Boden schlafen. Sogar ein philippinischer Krätzehund würde eher die Erlaubnis für seine Schlafcouch bekommen. Herrlich. Den Hund bringe ich dann mit. Erstmal müssen wir aber den Weg nach Europa finden. Die Jungs informieren sich absichtlich nicht über das mitteleuropäische Wetter, hoffen einfach, dass sie ab Mitte nächster Woche schon in den Sommer starten können. Optimistisch angesichts des Datums, ich sehe die Chancen bei mir selbst deutlich höher.
Angeblich sollen wir um ein Uhr oder vorher den Zielort erreichen (was schon ein kleiner Schummel ist, immerhin wurde uns eine Drei-TAGES-Tour verkauft), der Motor scheint Mitt-Fahrt aber zu versagen, sodass laute und langwierige Arbeiten erforderlich werden. Niemand beschwert sich, auf Jellyfish-Strände kann man verzichten. Also campen wir einfach auf hoher See und gönnen uns die letzte Mahlezeit. Von Lucas erfahre ich, dass die Crew nach uns an den Resten weiterfuttert, was mich maximal überrascht. Mega gut, aber sowas gibt’s wirklich nur auf den Philippinen. Fast überall sonst würde man die angefangenen Teller doch sofort wegschmeißen, oder?
Wegen der Motorenprobleme (für die zwei Crewmitglieder in den Maschinenraum absteigen und dort werkeln müssen) lassen wir den letzten Spot aus und steuern direkt den Zielhafen an. Zwei Schönheitsfehler: Erstens heißt die Tour „Coron – El Nido“, dabei sind wir noch eine ganze Weile von El Nido entfernt (nämlich in der „Darocotan Bay“), das empfinde ich schon als leichten Betrug. Außerdem werden wieder irgendwelche Extragebühren fällig, für den Hafen und für ein passiertes Naturschutzgebiet oder so. So oft, wie man obendrauf zahlen muss, fühle ich mich langsam echt, als würde man uns schamlos abziehen… Ahja, eine Trinkgeldbox gibt es auch noch, aber in die schmeiße ich mein Geld wenigstens gerne. Über das, was die Tour bietet und wie manche Dinge organisiert sind, kann man viel sagen, aber die Crew war echt sehr cool und entspannt drauf. Mit Leo bin ich mir einig, dass es gut war, die Tour zu machen, dass wir sie aber beide kein zweites Mal buchen würden.


Nach einem Gruppenbild werden wir alle in ein Shuttle gesetzt und locker eine Stunde lang zurück nach El Nido gekarrt. Auf dem Weg tauschen wir Bilder aus, genau genommen bekomme ich jede Menge Bilder. Kaum eines der Tour stammt von mir, ich habe mein Handy wirklich mal etwas weniger benutzt als sonst. Außerdem müssen wir leider feststellen, dass es in El Nido kaum noch bezahlbare Hostels gibt, eine sehr kritische Situation. Die befreundeten Hamburgerinnen haben Leo von dem Problem geschrieben, jetzt herrscht helle Aufregung. Auch ich bin nicht fein raus, seit ich weiß, dass ich heute keinen Bus mehr nach Puerto Princesa bekomme. Selbst ein mit 3,3 bewertetes Zimmer ist weggebucht, bevor wir es uns schnappen können.

In El Nido verabschieden wir drei Jungs uns also von den meisten Teilnehmern und laufen die Hostels ab, Stück für Stück, von Tür zu Tür. Ich bleibe immer draußen, weil die Chance für ein Doppelbett größer ist, wenn man zu zweit fragt. Beim vielleicht siebten Versuch klappt es dann sogar auch. Das Hostel liegt erstaunlich gut, direkt an der Hauptstraße, mit bewaffnetem Security-Mann davor und so wie die beiden es erzählen, hat sich der Betreiber erst dann „erinnert“, dass eines seiner vier Obergeschosszimmer doch noch frei ist, als die beiden gesagt haben, sie würden quasi alles nehmen. Zusammen erkunden wir das Prachtstück an Wohnraum und müssen feststellen: Bei normalen Kunden hätte es der Reputation des Gasthauses wohl wirklich geschadet, das Zimmer zu vermieten. Inklusive Frühstück bekommen wir zu dritt für 30€ einen Raum mit Einzel- und Doppelbett, die jeweils aus einer Holzplatte und Matratze bestehen. Das Bad ist aber der Gipfel der Unvermietbarkeit: Schon ohne dass die Tür geöffnet ist, riecht man die Schimmelhölle in Reininkarnation. Es ist kaum möglich, ohne Luftanhalten mehr als zwei Minuten dort zu verbringen, so eindringlich ist der Gestank. Da ist es fast nur Nebensache, dass die Toilette keine Klobrille besitzt, die rostige Duscharmatur bei Berührung fast abfällt, das Wasser kaum als durchsichtig durchgeht und man nur spülen kann, indem man kräftig schaufelt. Ein Waschbecken, dass zusätzlich im Schlafzimmer steht, bekommen wir nach einmaligem Anstellen nicht wieder aus, zudem riecht das Wasser dort so extrem nach Eisen, dass ich mich fast fürchte, mein Gesicht damit nass zu machen.

Als wäre das nicht schon schräg genug, schreibt der Hostelbesitzer noch Nachrichten an Leo, in denen er ihn als „Macho Boy“ bezeichnet und Herzchen-Emojis zufliegen lässt. Ich muss zugeben, es ist schon sehr witzig, auch wie unangenehm das Leo ist. Sowas ist einfach nur absurd. Eine gute Sache hat die Unterkunft aber, und das ist der Strandblick bzw. die Veranda.

Wie der posthume Valentinstag es so will, wollen auf einmal nicht nur die angesprochenen Hamburgerinnen mit den Jungs chillen, sondern auch die drei Spanierinnen sowie Emma fragen, ob wir uns später auf ein Bier oder so treffen können. Lucas und Leo können ihr Glück gar nicht fassen, die Endorphine sind greifbar. Weil man sich aber eh nicht vor acht Uhr trifft, gehen wir drei noch fix an den Strand und versuchen, uns da zu duschen. Die Blumenseife aus dem Hostel löst sich zwar praktisch nicht auf und wie wir uns im knietiefen Salzwasser im Intimbereich einseifen, grenzt garantiert an Erregung öffentlichen Ärgernisses, aber es lohnt sich. Leo und ich starten derweil mit San Miguel Light und Red Horse die nächste Trinkserie, Lucas hingegen ist ganz vorsichtig unterwegs, nachdem er mittags noch gereihert hat und seine letzte Mahlzeit gestern Abend hatte. Während die Sonne untergeht und den Himmel in ein wirklich schönes Violett färbt, erzählen wir uns shittalk und fantasieren über die möglichen Ausgänge des Abends.
Trotz des bodenlosen Geruchs müssen wir doch noch unter die Dusche, salzige Haut geht schon wirklich nicht klar. Die beiden Wiener machen sich schick (beide im selben Outfit), versprühen Hugo-Boss-Parfüm und schwören sich auf einen schwammigen Zeitplan ein. In der Stadt laufen (wie sonst auch überall) an jeder Ecke Remixes von Multo, und hunderte Souvenirläden verkaufen alle das Gleiche. Das El Nido‘er Zentrum ist so klein, dass wir sofort zufällig den beiden Hamburgerinnen begegnen, Paula und Lotte. Schon am Strand hatten wir zufällig Matt und Lina gesehen, jetzt treffen wir die Spanierinnen Anna, Berta und Marta eine Straße weiter, mit denen wir in einer Bar etwas trinken gehen, um die Wartezeit fürs thailändische Lokal abzusitzen. Dort stößt auch Emma dazu und es ist ein wirklich netter Abschied von der Tour. Vielleicht liegt es daran, dass Leo und ich dort schon an unserem siebten San Miguel Light angelangt sind, aber ich lasse mich viel zu leicht überreden, die absolut widerlich riechende Fischsoße bei den Gewürzen für schlappe 200 Peso (2,90€) zu exen. Es ist nicht viel, aber dafür umso brutaler. Leo ist zwar finanziell schlauer, lässt sich aber an der Ehre packen. Ich zahle ihm die 200 zurück, außerdem bekommt er 300 von Lucas, damit er es mir gleichtut und das zweite und letzte Glas des Tisches leert. Ich würde mir wünschen, zu wissen, was die Kellnerinnen denken, als sie sehen, dass die wahrscheinlich mit Abstand unbeliebteste Gewürzsoße komplett geleert ist.
Das schwersalzige Gebräu wirkt lange in den Mägen nach, selbst hinterhergespültes San Miguel Light hilft nur wenig. Ich probiere mich sogar am taktischen Zwischenkotzer, bekomme aber nicht mehr als ein gewöhnliches Husten zustande. Der Rest der Truppe bekommt davon natürlich nichts mit, und ich stehe voll und ganz zu den Konsequenzen meiner Handlungen, auch wenn sie Fehler waren.
Nach den Thailänder splitten wir uns auf. Lucas sieht sich bei den Spanierinnen und Emma, Leo und ich machen uns auf die Suche nach den Hamburgerinnen, an denen Leo ein gesondertes Interesse hat. Wir finden sie in einer Bar 50 Meter weiter, in Begleitung einer anderen Deutschen, Julia. Die drei haben die Coron-El-Nido-Expedition ebenfalls gemacht und schwärmen etwas mehr davon, als ich es persönlich tun würde. Ich werde freudig als Hochdeutscher identifiziert und zusammen trinken wir weiter. Ich war zwar noch nie am Ballermann, aber die heutige Erfahrung kommt schon nah an das ran, wie ich es mir dort vorstelle.
Die Bar schließt um 23 Uhr, deshalb zieht es die meisten rüber in den Club nebenan. Das kostenfrei türöffnende Wort bekommen wir zugeflüstert, drinnen treffen wir auf einen länglichen Raum mit Bühne, in dem lauter Latino-Musik gespielt wird. Fürs Tanzen ist es fast schon zu eng, aber es geht. Nach einer halben Stunde verzieht sich unsere kleine Gruppe nach und nach nach draußen. Ich folge dem Mehrheitsentscheid, schließlich haben die Mädels Lucas und Leo schon in Coron kennengelernt und hatten sich eigentlich zu viert verabredet. Das wird mir umso mehr klar, als wir schließlich in einer weiteren Bar landen und zugegeben sehr witzige Tischspiele spielen, aber ich mich zunehmends als fünftes Rad fühle. Ich will den Optimismus nicht zerstören, deshalb mache ich mich um ein Uhr schließlich auf den Weg. Von den Jungs verabschiede ich mich schonmal vorsorglich, die Mädels würdigen mich nicht mal mehr eines Blickes.
Dummerweise habe ich nicht mal mehr genug Bargeld für ein Wasser, ich gehe durstig heim. Jetzt ist mir nur noch wichtig, Schlaf zu bekommen, morgen wartet eine frühe und lange Reise auf mich.
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