Als die Jungs um vier oder fünf das Zimmer betreten, ist mir klar, dass ihr Plan wohl nicht bis ins letzte Detail aufgegangen ist. Wichtiger als das ist aber gerade eh, auf unser Leben klarzukommen. Der Hals schmerzt, die Blase drückt, man schwitzt sich einen ab und das Bad will man nun wirklich nicht betreten. Muss ich dann aber doch, denn die nächste Dusche ist mal wieder gute 40 Stunden entfernt. Wir scherzen noch kurz über die Unterkunft, jede Menge Korallen und meinen Weg nach unten, dann verabschieden wir uns. Sauber eingepacktes Frühstück gibt’s unten, dem Standard des Hostels entsprechend…


Dann nehme ich wieder den Shuttlebus runter nach Puerto Princesa. Knapp 10€ kostet die Fahrt, ich nutze die rumpelige Fahrt vor allem zum Dösen. Ein Nordinder neben mir erzählt, dass er mit seiner Partnerin elf Tage in Palawan war und jetzt dringend zurück muss, weil sie eine Ärztin ist und ihre nächste Schicht unmittelbar nach der Landung auf sie wartet. Er selbst habe es mit seinem Software-Job deutlich leichter. Freundlich erkundigt sich der nach gehobener Mittelschicht aussehende Mann nach meiner Reise, ob ich alleine unterwegs bin und wann genau ich wo in den Philippinen war. Irgendwann zieht er sich aber wieder seine Gesichtssocke über die Augen und döst ebenfalls.

Nach viereinhalb Stunden Fahrt habe ich genug Puffer, mich in ein Café zu setzen und mein letztes Bargeld auszugeben, denn selbst in solchen Einrichtungen kann man in den Philippinen in der Regel nicht mit Karte zahlen. Doch statt kurz abschalten zu können, werde ich von einer Frau angequatscht, die links von mir sitzt und ein Videotelefonat führt, obwohl ihr gleichzeitig ein Mann gegenübersitzt, der irgendwann aufsteht und geht. „Where are you from?“ fragt die Dame, die vielleicht Mitte 30 ist. Aha, jemand, der sich für die exotischen Ausländer interessiert. Ich beantworte die neugierigen Fragen, schaue aber weiterhin auf mein Handy, auf meine Notizen. Sie lässt aber nicht locker und richtet ihren Videocall auf mich. Ich muss ihr die Hand schütteln („My name is Rocky“) sowie Rede und Antwort gestehen, auf alle W-Fragen rund ums Reisen. Dass sie um die Ecke wohnt, lässt sie nebenbei fallen. Dann gibt es die Insta-Anfrage, und die Frau ohne Berührungsängste rutscht ein Stückchen näher. Immer noch weit genug weg, aber darum geht’s ja nicht. „You are so young“ und „Are you single?“ höre ich noch, bevor meine Körpersprache endgültig abweisend wird, sodass auch sie es checkt. „I‘m gonna go now“ sagt sie, ist mir recht. „It was nice to meet you.“ Jaa, genau… Dann verschwindet die Nervensäge. Auf Instagram, wo sie aus irgendeinem Grund 12.000 Follower hat, likt sie anschließend unangemessen viele Bilder und schreibt „You look cute too Leo“ und „Thanks for the add“, so als ob ich sie in irgendeiner Form komplimentiert hätte. Auch Leo wurde nochmal unanständig approacht, wie er mir mitteilt. Der Hostelbesitzer hat auf seine erotische Schmeichelattacke von gestern ein konkretes Angebot zum Austausch von Körperflüssigkeiten folgen lassen, wie ich eindrucksvoll auf einem Screenshot sehen darf. Was ist eigentlich mit manchen los auf den Philippinen? Ein regelrechter Kulturschock bzw. Fiebertraum nach dem verhaltenen Taiwan.
Vorm Flughafentor wurde ich schon auf dem Weg ins Café belagert, aber selbst auf dem Rückweg verschont mich niemand. Ein Anbieter von Fahrdienstleistungen fragt mich allen Ernstes, ob ich eine Fahrt zum Flughafengebäude brauche, welches klar und sichtbar hinter der anderen Straßenseite liegt, vielleicht 200 Meter entfernt. Sorry, nein, gebe ich zurück, daraufhin fährt er die Mitleidsschiene. „But I am hungry, Sir“, das Gesicht zutiefst verzogen. Er reibt sich mit flacher Hand den Bauch und krümmt seinen Rücken. Ich glaube ihm auch, dass er arm dran ist, aber meine Nerven mit mich belagernden Taxifahrern sind langsam echt am Ende. Ich will nur noch weg.
Aber dieser Tag soll noch fiebriger werden. Erst einmal könnte ich tatsächlich (wenn auch leichtes) Fieber haben, meine Nase und mein Hals argumentieren zumindest (nach dem Saufgelage gestern nicht unbegründet) dafür. Dazu kommen aber noch zwei ungut tuende Schokoladenshakes am Flughafen, wo ich meine reichliche Zeit vor dem Abflug damit verbringe, mein letztes Bargeld auszugeben. Die letzten Münzen schmeiße ich trotz aller Übelkeit in die Tip-Box der Servicekräfte, sie können bestimmt nichts für die sparsame Milchpolitik ihrer Bosse. Und dann geht es erst richtig los: Der Puerto Princesa Airport ist nicht gerade groß, entsprechend kurz bräuchte ich, um durch eine der einzigen beiden Sicherheitsschranken zu gehen. Vorher werde ich aber trotz Handgepäck zum Check-In geschickt, natürlich wollen sie es wiegen. „Can I see your Arrival Card, Sir?“ Ah, das hatte ich ganz vergessen, man benötigt für eine Einreise nach Taiwan dieses Dokument, aber das dürfte ich online halbwegs schnell ausfüllen können. So kurzfristig leider nur für 70$US (59€), was schmerzt, aber besser ist, als den Flug zu verpassen. Bevor ich das machen kann, kommt aber ein noch größeres Problem hinzu. „Do you have a connecting flight, Sir?“ Aus Taiwan heraus? Joaa, sicher doch. Habe ich wirklich. Aber kein vorzeigbares Ticket. Mein verfallenes Single-Entry-Visum lässt der Mitarbeiter nicht durchgehen. In dem Moment bin ich mir fast zu 100% sicher: Das mit dem Flug wird nichts mehr. In 20 Minuten findet das Boarding statt, und mein Vater, der das nötige Ticket hat, ist mit ausgeschaltetem Handy auf Arbeit. Nicht dass ich normal telefonieren könnte, das beinhaltet keiner meiner Verträge. Aber mit etwas (eigentlich riesigem) Glück erreiche ich meinen Bruder, der den PC meiner Eltern durchforstet und das Ticket findet. Zehn Minuten vor Boarding fehlt mir also nur noch die Arrival Card, aber die Bezahlung will meine Kreditkarte nicht mitmachen, die mehrfach abgelehnt wird. Nur unter unangenehmem Betteln lassen die Leute mich dann doch noch durch und ringen mir das Versprechen ab, mich bis Manila um die Karte zu kümmern. Das Schlimmste ist also verhindert, allerdings scheint meine Kreditkarte jetzt gesperrt zu sein, trotz richtiger Eingabe aller Daten. Meine Mutter füllt sie dann für mich aus, während ich nach Manila fliege. Hinter mir liegen die wohl stressigsten 20 Minuten der letzten Monate, da schocken mich auch keine Turbulenzen mehr. Und weil das alles so schön unnötig ist, fragt auch einfach niemand mehr nach der Arrival Card, na herzlichen Glückwunsch. In Manila kenne ich mich durch den dritten Aufenthalt in zwei Wochen schon bestens aus, streiche umher, ohne Bargeld, ohne funktionierende Kreditkarte, ohne Essen seit dem grandiosen Frühstück. Ja, und das war dann auch schon wieder der Tag.
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