Taipei (Dienstag, 17. Februar)

War auf dem innerphilippinischen Flug noch alles okay, so friere ich mir in Richtung Taiwan den Allerwertesten ab. Und tatsächlich, nach der Landung merke ich schnell: Das Klima hat sich geändert. 13 Grad Außentemperatur und strömender Regen, das sind gute 20 Grad Differenz. Um zwei Uhr nachts fährt natürlich keine Metro, und eine Unterkunft habe ich sowieso noch nicht. Also bleibe ich im warmen Flughafen und versuche nach Kräften, meine Kreditkarte zum Laufen zu bringen. Nach den fehlerhaften Arrival-Card-Zahlungen gestern hat sie sich selbst gesperrt (ohne mein Verschulden), jetzt stehe ich Geld überhaupt dar. Ich könnte die Karte sperren lassen und dann nur noch per Handy zahlen, aber ich weigere mich, mich dem ein drittes Mal hinzugeben. Ich werde von einer Franzosin angesprochen (die mich übrigens deshalb für einen Landsmann hält, weil ich Schnurrbart trage) und gefragt, ob ich mir mit einer Gruppe ein Shuttle nach Taipei teilen möchte, woraufhin ich leider absagen muss, denn ich habe dort keine Unterkunft und muss meine Erkundungstour auch nicht gerade nachts um drei starten.

Also bleibe ich in der Arrivals-Halle und verbringe die Nacht mit Blog nachholen sowie ewigen Telefonschleifen, in der Hoffnung, meine Karte doch noch entsperrt zu kriegen, wobei ich am Ende darauf verwiesen werde, zur deutschen Geschäftszeit wieder anzurufen. Um acht Uhr schlafe ich auch noch eine Stunde, so wie andere Reisende, die sich vermutlich die teure Unterkunft am Chinese New Year sparen wollten. Dann muss aber meine übrigen 800$TD (21,50€) Bargeld anbrechen, länger halte ich das Hungern nicht aus. An der 7/11-Kasse werde die Leute bereits mit „新年快樂 Xīnián kuàilè!“ begrüßt, vielleicht ist der besonderste Moment des Neujahrs ja auch schon vorbei. Jessie hat mir bereits gestern Fotos von dem „New Years Eve“ mit ihrer Familie geschickt, fast so wie das alljährliche Raclette-Essen an Silvester. Ich finde es nur lustig, dass die Taiwanesen (und vermutlich auch Chinesen) sich zweimal im Jahr ein frohes neues Jahr wünschen. Mein Kopf hat das Convenience-Store-Essen übrigens mehr vermisst als mein Gaumen. Heißt, der Fertigfraß hängt mir schneller wieder zum Hals raus, als ich es vermutet hätte. Das ist eigentlich eine gute Nachricht, ich sollte mir das sehr bewusst machen, wenn ich wieder nach Deutschland gehe. Und ich verstehe immer mehr, warum Leute von McDonalds & Co. abhängig werden. Entweder weiß ich von keinen anderen Austauschstudenten, dass sie ebenso sehr mit diesem Dilemma kämpfen, oder ich bin einfach besonders für solche gemütlichen Essensgewohnheiten empfänglich, was ich trotz meiner Faulheit diesbezüglich niemals vermutet hätte. Schon krass, aber um dem künftig zu trotzen, muss ich in Deutschland einen harten Cut ziehen, was die Ernährung anbelangt. Klar kann ich mich da gar nicht mehr so ernähren wie hier, aber faul sein und Fertigessen kaufen geht quasi überall.

Flughafenfraß

Ich buche mir für nächste Nacht wieder das Hostel, in dem ich mit Sidd Anfang Dezember war, heute zahle ich gerade mal die Hälfte von damaligen Preis, mit knapp 22€ immer noch zienlich teuer. Wie ich so durch die Stadt fahre und laufe, schockt mich der taiwanesische Alltag. Ich bin gerade einmal zwei Wochen weg, und schon fühlt es sich ganz komisch an, wenn die Leute wieder anfangen, Chinesisch um mich herum zu reden. Traditionelle Volkslieder klingen aus Seitenstraßenrestaurants und ich fühle mich sehr zuhause darin, die Metro zu benutzen, obwohl ich meine Station verpasse.

Auf einem guten alten YouBike fällt mir auf, dass ich in den Philippinen nicht eine einzige Ampel gesehen habe (der Countdown auf den taiwanesischen Ampeln ist einfach zu unverwechselbar). Ich war zwar nicht in Manila unterwegs, aber auch in Städten wie Puerto Princesa, Tagbilaran oder Panglao kann ich mich nicht an Derartiges erinnern, höchstens an ein paar Verkehrspolizisten.

Ab 15 Uhr beginnen deutsche Geschäftszeiten, so ist auch meine verhassliebte Commerzbank endlich wieder zu erreichen. Der Telefonbot funktioniert auch besser als noch nachts und schickt mich zum Glück durch. „Guten Morgen!“ begrüßt mich die Mitarbeiterin und ist erstmal skeptisch, meine Karte zu entsperren, da ich in letzter Zeit schon dreimal eine neue bestellt habe. Ob da was faul ist? Naja, ich verstehe zumindest, dass man das denkt. Meine Problemstreak mit Kreditkarten ist auch wirklich ungeschlagen, das muss man wohl zugeben. Jedenfalls meine Karte dann entsperrt, mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen. So kann ich mein Hostel für diese Nacht bezahlen, außerdem genug Geld abheben, um es morgen Oskar und Julius in die Hände zu drücken. Die beiden dürften ab 16 Uhr im Flieger sitzen, wo sie sich übrigens erstmal kennenlernen dürfen. Chinese New Year ist, der Vollständigkeit halber, definitiv nichts am heutigen Tag, die großen Feiern haben wohl alle um Mitternacht herum stattgefunden. Kein Problem, meiner Müdigkeit spielt es ganz gut in die Hände. Im „Guesthouse1954“ begrüßt mich ein sehr freundlicher junger Mann und zeigt mir die Einrichtung, mit der ich aber schon vertraut bin. Dass ich schonmal da war und wiedergekommen bin, weil es so gemütlich war, freut ihn ganz besonders. Außer mir sind höchstens eine Handvoll anderer Gäste zugegen, am ersten Tag des neuen Pferdejahrs bleiben die meisten wohl noch bei der Familie. Im Männerschlafsaal bin ich sogar gänzlich alleine, und das mitten in Taipei!

Als ich mich zum Abendbrot aufmache, sehe ich im Gemeinschaftsraum aber doch jemanden. Eine kleine Europäerin werkelt an einem Fahrrad, das neben einem riesigen Karton steht. Die hat doch nicht etwa…? „Are you traveling around Taiwan?“ frage ich frei heraus. „Yeah, kind of“, antwortet sie in feinem britischen Akzent. Eine ganze Runde macht sie nicht, denn letztes Jahr sei sie schon die Ostküste abgefahren. Aber die Westküste und der nördliche Bergpass über den Hehuanshan seien Optionen. Dafür sieht das Bike ordentlich schwer aus, ganze 14 Kilo soll es wiegen. Als Gepäck habe sie immerhin keine Seitentaschen, sondern nur eine Art Beutel für den Gepäckträger dabei. Sie ist wie ich heute erst angekommen, allerdings aus Thailand, wo sie bereits rumgetourt ist, deshalb baut sie das Teil auch gerade auf. Ich will gar nicht fragen, wie viel es kostet, ein dermaßen gewaltiges Paket mit dem Flugzeug zu transportieren, aber es scheint es ihr wert zu sein. Im Herbst sei sie schon in Europa geboren umhergefahren, Fahrradfahren ist einfach ihr Ding. Ihr Name ist Beth und wir kommen so flüssig ins Reden, das hätte ich mir ohne die ganze Englisch-Erfahrung des Auslandssemesters niemals zugetraut. Es ist einer der seltenen Momente, in denen ich mir richtig bewusst werde, wie flüssig ich englische Konversation auf gutem Niveau führen kann, ich bin ganz beeindruckt von mir selbst.

Fahrrad-Traveling

Statt alleine loszugehen, schließt Beth sich mir an. Sie ist ebenfalls Pescetarierin und hat Bedenken, kein passendes Essen zu finden, aber ich beruhige sie, dass es so gut wie immer etwas mit Fisch gibt. Draußen ist es gerade noch warm genug, dass man keine Jacke benötigt, Regen gibt es nicht mehr. Es werden zunehmend Feuerwerke gezündet, eine Art gesellschaftliches Nachbeben vom großen Fest gestern. Leider gehen mit dem Feiertag weitreichende Restaurantschließungen ein, in vielen Straßen sind sämtliche Rolläden heruntergefahren. Ein sehr witziger Fauxpas passiert mir in einem Laden, der einem Restaurant zum Verwechseln ähnlich sieht. „Xīnnián kuàilè!“ begrüße ich die fröhliche Inhaberin grinsend, sie erwidert den Gruß. Sie fragt mich daraufhin, ob ich scratch kenne. Nein, aber ich würde es gerne probieren. Ich erkläre schnell, dass ich Pescetarier bin, woraufhin sie sich halb tot lacht. Da hab ich Idiot doch tatsächlich gedacht, dass man hier zufällige Mahlzeiten bekommen kann. „Where are you from? Spain?“ „No, Germany.“ „Yes, no wonder why.“ Okay, ja, auf den zweiten Blick fallen mir die Glückslose auch alle auf, aber man muss zugeben, gewürfelte Mahlzeiten hätten etwas. „You want to play? You choose one number and become a rich man.“ Nette Spieldarstellung, aber ich verzichte. Lustigerweise haben die convenience stores aber alle offen, was sich mir nicht ganz erschließt. Schließlich verbrennen die genauso sehr Personal, aber mir soll es recht sein. Als fast schon professioneller Foodtaster in diesen Etablissements berate ich die Britin aus dem englischen Süden, von welchen Produkten man aus Fleischgründen lieber die Finger lassen sollte und was die Geheimtipps des FamilyMarts sind.

Zurück im Hostel gönnen wir uns den Festschmaus und reden über verschiedene Reiseerfahrungen. Situationen mit weirden Menschen erleben wir irgendwie alle. „Sometimes I forget the nice people because the weird people are so interesting“, sagt Beth. Eine wunderbare Weise, auf die Welt zu blicken, wie ich finde. Sie schreibt zwar keinen Blog, aber ein Tagebuch, und dort hält sie die gleichen Sachen fest wie ich in diesem Blog. Sie empfiehlt mir außerdem Romane vom Autor Mark Walters, der bspw. in „Amerzonia“ oder einem Buch über Indien über seine Reisen spricht, angeblich zynisch und mit britischem Humor. Sollte ich mal dazu kommen, erinnere ich mich hoffentlich an die Empfehlung. Beth arbeitet in Südengland in einem Café in einem Ort, der besonders bei Deutschen sehr beliebt sei. Den Sommer über versuche sie immer, möglichst viel Geld zu verdienen, dafür reist sie dann im Herbst und Winter mit ihrem Fahrrad um die Welt. Intuitiv hätte ich nicht gedacht, dass diese Rechnung aufgeht, aber wer weiß, was sie für ein Arbeitstier ist und wie sparsam sie abseits des Fahrrads lebt. Was für ein Leben. Zu schade, dass ich mit Oskar und Julius morgen in ein anderes Hostel gehe. Obwohl, man trifft auf Reisen ja auch immer wieder Leute, die man schonmal woanders gesehen hat. Wir sagen uns Auf Wiedersehen, nachdem ich ihr noch nahegelegt habe, das „Shimen Reservoir von Osten zu befahren und bei ausreichend Zeit die Route um den „Yangmingshan National Park“ mitzunehmen.

Abendessen

Draußen wird immer einzelner, aber auch immer lauter geknallt, ja haben wir denn schon wieder Silvester? die Taiwanesen knallen einfach am Chinese New Year, am Mondfest und an Silvester, dabei noch am wenigsten. Böllerfreunde in Europa, hergehört, hier wartet euer Paradies! Währenddessen schreibt Leo (von der Reise in Palawan), dass er und Lucas meine Berichte gelesen und herzlich gelacht haben, ein superschönes Kompliment, das mich sehr freut.

Vorm Schlafengehen schaue ich noch ein paar Folgen Avatar und denke darüber nach, dass ab morgen früh meine Zeit endet, die ich komplett alleine auf Reisen verbracht habe. So unvorstellbar mir diese Challenge noch vor zwei Monaten vorkam, so sehr habe ich mit ihr Freundschaft geschlossen und mindestens so sehr werde ich genau das vermissen. Wie leicht es mir bspw. vorhin gefallen ist, aus dem Nichts heraus ein langes Gespräch mit einer wildfremden Person anzufangen, wie natürlich es sich vor allem angefühlt hat, ist ein Symptom dessen. Ich hoffe inständig, dass mir diese Fähigkeit nicht abhanden kommt oder aus mangelnder Übung einrostet. Wer so befreit durch die Welt gehen kann, der ist, das Wort sagt es ja schon, wahrlich frei.

Nichtsdestotrotz freue ich mich auf der anderen Seite natürlich genauso darauf, zwei meiner Freunde nach Ewigkeiten wiederzusehen. Alleine, wenn ich daran denke, wie lange es schon her ist, dass ich zu James ins Zimmer gezogen bin, mit ihm am Sun Moon Lake war, Sebastian und Anna kennengelernt habe, und dass all das war, nachdem ich meine deutschen Leute das letzte Mal gesehen habe, dann merke ich nochmal, wie viel Zeit eigentlich insgesamt vergangen ist. Wahnsinn.

Ich kann in diesem Moment nur schwer einschätzen, wie sich die nächsten Wochen entwickeln, deshalb kann es gut sein, dass dies mein letzter Blogeintrag in der gewohnten Intensität und Detailtiefe ist. Schließlich werde ich mit alten Bekannten viel zu bereden haben, und dazu jeden Tag von morgens bis abends verbringen. Beschreiben werde ich sie wohl auch eher nicht, zumindest nicht so, wie ich das bei so manch anderer Bekanntschaft getan habe. Oder es läuft ganz anders und ich komme doch irgendwie dazu, ausführlich zu sein, wer weiß das schon? So oder so wird es demnächst noch ein paar Spezial-Veröffentlichungen geben, darauf darf man gespannt bleiben!

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