Aufgrund von Flugverspätung (Oskar und Julius aka. Schlenni sollen erst um 9 Uhr landen) leiste ich es mir auch, später aufzustehen. Einmal rasiert, gepackt, mache ich mich auf zum internationalen Flughafen Taoyuan. In der Arrival Hall von Terminal 2 treffe ich die beiden, ein freudiges Wiedersehen. Die Müdigkeit ist beiden ins Gesicht geschrieben, verständlich, nach so vielen Stunden Flug und einem stark getakteten Programm vorher.
Nach langer Sucherei (zu meiner Verteidigung, ich bin nach gestern erst zum zweiten Mal an diesem Flughafen) finden wir endlich einen 7/11 und kaufen dort die Basics: EasyCards und Koffein. Oskar lässt sich sogar auf meinen Geheimtipp „Sarsaparilla“ ein, auch wenn ihm die zu Cola verbraute Heilmedizin nicht mundet. Der Metro-Express nach Taipei hält nur dreimal und führt uns direkt Taiwans hässlichste Seite vor Augen: die wolkenverhangenen Kleinstadtviertel. Zwar zeigt sich nach Taoyuan auch viel brokkolifarbene Natur, aber die durch und durch grauen Fabrikhallen sowie tristen und farblosen Wohnlawinen an Vorstadthügeln erregen die größte Aufmerksamkeit. „Es ist super hässlich“, sagt Oskar, „aber ich finde es geil. Super dystopisch, interessant zu beobachten.“ Meine Rede. Auch für mich sind die Anblicke neu: Ganze Kieze mit Schrägdächern aus Blech; befleckte Fassaden, die sich ihren Nachbarn nur wenige Meter gegenüberstehen; maximal breite Asphaltstraßen, Verkehrsübungsplätze, Autobahntrassen und enorme Betonstützen, die bspw. unsere Meteotrasse tragen. Immerhin ist die Bahn sauber, bietet ein Viererabteil mit meterweise Platz und kontaktloser Handyauflademöglichkeit.
Auch wenn ich das eigentlich Taipei als schöner verspreche, verstehe ich, dass das Stadtbild enttäuscht. Ewige Baustellen und so viel versiegelte Fläche, wie eben geht, sind keine einladenden Orte. Julius und Oskar fällt auf, wie leise unsere Umwelt trotz Verkehrsaufkommen ist, das ist mir nie in den Sinn gekommen. Vielleicht liegt es am Straßenbelag? Oder an den Städten, die man sonst gewohnt ist? Ich freue mich aber, zu sehen, wie der Rest trotzdem fasziniert: wie Oskar die Schilder an Hauswänden, Julius die sonderlichen Fußwege bestaunt, erinnert mich daran, als ich selbst neu war und ein besonderes Augenmerk darauf gelegt habe.
Im Hostel (das in einer Einkaufsmall liegt), kann zwar noch nicht eingecheckt werden, es nimmt aber unser Gepäck an. Bis 15 Uhr wollen wir uns die Zeit mit Stadt und Essen vertreiben, aber tatsächlich gestaltet es sich schier unmöglich, außerhalb der convenience stores irgendwas zu finden. Die Masse an Rolläden, die heruntergefahren sind, gleicht einem Zustand, den ich in Taiwan noch nie gesehen habe. Scheinbar sind die Neujahrsauswirkungen noch nicht passé, die Feierzeit geht nämlich über den Neujahrsbeginn gestern einiges hinaus. Genau genommen sind die Feierlichkeiten rund um das Jahr des Pferdes erst im März vorbei. Bleibt zu hoffen, dass erste Geschäfte schon deutlich früher wieder öffnen. Klar kann ich nichts dafür, aber ich fühle mich schon ordentlich schlecht, meinen Gästen/Besuchern so etwas präsentieren zu müssen. Sie sind überhaupt nicht böse, aber nur zu gerne hätte ich sie direkt in ein traditionelles Restaurant geführt. Die Stadt ist trotzdem interessant: ein (zwar geschlossenes) vegetarisches Restaurant befindet sich mitten in einer Polizeistation, wir sehen enge, stinkende Gassen, in den Asphalt gesetzte Strommasten, Schuhpaare hoch oben auf Laternen und die Hochhäuser, die ich schon seit letztem Jahr bewundere: dystopisch grau gehaltene, aber mit klassischen Architekturelementen verzierte Wohngiganten.

Schließlich kehren wir im Ess-Stockwerk eines 7/11 ein, der wie viele Straßen leergefegt scheint. Die meisten Einwohner chillen wahrscheinlich noch mit und bei ihren Familien, auf ihrem Flug wurde Oskar und Julius sogar noch davon abgeraten, an Chinese New Year nach Taiwan zu fahren. Oskar, der vegan lebt, hat es nochmal deutlich schwerer als bspw. Sidd, der auch schon ordentlich aufpassen musste, was sein Essen angeht. Am Ende gönnen sich meine beiden Besucher Instant-Ramen – etwas, das ich in meiner ganzen Zeit hier noch nicht gemacht habe (von ersten Tag abgesehen). Über den nur bei einer Mahlzeit entstandenen Plastikmüll regen sich beide auf, scheinbar eine europäische Reaktion. Ich kann mich nur zu gut erinnern, wie es mir genauso ging, bevor ich mich daran gewöhnt habe.
Danach laufen wir kurz durch Ximending, wo krasser Kontrast zum Rest der Stadt herrscht: (schlecht performende) Straßenkünstler, viel Trubel, Sweet Potato Balls, und jede Menge offene Geschäfte, auch wenn vor den wenigen Restaurants lange Schlangen stehen. In einem Carrefour erleben die beiden Deutschen eine weitere Reizüberflutung: Produktbeschreibungen auf Chinesisch, Plastikwüterei im Verpackungswesen, ungesunde Produkte über irrsinnigste Kreationen, von veganer Hoffnungslosigkeit ganz zu schweigen. Am Ende wird‘s genau ein Baguette für Oskar.

Die Zeit bis zum Check-In verbringen wir noch im nahegelegenen Park mit dem Tschiang-Kai-Shek-Memorial, wo es trotz bewölktem Himmel unfassbar großen Andrang gibt. Vermutlich wegen dem Neujahr versammeln sich Schaulustige (vor allem Asiaten) vor gelb angezogenen Trommlerinnen und versuchen, einen guten Fotospot zu bekommen. Auf den Treppen des Nationaltheaters, einem der flankierenden Bauten, legt Oskar sich erstmal flach, danach besuchen wir das Denkmalinnere. Für eine kurze Diskussion über chinesische Geschichte ist er aber fit genug. Wie erfrischend, mit einem Geschichtsstudent unterwegs zu sein. Wie hässlich Taipei ist, muss immer wieder betont werden, ich kann es ihm nicht verübeln.


Der Rückweg führt uns an ungewöhnlich vielen Militärs und (weshalb sie vermutlich da sind) dem Präsidentenpalast vorbei. Allein dass eine öffentliche Straße direkt am Gebäude vorbeiführt, finde ich schon krass. Im Hostel bekommen wir ein „studio“, also einen fensterlosen Achtbettschlafsaal zugewiesen. Während Oskar sofort in die Federn fällt, ziehen Julius und ich nochmal los. Ihm fallen die vielen Kameras im Stadtbild auf, ein Aspekt, der mir entweder gänzlich entgangen ist, oder von dem ich vergessen habe, wie überrascht ich damals war. Ich weiß nur, dass viele Leute aus Festlandchina berichten, wie viel mehr Kameras es dort im Vergleich zu hier gibt. Echt beängstigend, denn wenn ich mich so umschaue, sind das hier auch nicht gerade wenig. Beobachter habe ich mich die letzten sechs Monate aber definitiv nicht gefühlt, in der Hinsicht unterscheiden sich die beiden Chinas wohl.
Julius ist motiviert, zu erkunden, aber offensichtlich auch sehr müde. „Ich bin so müde, mir sind im Stehen fast die Füße eingeschlafen“, verspricht er sich. Im Botanischen Garten Taipei, dem wahrscheinlich schönsten Ort seiner bisherigen Taiwan-Reise, fällt er in einem Pavillon in diese unangenehme Schlafpose, in der man alle paar Sekunden zur Seite nickt und den Kopf anschließend wieder aufrichtet. Als es zunehmend kühler wird, gehen wir wieder zurück. Beide sind wir verschnupft und wollen es ganz bestimmt nicht schlimmer machen, nicht am Anfang dieser Reise. Auf dem Rückweg sehen wir eine ziemlich lange Wagenkolonne mit Blaulicht, die sich an Ampeln hält. Ich würde wetten, hier wird der Präsident transportiert, schließlich liegt sein Büro ja um die Ecke.





Ohne Oskar, dessen Plan wohl Durchschlaf lautet, versuchen wir uns dann daran, Essen zu finden. In Richtung Ximending gibt es zwar geöffnete Restaurants, nicht aber solche, in den das Essen gleichzeitig bezahlbar ist und es noch genügend Plätze gibt. Logisch, wenn die ganze Stadt aufgrund fehlender eigener Kochkünste hungert, sammeln sich alle dort, wo es Essen gibt: heute quasi nur in Ximending. Über eine Stunde irren wir umher und probieren es bei einem Restaurant nach dem anderen, ohne Erfolg. Kurz bevor wir wieder in einen convenience store zurückfallen, taucht aber ein kleines, taiwanesisches Büffetlokal auf. Wunderbar! Auf Julius muss das Essen zwar verstörend wirken, so sehen Tofu, Fleisch und Pilze nunmal aus, aber es lässt sich darauf ein und für etwa 3€ bekommt jeder von uns eine Pappbox mit Reis, Fisch und Gemüse unserer Wahl sowie einem All-you-can-drink-Minibecher. Das stark gewürzte Essen erinnert mich einerseits an die Mensabeilagen, andererseits an die Restaurants, in denen ich oft nach dem Training mit Ray & Co. war. Taiwanesischer könnten wir jetzt nicht essen, ich bin total zufrieden und auch Julius findet es nicht zu schlecht, nur die Stäbchen sind etwas ungewohnt.


Auf dem Rückweg schlendern wir wieder durch die eng belebten Gassen des Touristenviertels und füllen die Snackvorräte in einem FamilyMart auf. Nach einer Dusche geht es noch mal los auf einen Nachtspaziergang. Die allgegenwärtigen Rauchverbote werden von den meisten Taiwanesen ignoriert, weshalb Julius es ihnen gleichtut, und so chillen wir uns in den nächsten Park. Gesprächsthemen sind nach den ganzen offensichtlichen Updates auch lustige Unimails über gestohlene Mensatassen, die besten Philippinenstorys, Redditfeeds über Reisen in Thailand (wo Julius im März ebenfalls für drei Wochen hinreisen wird) und die Kalorienzahl der Snickers aus dem FamilyMart.
Selbst um halb elf ist der Gemeinschaftsraum unseres Hostels restlos überfüllt. Absolut merkwürdig, gerade weil ich im Hostel gestern noch der einzige Mann überhaupt war. Die Betten sind aber in Ordnung, Oberbetten sind entspannt mit einer Blechtreppe zu erreichen, und vorerst schnarcht niemand. Mir fällt nur auf, dass in meinem Nachbarbett (in der Wand eingelassen) zwei Personen liegen, die sich flüsternd unterhalten. Bleibt zu hoffen, dass sich ihre Lautstärke nicht verändert.

Für morgen haben wir verabredet, um acht Uhr aufzuwachen. Wenn sich alle fit und bereit fühlen, die hässliche Stadt hinter sich zu lassen, könnten wir den Yangmingshan National Park ansteuern und abends zu Taipei101 fahren. Soweit der Plan.
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