Zwischen acht und neun klingeln unsere Wecker, und Gott sei Dank fühlen sich alle drei Kompagnons fit, den Tag zu bestreiten, Taiwan zu erkunden. Das Frühstück bestreiten wir an der „Shilin Station“, wo Oskar tatsächlich eine vegane Bäckerei findet und Julius und ich „Chinese Pizza“ probieren, mit Ei, Käse und cabbage. Richtig lokales Essen, wunderbar.

Oskar ist ausgeschlafen, aber immer noch müde. Der Bus versucht sein Bestes, ihn mit heftigen Kurven aufzurütteln. Dass es bergauf geht, zeigt, wie außerhalb man sich schon befindet, denn wie Oskar richtig feststellt, besitzt das eigentliche Taipei so gut wie keine Hügel, alles ist dem Flussdelta untergeordnet. Nach dem gestrigen grauen Tag müssen wir einfach mal direkt in die Natur, und obwohl es wieder so eintönige Himmelsfarben hat, sind die „Qingtiangang Grasslands“ super. Ich persönlich finde die Landschaft nicht ganz so beeindruckend wie meine Begleiter, die das Tiefgrün und die nebligen Berge ja gar nicht gewohnt sind. Trotzdem ist das Wanderspazieren schön, und auf das ferne Taipei gucken und Landschaftsmerkmale zu identifizieren, macht ebenfalls Spaß. Mit Oskar in unterhalte ich mich viel über unsere Erfahrungen mit Roommates, erzähle von den teils prekären Lebensgeschichten der Indonesier, Oskar erzählt hingegen von Brasilianern in Lissabon, die auch im Erwachsenenalter mit ihrer Mutter im selben Zimmer wohnen. Nach einem der alten Flaktürme setzen wir uns hin, Julius benötigt eine Raucherpause. Wir quatschen über Bildschirmzeiten am Handy, das Lossagen von Instagram und YouTube, warum Julius während der Arbeit stundenlang Filme schaut und warum ich letzte Woche jeweils fünf Stunden in meinen Bankapps (davon zwei Stunden Photo-TAN) und in der Passwörterapp verbracht habe. Sag mir, dass deine Kreditkarte gesperrt war, ohne mir zu sagen, dass deine Kreditkarte gesperrt war. Dann kommt ein taiwanesisches Pärchen vorbei, tippt mich an und das Mädchen zeigt mir ihren Handybildschirm. Darauf sind wir drei zu sehen, Seite an Seite. Romantisch, sagt irgendeiner meiner Begleiter. „You look so handsome“, sagt der Typ, alle lachen. „I send it to you?“ fragt das Mädchen, ich nehme es dankend per AirDrop an. Solche Erfahrungen gibt es irgendwie nur hier, herzerwärmend.

Da es doch recht frisch ist, walken wir bald weiter. Ein paar Büffel zeigen sich auch, sie liegen entspannt im Gras und kauen ihren Alltag vor sicher her. Würde ich bei dem Wetter auch machen.



Irgendwann reicht es auch mit dem Auenland des Ostens, am Bus wartet schließlich eine Schlange, die lang genug ist. Grundsätzlich gibt es in Taiwan ja für alles Schlangen, wie in den letzten zwei Tagen nochmal sehr deutlich wurde: in öffentlichen Verkehrsmitteln (inklusive sämtlichen Bussen), Läden, Restaurants usw. Das klingt normal, aber in Deutschland z.B. gewinnt an so viel mehr Orten einfach derjenige, der sich am dreistesten vordrängelt. An der „Shilin Station“ steigen wir später nach einer kurvenreichen Stehfahrt aus und erkunden die Gegend, denn auf einmal kommt die Sonne hervor. „Krass, wie schnell ich meine Meinung gerade ändere“, staunt Oskar und kommt aus der Bewunderung gar nicht mehr raus. Viel mehr als in für uns gewohnten deutschen Städten gliedert sich die Stadt in Hauptverkehrsadern und dazwischenliegende Gassen, die ruhigere Wohnviertel erschließen und teils viel verwinkelter und ungerader sind. Das macht es auch so interessant, es lassen sich die witzigsten Dinge beobachten: an der Hauswand befestigte Stromzähler sowie Wasserzugänge, die man mit bösem Willen schnell abdrehen könnte. Auch eine Unmenge an Kameras an totenstillen Kreuzungen machen das Leben irgendwie sehr transparent. Beobachtet fühle ich mich persönlich aber nicht. Für Kinder sei das bestimmt ein Paradies, denkt Oskar. Allerdings: abseits des großen Verkehrs auf den Straßen zu spielen, würde die triste Architektur sicher schnell vergessen lassen. Dafür bräuchte es aber erstmal Kinder, zu sehen sind hier keine. Auch wenn gerade Schule sein dürfte, weiß ich ja, was für ein Problem das Land mit Geburtenraten hat.


Lustig sind auch die roten Straßenmarkierungen, die Parkverbote kennzeichnen und oft genauso überflüssig sind wie die gelb karierten Zonen, die meist Kreuzungen markieren. Schön übersichtlich, aber irgendwie auch total farbverschwendend. Oskar hatte vorhin schon den Wunsch geäußert, sich einige Tempel anzuschauen, und siehe da, man braucht nicht lange suchen, um einen zu finden. Zum chinesischen Neujahr ist er zusätzlich mit gelben Laternen geschmückt und außerdem gut besucht. Die betenden Taiwanesen wollen wir möglichst nicht stören, trauen uns aber trotzdem rein und erhaschen schöne Blicke. Es stimmt schon, die Verzierungen an Decke, Wand, Boden, Säulen, Statuen, einfach überall, sind wirklich etwas ganz Besonderes. Klar habe ich mich insgesamt etwas sattgesehen, aber mit den beiden Jungs unterwegs zu sein, ist wie alles nochmal zum ersten Mal zu sehen.


In einem convenience store stärken wir uns schnell mit einem „Grass Jelly Tea“, der eher an Spülmittel als an etwas Trinkbares erinnert, trotzdem würde ich ihn nochmal kaufen.


Das gut ausgebaute Metro-Netz bringt uns für 50$TD (1,35€) ohne Umstiege direkt zum skylinedefinierenden Taipei101. Es ist ein Must-See und da wir morgen bereits weiterziehen, bietet sich der Abend an. Zum Glück gehen wir früh genug rein, denn die Schlange für das „Observation Deck“ hat es in sich. Für 540$TD (14,60€) pro Person inklusive Studirabatt dürfen wir ab 17 Uhr nach oben, in den 89. Stock. Im Vergleich zum Stockwerk darunter, wo man etwas billiger für den Preis eines gekauften Kaffees gelangt, ist es aber trotzdem eine Welt besser. Ersteinmal ist der Aufzug nochmal schneller, in etwas über 30 Sekunden fährt man bis ganz oben. In jede Richtung sind große Fensterfronten verfügbar, die Besuchermengen teilen sich so etwas besser auf. Mit Greenscreen-Fotos, Essensrabattgutscheinen, einem Fernglas und jeder Menge Krimskrams wird zusätzlich Geld gescheffelt, irgendwie erwartbar. Im Nachmittagsdunst setzt Taipei sich in Szene, ganz dem grauen Charakter entsprechend.



Die untergehende Sonne ist nicht ganz so spektakulär, außerdem drängen sich viel zu viele Menschen auf einmal an die Scheiben. Da man sich nicht auf die Rahmen setzen darf, nehmen einige am Boden Platz. Ich spotte viele Handygamer, es gibt ja auch wirklich kaum etwas Beeindruckendes hier zu sehen… Die ganze Zeit muss ich daran denken, wie es ausgesehen haben muss, Alex Honnold am Fenster vorbeiklettern zu sehen. Die Tiefe der Pfosten und Riegel ist auf der Außenseite jedenfalls wesentlich kleiner als drinnen, vom Überhang mal ganz abgesehen. So weit oben, wie man hier ist, entgehen einem auch nicht die minimalen Schwankungen, die so ein Gebäude nun mal hat. Schön wird es, als die Lichter der Stadt angehen und Verkehrsnetze auf einmal übermäßig sichtbar werden. Anhand der tausenden kleinen Lichter können wir erkennen, wie viele Hauptverkehrsrouten tatsächlich Einbahnstraßen sind, echt erstaunlich. Auf der Südostseite ist es fast gänzlich dunkel, die Stadt geht ohne Kompromisse in den Dschungel über, wo es eben nach oben auf Hügel geht. Favellartige Hügelbebauung wie in Rio kennt Taiwan nicht, allerhöchstens noch bei Friedhöfen.



Da Julius’ Hunger auf seine Stimmung schlägt und wir auch wirklich lange oben sind, fahren wir dann wieder runter. Das Gebäude ist jetzt typisch weiß-violett angeleuchtet und die Ku‘damm-ähnliche Gegend erwacht zum Leben. Teure Stores reihen sich ein in die Kundschaft, die mit Klamotten und Besitztum protzt. „Wer das zeigen muss, hat etwas zu kompensieren“, merkt Julius passenderweise an.


Einen Stopp im Pokémon-Center müssen wir wegen Totalüberfüllung schmeißen, dann geht es eben los in Richtung Abendessen. YouBikes lassen sich für die beiden nicht so easy einrichten, also nehmen wir zwei Metrostationen, bis wir ein wenig abseits des ganz großen Trubels sind und ein für unsere Bedürfnisse passendes Hotpot-Restaurant finden. Sofort bekommen wir einen Vierertisch sowie ein ausführliches Menü, das uns gerne näher erklärt wird. Ich kann Julius gerade noch davon abhalten, Augen und Appetit nachzugeben, zum heißen Topf bestellt man sich höchstens noch ein paar Beilagen. Es muss dann aber schon ein Hotpot der höheren Preisklasse sein, um ihn zufriedenzustellen, subtil zur Schau gestellter Reichtum. Nachdem uns Cranberrysaft zum unendlichen Nachfüllen und jedem ein riesiger Gemüseteller gratis angereicht wird, bekommt Julius seine gewaltige Fleischplatte, die Augen fangen an zu leuchten. Oskar, der mit deutlich weniger Fleisch aufgewachsen ist, freut sich über den einzige veganen Topf, ich bekomme jede Menge Seafood, inklusive gigantischer Garnelen. Eine vierte Person hätte schlicht aufgrund des Platzes nicht mehr an den Tisch gepasst.

Eine kurzzeitige Überforderung ist beiden anzumerken, die geht mit dem ersten Mal Hotpot einfach einher. Die Freiheit, selbst am Gas zu drehen, die Art des Ei‘s zu entscheiden und die Dauer und Kombination der restlichen Stücke im Topf zu beeinflussen, lassen einen aber wie einen kleinen Chefkoch fühlen und machen Spaß. Für Hotpot sollte man viel Zeit einplanen, wir benötigen insgesamt jedenfalls gute zwei Stunden. In der Zeit schlagen wir uns aber die Bäuche voll und fangen nach anfänglicher Genervtheit immer mehr an, über die chinesischen Neujahrssongs zu lachen, die über die Lautsprecher abgespielt werden. Es sind sogar viele englische Songs dabei, aber mehr als der Wechsel von 新年快樂 „Xīnnián kuàilè“ zu „Happy New Year“ passiert eigentlich nicht. Auch als Tourist versteht man die Botschaft ohne Probleme. Nur wie dreist diese eine Phrase jedes Mal aufs Neue getönt wird, ist ab einem gewissen Punkt einfach urwitzig und veranlasst uns zu denken, es handele sich langsam um Rausschmeißersongs. Auch durch etwas Kleckerei meinerseits und unsere ehrlichen deutschen Meinungen zur Playlist könnten uns unbeliebt machen, wer weiß. Mehr als nur ein bisschen gesättigt verlassen wir das edle Lokal dann um 22 Uhr.
Statt nur zwei Stationen zu Fuß entartet der Verdauungsspaziergang letztlich zum nächtlichen Gewaltmarsch, um es mit den Worten von Thomas Gast zu sagen. Die seitlichen Straßen sehen auch bei Nacht schön aus, zudem durchqueren wir einen Park und das Gelände vom Tschiang-Kai-Shek-Memorial. Wie einsam es hier ist und wie schön die beiden flankierenden Gebäude (Nationaltheater und Museum) angeleuchtet sind, ist schon echt cool.


Auf dem Weg reden wir über verschiedene Geschichtsepochen und was uns beruflich so interessiert. Für ein Vorstellungsgespräch, das ich morgen Abend habe, geben Oskar und Julius mir ihre besten Tipps mit auf den Weg. Um kurz vor null haben wir eine lange Strecke hinter uns und sind dennoch kaum vorangekommen, wenn man ganz Taipei betrachtet. Die Stadt ist halt einfach ein anderes Kaliber als Berlin. Ich buche schnell einen Schnellzug für morgen, denn ab da soll Schluss sein mit dem grauen Wetter. 40€ zahlt jeder von uns dafür, in etwa anderthalb Stunden die Inselseite zu wechseln. Recht schnell falle ich ins Bett, gar nicht mal so unanstrengend, den ganzen Tag unterwegs zu sein.
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