Wie Oskar gestern schon treffend festgestellt hat, ist das Klima im „Angels Hostel“ mehr oder weniger perfekt, trotz billigem Alround-Design. Entsprechend gut lässt es sich im 12er-Studio schlafen. Morgens ziehen Julius und ich nochmal kurz durch Ximending, um Kühlschrankmagneten für Großmutter und uns selbst zu kaufen und finden anschließend ein weiteres Frühstückslokal. Beeindruckend finde ich die Geschwindigkeit, mit der der Frontmann das Wechselgeld in seine Töpfe wirft, Plastiktüten um Suppen friemelt, Bestellungen aufnimmt und die Preise spielend schnell zusammenrechnet. Ein Mix aus englischen und chinesischen Schlüsselwörtern genügt, um mir einen länglichen Reisball, einen Sesamkuchen und Julius ein Eieromelett zu bestellen, für jeweils kaum mehr als einen Euro. Ergänzt durch 7/11-Kaffee, der an die 40mg/100ml Koffein besitzt, genießen wir das Frühstück an einem maximal versiegelten Platz, leichter Regen. Ein Typ auf einem YouBike mit Maske singt ein chinesisches Lied und fährt leichte Schlangenlinien. Beim Hoppeln über ein Kabel schießt seine Stimme kurz in die Höhe, zum Totlachen. Diese gute Laune wertschätze ich sehr am Land.


Und das war’s dann schon mit Taipei. „Ich habe kein Problem damit, dieser Stadt den Rücken zu kehren“, findet auch Oskar. Wenigstens den Fußweg zum Hauptbahnhof findet er dann doch nochmal spannend: „Ich weiß, das klingt voll tourihaft, aber dieses abgewrackte ist wunderschön!“ Verständlich, die verschwärzten Fliesenfassaden, garniert mit ebenso dreckigen Stromkabeln, schiefen Blechdächern und viel zu kleinen Abständen, sehen wirklich krass aus, auch wenn die Bewohner vermutlich geringere Faszination verspüren. Es sieht wahrscheinlich auch in anderen asiatischen Ländern so aus, wobei ich mir sicher bin, dass es dort etwas anders aussieht. Am ehesten könnte Hongkong darankommen (bzw. es übertreffen), das stimmt.

Oskar braucht aber auch noch Frühstück, und zum Glück hat eines der vegetarischen Büffets dann doch offen. Die Theke erinnert mich mehr als nur ein bisschen an die gute alte First-Campus-Mensa (sodass ich mir auch ein Päckchen abfülle). Das Gemüse entspricht dem dortigen Angebot, ebenso Tofu, Pappboxgrößen und die Abrechnung. Also zwar wird das Essen hier auf eine Waage gelegt, die Abrechnung erfolgt dennoch eher nach Augenmaß. Herrlich.

Zum Glück sind wir früher am Bahnhof, die online gebuchten HSR-Tickets muss man nämlich noch am Schalter in physische umtauschen. Die nette Frau lässt uns sogar einen späteren, dafür weniger haltenden Zug nehmen, sodass wir drei Plätze nebeneinander bekommen. Oskar gewinnt im Schnicken einen Fensterplatz, aber auch die Sitze B und C erlauben gute Aussicht. Sowieso geht es zu Anfang durch Tunnel, die ordentlich Ohrendruck erzeugen. Erst dann nimmt der pfeilschnelle HSR Speed auf und düst davon. Unmengen an Hochhäusern und abgeranzten Hütten zischen vor unseren Augen vorbei, bei Tageslicht ziemlich beeindruckend. Ehe wir es uns versehen, passiert der Zug Hsinchu, die Wolken bleiben. Etwas besser wird es ab Taichung, wo wir kurzzeitig auf der Hochebene fahren und rechts hinabblicken. Meine Beschreibung von ländlich holt Oskar nicht ganz ab, spannend findet er die dicht besiedelte Landschaft trotzdem.
Schneller, als wir uns versehen, erscheinen die Kaohsiunger Hügel, und in Zuoying ist Endstation. Schon durch das Fenster spürt man die Wärme des wolkenfreien Himmels, Oskar ist begeistert. „Welcome to Kaohsiung“ sagt ein Schild, es finden sich kaum „Wessis“ (also Nicht-Asiaten) in der Bahnhofshalle, und draußen vorm 7/11 herrscht Trubel auf einem Freitagsmarkt mit Schmuck. Zwei, drei gekaufte Getränke später stehen wir schon vorm Bus, dessen Betrieb mich einfach begeistert. Flixbus-Größen mit Gepäckfächern, aber im halbstündigen Linienbetrieb nehmen einen nur mit der EasyCard mit. Ein kleines Bus-Shuttle für 500$TD (14€) lehnen wie gekonnt ab, der normale Bus fährt günstiger. Es ist eines der seltenen Male, dass man in Taiwan so angequatscht wird, wie ich es in den Philippinen nonstop wurde. Vor dem Einstieg bekommt jeder ein Gratis-Wasser mit Servietten und schwups, geht es los.

Je südlich es wird, desto gehypter ist Oskar. „Leo, warum das alles auf einmal so geil aus?“ und „Ich liebe es, wenn Berge direkt am Meer sind!“ sind nur zwei seiner Freudenausstöße. Toll, da freu ich mich gleich mit. Auch Julius zeigt, wie schön er es südlich von Kaohsiung auf dem Weg nach Kenting findet, macht ein Foto nach dem anderen: Tempel hinter der nächsten Straßenseite, Felsenberge, Industrietürme mit Grafitti. Hinter Fangliao rückt die Strecke direkt ans Wasser und die Spätnachmittagssonne scheint uns auf den Schoß. Wenn wir es vor Sonnenuntergang zur Unterkunft schaffen, wäre es perfekt.


Kurz lese ich mir noch die restlichen Projekte von Hild und K durch, mit denen ich später ein digitales Vorstellungsgespräch habe. Durch den Unterricht des Gesellschafters des Büros, bei dem ich letztes Jahr einen Kurs hatte, fühle ich mich sowieso gut vorbereitet. 20 vor sechs landen wir in „Kenting Arch“ und laufen direkt zum Strand. Der Himmel ist schon etwas dunkel, aber der Feuerball unseres Sonnensystems glüht heiß und groß am Horizont, sinkt stetig weiter ab. Das wollen auch andere Touristen sehen, die an diesem Freitag zahlreich erscheinen. Wir finden es trotzdem wunderschön, Oskar und ich halten die Füße in hereinbrechende Wellen. Super warmes Wasser, keine besonders großen Wellen, trotzdem rote Flaggen überall. Vielleicht sind die aber auch alt, wir fragen später einfach im Hostel. Irgendwie geil, gestern Abend den Sonnenuntergang von Taipei101, heute Abend (auf der gegenüberliegenden Seite der Insel) aus Kenting zu sehen. „Ich fühle mich wie an einem Ort, den ich mir nicht leisten kann. Außer wenn man mit den Eltern verreist“, sagt Oskar. Bestes Kompliment an meine Guide-Skills.




Nachdem ich uns erst in ein falsches Hostel führe, zeigt uns der gelangweilte Rezeptionist lachend sein Nachbarunternehmen, niemand fühlt sich vor den Kopf gestoßen. Wie so oft bekommen wir hier bedingungslos alle Hostelfunktionen gezeigt, auch wenn wir sie offensichtlich bereits verstehen. Wie genau man den Schlüssel für den Safe benutzt und auch in die Toiletten müssen wir persönlich reinschauen, damit der ältere Herr zufrieden ist. Grundsätzlich ist es irgendwie leer, ein Vierbettzimmer bekommen wir komplett zu dritt.

Mehr oder weniger sofort geht’s auf den Kenting Night Market, um vor meinem Call ein Abendessen abzugreifen. Es ist unfassbar voll, voller als jedes andere Mal, das ich hier war. Endlich machen die lauten Musikboxen mit Ballermann-Hits und die leicht angezogenen Ladys vor den Hard-Alk-Ständen Sinn! Sogar der Straßenanschnitt ist gesperrt, was unter der Woche nie der Fall war. Ich hole mir genau wie Schlenni frittierten Tintenfisch. Er ist so begeistert, dass er sich direkt vornimmt, später noch einen zu holen. Auch wenn es zugegeben ziemlich salzig ist. Oskar kann sich nicht entscheiden, hat eigentlich keinen Hunger, nimmt schließlich einen Maiskolben, für den er nur sieben Minuten, nicht zwei Stunden (wie an anderen Ständen gesagt) warten muss. Als Mehr-oder-weniger-Local muss ich den beiden natürlich mindestens einmal „White Gourd Tea“, also „Winter Lemon Tea“ andrehen. Der schmeckt laut Oskar nach Popcorn, jedenfalls extrem süß. „Ich hab noch nie in meinem Leben so viel süßes Zeug getrunken wie in den letzten Tagen, aber ich finds geil!“ Ja! Das ist das Mindset – Guess what ich in den letzten sechs Monaten gemacht habe.
Total unnötig gebe ich mir dann 15 Minuten Aufregung und jede Menge Räuspern im leeren Webex-Meeting, nur damit der Chef in einer anderen Besprechung festhängt und seine Kollegin das Ganze auf „15 Uhr“, für mich faktisch 22 Uhr nach hinten verschiebt. Also gammle ich mich mit den Jungs noch an den Strand, der jetzt dunkel, leer, aber prinzipiell schöner ist, trotz ein paar Tropfen. Mit dabei haben wir jeder ein taiwanesisches Bier (eine ganz tolle Idee vor einem wichtigen Videocall), Julius hat sich außerdem eine Schachtel „Long Life“ besorgt, lokale Zigaretten. Später will ich davon auch eine rauchen, das gehört einfach zu meiner persönlichen Taiwan-Bucket-List.


Dann aber! Um zehn Uhr finde ich mich im ruhigen Hostelzimmer ins Meeting ein, mit den beiden Gesprächspartnern. Allzu viel habe ich mich nicht vorbereitet, was eigentlich okay ist. Nur dass ich gefragt werde, mein Portfolio einmal zu erklären, hätte ich mir durchaus denken können. Das Improvisieren läuft ganz gut, auch dank des Biers, und ich habe das Gefühl, zu 80% den Job sicher zu haben. Dafür wurde es bereits viel zu konkret in der Projektvorstellung, außerdem handelt es sich ja gar nicht um eine ausgeschriebene Stelle, und eine ganze Stunde Gespräch gibt mir Hoffnung. Nächste Woche wollen sie mir auf jeden Fall Rückmeldung geben, das klingt doch gut. Gehalt habe ich übrigens nicht verhandelt, Werkstudenten starten bei ihnen nämlich immer bei 15 oder 16 Euro mit Option auf Erhöhung.
Bevor wir schlafengehen, rauche ich mit Julius noch eine (der in der Zwischenzeit übrigens einen wesentlichen Teil seiner Schachtel geleert hat), bekomme einen dicken Nikotinschock, übe mit Oskar die berühmte Asiatenhocke und diskutiere im Gemeinschaftsraum darüber, wie man Essstäbchen nun richtig benutzt.


Für morgen verabreden wir, einen chilligen Tag am Strand zu verbringen, und möglichst ein bisschen mit YouBikes herumzufahren.
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