Wie wir uns selbst versprochen haben, wird heute ein entspannter Strandtag. Oskar will nicht geweckt werden, dafür latschen Schlenni und ich schon um elf an den Strand 100 Meter weiter. Erst jetzt lohnt es sich ja, ab UV-Index 7 und mehr. Im Gegensatz zu gestern ist es sehr leer und an einer vertrockneten Astgabel bauen wir die Base auf. Diese besteht aus Handtuch und jeder Menge Plastik, wir haben nämlich Frühstück aus dem 7/11 dabei. Zu Orangengrüntee, Mochibrötchen, Bananen, Menthos und Chips sonnen wir uns, ich mit, Julius ohne Sonnencreme. Das hätte einfach nicht zu seinem Selbstbild gepasst, wäre ein Zeichen von Schwäche gewesen. Während wir uns wie Brathähnchen alle paar Minuten drehen (die gefühlte Temperatur ist nämlich wesentlich höher als die angezeigten 24 Grad), labern wir über alte (Schul-)Zeiten und Lehrer, was der und die heute macht, dass ich mich nicht komplett über Beruf und Gehalt identifizieren will, trotzdem auch über meinen zukünftigen Vertrag, über tatsächliche Träume, über Julius‘ regelmäßig erwähnte hohe Gehalt und alles mögliche andere.


Schließlich laufen wir den Strand barfuß ab, von einem bis zum anderen Ende ist es bestimmt über einen Kilometer. Die einzigen anderen Menschen sind vor allem Familien mit kleinen Kindern, die Sandburgen bauen. Abseits des stetig umspülten Ufers ist der Sand so heiß, dass man lieber fernbleibt. Im Grunde handelt es sich ja um crushed stone.


Als wir nach drei Stunden zum Hostel zurückgehen, kommt uns gerade Oskar entgegen, der sich wundert, wie er nur bis 14 Uhr schlafen konnte. Jetzt ist er sogar müde vom vielen Schlafen. Aber ich will gar nicht urteilen, solange er damit glücklich ist, schließlich scheint er wirklich anstrengende Tage und Wochen hinter sich zu haben und fragt sich auch: „Wann habe ich das letzte Mal so richtig entspannt?“ In der Unterkunft richten wir noch schnell die für Ausländer Kautionen verschlingenden YouBikes ein, dann geht’s auch schon weiter. Oskar dreieinhalb Stunden Tageslicht wollen schließlich genutzt werden.




Nach etwas mehr als fünf Minuten Fahrt durch palmengeschmückte Landstraßenkurven und einigen Hebungen und Senkungen ist man auch schon am Hauptstrand von Kenting, der „South Bay“. Verglichen mit Wochentagen ist er natürlich voll, aber lange nicht so, dass man nicht ein Fleckchen für sich bekommen könnte. Während sich Oskar ein veganes Frühstück organisiert, schwimmen Julius und ich eine erste Runde, an unserem Hausstrand steht das nämlich unter Strafe, rote Flaggen überall. Hunde und Kinder wälzen über den Sandstrand und von weitem zu erkennende Touris ziehen sich unter ihre Sonnenschirme zurück. Ab 15 Uhr liegt der UV-Index nur noch bei drei, sodass unsere Sonnenbrände/Rötungen Ruhe bekommen. Ich habe ein paar Stellen zu schlecht eingecremt, während Julius‘ Bräunungsarroganz gnadenlos abgestraft wurde. Entgegen seines Selbstverständnisses ist er nicht nur „ein bisschen gerötet“, sondern schmückt seinen Oberkörper mit glühender Farbe. Mit Oskar gehe ich auch nochmal schwimmen und es ist wunderbar, ihm beim Freuen zuzusehen. „Die Wassertemperatur ist perfekt!“ ist nur eines seiner vielen Komplimente an Gegend und Gegebenheit. Auch Bodysurfing in den Wellen klappt und der Boden ist windelweich. Man muss nur aufpassen, nicht von einem der Jetskis mitgenommen zu werden, die in halbsicherem Abstand vorm Strand hin und her jagen und teils Anhänger mit drei, vier jubelnden Personen nach sich ziehen. Die kurzzeitigen grauen Mittagswolken haben sich aufs Land verpieselt, in der Nachmittagssonne ziehen sich die Schatten immer länger.
Rechtzeitig brechen wir nach „Maobitou“ auf, wo ich bereits zweimal war, um mir den Sonnenuntergang anzusehen. Die Straße führt bergauf, ist aber eine der schönsten Routen in Kenting, da die Randbebauung weniger wird und Palmen und Schreine am Straßenrand mehr werden. Je weiter wir fahren, desto mehr explodiert Oskars Extase, Kenting scheint sein bisheriger Lieblingsort zu sein. Einmal kommt uns eine Geisterfahrerin auf ihrem einkaufsbeladenen Moped entgegen und wendet vor einem bremsenden Auto, woraufhin Oskar sein Mitleid verliert, anderen Motorradfahrern die Vorfahrt genommen zu haben. Ich kenne den Weg fast komplett auswendig, nur einmal biegen wir ab, um Schlenni ein elektrisches Rad zu organisieren. In dem kleinen Dorf hängt jede Menge Neujahrsdekoration und Feuerwerksböllerei aus Seitengassen und -gärten ist keine Seltenheit.




Am Ticketstand von „Maobitou“ sitzt niemand, wir kommen ohne herein. Auf dem weitgehend leeren Parkplatz schließe ich zum ersten Mal in meiner ganzen Zeit ein YouBike an, weil meine beiden Gefährten unsicher sind, ob nicht doch jemand auf die Idee kommt, die Bikes zu klauen. Mir war nicht einmal bewusst, dass man die abschließen kann, so sicher fühle ich mich in Taiwan. Julius braucht eine Raucherpause, dann latschen wir durch das Katzengebiet (das „Mao“ in „Maobitou“ steht für Katze, weil Felsen auf dieser Halbinsel wie das Tier aussehen sollen). Auf den Aussichtsplattformen, die trotz ausreichender Absicherung davor warnen, ja keinen falschen Schritt zu gehen, kann man zwar nicht ganz aufs westliche Meer gucken, dafür auf das ganze südliche sowie auf eine große Buschlandschaft, in der die Vögel nur so zwitschern.


Während wir in die Ferne starren, kommt ein taiwanesischer Herr vorbei und bietet uns wortlos Salzbrezeln an. Nach Annahme seines Angebots kann ich ihm wenigstens beantworten, dass ich nur ein bisschen Chinesisch spreche. Zum Glück ist seine Tochter dabei, die Deutsch kann und in Münster studiert. Die Familie kommt aus Kaohsiung und sie ist gerade hier, um mit einer deutschen Freundin Taiwan zu besuchen. Das Gespräch ist schneller vorbei als gedacht, der Vater hat wohl keine Lust, stumm zuzuhören. „Hǎochī?“ fragt er noch, ich antworte „Hěn hǎochī!“ Oskar ist leicht enttäuscht, er hätte sich gerne noch länger unterhalten. „Ich liebe es, mich im Urlaub mit Fremden zu unterhalten!“

Wie bereits gestern gelangt Oskar in seinen gesundheitsbewussten Mood und übt sich an der Asiatenhocke, angeblich geht es schon viel leichter. Die Sonne verschwindet bald hinter den Wolken, hinterlässt aber einen oberen goldenen Rand, der aussieht, als hätte man mit einem Glitzerstift in den Himmel gemalt. Mittlerweile ist kaum noch jemand hier und wir haben die obere Aussichtsplattform für uns allein. Ich habe das Gefühl, dass Oskar an seinem Image als „Müde-Guy“ feilt und es in das des „Gesundheits-Guy“ transformieren will. Vermutlich haben wir ihn zu oft schelmisch gefragt, ob er nicht bald wieder schlafen gehen will. Jedenfalls ist jetzt Yogastunde angesagt, alle mögliche Dehnpositionen werden durchprobiert. Außerdem hat Oskar gute Chancen, die Müdigkeit am Montag abzugeben, wenn die nächste Fuhre Jetlag-Besucher landet. Der Vollständigkeit halber: Julius dürfte ohne Probleme der „Bequemlichkeits“- oder „Raucher-Guy“ sein, für mich müssen die anderen urteilen. Vielleicht „Guide-Guy“? Oskar genießt es jedenfalls, sich um keine Aktivitäten kümmern zu müssen, sondern meinen Empfehlungen zu folgen, was mich sehr freut.



Es ist schon dunkel, als wir zurückfahren, aber zum Glück wird es nachts nicht kälter als 21 Grad, sodass wir eher schwitzend als frierend ankommen. Auf der Straße muss man gut aufpassen, manche Autos überholen einen, als würde man bei einem Zusammenstoß wie Gummi voneinander abprallen. Nachts wird übrigens noch mehr geböllert als tagsüber, regelmäßig sehen wir Feuerwerke in den Himmel explodieren. Aufs ganze Jahr betrachtet böllern die Taiwanesen vermutlich sogar mehr als die Deutschen, nur eben nicht so viel auf einmal. Auf Oskars Wunsch halten wir bei einem taoistischen Schrein, zu erkennen an den unterschiedlichen Figuren an der Wand. Obwohl keine Menschenseele vor Ort ist, sind die senkrechten, ahnenverehrenden Räucherstäbchen am rauchen. „Wenn ich meine Ahnen ehren würde, würde ich wenigstens schauen, dass etwas verbrenne, das kein Plastikprodukt ist“, kommentiert Oskar die bereits vorbereiteten Opfergaben, Chipstüten aus dem 7/11 nebenan. Dass hier oft geräuchert wird, kann man auch am Whiteboard erkennen, das seinem Namen nun wirklich überhaupt nicht gerecht wird, knallgelb ist es.


Der „Kenting Night Market“ ist heute etwas leerer und wir wissen besser, wohin wir wollen. Zuerst wird eine neue Apfelsorte probiert, dann holt Julius sich wieder Tintenfisch, richtiges Essen gibt’s dann in einem thailändisch-myanmarischem Restaurant (hauptsächlich Tofu und Gemüse) mit chinesischer Musik.
Anschließend tun wir, was getan werden muss. Betelnüsse stehen seit Langem auf meiner taiwanesischen Bucket List, und heute ist es soweit. Oskar hat sich bereits ausführlich informiert, welche Auswirkungen zu erwarten sind, und Julius streitet sich mit ChatGPT, warum sein Mischkonsum aus Bier, Zigarette und vier Betelnüssen auf einmal denn jetzt gefährlich sein soll. Die braven Hinweise der KI kanalysieren aber eher eine provozierte Verteidigungshaltung, sodass er mit einem selbstbewussten Mindset reinstartet. Tatsächlich soll Bier nach dem Betelnusskonsum sehr süß schmecken, weshalb wir uns zwei Flaschen mitnehmen. Entsprechende Verkaufsstände sind in Taiwan ja nicht schwer zu erkennen (neonleuchtende Fächer in allen Farben, angebracht an den Häuderfassaden), in Kenting gibt es sie aber besonders oft. So auch zwei Schritte neben unserer Hosteltür, wo drei Leute herumsitzen und die Nüsse in Blätter falten oder ihr Business regeln. Wir kommen rein und fragen nach einer Tüte, zuvor wird allerdings ein Mann bedient, der sich gleich ein Dutzend dieser Tüten (Inhalt: sechs Nüsse) geben lässt. Tatsächlich soll diese Droge vor allem von Truckern konsumiert werden, die sie angeblich nutzen, um wach zu bleiben. Für 50$TD (1,35€), scheinbar sogar ein Touristenrabatt, bekommen wir eine Tüte, mit der uns zum Strand aufmachen.

Ich lasse mich von Julius drei Minuten lang filmen, so habe ich die Live-Reaktion für immer gesichert. Wir alle empfinden einen stark bitteren Geschmack, während man die Nuss zerbeißt, deren Aroma sich nach Wiesengras mit reichlich Erde anfühlt. Mundwinkel verziehen dürfte ganz normal sein, sowie eine enorm erhöhte Speichelproduktion. Im Gegensatz zu den anderen schlucke ich den Speichel komplett runter. Relativ schnell empfinde ich das Gefühl einer verdickten Speiseröhre, was genau dadurch getriggert wurden sein dürfte. Mir wird außerdem warm, ähnlich einem Rausch mit hartem Alkohol. Ab sofort spucke ich den Saft dann auch aus, der übrigens blutrot ist, aber ausschließlich aus der Nuss kommt. Ein wenig benommen fühle ich mich auch, ansonsten passiert aber nichts. Die anderen beiden spüren praktisch gar nichts, nach einer Weile essen wir alle die zweite Nuss. Da es so billig ist und Oskar und Julius überzeugt sind, bei diesem einen Mal wenigstens so weit gehen zu müssen, dass die Wirkung spüren (selbst wenn sie schlecht ist), gehen wir dann zurück und holen eine zweite Tüte. Mein Hypochonder bzgl. der Speiseröhre ist mittlerweile verschwunden, ich warte aber lieber noch ab. Am Strand isst Julius beide auf einmal, Oskar quasi auch. Etwas später ziehe ich nach und bekomme eine intensivere Wirkung, auch da ich den Saft länger im Mund behalte, bevor ich ihn ausspucke. Ihn zu schlucken, kann prinzipiell nichts Negatives bewirken, da die Aufnahme über die Mundschleimhäute passiert, ist aber genau deswegen auch einfach unnötig. Bei zwei Nüssen auf einmal werden meine Ohren schlagartig heiß und auch die Benommenheit kickt deutlich stärker. Allerdings fühlt es sich in keiner Weise schön an, es ist eher, als wäre ich im Suff an den Punkt gekommen, wo man merkt, dass einem schlecht wird, weil man zu viel getrunken hat. Nur dass man bei Betelnüssen diesen Punkt anscheinend sofort erreicht. Wow, richtig tolle Droge. Während die anderen das „Corona“-Bier als honigsüß beschreiben, ansonsten aber eine viel schwächere Wirkung haben, schmeckt das Bier für mich ziemlich normal. Eine Erfahrung, bei der ich insgesamt froh bin, sie gemacht zu haben, aber gleichzeitig sicher bin, dass einmal voll ausreicht. Nach 20 Minuten ist jeglicher Effekt zudem vorbei, das dürfte erklären, warum der Typ vorhin Packungen in zweistelliger Stückzahl besorgt hat.
Im Dunkeln laufen wir dann noch ein letztes Mal den Strand entlang. Wunden zwischen meinen Zehen schmerzen, aber es ist trotzdem sehr schön, den nassen Sand unter sich nachgeben zu spüren. Oskar will uns seinen Kopfstand beweisen, scheitert aber am Sand, die Pose länger zu halten. Wir sind trotzdem beeindruckt. Ein ziemlich großer Krebs sprintet in die Wellen, der Mond scheint und der Felsen im Nationalpark stellt eine hervorragende Silhouette. Auch wenn wir die Nüsse nicht mehr spüren, ich muss aufpassen, nicht dauernd auf die Straße zu spucken. Verständlich, dass die Taiwanesen es nicht besonders mögen, die rötlich/orangenen Spuckflecken überall liegen zu sehen.
Der Hostelbetreiber, der gestern schon genervt gewesen sein dürfte, weil er an seinem Tresen in Ruhe Animes gucken wollte, spült uns aufdringlich die Füße ab. Wieso eigentlich, Sand ist im Zimmer sowieso schon genug verstreut. Wir machen Jokes, wie wir ihn theoretisch am meisten abfucken könnten, realisieren das aber natürlich nicht. Als Abendbrot gibt es wieder 7/11-Ramen und Sandwiches, dann waschen wir die Badehosen ab und legen uns schlafen. Ich muss sagen, die Gruppenkonstellation funktioniert mittlerweile noch besser, als ich es mir vorher hätte vorstellen können, ich bin sehr zufrieden. Das zynische Humorlevel erreicht wohltuende Peaks, so mag ich das. Natürlich freue ich mich aber auch, dass die Gruppe sich bald vergrößert, und auf die kommenden Orte in Taiwan.
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