Am Morgen gehen Julius und ich noch einmal an den Strand, um uns einen Kontersonnenbrand einzufangen. Was bei Bier funktioniert, kann man doch locker auf andere Dinge übertragen? Aber im Ernst, eine halbe Stunde um zehn Uhr morgens dürfte verkraftbar sein. Die Flur hat die halbe Strandfläche gefressen, dafür sind wir allein und können nochmal richtig entspannen.

Oskar schläft lieber ein wenig länger und organisiert sich dann vegane Tofutaschen für die Busfahrt. Um 11 Uhr steigen wir ein und ich verlasse damit den ersten Ort in Taiwan, an den ich nicht mehr so schnell zurückkehren werde. Irgendwie sehr traurig, gerade weil Kenting ein wahres Strandparadies ist. Die Hitze verlassen wir aber nicht, in Kaohsiung ist es durchschnittlich ja sogar noch wärmer. Auf der Fahrt liest Oskar Texte für die Uni, Julius döst und ich wünsche Papa und Julian eine gute Fahrt, die jetzt, um ca. fünf Uhr deutscher Zeit, nach Frankfurt aufbrechen.
In Zuoying steht der Bus wegen einem Passanten lange schräg, dann entlässt er uns in die Kaohsiunger Hitze. Hier trubelt immer noch der Markt von letztens, in Kaohsiung ist gut was los. An der Arena steigen wir aus und laufen zur „PokéPoké“-Bowl, ein überaus passender Laden für unseren Herr Veganer. Auf dem Weg entbrennt ein kleiner Kulturkampf über die 4-Tage-Woche mit m.E. sehr guten Argumenten auf Oskars Seite, ohne großen Groll geht es zum Essen. Ein modernes Bestellverfahren und etliche, gemüsige Beilagen treiben die Freude in die Höhe. „Zuhause zahle ich dafür locker das Dreifache!“ freut sich Oskar. „Allein den Bon zu sehen, macht mich so glücklich. Alles, was ich hier spare, kann ich dann in Deuschland extra ausgeben.“ Die Rechnung geht fast auf. Dazu ist das Essen auch wirklich gut, so etwas würde ich mir in Deutschland wirklich nicht holen. Also genießen, solange möglich.

Danach laufen wir die Hauptstraße weiter runter, in Richtung Aozihdi. Im Business-Viertel begegnen einem Männer in Anzügen, großzügige Eingänge schmücken die protzigen Hochhäuser, dazu kommen jede Menge Baustellen von noch höheren Neubauten. Oskar und ich überlegen, ob an einem dieser Gebäude so etwas wie eine Fake-Fassade angebracht wird, um in der Regenzeit ungestört den Innenausbau voranzutreiben. So hässlich, wie das Teil außen ist, weigere ich mich nämlich, das als endgültige gestalterische Lösung zu akzeptieren. Die beiden Begleiter ziehen ein erstes Fazit über meine zeitweilige Heimatstadt: Laut, ebenfalls ziemlich voll, ebenfalls ziemlich hässliche Blockbebauung, aber irgendwie auch schöner – das Wetter macht viel aus.
Weiter geht’s mit der Red Line, am Formosa Boulevard steigen wir aus. Der „Dome of Light“ fasziniert erwartungsgemäß nur ein bisschen, beeindruckender kommt da schon rüber, wie in der Metro-Station ein Markt stattfindet, belebt besucht wird und quasi kein Müll oder Dreck zu sehen ist. In einer Seitenstraße, etwa zwanzig Meter von meinem allerersten AirBnB entfernt, liegt unser Hotel für die nächsten drei Nächte. Im „Start Hotel“ sitzt aber niemand, die Sprechanlage verspricht nur, dass gleich jemand vorbeikommt. Trotzdem können wir schon rein, bis zum Aufzug und auch mit Blick hinter den Tresen, der mehr einer Abstellkammer gleicht. Schließlich kommt ein älterer Herr vorbei, telefonierend und ohne uns eines Blickes zu würdigen. Nach einer Weile Rumkramen gibt er uns eine Zimmerkarte. Am Brett daneben ist zu sehen, dass alle restlichen Karten nicht vergeben sind, offensichtlich sind wir die einzigen Gäste. Entgegen aller Hoffnung lässt sich mit Karte zahlen, nur die Bedienung des Geräts verlangt dem Herrn einige Hirnpower ab. „Er sieht nicht gerade aus, als würde er das öfter machen“, findet Oskar. „Vermutlich denken die sich jetzt: Scheiße, da will tatsächlich jemand in unserer Geldwäsche einmieten.“ Lustiger Gedanke, aber ich vermute eher, dass das Geschäft nur semi läuft und die Betreiberin ihren Kumpel aushelfen lässt.

Wie vorhergesagt sind sämtliche Zimmer im 5th floor (wegen Auslassung des 4th floor eigentlich nur der dritte Stock) leer, und bleibt das Zimmer am Ende des Ganges mit zwei französischen Doppelbetten. Die Hoteldekoration nenne ich mal mutig: Im Flur gibt es Tag-Graffiti, das an Lost-Place-Graffiti erinnert, auch unser Fenster in von außen zugesprüht. Immerhin die Wand ist leicht kitschig, aber nett angemalt. Im Bad stinkt es, allerdings deutlich weniger als bei meiner Philippinen-Erfahrung in El Nido, und das Beste kommt noch: „Wir haben eine Wii!“ schreit Oskar.


Recht bald geht es weiter, die Sonne gönnt nicht mehr so viel Tageslicht. Schnell EasyCards aufladen, dann fahren wir mit der Orange Line nach Hamasen. Durch das Hafenviertel, das mich vor allem an meine Anfangszeit hier erinnert, laufen wir zum Gushan’er Fischmarkt und kurz auf den Pier, wo das gelbe U-Boot steht, farbige Hauswände das Ufer schmücken und Kiesinseln eine winzige Landschaft formen. Als Nächstes besteigen wir die Fähre, die zwar etwas wackelt, aber nicht einmal ansatzweise ein Vorgeschmack auf diejenige nach Lü Dao ist. Auf Fahrtmitte hat man einen sehr guten Blick auf die Skyline, die vor allem durch den gliedähnlichen „Sky Tower“, das „Kaohsiung Music Center“ und die Messehalle geprägt ist, abgesehen von allem Krimskrams des Hafens selbst. Ob mir von Anfang klar war, dass ich im Marseille Taiwans wohnen werde? Nicht ganz, und mein Vergleich zieht sich auch eher mit Hamburg, aufgrund der Yachtwerften etc. Aber das Klima stimmt natürlich schon, und auch die Palmen, die man in der Ferne auf dem Affenberg spottet, drängen den vorigen Vergleich auf. „Ein Hafen oder irgendeine Form von Gewässer geben einer Stadt gleich so viel Charakter“, stellt Oskar treffend fest.
Auf Cijin drängen wir uns zwischen vielen anderen Besuchern durch die Marktstraße, sehen unfassbar viel Fleisch, riechen aber auch Stinky Tofu, was sowohl Julius als auch Oskar bereits vom Geruch her tief verabscheuen. Ob ich sie noch dazu bringen kann, es zu probieren? „Heute nicht“, sagt Julius. Der Strand ist erstmal attraktiver, auf die weite Fläche passen alle Besucher ohne Probleme. Dass der Sand hier so schwarz ist, wie Julius sagt, ist mir schon früher aufgefallen, aber genauer hinterfragt habe ich das nicht. Gefühlt habe ich den Großteil meines Auslandssemesters so bestritten, dass ich es aufgeschrieben oder zumindest aktiv bemerkt habe, wenn Sachen anders waren als erwartet, allerdings habe ich in den meisten Fällen nicht mehr getan als das, fürs Recherchieren war ich meistens zu faul. Nicht, dass wir den schwarzen Sand nachgehen, aber das ist eine generelle Bemerkung, nachdem Oskar jede Menge Zeug, was wir sehen, sofort nachguckt und damit gefühlt mehr Local wird, als ich es bin.
Trotz wolkenfreiem Himmel wollen wir mehr: Durch den obersten Hügelzipfel von Cijin führt ein Spaziertunnel, vor dem ein Flötenspieler sitzt, hinter dem eine roughe Felsenlandschaft wartet, sowie die nördliche Hafenmole und weiterhin guter Ausblick nach Westen. „Die Kakteen, die Kaktussen kommen krass“, Julius macht viele Fotos. An einer ruhigeren Stelle brechen wir vermutlich die Nicht-Betreten-Regeln jenseits des Weges, allerdings laufen nur 50 Meter weiter einige andere Leute ebenfalls auf einem Strandabschnitt. Von hier aus beobachten wir ein ausfahrendes Containerschiff und rätseln, ob es Konsumgüter oder Mikrochips in die westliche Welt verfrachtet.


Oskar wagt erneut seine Sandkopfstände, performt besser als gestern. Am Ende wird das wirklich noch etwas mit seiner Yoga-Karriere. Von Krabben und von Angeln verursachte Sandlöcher beschäftigen uns, außerdem ein angeschwemmter Fisch, der wirklich massiv ist und sogar Zähne zeigt. Essen sollte man den aber lieber nicht mehr.


Zurück auf dem Cijin‘er Tagesmarkt gönnen Julius und ich uns wieder „Tittenfisch“, so sein Wording. Diesmal noch salziger als in Kenting, dafür auch nur für 120$TD (3,20€). Oskar wird nicht fündig, betont aber, nicht genervt zu sein, dass passiere ihm öfter. Immerhin treffen wir in einem Hi-Life eine kleine Gruppe Inder, die das gleiche Problem haben, der eine erklärt seinem Freund, welche Produkte vegetarisch sind. Als Nächstes folgt ein Must-Do: „50嵐“ ist vermutlich die größte Tee-Kette in Taiwan, da kann man wenig falsch machen. Oskar probiert „Golden Oolong“, Julius irgendwas mit Grapefruit, alle drei nehmen wir „Boba“ dazu. Wie viel davon drin sind, überrascht die beiden, es handelt sich halt um billiges Pflanzengelee, wenn auch sehr lecker. Weil er am Anfang viele zurückgehalten hat, isst Oskar am Ende quasi nur noch Bubbles. „Ich sucke meine balls so lange, bis der Becher leer ist.“ Keine Widerrede.


Die Fährfahrt zurück bietet einmal mehr eine View auf Kaohsiung, aber bei Nacht. In der Ferne zieht eine Lichtershow Aufmerksamkeit, wahrscheinlich irgendwas mit dem chinesischen Neujahr. In der Hafenstraße vervollständigen wir meine Kaohsiung-Pier-Experience und besorgen anständiges shaved ice. Für Oskar bleibt nur der Tofupudding mit roten Bohnen, die ihm aber besser schmecken als mir. „Genau wie’s aussieht. Zuckriger Sirup und geschmackloser Bubble Tofu und stinknormale Bohnen.“ Trotz geringem Preis von unter drei Euro sind Julius und ich mit unserer Menge fast überfordert, taiwanesisches Essen eben. Wie gesagt, sobald man wieder in Deutschland ist, wird man vermutlich sowieso massiv sparen, da kann das Geld jetzt auch mal bedenkenlos ausgegeben werden.


Am Pier bestreiten wir einen Verdauungsspaziergang, der verklebte Süßmäuler überdecken soll. Oskar scheint wirklich an einem Punkt angelangt, an dem der Appetit auf Süße Getränke und Speisen kurzzeitig aussetzt. Das crazy. Julius ist zu faul zum Laufen und schnappt sich ein E-Bike, nur um mit uns im Schritttempo mitzuhalten, dabei eine weitere Zigarette zu rauchen und ab und zu aufs Handy zu schauen. Ich hinterfrage das gar nicht offen, ein Foto und hochgezogene Augenbrauen dürften voll ausreichen. „Das ist der Vibe“, lacht Oskar sich tot.

Auf der „Great Harbour Bridge“ schauen wir aus näherer Position auf das Musikzentrum in Bienenwabenform und überlegen, wann sich die Brücke immer dreht. Zu festen Uhrzeiten oder wenn jemand einen Termin dafür bucht? Weiter geht’s bis zum Musikzentrum selbst, wo viele Leute stehen, gehen, reden und ihren Abend genießen. Auf dem Wasser ist eine überdimensional große „Kamen Rider“-Figur, die unzähligen Himmelsscheinwerfer kommen übrigens auch von hier. Oskar erzählt von seinem früheren Jugendlichen-Leben in der Welt der Videospiele und stellt eindrucksvoll sein Fachwissen zur Schau. Julius ist langsam genervt, uns im Schneckentempo zu begleiten, also erweisen wir ihm die Gnade und holen uns selbst zwei Räder.




Die vielleicht zehnminütige Fahrt zum Hostel ist für mich mal wieder eine schöne Stadtfahrt, für Julius und Oskar aber eher ein gefährlicher Höllenritt. Letztendlich feiert Oskar sogar, was wir tun, aber ungewohnt ist es für die beiden definitiv, wie der Straßenverkehr im Meer aus Motorrädern funktioniert. Als alteingesessener Local bin ich natürlich nicht zimperlich, wenn ein paar Schlafmützen drei Sekunden brauchen, um nach Grün loszustarten, also überhole ich gerne. Beim anschließenden Zurückfallen muss man nur aufpassen, möglichst gerade zu bleiben, denn die Mopeds ziehen sowohl links als auch rechts gnadenlos vorbei. Den entsetzten Blicken meiner Mitfahrer begegne ich dann aber mit vorsichtigeren Manövern auf der rechten Seite, bleibe zumindest ein bisschen langsamer. Hauptsache, den beiden passiert nichts. „Und das hast du ein halbes Jahr ohne Helm gemacht?“, fragt Oskar und erzeugt sofort ein schlechtes Gewissen. „Ja“, muss ich kleinlaut zugeben, „aber auf der Fahrradtour hatte ich einen!“ In die Box an einer großen Kreuzung zu fahren, findet Oskar hingegen sterbenswitzig und stellt fest, dass inmitten der ganzen Motorräder wir drei die einzigen Fahrradfahrer sind. „Naja, bei dem Verkehr bleiben nicht so viele übrig“, ich zucke mit den Schultern. Auf jeden Fall ist es krass zu sehen, wie normal der taiwanesische Straßenverkehr für mich geworden ist und ich die omnipräsenten Motorräder überhaupt nicht infrage stelle, sondern sie vielmehr als selbstverständlich neben mir wahrnehme. Hinter dem Central Park kommt bald unsere Station, durch die Ampelphasen hält man eben gut mit den Mopeds mit.

Julius scheint erledigt, seine Energie und Laune gehen bergab. Gerade so überwindet er sich, mit Oskar und mir nach Essen zu schauen. Auf dem Liuhe Night Market nebenan soll es ein vegetarisches Restaurant geben, tatsächlich handelt es sich einfach um einen Stand mit Google-Eintrag. Lustig ist nicht nur, dass wir uns an einen Metalltisch direkt vor der Standtheke setzen, sondern auch, dass der Stand überhaupt vor einem dahinter liegenden Restaurant platziert ist. Wir bekommen eine Auswahl an Tofu, aber auch Spinatblätter und Suppe, die laut Oskar „untersalzen“ ist. Also dem Jungen mit den abgestorbenen Geschmacksnerven vertraue ich nur bedingt, aber okay. Hauptsache, unsere Sitzlocation ist „voll der Vibe“. Dass später „eine Toilette für uns reicht“, glaube ich aber schon. Nur weil es sich um Streetfood handelt (was es in Deutschland ja zugegeben in der Form praktisch nicht gibt), sollte uns nicht schlecht werden, dafür habe ich das alles schon zu oft gemacht.

Ich erzähle von den NSYSU-Studis, die im Semester auf den „Liuhe Night Market“ gehen, und muss an Ihsan denken, der hier seinen türkischen Halal-Stand gefunden hatte. In der Unterkunft kochen wir den Schlachtplan für morgen. Um Wii zu zocken, ist es leider schon etwas zu spät. Oskar braucht seine 8,5 Stunden Schlaf und Julius setzt alles dran, diese mit semilauten Reels und Kommentaren zum Tag zu unterbrechen. „Mann, wir haben heute gar kein Bier getrunken…“ und „Was machen wir denn jetzt?“ triggern aus Oskars müdem Körper doch noch ein paar Lacher. Morgen werden wir abends fünfe sein. Ich hoffe nur, die anderen verkraften den Zeitwechsel besser als Oskar.
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