Mit dem 佛光山佛陀紀念館 „Fóguāng shān“-Buddha Museum und dem Affenberg ist der Tagesplan bereits übervoll. Um neun Uhr sehe ich einen ausgeschlagenen Papa und einen immer noch angeschlagenen Julian, der sich aber beste Mühe gibt. Die Zeit ist knapp und wir holen uns wieder die Reisbälle von gestern, ein guter Allrounder, mit dem man in Taiwan reinstarten kann.
Gerade so bekommen wir unseren Express-Bus (39$TD, ein Euro) in Richtung Foguangshan, also zum Buddha-Museum, das mir auf meiner Taiwan-Bucket-List noch dringlichst fehlt. Für Papa und Julian ist es das erste Mal, außerstädtische Landschaft zu sehen, aber auch für uns andere ist es immer noch interessant, Friedhöfe, Industrie, Felder und dicke Autobahntrassen vorbeiziehen zu sehen. Ziemlich schnell überquert der Bus die Kaohsiung vom Hinterland trennende Hügelkette und fährt diese von Osten an, wo das Museum an den Berghang gebaut wurde. Eine Übersichtskarte zeigt ausschließlich das Museum, das abgetrennt vom noch größeren Kloster liegt. Die schiere Größe beeindruckt uns alle. Der große Platz hier ist angeschrägt, genau wie das ganze Areal den Berg hinauf zeigt. Obwohl die Hauptattraktion weiter hinten liegt, ist es hier wahnsinnig beeindruckend, mit Gärten, geschwungenen Dächern und Statuen, die wahlweise Löwen, Elefanten oder Buddhas zeigen.


Die Haupthalle zeigt sich wie ein Einkaufszentrum. Starbucks, Souvenirläden, Toiletten und modernste Einrichtungen verleihen dem Ganzen einen kommerziellen Touch. Hier spotten wir bereits ein Restaurant (natürlich vegetarisch, passend zur Lebensweise der buddhistischen Mönche vor Ort) und gehen dann weiter vor, zum Hauptteil. Eine Straße, eine Allee, ein Platz, was ist es eigentlich? Ein solcher Bereich jedenfalls erstreckt sich hier bis zum Ende der Anlage, wo ein gigantischer Buddha in Gold thront. Acht Pagoden säumen den Straßenzug, der zwar komplett versiegelt ist, allerdings mit schönen Steinplatten und am Rand gibt es jede Menge Büsche, Bäume und rote Neujahrsdekoration. Von den vielen Pferden auf dem Gelände ganz zu schweigen. Schön ist nicht nur das weitgehend wolkenfreie Wetter, sondern auch, dass sich die Besucherzahlen generell sehr zurückhalten. Ein Dienstag Vormittag ist eben die beste Zeit, einen kostenlosen Museumsbesuch zu machen.

Wir fangen systematisch an und gehen in die erste Pagode auf der rechten Seite. Eine buddhistische Frau mit Glatze und Brille spricht kein Englisch, legt uns aber netterweise einen Film auf, der in acht Minuten eine Existenzbegründung für die Anlage liefert. Grob gesagt gibt es im Buddhismus vier ganz wichtige Reliquien, die Gebeine von Buddha. Dabei sei eines in einen Himmel aufgefahren, die anderen drei verweilen noch im Reich der Lebenden. Eines in Peking, eines in Sri Lanka und das letzte hier, in Taiwan. Dabei handelt es sich um einen Zahn, der eine aufregende Geschichte hinter sich hat. Nach der Invasion der Muslime in Indien wurde er nach Tibet und wieder zurück transportiert, war dann noch in Thailand und wurde erst Ende letzten Jahrhunderts hinübertransferiert. Die monumentale Gedenkstätte hier wurde erst 2011 fertiggestellt, mit einer großzügigen Spende von thailändischen Patriarch, der größten goldenen sitzenden Buddhastatue Asiens. „Ich liebe es, wenn Leute sich Kategorien zusammenschustern, sodass man irgendwelche Rekorde bricht“, schmunzelt Oskar.

Im Infozentrum gegenüber wird ausgezeichnetes Englisch gesprochen, die glatzköpfige Frau erklärt uns aber nur kurz den Aufbau der Museen im hinteren Teil. Da wir das Video schon gesehen haben, sollen wir einfach mal selbst erkunden gehen. Also geht’s hoch. Der Buddha sitzt tatsächlich hinter dem Hauptgebäude, einer Art Pyramide mit verzierenden Türmchen. Innen gibt es eine Halle mit buddhistischer Kunst, an den Rändern zweigen Eingänge ab, die jeweils kleine Ausstellungen beinhalten.

Die erste Ausstellung thematisiert den Buddhismus allgemein sowie die Entstehungsgeschichte des Museums. Mich beeindruckt die Innenarchitektur, ein großer Kontrast zu den monotonen Städten des Landes. Außerdem erfahre ich, dass beim Bau des Museums 48 separate Kammern angelegt wurden, die jeweils mit den gleichen Gegenständen gefüllt wurden. Alle 100 Jahre soll einer dieser Räume geöffnet werden, um zukünftigen Generationen zu zeigen, wie die Menschen im Jahr 2011 gelebt haben. Sogar erste Mobiltelefone sind dabei, genauso wie traditionelle Kunst, Porzellanfigürchen und so. Die 48 kommt wohl davon, dass der Dharma zu der Zeit der 48. Nachfolger irgendjemand Wichtiges gewesen ist, und das Prinzip der Kammern hat man aus dem chinesischen Buddhismus übernommen, in dem es auch schon Grabpaläste gab, in denen niemand beerdigt war. Das nenne ich mal langfristiges Denken; wer weiß, was allein in den ersten hundert Jahren der knapp 5000-jährigen Planung passiert.


Eine weitere Ausstellung behandelt buddhistische Feste und Feiertage, gefühlt alle zu Ehren Buddhas, sei es sein Geburtstag oder einfach nur der Tag, an dem er zu Erleuchtung gelangt ist. Rote Verzierungen schmücken die Halle und ein Beamer projiziert ein sprechendes Gesicht auf eine goldenen Statue, inklusive lustigen Sprüchen und Lachern. An mehreren Stellen lassen sich kleine Rituale durchführen. Mal muss man Wasserkellen über den Schultern kleiner Statuen ausschütten, mal sich verneigen und den Segen in Form von Sprühnebelstößen akzeptieren, mal seine Unterschrift eingeben und beten. Ein alter Mann mit dunkler Haut und außerordentlich vielen Armhaaren will mir mehrmals die Hand schütteln und fragt, woher ich komme. Er ist von meiner Jungheit beeindruckt und erwähnt mehrfach, ich solle ja nun wirklich mal heiraten. „You can get 100 Taiwan Dollars, haha.“ Er fragt immer weiter, wer von meinen Begleitern jetzt wer ist, auch wie alt mein Vater ist. Kann er ihn ja selber fragen, gebe ich irgendwann zurück, leicht genervt. „You forgot? You should look at his ID card.“ Ja natürlich.




Die Zahnreliquie bekommen wir dann auch zu sehen, in einem eigenen, sehr eleganten Raum. Fotos sind streng verboten, außerdem muss man sich die Schuhe ausziehen. Der Raum mit der hohen Decke bei haltet schönste Einrichtungen, von holzgeschnitzten Wänden über steinerne Gemälde, edlem Holz überall und ganz vorne der bewachten Reliquie. Eine Bodhisattva oder Weiße Tara, eine weibliche Gottheit im tibetischen Buddhismus, liegt lächelnd auf einer Erhöhung, gemacht aus glänzendem weißen Stein. Hinter einer Glaswand am oberen Wandende liegt dann das Prunkstück, so klein, dass man es mit bloßem Auge kaum sehen kann, auch weil es von einer golden glänzenden Halterung umgeben ist. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man auch denken, dass Kronjuwelen oder andere Schmuckstücke ausgestellt werden. Auf dem Parkettboden gibt es kissenartige Sitze und eine mitarbeitende Schwester erzählt einem asiatischen Publikum auf Chinesisch die Geschichte des hiesigen Zahns (der übrigens schwarz kristallig und etwas vergammelt aussieht – kein Wunder nach all den Strapazen und all der Zeit). Die Wörter für Indien und Buddha greife ich bspw. auf, immerhin hat der Zahn Indien mehrfach durchquert. Interessant. Am Ausgang spricht uns eine Reisende an, die mit ihren fünf Sätzen Deutsch angeben will und sich freut, dass wir approven.
Ich erfahre, dass die Pagoden auf dem Gelände nicht dazu konstruiert wurden, sie über das erste Stockwerk hinaus zu besteigen, auch wenn der Zufall einige Treppenstufen hereingesetzt haben könnte. Es folgen weitere Museen, darunter Ausstellungen von Kunst, aber auch ein sehr interessanter Rundgang, der in acht Phasen das „Life of Buddha“ illustriert: „1. Birth“, „2. Early Life“, „3. Renunciation“, „4. Ascetic Practise“, „5. Defeat of Mara“, „6. Enlightment“, „7. Teaching the Dharma“, „8. Parinirvana“.






Es gibt so viel zu sehen, dass einem früher oder später die Birne raucht, also überspringen wir die letzten Informationshappen. Schließlich gibt es noch eine Kalligrafiehalle, in der wir ein paar Minuten meditieren und anschließend einen länglichen Zettel beschreiben sollen. Chinesische Schriftzeichen nachzeichnen, den eigenen Namen und das Datum ergänzen, das Endprodukt rollen wir zusammen und nehmen es mit. Die Krönung des Besuchs findet dann einige Treppen weiter oben statt, wo sich der sitzende Goldbuddha aus nächster Nähe beobachten lässt. 108 Meter hoch und 1800 Tonnen (Kupfer) schwer soll der Koloss sein, irgendwie vorstellbar. Nur wie er transportiert oder überhaupt aufgebaut wurde, würde ich gerne noch erfahren.


Bevor wir zurückgehen, lässt Oskar es sich nicht nehmen, einmal durch die historische Ausstellung zu huschen. Währenddessen stellen wir uns in die gleißende Sonne und bräunen uns. Julius ist gedanklich schon in seinem auf Taiwan folgenden Thailand-Urlaub, denkt zumindest viel daran und erwähnt die geplanten Touren des Öfteren. Wir touchieren den pyramidenförmigen Bau, dürfen noch ein, zwei Mal beten, und bergab gucken. Hinter dem Museum zeigt sich das flache Flussdelta des „Gaoping River“ und ich halte die dichte ländliche Besiedelung erst fälschlicherweise für Pingtung (das aber noch etwas südlicher liegt).






Die „Main Hall“ beinhaltet nicht nur ein vegetarisches Restaurant, nein, viel besser: ein vegetarisches Büffet, zu dem auch Anna schon geraten hat. Schlappe 750$TD (20,30€) bezahlen wir zu fünft, ziehen uns die verpflichtenden Gesichtsmasken auf und gehen an den Tisch, der unverwechselbar eine Tafel ist. Gewürzte Nudeln, Kimchi, Tofu, Pilze, Reis, leckere Soße und herzlich lächelndes Personal versüßen den Aufenthalt, nur Wasser gibt es nicht (abgesehen von einem Wasserspender auf der Toilette). Da geht Oskar aber einer ab.


Um ausreichend Zeit für den Affenberg später zu haben, nehmen wir den Bus um halb drei und sind schneller als gedacht wieder in der City. Das Kloster neben dem Museum wäre sicher auch noch interessant gewesen, allerdings ist unklar, wie weit sich dieses besichtigen lässt, außerdem ist das Gelände nochmal größer als das Museum, welches schon beeindruckend weitläufig ist. Im Bus zerstört Papa einen Sitz beim Zurücklehnen, setzt sich aber sehr gekonnt unschuldig woanders hin. Das war bestimmt schon vorher so…

In der Stadt fahren wir mit der einzigen Tram Taiwans und besorgen Bubble Tea bei 50嵐. Papa hat den zwar noch nie probiert, lehnt aber ab und holt sich prompt beim FamilyMart daneben einen Saft, den er genauso als Bubble Tea hätte kriegen können. Leider ist der Tee wirklich nicht so bombastisch, die Verkäuferin verhaut die Hälfte der Bestellungen und gibt anderes heraus, als ihr aufgetragen wurde (qualitativ natürlich trotzdem wie immer). Mit ausreichend Zeit im Schlepptau starten wir dann schonmal unsere Abendwanderung. Gut, denn ich führe uns nicht nur einmal auf Irrwege, meine Guide-Skills scheinen nachzulassen. Selbst im Winter ist die Luftfeuchtigkeit so hoch, dass das Schweißlevel im Vergleich zu Deutschland erheblich steigt, und das kann nicht nur an den stetigen Holzstufen liegen, mit denen der Weg gepflastert ist. Während Oskar und Julian ein äußerst ausführliches und akademisches Gespräch beginnen (wobei Oskar die meisten Redeanteile hat und merklich darin aufgeht, mit jemandem über Publikationen und wissenschaftliche Themen zu sprechen), bemerken wir die ersten Affen. Im Gegensatz zu meinen Touren alleine scheinen sie hier sehr friedlich zu sein, was aber auch mit der größeren Gruppenstärke zu tun haben kann. Es riecht nach Zoo und Papa vergleicht: „Ich fühle mich wie im Botanischen Garten.“ Uns begegnen alte Taiwanesen mit umgeschlungenen Handtüchern und ab und zu überfliegt uns ein Flugzeug. Julius erzählt Papa von seinen Karriereplänen in der Schweiz und den Gründen, dahin auswandern zu wollen (alteingesessenes Parteiensystem in Deutschland, Gehalts- und Steuerfragen, er habe bisher nur Gutes über die Schweiz gehört), die genauen finanziellen Rahmendaten müssen natürlich auch genannt werden.



Phasenweise passieren wir ganze Affenclans, die interessiert gucken und bei Bedarf auch leicht ausweichen, allerdings keinesfalls schüchtern sind. Sie bleiben auf den Holzplanken sitzen und rücken nur soweit ab wie nötig. Solange man ihnen nicht direkt in die Augen guckt, ist alles in Ordnung.
Zwanzig Minuten vor Sonnenuntergang erreichen wir den „Yazuo Pavillon“, den m.E. schönsten Ort hier. Man kann ohne großartige Sichtversperrung aufs Meer gucken, genießt lebhafte Gesellschaft von Eichhörnchen und kann auf den Bänken des Pavillons Platz nehmen. Sonne sehen wir nicht mehr, dafür bewirken die Wolken, dass die Übergangslinie von Meer und Himmel quasi nicht sichtbar ist, eine beeindruckende Szenerie. Aus riesigen isolierten Tonnen kann man sich brühheißen (und ungesüßten!) Barley-Tee abfüllen, auch Geschirr steht bereit. Einzig störend ist eine Gruppe von Hunden, die sich den Berg hinauf jagen, irgendwann aber auch verschwinden. Warm ist es definitiv, die blaue Stunde lädt zum Verweilen ein. Oskar snackt, Papa und Julius rauchen Davidoff, alle trinken Tee.


Der Rückweg ist dämmrig und dunkel, aber mit Handytaschenlampen findet man sich zurecht, außerdem sieht die Stadt mit den ersten angehenden Lichtern fantastisch aus. Die Mücken halten sich in Grenzen und ich fühle mich an einen Nachtmarsch in Montenegro erinnert, den ich mit Papa vor über zwei Jahren bestreiten musste, als wir die Zeit etwas überschätzt hatten. Dummerweise läuft mein Handyvertrag genau jetzt aus, es ist Schluss mit den unbegrenzten Daten, die mir das letzte halbe Jahr so sehr geholfen haben. Auf den letzten Metern muss ich mir also noch ein paar zerquetschte Gigabyte erblechen.


Vorausschauendes Einkaufen: Da es morgen auf Lü Dao in veganer Hinsicht eng werden könnte, deckt Oskar sich in einem PX Mart ein, danach geht’s auf den Ruifeng Night Market. Hier war ich lange nicht mehr, aber ich freue mich sehr, die mongolische Küche ein letztes Mal besuchen zu können, wo ich am Anfang so häufig war, mit Ihsan, Anna, Buggi, Minda & Co. Das (vegane) Essen mundet allen, die Schärfe ist perfekt. Von unserem Tisch aus beobachten wir einen Unfall auf der Kreuzung, bei dem niemand verletzt wird, die beiden Beteiligten aber ewig auf der Kreuzung stehen bleiben, bis die Polizei eintrifft und eine möglichst originale Untersuchung einleiten kann. Unsere Verabredung mit der Jungs-WG wird leider nichts mehr, nach ihren Pickleball-Abend brauchen sie zu lange und wollen sowieso Ramen essen gehen. Dafür schlendern wir noch kurz umher, schauen uns um und snacken schließlich zwei große Portionen der Sweet Potato Balls mit Pflaumenpuder (18 Stück für 60$TD (1,60€) sind ein guter Deal), die beste Kombo überhaupt. An Stinky Tofu traut sich aber niemand heran.

Am Hauptbahnhof kaufen wir später noch Tickets, am Schalter geht das super schnell. Leider haben wir die Unterkunft auf Lü Dao schon gebucht, sonst hätten wir das Ganze vielleicht um einen Tag verschoben. Naja, jetzt nehmen wir morgen halt den Zug um 5:34 Uhr, damit die Fähre in Taitung uns noch mitnimmt.
Prinzipiell ist also früh zu Bett gehen angesagt, ich muss aber noch effizient packen und einen versehentlich eingesteckten Schlüssel zurück zu den Jungs bringen. Ein letztes Mal fahre ich mit Kaohsiunger YouBike, sehe den Central Park, die Hauptstraßen der Stadt.
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