Lü Dao (Mittwoch, 25. Februar)

Gottlos früh, nämlich weit vor fünf Uhr, klingeln unsere Wecker. Gefühlt im Halbschlaf laufen wir zum Hauptbahnhof, meine letzten Momente in Kaohsiung. Die convenience stores dort haben noch geschlossen, mit leeren Mägen gehts um 5:34 Uhr dann los. Der Tze-Chiang-Express ist mindestens so angenehm wie der HSR, nur billiger und unüberfüllter, wobei das auch an der Uhrzeit liegen könnte. Die anderen schlafen, lesen oder hören Musik, Oskar und Papa bewundern die sich und eröffnende Natur der Ostküste. Ärgerlicherweise vergisst Oskar seine fette Essenstüte im Zug, die veganen Snacks für den Inselaufenthalt sind Geschichte.

Sonne an der Ostküste – eine Seltenheit
Das farbige Licht wirft ein ganz anderes Licht auf die Landschaft

Zeitlich klappt soweit alles gut, ich muss nur mal wieder mit einer Kackrinne Vorlieb nehmen und der Hafen-ATM will sich nicht unseren Kreditkarten fügen. Für Tickets auf die Insel muss man seinen Reisepass vorlegen, es gibt quasi keine Rabatte und für taiwanesische Verhältnisse ist der Spaß sogar teuer, ca. 38€ pro Person für hin und zurück. Und dann ist die Fahrt auch noch grauenhaft. Mit einer von Papas Übelkeitspillen komme ich bestens zurecht, trotz schwindelerregender Schwankungen bleibt der Magen ruhig. Julian und Oskar geht es etwas schlechter, ihre Mägen sind das einfach nicht gewohnt. Papa und Julius setzen sich sogar ans Fenster (wegen höherer Schwankamplitude eigentlich ein ungünstiger Sitzplatz), aber Letzterer ist irgendwie auf einer Mission und muss uns allen beweisen, dass er es ohne Pille schafft und keinerlei Übelkeit verspürt. Grinsend schaut er sich um und lässt kein Zeichen von Unwohlsein erkennen. Derweil habe ich in der Schiffsmitte mit Oskar ein sehr interessantes Gespräch über Beziehungen, wir beobachten dazu die auf- und niedergehenden Wellentäler. Wirklich sehr in Ordnung geht die Schreckensfahrt zu Ende.

Wenigstens lenkt der Fernseher vorne ab. Nicht nur Oskar bekommt bei der alt wirkenden Nachrichtenschau Nordkorea-Vibes
Leicht trostloser Hafen auf Lü Dao

Die Unterkunft auf Lü Dao liegt zum Glück direkt am Hafen, und vielleicht ist es die Jahreszeit, aber von Touris fehlt quasi jede Spur. Das zeigt sich auch daran, dass uns keine aufdringlichen Motorradverkäufer begegnen, sehr entspannt. Der ganze Ort ist nämlich schon voll, da werden wir kaum etwas verpassen. Mit dem Rollerausleih warten wir noch etwas, gehen stattdessen zu Fuß in das Örtchen „Lü Dao Township“. Auf der ganzen Insel leben nur etwa 2.000 Menschen, wie Oskar per Wikipedia rausfindet. Das wenige, was er bisher sieht, vergleicht er immer wieder mit den Azoren, auf die er während seines Auslandssemesters in Lissabon geflogen ist. Locals auf solchen Inseln wüssten oft nur schlecht über die eigene Heimat Bescheid, hätten teilweise noch nie das Innere der Insel gesehen. Klingt komisch, aber auch irgendwo logisch, wenn man bedenkt, dass die Bewegmöglichkeiten in so einem Lebensmodell sowieso stark eingeschränkt sind und niemand mit dem Mindset leben kann, möglichst viel zu erkunden. Jedenfalls erkunden wir erstmal nur den ersten von zwei convenience stores auf der Insel, in denen man sich leider nicht setzen kann. Das Wetter schaut deprimierend aus: Wind ist noch okay, das ist hier normal, aber die Wolken und der starke Sprühregen betrüben mich doch sehr.

Weil man hier als Touri kein Geld abheben kann, haben wir eigentlich vorgesorgt, aber der Vermieter will jetzt auch Cash. Bevor uns das Geld für die Roller flöten geht, finden wir mit ihm zusammen aber raus, wie sein Kartenlesegerät funktioniert. Grundsätzlich ist der Mann sehr nett. Er muss zwar alles mit Google übersetzen, lächelt aber nach jedem Satzwechsel schüchtern und scheint sich zu freuen, dass überhaupt mal wer eingecheckt hat. Die Unterkunft ist wirklich nett, eine große Lobby unten und drei Zimmer mit hohen Decken für uns, sowie Balkone. Die Flaute liegt vermutlich eher an der Saison, auch auf den umliegenden Straßen stehen massenhaft Roller, die keine Mieter finden. Für uns umso besser.

Ausruhen in der Lobby
Mit blauen Schlümpfen unterwegs

Nach einer kurzen Pause, in der Julius mal wieder von seinem anstehenden Thailand-Urlaub schwärmt (prinzipiell in Ordnung, aber langsam bekomme ich das Gefühl, dass er nicht ganz im Moment leben kann), organisieren wir unseren Resttagesplan und stiefeln zu dem Verleih, wo ich damals die schnellen E-Roller bekommen hatte. Zwar hatte Ihsan sich aufgeregt, nicht verhandeln zu können, das Endprodukt war rückblickend betrachtet aber wirklich bombastisch.

Man sieht die Motorroller vor lauter Verleih nicht

Ich bin der einzige von allen fünfen, der jemals Roller oder Motorrad gefahren ist, und dabei nur Oskar ebenfalls keinen Führerschein. Ein junger Mann mit Latschen und Thaihose erklärt mit Pantomime und Stichwörtern, wie das Gefährt zu bedienen ist. Ich erfrage einen Wechsel zu dem Modell, was wir damals hatten, mit einer Batterie weniger, dafür Stauraum unter dem Sitz. Beim Losfahren ist meiner aber so langsam, dass ich direkt umkehre und nochmal umtausche. Den dritten Gang habe ich doch mit wesentlich mehr Zug in Erinnerung? Ich erkläre ebenfalls pantomimisch und mit dem prägnanten Stichwort „slow“, was ich mir eigentlich von dem Gefährt erwarte. Der Junge fährt für mich eine Runde Probe und erklärt dann, ich müsse nur lange genug Gas geben. Okay, na gut, dann mal los, die anderen warten schon. Bodenlos, dass der Roller immer noch so langsam ist, aber wenigstens habe ich jetzt einen orangenen. Die Geschwindigkeit scheint aber auch bei den anderen gedrosselt zu sein, mein Speed-Versprechen geht nicht auf. Oskar freut sich trotzdem, für ihn ist das Ganze schon schnell genug, ich dagegen bin mit philippinischen Benzinern verwöhnt.

Auf nassen Straßen
Der einsame Strand, vermutlich einziger an der Ostküste mit richtigem Sand
Locals fangen Fisch

Richtig blöd ist aber, dass die Akkuanzeige wild hin und her springt, auch die Voltzahl an der Spannungsanzeige wechselt unvorhersehbar. Sobald es bergauf geht, fällt die Höchstgeschwindigkeit von den eigentlich 40 km/h auf bis zu 10 km/h. Selbst ohne meinen enttäuschten Vergleich ist das doch eine Frechheit: Auf der Insel gibt es genau eine wichtige Straße, und dann bekommt man Roller ausgeliehen, der bergauf nicht schneller fahren, als ein Rentner joggt? Die Akkuanzeige ist außerdem so uneinschätzbar, dass ich Zweifel habe, trotz gegenteiligem Versprechen des Verleihs nichtmal eine Runde zu schaffen.

Ich sage mir aber, dass ich es trotzdem genießen will, vor allem solange der ganz große Regen ausbleibt. Immer mal wieder halten wir an, schießen Fotos, laufen ein paar Schritte. Bei den „Zhaori Hot Springs“ laufen wir die Holztreppe auf das „Fanchuanbi Grassland“ hoch, meinen Lieblingsspot. Genau wie letztes Mal ist es super windig, sodass man sich fast in die Luft lehnen kann, die raschelnden Ponchos sind das lauteste Geräusch um uns herum. Wir laufen einmal nach ganz vorne, spucken in den Wind, finden Zigarettenstummel und Ziegen, filmen die in einem Riff brechenden Wellen und das sie umgebende türkise Gesprudel, genießen den Moment. Ich bin froh, dass trotz meiner Ankündigungen keine Erwartungen untertrieben wurden, so mein Eindruck.

Das wunderbar grüne „Fanchuanbi Grassland“
Eine angrenzende Bucht
Vorm Winde geschützt
Vom Winde umweht
Liebe Grüße
Meine Lieblingssicht
Auf ins regnerische Inland

Leider regnet es, als wir die Rundtour weiter fortsetzen, die Luft kühlt ab. Ein kleiner Wanderweg ist mittlerweile nicht mehr gesperrt, die Holztreppen über einen Bergsattel schieren Eindruck.

Kurzer Wanderweg im Osten
Lü Dao Küste
Lü Dao Berge

Wir bangen um unsere Anzeigen, schaffen die Runde aber ohne Liegenbleiben. Beim Batteriewechsel muss ich meinem Ärger Luft machen, natürlich höflich und freundlich, wie Oskar mich dazu anhält. Nur gebe ich im Gegensatz zu früheren Malen nicht schnell klein bei, als der Typ meint, ich rede etwas herbei, das es nicht gebe. Eine detaillierte Beschreibung meines Novemberrollers („It was around 60-70, the one now is so slow“) hilft seinen grauen Zellen auf die Sprünge, jetzt weiß er, wovon ich spreche. „They are sold out“ kaufe ich ihm noch als Tippfehler ab, aber bei „They are all broken“ hört‘s auf. Wir sind offensichtlich die einzigen, die hier irgendetwas ausleihen, nie im Leben sind alle E-Roller ohne Geschwindigkeitslocker kaputt. Ich lasse nicht locker und handle immerhin einen Discount von 100$TD pro Roller aus (500$TD / 13,55€ insgesamt). Immerhin zahlen wir das selbe für eine viel schlechtere Leistung. Der Typ kann vielleicht nichts dafür, aber über eine schlechte Bewertung denke ich nochmal nach. „Der verhandelnde Boss“, wertschätzt Oskar meinen Einsatz. Den Deal empfinde ich immer noch als schlecht, aber der wahre Skill dahinter ist ja, solche Dinge ansprechen zu können, mein früheres Ich hätte sich das niemals getraut. Sowieso bin ich in der Gruppe derjenige, der die Dinge mit den Locals regelt, obwohl meine Chinesischkenntnisse dabei überhaupt nicht zum Einsatz kommen. Ich freue mich aber sehr über das Vertrauen, die Rolle gefällt mir.

Papa reicht es, aber wir anderen wollen die Leihzeit nutzen und ziehen weiter, auf zum „Green Island White Terror Memorial Park“ und der dahinterliegenden „Swallow Cave“. Das Memorial ist nicht ganz so interessant, aber Oskar will sich die Schilder durchlesen. Immerhin eine dunkle Kammer illustriert ganz gut, wie Häftlinge sich gefühlt haben müssen, mit nur einer kleinen Portion Tageslicht durch einen obiges Luftloch. Oskar und Julian lesen sich alle Schilder neben dem alten Gefängnis durch und finden so heraus, dass kleine Betonzellen dazu genutzt wurden, Häftlinge einzusperren, die durch verdächtige Bewegungen auffielen. In der Höhle wiederum wurden Theaterstücke aufgeführt, angesichts der Umstände vermutlich mehr Qual als Spaß. Mit und ohne Regen ist es hier rutschig, schnell wieder zurück. Schön, dass ich mich gar nicht mehr gezwungen fühle, Fotos zu machen, schließlich kenne ich den Ort ja schon. So kann ich die Natur noch mehr genießen als sonst.

„Green Island White Terror Memorial Park“
Tafeln mit allen gestorbenen und überlebenden (politischen) Gefangenen des KMT-Regimes
Zelle mit kleinem Loch, durch das Tageslicht ‚eindringt‘
Welche Frucht das auch immer sein mag…
Julius gönnt sich me-time…
…und findet angespültes Seafood
Julian und Oskar quatschen über die Historie…
…des Gefängnisses

Der Regen gibt uns den Rest, alle fiebern zum Abendbrot hin. Oskar hat ein Restaurant ausfindig gemacht, das vegetarische (und hoffentlich) vegane Sachen anbietet, es liegt nur kurz hinter der Landebahn, die ich noch kein einziges Mal in Benutzung gesehen habe, obwohl es mehrmals täglich Flüge geben soll. Julius und ich in unseren „Young LA“-Hosen und Flipflops, die anderen etwas schicker, betreten wir den äußerst merkwürdigen Bau, der von vorne schmal wie ein Turm, allerdings auch hoch ist und so weit nach hinten geht, dass es sich volumentechnisch schon um ein Schiff handeln könnte. Der Speiseraum ist riesig, aufgebaut wie eine Schulmensa mit runden Tischen, hier ist also Platz für die ganzen Touris, die zu Peakzeiten auch die Rollermassen mieten. Die Speisekarte ist vielfältig und teuer, wir bestellen trotzdem alles Mögliche. Julian wird ein fleischhaltiges Tofugericht gebracht und ich kann direkt nochmal verhandeln üben: Nicht locker lassen, lautet die Devise. Ansprechen, dass wir etwas anderes bestellt haben und abwarten, wie die Reaktion ausfällt. Die Kellnerin holt ihre Chefin, die ohne zu zögern sagt: „This one, it’s free for you“. Dann kommt sogar noch eine vegetarische Variante, und der Tisch ist übervoll. Julius‘ und meine Tintenfischmünder und -hodensäcke sind stark gesalzen, generell sind die Portionen extrem groß. Mit gefüllten Mägen verlassen wir das Lokal. Julius teilt noch kurz allen mit, wie hoch sein jüngstes Gehalt ist, dann brechen wir in Richtung Therme auf.

Ein langer Aufgang…
…zum sehr großen, aber leeren Restaurant
Reichlich salzige Nahrung
Es den Locals nachmachen: Rauchen und Fahren

Ein letzter Batteriewechsel, daraufhin düsen wir durch die Nacht. Kein Gegenverkehr, nur die roten Rücklichter des Vordermanns, was für ein Vibe. Die Therme/Hotsprings kosten jeden etwa acht Euro, inklusive Badekappe, die hier verpflichtend ist. Alle bis auf Julius fangen mit den kalten Becken an, wir wollen uns langsam steigern. Der Gruppenbräunling setzt sich direkt in den Pool-Pavillon, zeigt sich enttäuscht über die angeblich lauwarme Temperatur. Er findet aber den Warmwasserzufluss und sitzt ab jetzt in der einen Ecke, die ihm heiß genug ist. Währenddessen wechsle ich die Becken, gewöhne mich jeweils schnell an die Kälte, besser als an den Wind jedenfalls. Reichlich Salzwasser lässt darauf schließen, dass die originalen 95 Grad mit der naheliegenden Wasserquelle verdünnt werden. Der überdachte Pool ist quadratisch und gut für längere Aufenthalte, länger sitzen wir in einer geselligen Runde und unterhalten uns. Den größten Redeanteil haben Julian und Oskar, die über Physik diskutieren, Oskar stellt für einen Laien erstaunlich schlaue Fragen. Da können/wollen wir anderen nur entspannt zuhören.

Irgendwann überkommt mich das Bedürfnis nach etwas Heißerem und ich lüfte das Geheimnis, dass das 42 Grad heiße Becken 20 Meter weiter drüben liegt. Natürlich ist das für Julius nur „Zimmertemperatur“, er plätschert fröhlich vor sich hin und guckt rüber wie ein kleiner Hund, der gestreichelt werden will. Sehr tapfer, good boy. Eine Hauskatze sitzt auf den Steinen oberhalb und räkelt sich in die heißen Dämpfe. Sie muss ein entspanntes Leben haben, wenn ich mir vorstelle, wie sich Sauna oder Therme jeden Abend anfühlen würde.

Anders als mit Ihsan und Sofia bleibe ich nicht drei Stunden, das Badebedürfnis meiner Mitstreiter ist bald gedeckt. Größtenteils ohne Regen geht es nach Hause, auf gähnend leeren Inselstraßen. Kurz vor Schluss fährt Papa Julius hinten rein, das leicht verbogene Nummernschild könnte aber gerade noch durchgehen. Eine Kaution haben wir nicht hinterlegt, wären also im Verhandlungsvorteil. „Wendekreis wie eine Panzer“, lautet Julius‘ Urteil.

Sonstiges: Für meinen Werkstudentenjob, für den ich das Vorstellungsgespräch vor ein paar Tagen hatte, habe ich eine Absage kassiert, das wichtigstes Programm im Büro steht leider nicht auf meiner Fähigkeitenliste. Sehr sehr ärgerlich, es hätte so schön leicht sein können. Außerdem schreibt Sky mir, dass mein Bett von einem 24-jährigen Vietnamesen bezogen wurde. Er selbst belegt dieses Semester außerdem einen Deutschkurs, am Nachmittag bekomme ich verzweifelte Nachrichten à la „Mein Kopf tut weh“, „Mein Bein tut weh“, „Mein Arm tut weh“, „Mein Auge tut weh“. Sehr witzig, aber ich verstehe die Botschaft: Die Qual des Lernens beginnt wieder.

Hinterlasse einen Kommentar