Taitung (Donnerstag, 26. Februar)

Heute ist besseres Wetter als gestern, jedenfalls regnet es nicht. Die letzten Stunden auf Lü Dao nutzen wir also nochmal, tauschen unsere Batterien aus und ziehen los. Frühstück gestaltet sich erwartungsgemäß schwierig, immerhin hat Oskar noch ein paar vegane Onigiri übrig, während wir anderen auf Steinstufen vorm FamilyMart Platz nehmen, zuckrige Fertignahrung verspeisen und überlegen, dass die Nahrung hier wohl nichts für meine Schwester und meine Mutter wäre.

Dann machen wir mal etwas, das ich selbst noch nicht kenne. Hinter dem gestrigen Restaurant geht eine schmale, aber geteerte Straße den Berg rauf, wie konnte ich die bloß nicht entdecken? Wunderschön, wie man sich nach und nach vom Küstenstreifen abhebt und einen geografischen Überblick der Landschaft bekommt. Am Rand gibt es keine Bebauung, nur tiefgrüne Büsche, Bäume und Schmetterlinge. Das Wetter ist mehr als nur bewölkt, vielmehr muss man sich vor Sonnenbrand in Acht nehmen.

Die Höhe macht das Inselerlebnis nochmal besser

Nach einer Aussichtspause (außer einem anderen Motorrad ist hier absolut niemand) geht es weiter, schon bald erreichen wir das Inselinnere. Hinter einer Kurve fährt Oskar nah am Rand und erschreckt eine gewaltige Schlange, sich selbst und mich damit aber ebenfalls. Wir beiden sind die einzigen, die sie sehen, aber wir sind uns sicher, dass ihre Gesamtlänge bestimmt zwei Meter beträgt. Still auf der Straße liegend, bäumt sie sich neben Oskars Elektroroller kurz auf und verschwindet dann zügig in den seitlichen Büschen. Wir können es gar nicht fassen, sowohl beeindruckend als auch gefährlich ist das Ganze. Wenn die mal nicht giftig ist? Jedenfalls zeigt sie sich nicht wieder und es geht weiter. Irgendwann sagt uns ein Straßenschild, dass es sich um eine Art zivile Sackgasse handelt, danach gibt es nur noch militärisches Gelände. Unser angepeilter Wanderweg führt aber sowieso zur Seite weg, und wir schlagen ihn ein.

Julius‘ und meine Flipflops sind nicht nur für normale Wanderungen das falsche Schuhwerk, für den hiesigen Matsch sind sie eine regelrechte Katastrophe. Andauernd rutschen wir zur Seite weg, aus den Schlappen raus und drecken uns komplett ein. Irgendwie geht es aber voran, und andere Hindernisse halten uns genauso auf. Neben den schönen Schmetterlingen gibt es nämlich auch Spinnen, die eine biologische Straßensperre errichtet haben. Schwarze, fingernagelgroße Körper und gelben Akzenten an den Beinen haben sich verwebt, immerhin bekommt man die Netze zur Seite gedrückt. Oskar ist verängstigt, ich habe wenigstens schon in den Philippinen dickere gesehen.

Riesige Schmetterlinge flattern unbekümmert um uns herum
Überhaupt nicht schüchtern, die zerbrechlichen Tiere

Einige Höhenmeter später sind wir auch schon da, auf dem höchsten Punkt der Insel. Gegenüber liegt die obligatorisch gehaltene Militärbasis, außerdem erkennt man stückweise Abschnitte, an denen wir gestern vorbeigekommen sind. Julius raucht, einige von uns ziehen sich die verschwitzten Shirts aus. Julian, Papa und Oskar unterhalten sich über Literatur, Julius und ich machen ein kleines Fotoshooting.

Da hinten liegt die Hochebene von gestern
Literarische Diskussion
Balanceakt
Versuche, den Bauarbeiter-Tan wegzubekommen

Auf dem Weg zurück begegnen uns weniger Spinnen, dafür mehr echsenartige Lebewesen, die sich sogar auf Bildern einfangen lassen. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass mich trotz der schönen Natur auch beschäftigt, gestern die Jobabsage bekommen zu haben. Immerhin zerstört das vorerst den schönen Plan, nach meiner Ankunft in Berlin mit Arbeit durchstarten zu können, von spaßmachenden Arbeitserfahrungen ganz zu schweigen. Ich gebe aber mein Bestes, auf andere Gedanken zu kommen.

Eine ebenfalls recht unschüchterne Echse
Bei klarem Himmel sieht man über den Lü Dao‘er Flughafen hinweg sogar das Festland

Die verbleibende Ausleihstunde nutzen wir, um nochmal Richtung Memorial und Höhlenstrand zu fahren. Oskar guckt sich das ruhige Gefängnismuseum an, wir anderen gehen kurz zum Strand, wo ich nochmal die Klippen hinaufklettere und fast die Adiletten verliere.

Bergfriedhof der Gefangenen
Die Bucht vor der „Swallow Cave“
Fast die Adilette verloren

Danach stärken wir uns in einem Supermarkt und ziehen mit letzter Akkukraft zurück zum Verleih. Ein bisschen Chillen in der Hostel-Lobby, dann geht es zum Boarding nebenan. Nur blöd, dass Oskar sein Fährticket weggeschmissen hat, für ein neues muss er um den Hafen herumsprinten. Zum Glück sind wir aber in Taiwan und eine „Ehrenperson“ nimmt ihn wortlos auf dem Motorrad mit, sodass er sich rechtzeitig einen neuen Fahrschein besorgen kann. Dafür findet sich seine Badehose/Lieblingssporthose nicht mehr, vermutlich liegt sie wegen einem Missverständnis noch auf dem Balkon.

Die Fährfahrt ist mit Abstand die entspannteste von all meinen vieren, die Übelkeitstablette hätte ich fast nicht mehr gebraucht. Ich sitze wieder neben Oskar und während uns die Augen fast zufallen, quatschen wir über Filme und Blogs. Oskar hat mal ein Jahr lang fast jeden Tag einen Film geschaut und eine Kurzrezension dazu geschrieben, sehr beeindruckend und auch motivierend, es ihm gleichzutun (oder so ähnlich). „Letterbox“ scheint eine passende Seite für alle zu sein, die sich damit näher beschäftigen wollen. Mir ist schon seit Längerem klar, dass das Wegfallen dieses Blogs eine literarische Lücke in meinen Alltag reißen wird, also hatte ich mir bereits Gedanken gemacht. Eine eher favorisierte Idee ist aber erstmal, ein Traumtagebuch zu führen, bei dem ich mir allerdings kaum vorstellen kann, es zu veröffentlichen. Nicht alle Streiche, die mir mein Gehirn spielt, lesen sich für Außenstehende so gut und verständnisvoll wie meine perspektivisch kontrollierte Sicht auf die Welt.

In Taitung scheint ebenfalls ein wenig Sonne und wir merken, dass alle unsere Gesichter Farbe bekommen haben. Mit dem Bus geht es in die Stadt, zu Fuß zum nächsten Hotel. Mal wieder eine Unterkunft, die von uns abgesehen ziemlich leer aussieht. Im fünften Stock (also eigentlich dritten) haben die Zimmer keine Fenster, was für mich mittlerweile normal, für Papa aber ein Kulturschock ist. „Das muss man doch erwähnen!“ Also verbringen wir möglichst wenig Zeit dort und machen uns auf zum „Flowing Lake“, den ich mit Ihsan besucht hatte und gut in Erinnerung habe. Leider nur funktioniert Papas YouBike-App nicht (nicht erteilte Berechtigung zum Scannen von QR-Codes, wie sich danach rausstellt), wir lassen ihn in der Stadt. Hinter einer Kreuzung hört die Besiedelung schlagartig auf, ein paar hundert Meter später tut sich der längliche See rechts auf. Trotz Schwimmverbotsschildern trainieren einige Leute, und erste Mücke schwirren umher.

Ein Kilometer geradeaus

An der Seite geht es in Richtung Strand, der Weg lässt sich geradeaus schön befahren. Am Pier schließen wir die Räder ab und laufen umher. Besonders schön finde ich die südliche Bergkette, die ab hier Küste und Inlandstal trennt, man kann den Kettenanfang sehr schön in einer Perspektive einfangen. Der äußerst weitläufige Strand besteht (wie quasi alle Ostküstenstrände) nur aus Kies: winzige Körner und faustgroße Glattsteine, grau und grau. Die Wellen habe ich hier noch nie so schwach gesehen, trotzdem wäre Baden wohl gefährlich – auf Kiesboden lässt sich nicht besonders gut standhalten, wenn ein Wasserschwall bricht. Dafür legt Oskar sich hin, Julian fotografiert ein mutmaßliches Strandgrab, Julius und ich machen Steinweitwurf. Mit ungedehnten Armen und Schmerzen in den Schultergelenken. Die Sonne zeigt kurz vor sechs, dass sie überhaupt existiert, ein winziger orangener Streifen erscheint im Südwesten.

Da hinten beginnt die Bergkette, die Inland und Küstenstreifen trennt
Hungriges und müdes Strandgammeln – perfekt
😉

Der Rückweg führt uns nochmal durch die ruhige Natur vor Taitung, durch einen leeren Fahrradtunnel und den Stadtrandpark. Papa hat in der Zwischenzeit ein Café gefunden, aber der Hunger ist jetzt bei allen so groß, dass wir auf Hotpot-Suche gehen. Zwei Restaurants mit fabelhaften Bewertungen sind leider ausgebucht, aber wir finden noch ein kleineres Lokal mit ausschließlich taiwanesischen Gästen, das uns fünf bekochen will. Zumindest für 100 Minuten, danach muss man gehen (vermutlich weniger wegen des Andrangs, sondern eher, damit man das All-you-can-eat-Büffet nicht abused). Diesmal gibt es ein richtiges Büffet mit Gemüse und Fleisch, genug zu trinken und endlich wieder eine Tiefkühlbox mit unendlich Eis, wunderbar. Mich stresst nur, das Hauptessen schnell genug zu vertilgen, damit genug Zeit für den Nachtisch bleibt. Sowieso ist mein bestellter Lachskopf ein Fehler, die unzähligen Knorpel verderben den Essspaß sondergleichen, von Stäbchenessweise ganz zu schweigen. Für Julian und Papa ist es das erste Mal Hotpot, wie auch ich damals ist Papa ein wenig überfordert, auf einmal selbst zu entscheiden, wie man jetzt was ist und wie lange man es im Topf lässt. Lustig, dass das von einem der besten Köche kommt, die ich kenne. Mit 60€ für fünf Personen kommen wir auch noch finanziell sehr gut weg, für Hotpot ist das sonst nicht ganz normal.

Für die beiden links erstes Mal Hotpot

Bevor wir das initiativ von Papa gekaufte Bier teilen (sowieso lässt er es sich ganz gut gehen, nimmt die Gelegenheiten gerne an, mit Julius mal eine zu rauchen), gehen wir Jungen aber noch Wäsche waschen. Der Essensstand neben der Wäscherei ist genauso lieb wie ein die Maschinen erklärender Passant und wechselt uns jede Menge Kleingeld, die Geräte akzeptieren nämlich ausschließlich Zehnermünzen. Beim Blick in Julius‘ Portemonnaie fällt mir übrigens auf, wie unfassbar klein die Euromünzen im Vergleich zu den Taiwan-Dollar sind. Ich hatte wirklich sehr lange keinen Euro mehr in der Hand, der fühlt sich jetzt an wie das Spielgeld eines Gartenzwergs.

Abendliche Bierrunde

Im Hotel trinken wir nur noch zusammen ein Bier, Papa hat fünf verschiedenen besorgt. Mein japanisches „Kirin“ schmeckt nicht schlecht, jedenfalls deutlich besser als Oskars südkoreanisches „Cass“. Trotz Sättigung sind alle ziemlich müde und nach einer Gute-Nacht-Kippe will auch der Durchhalteboss Julius ins Bett.

Hinterlasse einen Kommentar