Hualien (Freitag, 27. Februar)

In unserer fensterlosen Unterkunft ist wenigstens ein Frühstück inklusive, allerdings hören die Damen im Lokal nebenan das Wort vegan zum ersten Mal, aufgeregt diskutieren sie untereinander. Schließlich bekommt Oskar „thick sclices of jam“ angeboten, die sich aber als Brotklotz herausstellen.

‚Euer Ernst?‘

Einen sonnigen Spaziergang und zwei „Toy Story“-Automaten-Fails später brechen wir auf. Wie für Taitunger Busse in der Innenstadt üblich hat unserer ordentlich Verspätung, in dem shuttleartig kleinen Gefährt bleiben wir aber ohne weitere Gäste und der nette Fahrer heizt ungefragt durch, um die Verspätung aufzuholen. Am Bahnhof bleibt dann sogar genug Zeit für FamilyMart und Toiletten.

Alle gleich intensiv am Handy
Speedy Bus-Shuttle

Der Tze-Chiang-Express bringt uns für etwas mehr als 12€ pro Person in einem ansonsten komplett leeren Wagon durch das Inlands-Tal. Oskar husselt seine Unitexte, die anderen hören Musik und unterhalten sich. Eine Bedienstete besteht darauf, dass ich meinen Koffer ans andere Ende des Wagons stelle, an Regeln muss man sich halt halten. Die Fahrt durchs Tal ist, wie Hasan es mir mal beschrieben hat: „Schön, aber nach der ‚Mr. Brown Avenue‘ kennt man die Landschaft ja schon.“ Was aber nicht heißt, dass es schlecht aussieht. Oskar merkt geistreich an, dass durch das Zusammenschrumpfen der Welt ja schnell klar wird, wie ähnlich zueinander das Leben zumindest in den Großstädten ist. „Aber ich liebe es einfach, neue Sachen zu sehen!“

Hualien gibt sich größer als Taitung, das dürfte vor allem am weiter innen liegenden Bahnhof und der sich erstreckenden Weitläufigkeit liegen. Während Taitung eng gerastert und bebaut ist, wird Hualien generischer gewachsen sein, was man aber nicht als Kompliment an die Ästhetik missverstehen sollte. Die Stadt ist genauso hässlich wie die meisten anderen, schön wird alles durch die hohe Bergkulisse, die sich heute aber in den Wolken versteckt. Generell ist Regen angekündigt, es sieht nicht blumig aus. Wir geben unser Gepäck ab und suchen etwas zu essen, aber wir kennen es schon, vegan wird schwierig. Die anderen wollen nicht so weit fahren, also trennen wir uns, Oskar sucht sich alleine ein entferntes Veggie-Restaurant. Papa und mir tut es zwar leid, aber der Junge scheint eher glücklich, kulinarische Freiheit ausleben zu können. Für uns restliche vier gibt es Menü in einem Beef-Noodle-Restaurant, das auch Eierreis und Shrimps anbietet. Alle vier Mahlzeiten kosten zusammen 12€, sehr entspannt.

Frittierte Nudeln und Reis in Hualien
Unangenehmes Hualien

Danach fängt es an zu regnen, in der Wolke verschwinden sogar die Berge. Deprimiert rauchen Julius und Papa Zigaretten, wir warten das Schlimmste unter einem Dach ab und checken dann in das Hotel ein, wo die Zimmer wenigstens Fenster haben (wenn auch nur Sicht auf einen Parkplatz). Als Oskar zurückkommt, brechen wir gleich wieder auf, sonst sehen wir ja gar nichts von Hualien. Diesmal ist Papa an der Reihe, er will zum 花蓮港天宮 „Huālián Gǎngtiān“-Tempel. Auf gut Glück winken wir die Taxis am Hauptbahnhof herbei und müssen uns schließlich aufteilen, weil uns das größere gelbe Auto reallife-ghosted. Immerhin sind wir in Taiwan, eine Fahrt für für drei kostet nur 150$TD (4€). Und entgegen meiner Erwartung (bei so vielen gesehenem Tempeln bin ich einfach davon ausgegangen, nichts Neues zu sehen) springt dabei etwas fürs Auge raus. Mit dem Gesicht zum Parkplatz protzt die Gebetsstätte, als wenn sie ein Freizeitpark wäre. Bei dem bescheidenen Wetter ist es wohl wirklich das Beste, so einen Ort zu erkunden.

花蓮港天宮 „Huālián Gǎngtiān“-Tempel
Die Haupt-Bet-Stätte

Innen drin sieht es erstmal aus wie in den meisten taoistischen Gedenkstätten, allerdings markieren zwei den Eingang flankierende Drachensäulen die Treppenhäuser nach oben. Auf dem zweiten, dritten und fünften Stockwerk (ein viertes gibt es natürlich nicht) verwinkelt sich der Bau und wirkt stellenweise, als würde man durch die schmalen Gänge und Treppen in Privatbereiche vorstoßen. Es ist aber nichts abgesperrt und wohl auch zum Erkunden gedacht. Besonders schön anzuschauen sind die Lampendecke über dem Hauptbereich, die zueinander versetzten, mit Baumarktspray vergoldeten Treppen und der Rundgang ganz außen, von dem aus die neblige Bergkulisse sichtbar wird, das Prunkstück Hualiens. Mit Julius lande ich in gefährlich niedrigdeckigen Treppenhäusern und schließlich auf dem Dach des Gebäudes. Neben dem geschwungenen Ziergiebel gibt es aber nur Bitumenboden, nichts für ungefragte Gäste.

Goldspray aus dem Baumarkt?
Mit roten Laternen überschmückte Eingangshalle
Dachverzierung
Einbruch oder Aufbruch?
Elegante Nebenhallen
Die Bergkulisse Hualiens
Erst auf den zweiten Blick tauchen die hinteren Bergsilhouetten auf

Eine Weile erkunden wir noch, dann soll es bitte zurückgehen. Leider stehen keine Taxis vor der Tür und ein älterer Herr, der für uns ein Taxi rufen soll, kommt nicht durch die Telefonschleife. Bevor ich mich aber an die dunkle Landstraße stelle und den Daumen recke, packe ich die Gelegenheit lieber am Schopf und greife diejenigen Taxis ab, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden: Autos auf dem Parkplatz. Und da wir uns in Taiwan befinden, weiß ich, obwohl ich hier noch nie getrempt bin, dass es wohl nirgendwo einfacher funktioniert als hier. Gedacht, gemacht. Eine Familie nimmt Julius und Oskar mit, der sich vorhin hingelegt und angeblich das „Knie gezerrt“ hat. Eine zweite, aber weniger des Englischen fähige Familie erklärt sich bereit, uns zu fahren. Erst als es losgeht, stellen wir fest, dass sie gar nicht vorhatten, in die Stadt zu fahren, der Vater nimmt uns alleine mit. So sind die Taiwanesen eben, zuvorkommend und niemals eine Bitte ablehnend.

Ein richtiges Taxi später finden wir uns zu fünft an einem Imbiss ein, den Oskar rausgesucht. Man kann nicht sitzen, aber ein billiges gefülltes Brötchen essen, unter einer vor Sturzregen schützenden Markise. Anschließend geht’s zum allabendlichen Bierkauf im 7/11 nebenan. Julius und ich entscheiden uns spontan um und so probiere ich endlich mal die Slushis (die hier „Slurpee“ heißen, ein scheußlicher Name) zum Selbsteinfüllen. Den Alkohol kaufen wir uns dazu, Julius mischt sich Barcadi dazu, ich Jägermeister, jeweils zwei Fläschchen. Die Pampe schmilzt schnell zu kaltem Saft, generiert trotzdem Hirnfrost und der Alkohol sammelt sich ganz unten, sodass man ihn mehr oder weniger pur trinkt, bevor das Resteis durch den Strohhalm kommt. Im Regen warten wir auf verschiedenste Busse, von denen etwa 90% „out of service“ sind oder die nächste Fahrt erst sieben Stunden später haben. Kryptische Busnummern und knotenartige Routen auf Google Maps kommen auch noch dazu, sodass wir ordentlich Zeit verlieren. Mülleimer findet man hier auch nicht, Julius geht die Geduld aus und er stopft unsere Becher in einen Karton in einer Seitenstraße. Während der Alkohol zu wirken beginnt, merke ich, welch außerordentliche Fähigkeit der Junge besitzt, andere Menschen zum Drogenkonsum zu treiben. Also eigentlich ist mir das seit Jahren klar, aber die letzten Tage verdeutlichen es noch einmal: Man braucht nur auf Papas Zigarettenkonsum zu schauen, oder auf mich, der sich spontan gegen ein Bier und für einen hochprozentigen Slushi entschieden hat. Naja, solange es im Urlaub passiert, mache ich mir aber kein schlechtes Gewissen, es ist ja nicht so, als hätte ich bspw. in den Philippinen wenig gesoffen, eher sogar viel viel mehr.

Billige gefüllte Brötchen – schmecken besser, als meine Beschreibung klingt
Die Absturz-Slurpees

Obwohl eh alles auf Englisch läuft, helfe ich Oskar bei seinem Zugticketkauf. Dabei erzählt er mir von seinen Couch-Surfing-Erlebnissen, über die er vorher auch schon mit Papa geredet hat. Sollte ich nochmal alleine reisen, ist das bestimmt eine valide Option. Im Hotel trinken die anderen noch ihr viel zu süßes Bier und wir sitzen im Flur gesellig miteinander. Die Deutschen, denkt sich bestimmt auch der Taiwanese, der höflich lächelnd aus seinem Zimmer kommt. Wir klären kurz den morgigen Tag ab, dann legen Julian und Papa sich schlafen. Julius telefoniert und ich habe mit Oskar ein sehr witziges Gespräch über Blogs, Körbe und Dates. Wie schon öfter dreht Julius zum Einschlafen nochmal richtig auf, seine Stimme geht in die Höhe und er provoziert den zur Ruhe kommen wollenden Oskar mit lauten Reels. Sorry, YouTube-Shorts, das ist ihm ganz wichtig. Etwas total anderes als Instagram-Reels oder Tiktoks, oder Reddit-Videos oder oder oder… Besonders provokant, dass die Kurzvideos Text haben und ohne die Musik funktionieren würden, aber angeblich macht die Musik es erst richtig gut. Stimmt, wenn man sich schade für Spotify Premium ist, ist das eine Option. Nach weiterem Rumgescherze (am letzten Abend muss man nochmal alle fiesen Sprüche raushauen, erkennt auch Oskar an) wird es aber ruhig.

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