Auf den steinharten Matratzen schlafe ich halbwegs gut, wache aber etwas bedrückt auf, schließlich müssen wir heute schon Oskar verabschieden, und morgen ist Julius dran. Ganz zu schweigen davon, dass heute mein letzter ganzer Tag in Taiwan anbricht, der zumindest ein informelles Ende meiner Austauschzeit markiert (auch wenn diese eigentlich schon zu Jahresbeginn richtig geendet ist). Die letzten zehn Tage habe ich jedenfalls sehr genossen, auch Oskar findet, dass die Zeit wie im Flug vergangen ist. Na höörr mal! Das werde ich schon vermissen. Ein bisschen tut es mir Leid, dass sein ursprünglicher Wunsch, eher zu chillen, nicht ganz in Erfüllung gegangen ist, glaube aber trotzdem, dass das volle Programm die richtige Entscheidung war. Ich hätte es bereut, nicht noch einmal die ganzen Orte sehen zu können.


Vor dem Hotel sagen wir Goodbye, nachdem Oskar festgestellt hat, dass er, statt einen weiteren Tag im Regen Hualiens zu verbringen, auch gleich mit uns nach Taipei hätte kommen können. Man!!! Immerhin ist sein nächster Stopp 埔里 „Bùlǐ“ aka. Puli, wo er über das Couch-Surfen jemanden gefunden hat, mit dem/der er wandern gehen kann. Da waren es nur noch vier. Tickets kann man in Taiwan zum Glück sehr kurzfristig kaufen, zwei Minuten später stehen wir am Gleis und bekommen ein altes Zugmodell, in dem mein riesiger Koffer kaum Platz findet.

Die Fahrt ist trotz tiefer Bewölkung schön, einige Orte erkenne ich wieder. So hält der Zug auch in Städten meiner Fahrradtour und fährt einen Rechtsknick bis fast zum Ostzipfel der Insel. Gerade zum Schluss hin dauert es unnormal lange, die tausend Vororte Taipeis und Keelungs genauso wie die bergige Landschaft zwingen den Zug, im Schneckentempo zu tuckern. So können wir sehen, wie bodenlos hässlich Ruifang und all die anderen kleinen Orte hier sind, richtig dystopisch ragen die grauen Wohnmaschinen in die Wolkendecke, Seite an Seite, dicht gedrängt und schlecht gelaunt.
In Taipei müssen wir eine Unterführung ohne Rolltreppe nehmen, für den tonnenschweren Koffer leidet mein Rücken. Unser Hotel liegt auf der anderen Seite des Häuserblocks, in dem Oskar, Julius und ich letzte Woche im Hostel waren. Papa erwähnt beiläufig, dass die folgende Nacht jeden 50€ kostet, das entlockt mir schon mal innere Schnappatmung. Dafür gibt es „window view“ im dritten und vierten Stock, auf Baumkronen und Asphalt. Gepäck ist abgestellt, schon geht es weiter. Julian und Papa wollen natürlich das nahegelegene Memorial sehen, Hunger haben wir zudem alle vier. Zum Glück haben mittlerweile die meisten Geschäfte wieder offen, unvergleichbar mit der letztwöchigen Situation. Ein koreanisches Restaurant spricht uns an, gegen das „preisige Menü“ (wir befinden uns halt im Taipeier Zentrum) kann Papa jetzt nur noch schwer argumentieren. „Dich macht das sauer, oder?“ Ja, aus einer Perspektive, in der ich stets das billigste Hostel genommen habe, kann man das wohl so behaupten. Hier beim Koreaner gibt es jedenfalls auch genug vegetarische Kost für Julian. In dem Laden fahren Roboter hin und her, liefern die Bestellungen und reduzieren das menschliche Verkehrsaufkommen. Für die fettigen Snacks werden uns Plastikhandschuhe gebracht, irgendwie absurd.
Julius und Papa bonden weiterhin über das Rauchen und es gibt mittlerweile die Meldung, dass Israel Iran angreift, Eilmeldungen flimmern über den Handybildschirmen auf. Wir laufen dann rüber zum Memorial, dort zeigt sich allerdings, dass Feiertag ist, der Aufstand gegen die KMT jährt sich. Logisch, dass alle Taiwan-Flaggen auf Halbmast hängen und das Denkmal des Diktators heute geschlossen bleibt, zumindest seine riesige Statue drinnen kann man nicht besichtigen. Das gleiche gilt für das unten liegende Museum, also versuchen wir es in dem Museum, das 20 Meter vor unserem Hotel liegt: dem „National Taiwan Museum“.
Für etwa einen Euro pro Person lassen sich hier ähnliche Dinge besichtigen wie im Museum in Taichung, in dem ich im November einmal war. Natur, Geografie, Ureinwohner Taiwans, und so weiter. Ich bin so müde wie wenig aufnahmefähig, latsche durch die Gänge und schaue mir die Ausstellungsgegenstände nur kurz an. Etwas genervt bin ich auch von den Fragen, die ich zu Taipei gestellt bekomme. Nur weil ich ein halbes Jahr am anderen Ende der Insel gelebt habe, weiß ich nicht automatisch, ob diese Fahrradfahrer zu einer Partei gehören, was in jenem Hochhaus stattfindet oder wo man hier das beste Restaurant findet. Fragen ist natürlich immer erlaubt, aber es ist die Menge. Es macht vor allem keinen Spaß, immer mit „keine Ahnung“ oder „weiß ich leider nicht“ antworten zu müssen. Zurück im Hotel zwinge ich mich, meinen Koffer umzupacken, wobei ich jede Menge Zeit damit verbringe, die Showba-Vakuumbeutel effizient zu füllen. Ein nimmt Papa mir ab, den Rest bekomme ich organisiert. Nun, eigentlich landen Hefte, Verbrauchsgegenstände und auch ein Paar Schuhe im Hausmüll, aber die wollte ich sowieso wegschmeißen.

Ein bisschen chillen wir noch, Julius scrollt ununterbrochen in seiner Flugapp rum. Der Flug steht noch als pünktlich drin, also muss er ja fliegen. Gesperrter Luftraum hin oder her, die Hoffnung stirbt zuletzt. Ablenkung gibt es, als Regen und Wind weniger werden und wir zur letzten Aktion in Taiwan aufbrechen, natürlich noch einmal Taipei101. Das muss man schon gesehen haben, und ich habe auch Lust, mir den Turm ein letztes Mal anzusehen. Das Café im 88. Stock hat schon geschlossen, also entschließen wir uns für die teurere, aber auch deutlich lohnendere Variante im Stockwerk darüber. Aufgrund des Preises (ca. 17€ pro Person) zögern wir erst, treffen dann aber die richtige Entscheidung. Schließlich haben wir letzte Woche verpasst, uns das Pendel anzusehen, das kann man jetzt nachholen.

Und siehe da, nach 20 Uhr ist auch an einem Samstagabend die Besucherebene ziemlich leer, jedenfalls lässt es sich auf jeder Seite gut hinausschauen. Erwartungsgemäß staunen Papa und Julian über die enorme geografische Überlegenheit des Gebäudes zur Stadt. Ich genieße es, schon Fotos zu haben und schieße nur wenige, nachdem ich schon detailliert nach unten geschaut habe.



Richtig schön gemacht ist das „Tuned Mass Damper“, ein viele Tonnen schweres Stahlpendel, das über drei Stockwerke geht, gold bemalt ist und mit mehreren Gelenken verbunden ist, sodass es grundsätzlich im Windfall, vor allem aber bei Erdbebenereignissen auf Gleichgewichtsschwankungen reagieren kann. Auf einer Tafel und auch online lassen sich Videos von genau diesen Fällen sehen, die Schwingungen sind teils erheblich.


30-40 Minuten später stehen wir wieder unten, recken unsere Köpfe nach oben und staunen einmal mehr über den ikonischen Solitär. Papa merkt an, dass das Viertel ziemlich neu wirkt. Ja, vermutlich strahlt der große Turm, der erst 2009 fertiggestellt und vom Taiwanesen Wang Chung-ping bzw. seiner Firma designt wurde, ziemlich ab und macht dadurch erst diesen High-Society-Kiez überhaupt möglich. Nebenan im Pokémon-Center versuche ich ein letztes Mal mein Glück, und bekomme zwar immer noch keine EasyCard (der zum jetzigen Zeitpunkt ehrlicherweise sehr unnötig gewesen wäre), dafür aber ein Pokémon-Kartenset. Ein Kumpel in Berlin will eine Karte haben, den Rest behalte ich aber selber als Erinnerung.



Jetzt grummeln die Mägen, und für ein letztes Abendmahl geht es nach Ximending, wo Samstagabend zwar keine Schlangen zur Schau gestellt, aber jede Menge Sachen verkauft werden. Unzählige glückliche Jobfinder, sorry, Verkehrspolizisten unterstützen die Ampeln bei der Verkehrskoordination, immerhin legen drei Busse einen gefährlichen U-Turn hin. In einer engen Gasse mit schreienden Verkäufern bekommen Julius und ich den von ihm so getauften „Tittenfisch“ und warmes Bier, Julian und Papa organisieren sich Omelette. Auf einem Blumenkasten nehmen wir Platz und genießen das Essen zu schneller Techno-Mucke, die alle paar Meter aus irgendwelchen Läden dringt. Mittlerweile ist längst klar, dass Julius‘ Flug niemals so geht, wie er sich das vorgestellt hat, Papa beruhigt und redet mit ihm über Weltpolitik. Oder schneidet das Thema zumindest einige Male an, damit catcht man Julius jedenfalls. Vielleicht muss er ein paar Tage länger in Taipei ausharren, angesichts seiner baldigen Thailandreise vielleicht noch das geringere Übel. Aus klimatechnischer Sicht bestimmt auch nicht ganz verkehrt, sich die drei Tage in Europa zu sparen, auch wenn Termine und Pläne den Hauptstress produzieren. Darum, dass jetzt China auf die Idee kommt, Taiwan anzugreifen, mache ich mir übrigens keine Sorgen. Richtigerweise erwähnt Papa, wie viel (auf Satellitenbildern sichtbare) Vorbereitung es benötigen würde, zudem hat China ein Interesse daran, dieses Land dauerhaft zu besetzen, was den ganzen Aufwand um ein vielfaches steigern würde. Ein morgige Ausreise nach Malaysia wäre so oder so nicht betroffen.

Wir gönnen uns dann noch einen letzten Bubble Tea bei „Xing Fu Tang“, dann geht es zurück ins Hotel. Ich unpacke das erste meiner fünf Pokémon-Packs (eine Glitzerkarte), die anderen vier hebe ich mir auf. Spielkarten mit chinesischen Schriftzeichen sehen schon sehr sexy aus, das muss gesagt werden. Heute vor einem halben Jahr bin ich übrigens in Kaohsiung gelandet, am Ende werde ich (Philippinen mal außen vor gelassen) also ziemlich genau sechs Monate hier gewesen sein. Passt doch.

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