Meine letzten Stunden in Taiwan brechen an. Julius entscheidet sich, mit uns anderen dreien zum Flughafen zu kommen, damit er sich dort um neue Bordkarten streiten kann. Das allgemeine Stresslevel fühlt sich für mich unnötig hoch an, die meisten Ampeln zum Hauptbahnhof werden bei rot genommen (obwohl die notwendige Geduld keinen signifikanten Zeitnachteil zur Folge gehabt hätte). Außerdem vertraut mir niemand, den Weg zur Flughafen-Express-Metro zu kennen. Ich weiß, ich kenne mich in Taipei nicht bestens aus, aber die Navigation am Hauptbahnhof gehört dann doch zu den Basics. Nur weil der Mall-Tunnel um sieben Uhr morgens leer ist, heißt das noch lange nicht, dass man ihn nicht als Gang zur Metro benutzen kann… Interessant, wie schnell ich das Alleinreisen vermisse. Julius und Papa besprechen sich auf der Fahrt über die zivillogistische Situation auf der arabischen Halbinsel und die aktuellen Geschehnisse. Es wirkt fast, als würden sich zwei Kollegen unterhalten. Insgesamt fällt mir auf, wie vergleichsweise wenig Interessantes ich zu vermelden habe. Das ist wahrscheinlich einer der großen Nachteile am Blogschreiben, über die nennenswerten Dinge weiß man einfach schon Bescheid.

Am Flughafen trennen wir uns, von nun an ist die Familie alleine unterwegs. Nach dem Check-In gibt es Plastiktüten mit etwas Brötchen, gekauft in einer für Flughäfen preiswerten Bäckerei, in der deutsche Schlager laufen. Natürlich befinden sich im Matcha-Bagel unangekündigt rote Bohnen, so kenne ich meine Taiwan doch. Sehr gespannt bin ich auf das kulinarische Malaysia – bis auf, dass Indien großen Einfluss hat, weiß ich wenig bis gar nicht darüber.
Unser „Starlux“-Flugzeug hebt gegen späten Vormittag ab und benötigt tatsächlich fünf Stunden (inklusive zwei Kunstschleifen vor der Landung), um die Hauptstadt Malaysias zu erreichen. Die Sitze sind zum Leidwesen meiner Extremitäten ökonomisch effizient, immerhin lächelt das Personal freundlich und es gibt ein Mittagessen, sogar vegetarisch. Beim Aussteigen fällt sofort die nochmals erhöhte Luftfeuchtigkeit auf, Kuala Lumpur hat soeben ein kleines Café auf Camiguin als meinen südlichsten jemals erreichten Ort abgelöst. Der Flughafen schickt uns erst einmal per Expresszug vom „Satellite Building“ zum „Main Building“, auch die Crew fährt mit. Dort ist unklar, wo das Gepäck abgeholt werden muss, generell ist vieles neu. Das meiste weibliche Personal trägt Kopftuch, die Männer haben fast alle bärtige Gesichter, der Islam ist auf öffentlichen Schildern und Werbungen präsent. Lustig finde ich die malaysische Sprache, die mich sehr an das phonetische Filipino erinnert und bei der Julian vermutet, dass sie eine Kunstsprache sein könnte, also zusammengemischt wie Indonesisch. Stimmt, Sky, der aus Sumatra stammt und die anderen aus Java (Dylan, Darren, Hansen usw.) konnten sich teilweise auch nur schwer verstehen. Jedenfalls werden „Cigars“ oder „Chocolates“ verkauft, später gibt es dann ein „Kaunter Teksi“. Kannste dir nicht ausdenken! Und die Leute sagen immer, Niederländisch klänge wie eine Babysprache…


Die Passkontrolle hält uns solange auf, dass der Gepäckschalter schon geschlossen hat, als wir dort ankommen. Das Personal ist freundlich, schickt uns aber hin und her, bis Papas Worst-Case-Szenario negiert wird. Ein Metroexpress, für den Papa natürlich schon Tickets gekauft hat, bringt uns in einer Dreiviertelstunde in das doch sehr weit entfernte Stadtzentrum, ähnlich wie in Taipei. Auf dem Weg dorthin rauschen wir mit atemberaubendem Tempo an Palmenalleen und tropischen Baustellen vorbei und verfolgen die Liveticker zum Geschehen in Iran.

Auch der Hauptbahnhof wirkt kompliziert, aber ich erkenne vertraute Marken wie 7/11, dazu gesellen sich malaysische Varianten wie „KK“. Minimal ramschiger als in Taiwan sieht das Ganze aus, aber kein Vergleich zu den Philippinen. Wir holen uns das erste Bargeld, ein Euro sind etwa 4,6 Ringgit. Damit kann man besser umrechnen, außerdem lassen sich die Scheine (Münzen habe ich nicht gesehen) besser anfassen als die weichen Papiere im Insel-Archipel. Die Metro ist spottbillig, zu dritt zahlen wir 85 Cent, um eine Station weiter zu kommen. Man fängt superschnell an zu schwitzen, auch am Abend lässt es sich nur in kurzen Klamotten gut aushalten.




Es geht durch belebten Linksverkehr und marktige Gassen, dann gelangen wir an das „Santa Grand Hotel“, wo uns ein Butler begrüßt, die Tür aufhält und darauf besteht, unser Gepäck auf einen Trolly zu legen. Wir sollen uns um möglichst wenig kümmern, nur Durianfrüchte oder Mangokerne sind verboten, Gleiches fürs Rauchen. Julius hätte das nicht gefallen. Das Zimmer befindet sich im sechsten Stock, und diesmal bedeutet das auch wirklich sechster Stock. Im britisch geprägten Malaysia gibt es zusätzlich zu den Ziffern auch Buchstaben, G ist der groundfloor, auf M soll es Frühstück geben und auf R dürfte sich der rooftop pool befinden. Allerdings fehlt auch hier der vierte Stock, er ist mit einem „3a“ ersetzt. Der Aberglaube kommt ja aus der Phonetik des Chinesischen, könnte sich aber durchaus im asiatischen Raum abgekoppelt verbreitet haben. Im Zimmer fällt mir außerdem auf, dass die Türknäufe anders sind. Ich darf mich vom runden Drücksystem verabschieden und komme ab sofort mit anderen komischen Konstruktionen aus, na gut. Die View in diesem Zimmer hat ihren Namen aufgrund einer bodentiefen Front eher verdient und bietet dazu die Sicht auf Gebäude in der Innenstadt, nicht schlecht.

Solange es noch hell ist (in Kuala Lumpur geht die Sonne erst gegen halb acht unter, was an Breiten- und Längengrad liegt, wir sind noch in der Taipei’er Zeitzone, allerdings am westlichen Ende), gehen wir erkunden. In der Hinsicht ist Papa mir sehr ähnlich, möglichst viel vom Reiseort mitnehmen. Es könnte ja regnen oder Schlimmeres, auf Camiguin hat mir diese Einstellung ja bspw. tolle Erlebnisse beschert.

Als erstes gehen wir zur „Freedom Lawn Area KL“, wo sich einige Must-See‘s befinden: britische Kolonialbauten, der Unabhängigkeits-Flaggenmast und der „Merdeka-Square“. Auf diesem haben sich gerade Hunderte Muslime auf Picknickdecken eingefunden, um auf den Sonnenuntergang zu warten, damit sie ihr Ramadan-Fasten unterbrechen können. Ein Imam spricht oder singt durch ein Megafon, die Atmosphäre ist sehr entspannt. In der Ferne erkenne ich den „Menara“ (den Fernsehturm) und die „Petronas Twin Towers“, sowie einen anderen Wolkenkratzer, der dünn ist und den Namen „Shard“ zu 100% verdient hätte. Crazy, wie viele Leute um mich herum nach außen hin muslimisch sind, das habe ich glaube noch nie so erlebt. Abgesehen von der Türkei und dem Westbalkan war ich auch noch nie in einem derart muslimisch geprägten Land, einfach eine sehr große Umstellung.





Mir fällt direkt auf, dass der typisch taiwanesische Dunst fehlt, dem Himmel mangelt es definitiv nicht an Farbe. Wolken über der Stadt lassen sich aufgrund der Lücken seitlich anschauen, und mehr als nur ein paar Krähen ziehen ihre Kreise. Vor manchen historischen Fassaden finden sich Infoschilder, die wir uns gerne durchlesen. Dabei werde ich vermutlich missverstanden, denn ich interessiere mich genauso für die Geschichte der Stadt, ärgere mich aber darüber, wie viel länger ich für die Texte benötige. Höchste Zeit, dass ich mir mal Speedreading beibringe.


Als wären wir auch an den Ramadan gebunden, essen wir mit einbrechender Dunkelheit. Die Suche nach einem Restaurant gestaltet sich anstrengend und missverständlich, schließlich landen wir aber in einem lokalen Lokal mit scheinbar malaysischer Küche. Diese erinnert mich wie erwartet stark ans Indische. Was aufgetischt wird, wirkt nicht gerade fotogen, schmeckt aber ziemlich gut. Die Grundschärfe ist um ein Vielfaches intensiver als wenn man in Taiwan sehr scharf bestellt, das gefällt mir. Zum Naan gibt es zwei Soßen, das einzige Manko: die eine schmeckt wie wässriger Kartoffelbrei, die andere nach warmer Marmelade. Mein Preisgefühl muss sich erst noch umstellen, es scheint aber vieles billig zu sein. Trinkgeld gibt man laut Google nur an Busfahrer und Reiseleiter, das kleine Rückgeld hier kann man trotzdem gerne weglassen. Die Mitarbeiter lächeln freundlich zurück, das ist eine große Ähnlichkeit zu den Philippinen und Taiwan, sehr schön.

Nachtisch gibt es in der Marktstraße vor unserem Hotel; jeweils ein fetthaltiges Teilchen vom Straßenbäcker, da geht Papa das Herz auf. Der zuvorkommende Türsteher lässt uns dann wieder rein, den Restabend verbringen wir oben. Während Julian duscht, testen Papa und ich den Dachterrassenpool aus, vor dem sich (natürlich) eine deutsche Reisegruppe aufhält. Die Wassertemperatur ist außerordentlich warm, dabei wird der Pool einfach nur nicht beheizt. Die Glasgeländerfront nach Westen zeigt zwar nicht die ganz großen Dinger, aber immer noch genug Hochhäuser, um den Blick für einige Minuten schweifen zu lassen. Interessant finde ich vor allem das gegenüberliegende „Kompleks Dayabumi“, ein Geschäftszentrum, das mich eher an eine islamische Bibliothek erinnert. Entspannt schwimmen wir ein paar sehr kurze Bahnen in dem höchstens brusttiefen Wasser und unterhalten uns über die Risiken meines Blogs, viele persönliche Daten freizugeben. Da hat er nicht Unrecht, allerdings habe ich mir diese Frage zum Glück schon früher gestellt und war stets darauf bedacht, nur so viele Informationen preiszugeben, wie ich mir selbstsicher genug bin, auch vor einer breiteren Öffentlichkeit vertreten zu wollen. Für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass ich gewollt oder ungewollt zu mehr Berühmtheit gelange, als meine bisherige Lebensplanung vorsieht.
Später spiele ich noch philippinische Musik ab, während wir die Planung für Morgen angehen und uns bettfertig machen. Das runtergekühlte Zimmer bringt eine laute Klimaanlage mit sich, weshalb Papa sich Ohrstöpsel reinsteckt. Nichts für geräuschempfindliche Menschen, diese tropischen Länder.
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