Cameron Highlands (Mittwoch, 4. März)

Heute steht Wandern an, dafür kleide ich mich komplett langärmlig ein, denn unter der Sonne geht es auch durch den malaysischen Dschungel. In den Dorfstraßen von Tanah Rata ist es ruhig, eine Handvoll anderer Touristen ist ebenfalls unterwegs, auf dem Weg zu einem der zehn durchnummerierten Wanderwege. An einem blau-gelben Tempel machen wir kurz Halt und schauen uns die protzigen Gebäude der Nachbarschaft an. Dann geht es aber an den Aufstieg: trockene, erdige Trampelpfade, dazu Seile und Leitern, wo nicht einmal mehr die Wurzeln ausreichen, um die Steigung abzusichern. Schneller, als man es sich versieht, fließt der Schweiß in Tränen über den Kopf, Schatten hin oder her. Ich verstehe gut, warum man diese Touren nicht am Nachmittag starten geschweige denn nachts absolvieren soll.

Ein erster Blick auf Tanah Rata
Ist das jetzt mehr Schatten oder mehr Licht?
Für kein Hindernis sind wir uns zu schade

Es soll hier Buschungeziefer geben, lautes Schnaufen dürfte uns davor aber verschonen. Die ersten Wasserflaschen werden gezündet, allein für die habe ich mir den großen Wanderrucksack aufgesetzt. Bald begegnen wir den ersten Wanderern, teilweise schon auf dem Rückweg. Die Strecke ist gut besucht, kein Vergleich zu Lü Dao. Okay, zugegeben ist der angepeilte Gipfel nicht besonders weit, nach einem Kilometer Luftlinie erreichen wir ihn schon. Unterhalb des Gipfel-Wegweisers steht ein riesiger Strommast, dessen Fundament wild gegossener Beton ist. Okay, nicht ganz wild, aber zumindest willkürlich, fast schon organisch. Man muss sich gut überlegen, wo man das Seil zur Hilfe nimmt und wo nicht. Immerhin ist er perforiert, Feuchtigkeit aus dem Berginneren kann durch kleine Rohre austreten. Ein älterer Brite vor mir zeigt auf einen haarigen Tausendfüßler und sagt: „We use so say: When you step on one of those, it will be raining for 50 days.“ Na dann lassen wir das arme Tierchen lieber in Ruhe.

Dichter Verkehr kurz vorm Gipfel – Verwechslungsgefahr, dies ist nicht der Mount Everest!

Ein deutsches Pärchen, das wir vorhin noch auf der Straße gesehen haben, hat uns eingeholt, und passenderweise finden wir auf dem Gipfel weitere Touristen. Natürlich größtenteils Deutsche, was für eine Frage. Aus Respekt vor einem Belgier reden aber alle Englisch und irgendwer kommt auf die Idee, ein großes Gruppenselfie zu machen. Merkwürdig genug, aber ein Typ muss es auch noch aussprechen: „How random is this?“ Auf jeden Fall sprechen dann noch alle darüber, dass sie in Tanah Rata unterkommen und welche Routen heute gewandert werden – vor allen Dingen die Nummer sechs. Blöd, dass die Nummern nirgendwo physisch angezeigt werden, aber Papa kennt sich aus und weist darauf hin, dass man dafür kurz zurück- und dann abbiegen muss.

Ein Bild, wieviele Deutsche?

Die folgende Route führt uns direkt nach Süden, und eine ganze Weile durch den offenen Dschungel. Offen, weil wir nicht von Bäumen geschützt sind, die Mittagshitze knalle voll rein. Die Pfade sind extrem schmal und schlammig, so mancher Reisender legt sich ungünstig hin. Schnellere Wanderer kann man kaum vorlassen, zu sehr ist man mit dem eigenen Gleichgewicht beschäftigt. Immerhin gibt es einen kleinen Bach zum Auswaschen der gröbsten Verdreckungen. „Falls wir uns abgestützt haben“, witzelt eine Deutsche hinter uns. Alle Weile passieren wir einen weiteren Strommast, die Trasse begleitet uns einen Großteil des Weges. Zwischendurch sehen wir lila Blumen, solitärartige Bäume und total verwachsene Blechhütten.

Aussicht nach Süden
Mal trocken und kluftig…
…mal dicht und matschig
Achja, und verschwitzt sind wir auch

Früher oder später gelangen wir an eine sehr schmale Straße, auf der sich einsame Autos durchhupen. Sollte es Gegenverkehr geben, hätten beide Seiten ein massives Problem. Man begegnet hier einigen Locals, die etwas den Berg rauftragen, mit Motorrädern rasten und immer freundlich zurückgrüßen. Ein deutsches Pärchen ohne Gepäck dreht ab. „Ich hab richtig Bock auf ne Limo“, höre ich den Typen nur sagen. Wir gehen weiter, das Beste kommt nämlich erst noch. Schatten-Licht-Kontraste sind hier irgendwie besonders stark, das macht sich auf Bildern gut.

Eine herrlich dünne Bergstraße
Der Vibe passt einfach zu gut, als dass hier kein altes Auto im Busch liegt

Wenig später entdecken wir ein Dorf, das man getrost als authentische malaysische Ansammlung von Häusern beschreiben könnte. Am Hang gelegen, selbst von der Hauptstraße schlecht erreichbar, hängt in jedem Garten Wäsche, alle Dächer sind schräg und aus Blech, hier findet man ganz bestimmt nichts zu essen. Die Ortschaft befindet sich am nördlichen Ende des „Cameron Valley“, links von uns erstreckt sich das benannte Tal. Hänge voll mit Teefeldern, so weit das Auge reicht, ich assoziiere damit direkt, was ich von Vietnam gehört und gesehen habe. Auf jeden Fall ist es wunderschön, wie sich leicht linienförmig angeordnete Teebüsche an die organischen Hügelkurven schmiegen, die Landschaft mit einer Art Decke überziehen.

Das Dorf am Rande der Teelandschaft

Hier treffen wir mal wieder auf Leute vom Gipfel, und der Typ, der das gemeinsame Foto oben so komisch fand, fragt jetzt selbst nach einem weiteren. Das lasse ich einfach mal auf der Straße stehen. Von hier aus geht’s nämlich ab, ab auf die Felder. An der tiefsten Talstelle führt ein schmaler, aufbetonierter Weg durch die Landschaft, als würde man sich in einer Ausstellung befinden. Soweit ich das erkennen kann, wachsen auf der untersten Ebene keine klassischen Büsche, jedenfalls ist der Bewuchs deutlich dichter als am Hang, außerdem strömt eine Menge Wasser über den Boden. Das Plätschern ist das einzige Geräusch der Umgebung, sehr friedlich. Rechts kann ich einige Arbeiterinnen in Orange beobachten, Papa scannt derweil die Büsche mit einer Natur-KI, um rauszufinden, ob es sich wirklich um Tee handelt.

Friedlicher Spazierweg

Gegen Ende des Tals wartet eine weitere Ortschaft auf, sowie ein Schild, dass man sich hier auf privaten Grund befinde und deshalb eine „entrance fee“ von vier Ringgit (knapp ein Euro) im Teehaus die Straße rauf abgeben muss. Ja ich glaub auch, denkt sich auch Papa. „Das müssen die aber schon vorher ranschreiben“, ganz meine Meinung. Naja, wenn jemand fragt, können wir ja zahlen. Vorerst lassen wir unser Geld auf andere Weise hier: An einem Hang wird scheinbar so etwas wie ein Freizeitpark errichtet, Schaukeln, Rutschen und farbige Dekoration weisen darauf hin. Offene Minibusse fahren vereinzelte Besucher durch die Gegend. Aktuell kann man sich auch Quads ausleihen, wir beschränken uns aber auf den Imbiss. Mehr als Pommes und ein massiv süßes Getränk habe ich sowieso nicht erwartet, insofern geht das fit. Papa weist auf eine interessante Aktion an der Kasse hin: „Go cashless“ will die Kunden überzeugen, mit Karte zu zahlen. Den Kassenbon soll man anschließend in eine große, durchsichtige Box stecken, irgendwann sollen die Gewinner ermittelt werden, Hauptgewinn ist ein Flachbildfernseher. Eine nette Aktion, aber da kenne ich doch ein deutlich effektiveres System: in Taiwan kümmern sich die Kunden mithilfe einer App selbst darum, ob sie gewonnen haben. Wer soll die Unmengen an Kassenbons hier in Malaysia eigentlich auszählen? Und wie wird man überhaupt benachrichtigt? Geben die Kreditkartendaten hier so viele Informationen preis, dass man jeden x-beliebigen Kunden darüber kontaktieren kann? Naja egal, in Papas Auftrag schmeiße ich seinen Bon rein. Wenn er gewinnt, dürfe ich den Fernseher haben.

Tropisches Hollywood
Ausgewogene Wanderermahlzeit

Nach der Mahlzeit haben wir den Hauptteil der Wanderung eigentlich hinter uns, machen aber noch einen Abstecher zum Hinterhang. Hier haben sie in bester Hollywood-Manier weiße Buchstaben aufgestellt, mitten im Teefeld macht sich das auch wirklich gut. So gut, dass an einem Punkt extra darauf hingewiesen wird, bitte bitte bitte Fotos zu machen, zu posten und das Tal zu verlinken. Zusätzliche Dekoration wie Stühle, eine Schaukel und zwei Pavillons begeistern auch andere Besucher.

Schöne Fotokulisse
Dekoration eines Freizeitparks

Dann verlassen wir das Dorf, sind die Gebühr umgangen. Oben am Berg warten die Landstraße und ein Teehaus, in dem wir, es bietet sich so gut an, Tee kaufen. Zum Mitnehmen, aber auch zum Trinken, wobei „little sugar“ mal wieder ziemlich viel bedeutet. Wir genießen dabei noch einmal die Aussicht und stiefeln dann die Landstraße zurück. Theoretisch würde ein weiterer Weg unsere Runde abschließen, das würde aber mindestens drei Stunden mehr bedeuten, dafür sind wir zu ausgelaugt. Und dabei befinden wir uns immer noch im ‚milden‘ Hochland Malaysias. Auf der Landstraße fühle ich mich leicht an Bohol erinnert, allerdings in deutlich sonniger. In den Kurven wechsle ich immer auf die Innenseite, im Linksverkehr gar nicht mal so einfach mit dem Gucken.

Net hier?
Geschafft
Auch hier wieder die „Go cashless“-Aktion
Am Wochenende sind wir mal nachhaltig, aus gutem Willen

Zurück in Tanah Rata legen wir uns alle drei flach. „Ich will gerade einfach nur chillen“, bringt Julian es perfekt auf den Punkt. Es fängt sowieso wieder an zu regnen, Papas Geografielehrer hatte wohl wirklich recht. Da bin ich besonders froh, dass wir nicht die längere Route gemacht haben.

Wie so oft trauen wir uns dann zum Abendessen nochmal raus, und finden im begrenzten Angebot des Hauptstraßenabschnitts sogar einen Laden, den wir noch nicht kennen. Das Erlebnis ist aber sehr ähnlich wie bisher: Es gibt Reis, Soßen/Suppen und natürlich Naan, drumherum europäische Stimmen pur. Weil rs dann nochmal schüttet (und die Temperatur übrigens stark runterkühlt), gibt es zum Abschluss Nachtisch nebenan. Dabei planen Julian und ich die Zeit in Thailand, Papa ist aber mindestens genauso involviert. „Aber ich will mich gar nicht einmischen“, lautet die Höflichkeitsfloskel. Kein Problem, seine Ideen hören wir uns trotzdem gerne an. Ehrlich gesagt ist Julian bisher viel mehr im Game, liest sich auch schon Reiseführer durch usw. Wäre ich alleine, hätte ich es vermutlich genauso gemacht wie auf den Philippinen: zwei, drei Orte ausgesucht, grob nach Zug- und Busverbindungen geschaut, den ganzen Rest spontan vor Ort erledigt. Nicht dass das in Thailand nicht gehen würde, aber es ist bestimmt genauso gut, einen Urlaub auch mal anders zu planen. Ich freue mich drauf.

Frühabendlicher Sturzregen ist hier normal

Der Abend im Hotel ist schließlich, genau wie gestern, vom intensiven Böllern aus der Ferne bestimmt. Genauer: aus der Ferne gestartet, nah an unserer Unterkunft explodiert. Alle Kriegsvergleiche dürften unangebracht sein, aber zu hören, wie das Geschoss näher kommt und sich dann ohrenbetäubend selbst zerfetzt, erzeugt zumindest kein ganz so schönes Gefühl. „Na jetzt reicht’s aber auch mal“ und „Das muss wirklich nicht sein“ lauten Papas und Julians Kommentare. Herrlich, irgendwie total deutsch. Die nahen Böllerzündungen hören wenigstens um etwa 23 Uhr auf, schlimmer geht immer. Wobei ich mich wirklich frage, wozu in aller Welt man Dienstag und Mittwoch nachts in einem Bergdorf böllern muss. Ab einem gewissen Punkt regt es mich dann auch auf.

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