Penang (Donnerstag, 5. März)

Mit Papa diskutiere ich, ob man äußere Einflüsse in eine Google-Bewertung einbauen sollte. Das Gasthaus kann letztlich nichts dafür, dass schon um acht Uhr wieder angefangen wird zu böllern. Okay, er hat recht, für schlechtes Wetter würde ich auch keinen Stern weniger geben. Nicht, dass ich überhaupt eine Bewertung dagelassen hätte. Auf jeden Fall sind wir die Dorfirren jetzt los, heute geht es nach Penang (englisch ausgesprochen). Auf dem Weg zum Tanah Rata‘er Busbahnhof treffen wir wieder auf eins der deutschen Pärchen von der gestrigen Wanderung. Schon aus der Entfernung sind wir uns sicher, die beiden zu kennen: Entweder vom Essen, aus der Unterkunft oder von der Wanderung, so viel mehr Orte gibt es hier nicht. Die beiden fahren auch nach Georgetown, allerdings mit einer anderen Busgesellschaft. Wir steigen wieder in einen der sehr angenehmen Unititi-Busse und verbringen die nächsten Stunden zurückgelehnt.

Malaysisches Flussland

Zufällig sehe ich, dass Giuseppe, den ich mehrfach auf meiner Fahrradtour getroffen habe, gerade in George Town ist. Dieser Zufall muss genutzt werden, wir verabreden uns für später. Vorerst braucht der Bus aber Ewigkeiten, um aus den Haarnadelkurven der „Cameron Highlands“ zu finden. Um zwei sind wir in Butterworth und warten auf die Fähre. In dunstiger Ferne erkennt man nicht nur Penang mit seinen Bergen, sondern auch eine sehr lange Brücke. Die Fähre kostet nur zwei Ringgit (0,45€) pro Person und fährt alle 30 Minuten. Hungrig landen wir schließlich an, suchen unser zum Glück nicht weit vom Hafen entferntes Hotel für die nächsten vier Nächte auf.

Verschwommenes Penang in der Ferne
George Town vom Wasser

Auf der Insel erwartet uns Hitze sowie eine umtriebige Stadt. Neben den Hochhäusern, die man von Weitem sieht, stehen hier auch wunderschöne historische Bauten, so strahlt ein hellweißer Uhrenturm über einem Unterbau auf die Umgebung. In den etwas ruhigeren Nebenstraßen hängen rote Laternen, ein Verweis auf das immer noch zu feiernde chinesische neue Jahr.

George Town zeigt sich architektonisch
Unsere Unterkunft: Chinesisches Clan-Haus

Unser Hotel fühlt sich sowohl von außen als auch von innen wie ein gehobeneres Haus einer adligen oder zumindest reichen Bürgerfamilie an. Durian-Früchte sind natürlich verboten, mittlerweile fast obsolet, dies zu erwähnen. In mehreren Schächten, u.a. über der Rezeption und weiter hinten, kann man nach oben sehen, in letzterem führt noch ein Seil mit Korb in die Vertikale. Für Frachten wird heutzutage aber ein sehr langsamer, aber dafür sicherer Aufzug benutzt, wie uns die chinesisch aussehende Mitarbeiterin mitteilt. Auf Nachfrage erzählt sie mir, dass das Haus einem chinesischen Clan gehört. Den Namen vergesse ich schnell wieder, dieser hat im hier verbreiteten Hokkien-Dialekt aber eine bestimmte Bedeutung. Solche Gruppierungen gebe es auf der Insel viele, etwas ganz Normales. Unser Gastgeber leihe sich das Haus vom Clan, da gebe es langfristige Verträge. Früher wurde das Anwesen, wie ich fast sagen will, für Medizinstudenten genutzt, die haben hier wohl gelernt und praktiziert. Also nichts mit Familie. Was aber auch nicht das Raumgefühl schmälert. Im ersten Stock bekommen wir ein längliches Zimmer mit hohen Decken aus Sauerkrautplatten und zwei Fenstern zur Gasse. Die Holzläden klappen nach außen, jetzt fühle ich mich wahrhaftig wie ein Adelsherr. Solange die Wasserhähne nicht vergoldet sind, kann man sich das aber auch mal gönnen, findet Papa. Die Wände sind hüfthoch türkis angemalt, hinter einer ebenso farbigen Doppeltür findet sich der Fernseher. Es gibt eine sehr tief hängende Lampe, gemütliche Betten, kein Steckdosenproblem und edlen Parkettboden. Wir sollen die Fenster bei jedem Verlassen unbedingt schließen, der Regen hier könne extrem plötzlich kommen. Ansonsten werden wir in Ruhe gelassen, das lässt sich die nächsten vier Nächte wohl aushalten.

Erdgeschoss des Clan-Hauses
Unser Zimmer für die nächsten Tage

Und wie so oft wollen wir auch heute noch etwas erleben, ziehen zu einer kurzen Erkundungstour los. Da wir nah am Wasser leben, lohnt sich der Gang nach Norden, bald erreichen wir die Promenade. Auf dem Weg offenbaren sich sowohl die erwartbaren hässlichen Hochhäuser, die es in Südostasien ja wirklich im Überfluss gibt, als auch, und das ist viel weniger selbstverständlich, eine beträchtliche Auswahl historischer Gebäude. Das Rathaus präsentiert sich im viktorianischen Stil, beweist Papa stolz sein Architekturwissen. Tatsächlich waren die Briten in Malaysia, falls das in den letzten Tagen nicht irgendwie durchgeklungen ist. In der tropischen Kolonie haben sie jede Menge schöne Bauten hinterlassen, insbesondere in George Town, das nach dem dritten seiner Art benannt wurde. Dem dritten bekannten, versteht sich. Ob aus Emanzipation oder nicht, viele Malaysier sprechen stattdessen von „Pulau Pinang“, da die gesamte Insel in vielen Fällen gleichbedeutend ist.

Viktorianisch erbautes Rathaus von George Town
Sommer-Feelings

Am Meer kann man problemlos nach rechts auf das Festland schauen, was je nach Definition natürlich ebenfalls eine Insel ist. Links sieht man ebenfalls eine Insel, aus deren Perspektive wiederum Penang das Festland ist. Vor einem alten, aber gut instand gehaltenen britischen Fort, das wohl auch deshalb UNSECO-Weltkulturerbe ist, ankern zwei Kreuzfahrtschiffe. Über die vielen Hafenzäune kann man nur schlecht blicken, aber die latinoartige Partymusik klingt auch so durch. Klar: schöne Städte, schön überlaufen. Erkennen tut man das hier vor allem am übermäßigen Angebot der Fahrradtaxis. Eine zweirädrig tiefliegende, Mini-Sofa-artige Ladefläche vorne, für den guten Ausblick, den strampelnden Fahrer über dem Hinterrad. „Fühlt sich irgendwie falsch an“, findet auch Papa. Nur weil es fremd ist und irgendwie wirkt, als würde es zum Ort passen, muss man es trotzdem nicht mitmachen. Auf jeden Fall bemerke ich viele Briten, die hier die Überreste ihres Weltreichs begucken und dabei gerne auf die billigen Fahrdienste zurückgreifen. Das Fort ist übrigens geschlossen, aber auch von außen sieht man recht viel, die Mauern und Burggräben erstrahlen im Umfeld saftigen Grases. An der Seite zeigt sich der Grund, es gibt anscheinend restaurierende Bauarbeiten. Die gechillt in Zinnen hockenden Arbeiter können bestimmt nicht viel kaputt machen, sehen in ihren Alltagsklamotten ohne Helm und nur mit einer Spachtelstange ausgestattet aber auch nicht gerade so aus, als wären sie qualifiziert, Weltkulturerbe zu pflegen.

Entlang Penang‘s Küste, in der Ferne die Insel „Andaman“
„This Clock Tower was presented to Penang“
Geschlossenes britisches Fort

Wir ziehen dann weiter in Richtung Innenstadt, dort wollen Papa und Julian bei der „Heritage Trust“ vorbeischauen. Ein unscheinbares Gebäude neben den ganzen aufmerksamkeiterregenden farbigen Exemplaren beherbergt eine Stiftung, die in ihr Wohnzimmer einlädt, sich über George Town zu informieren. Wir erkundigen uns nach Stadtrundführungen, die in vielen asiatischen Sprachen und Dialekten angeboten werden, und Englisch. Papa lässt sich die Nummer der freundlichen Organisatorin geben, dann ziehen wir ab.

Farbige Gebäudekomplexe in der Innenstadt

Um fünf bin ich mit Giuseppe verabredet, Julian und Papa gehen anderen Weges. Wir treffen uns im Kiez südwestlich der Unterkunft, auf Google nur mit „Penang Street Art“ vermerkt. Auf dem Weg dorthin begegnen mir die wunderschöne Lokale Feuerwache, die Straße zustinkende Durian-Läden und eine Menge asiatischer Touristen, die vor Graffitis Schnappschüsse machen. Gar nicht so anders als in Berlin.

Wunderschöne Feuerwache

Giuseppe kommt italienische zehn Minuten zu spät, schlendert in seinem weißen Leinen-Outfit über den Fußgängerweg. Er grinst, dann geben wir uns einen Handschlag. Da er bereits vier Tage hier ist, kennt er sich aus und führt mich durch die Gassen. Dabei erkundigen wir uns nach dem gegenseitigen Wohlbefinden und stellen fest, wie witzig es doch ist, dass wir uns nun schon zum dritten Mal begegnen, mehr oder weniger zufällig. Vor genau sechs Wochen haben wir uns zum letzten Mal in Taitung gesehen, finde ich später beim Schreiben heraus.

Eine von vielen liebevoll geschmückten Gassen des Viertels

Während wir durch die unzähligen Gassen mit Graffiti und Glamour gehen und dabei immer wieder mit anderen Touristen zusammenstoßen, so eng ist es stellenweise, bekomme ich Peppes Geschichte ab Taitung erzählt, oder jedenfalls das wichtigste davon. Schon zuvor hatte er auf 小琉球 „Xiǎo Liúqiú“, der Schildkröteninsel vor Kaohsiung, eine Taiwanesin kennengelernt, die er danach noch einmal in Taipei getroffen hat. Sie haben sich so gut verstanden, dass sie später zu ihm nach Thailand geflogen sei und sie dort eine Woche zusammen verbracht hätten. Giuseppe habe in ihr eine Seelenverwandte gefunden und will sie demnächst in den Philippinen wieder treffen. Für die Zeit danach haben sie einen „deal“ gemacht, dessen Inhalt ich mir gut vorstellen kann. Nächstes Jahr macht sie irgendeinen Abschluss, danach wollen sie weiterschauen. So weit, so gut, erinnert mich das Ganze doch sehr an einen Deutschen, dessen Bekanntschaft in anfangs in Taiwan gemacht habe. Allerdings ist Giuseppe eine ganz andere Art Mensch und hat vor allem weder Absicht noch Möglichkeit, sich die finanzielle Abhängigkeit einer asiatischen (Haus-)Frau zu sichern. Vielmehr ist seine Perle so erfolgreich, dass sie kurz vor dem 30. Lebensjahr mehrere Techabschlüsse, ein eigenes Startup und damit sichere Standbeine vorweisen kann. People habe sie erzählt, dass es schwierig sei, in Taiwan Männer zu finden, die bereit seien, sich in die schlechter verdienende Rolle zu begeben, das findet er ziemlich absurd. Ach, ich kenne da auch in Deutschland ein paar Kandidaten, für die das ein Problem wäre… Peppe kann das kaum glauben, immerhin lebt er im emanzipierten Barcelona (er ist übrigens 32). „If you talk and just say the word „woman“, many people in Spain already complain. ‚We are all equal!‘“, gestikuliert er. Ich verstehe schon, davon hat Berlin ebenfalls Kandidaten.

Auf unserer Tour gelangen wir sowohl in überbevölkerte Tourismuszonen als auch in hinterhofsmäßige Ruinen, in denen sich manchmal aber trotzdem Graffiti finden lässt. Einmal betreten wir fast ein muslimisches Badehaus, ein andermal lose Wände ohne Dach, ein perfekter lost place. Hier eine Auswahl der Straßenkunst:

Könnte fast von einer KI erzeugt worden sein: ‚Mix aus Schmetterling und Katze, Fliegermütze‘
1867 hat eine Kanone hier ein großes Loch erzeugt
Ein bisschen klassisches Graffiti
Wer braucht schon Museen, wenn man entomologische Lexika an der Wand findet?
Wie lautet hier eigentlich die Berufsbezeichnung, Seeschmied? Wasserschweißer?
Das sind mir ja die liebsten. Unter allen übrigens kein Banksy, falls sich das irgendwer fragt (ich).
Beige Moschee
Angeschlossenes Badehaus

Ich weiß es bereits durch entsprechende Instagram-Posts, will Giuseppe aber natürlich persönlich dazu befragen, denn er war in Thailand knapp zwei Wochen ohne Internet. Freiwilligen Verzicht auch auf sonstige weltliche Erlebnisse und Güter hat er in einem nordthailändischen Ressort geübt, das buddhistisches Meditieren beibringt. Detail für Detail schildert der Junge mir seinen dortigen Tagesablauf. Zunächst einmal meldet man sich für zehn Tage Meditieren an, plus jeweils einen An- und Abreisetag. An jedem Tag klingelt der Wecker um vier, woraufhin man entweder in der Halle oder im eigenen Zimmer (was zum Cheaten in Form von Schlafen einlädt) anfangen zu meditieren. Später gibt es Frühstück sowie Instruktionen durch einen Lehrer und weiteres Meditieren. Um elf wird Mittagessen serviert, daraufhin fröhlich weiter meditiert, bis um 17 Uhr die wichtigste Stunde anbricht. Dort bekommen die Schweigenden (Reden ist nicht erlaubt) ein Video des Instrukteurs gezeigt, der zu ihnen spricht und erklärt, was in ihnen gerade vor sich geht. Das muss ziemlich beeindruckend gewesen sein, so wie Giuseppe es beschreibt. „He knows’e everything! Everything about’e me’e.“ Am ersten und zweiten Tag geht es ganz grundsätzlich darum, vom Denken des Alltags loszulassen, sich auf den eigenen Atem zu konzentrieren, sich seiner Reaktionen auf Beobachtungen bewusst zu werden. Mit Essens-Beispielen (Apfel, Pizza) erklärt Giuseppe mir, was das konkret bedeutet: „When you hear‘e the word ‚pizza‘, you think about it and evaluate. You lik’e pizza and you want to eat it. But becaus’e right now, becaus’e you can’t eat pizza, you will be sad‘e. But everything is temporary, so that’s what your mind needs to know.“ Diesem Verlangen nach Pizza nicht nachzugeben, ist für Napolitaner bestimmt besonders hart. Er lacht über meine Moskitovergleiche, die ich als deutlich härtere Challenge ins Spiel bringe: Warum nicht Moskitos beim Stechen zuschauen, wenn alles sowieso temporär ist? Aber im Ernst, Giuseppe wird wohl am meisten mit den Gedanken an seine taiwanesische Bekanntschaft beschäftigt gewesen sein, so höre ich das raus. Ich kann mir gut ausmalen, was da in seinem Kopf vor sich gegangen sein mag. Aber selbst das habe sich nach einigen Tagen verflüchtigt, alle Achtung. Ob er den Zustand erreicht hat, nach einer Beobachtung keine Bewertung vorzunehmen, ganz allgemein? „Noo. That is a challenge for the whole life.“ Aber er habe deutliche Fortschritte gemacht. Generell sind die Aufgaben natürlich so aufgebaut, dass alle Teilnehmer etwas davon haben. Nach den ersten Versuchen, sich stundenlang auf den eigenen Atem und eine Stelle unter der Nase zu konzentrieren, haben die Lehrlinge dies auf alle anderen Bereiche des Körpers übertragen müssen. In Peppes Erklärung fällt oft das Wort „chemical body process“, ich kann mir vorstellen, was er meint. An einem Tag habe er nachts so intensiv seinen Bauch gespürt, dass es richtig unangenehm war. Aber das zu akzeptieren, war seine (einkalkulierte Challenge). Auch Schmerzen am Fuß konnte er nicht wie sonst an die KI delegieren, stattdessen hat er so lange sein Gelenk ertastet, bis er Schmerzquelle exakt lokalisieren konnte. Das Vertrauen darin, dass auch dieser Schmerz nur temporär ist, hat vermutlich auch im Heilungsprozess geholfen.

Was die Kosten angeht, war das ganze treatment übrigens kostenlos. Es wurde nur am Schluss zum Spenden aufgerufen, was bis auf eine Person auch jeder getan habe, meist nicht zu knauserig. Auch Peppe meint, dass er dem Ganzen etwas zurückgeben wollte. Für die exakte Summe hat er aber die KI gefragt, irgendwie finde ich das lustig. Dass so eine Sache inklusive Essen und Unterkunft gratis ist, lässt mich erst einmal aufhorchen, noch nie klang etwas mehr nach einem Scam als das hier. Allerdings haben wir ja erst letzte Woche im Fóguāngshān-Museum gesehen, wie altruistisch buddhistische Institutionen und ihre Anhänger sein können. Die Tatsache, dass ich jetzt einen Teilnehmer kenne, der mit seiner eigenen Spende außerdem beweist, wie sich das System grundfinanziert, beruhigt mich. Ehrlich gesagt werden für jeden Tag zehn Stunden meditieren nicht gerade umfangreiche Ausstattung oder zusätzliche Geldtöpfe benötigt. Auf der Website ist zu sehen, dass für jedes Event genauso freiwillige Helfer gesucht werden, die höchstwahrscheinlich ehrenamtlich tätig sind. Schon bevor Giuseppe eine explizite Empfehlung ausspricht, bin ich restlos überzeugt. Die Idee vom Loslösen aus der schnelllebigen Welt von heute gefällt mir, seit ich letzten Sommer einmal fünf Tage ohne Internet gewandert bin, spätestens aber seit meiner Fahrradtour alleine, während der ich angenehm viel Zeit mit mir selbst hatte. Peppe zeigt mir die Website der Organisation, auch in Europa gibt es davon jede Menge Angebote. Man könne sich dabei so sehr von den dominierenden Gedanken des Alltags lösen, dass er mir empfiehlt, einfach einen freien Slot zu buchen. Egal, ob es während der Bachelorarbeit oder im Liebeskummer sei. Ich hoffe, ich halte mich an meinen Wunsch.

Mittlerweile sind wir einen Großteil des Kiezes abgelaufen, die meiste Zeit redet Giuseppe, ziemlich laut, viel Augenkontakt und mit seinen Armen fuchtelnd. Italiener halt. Abgesehen von seiner Ressort-Erfahrung bekomme ich für Thailand weitere Tipps, unter anderem soll ich mir in den 7/11‘s vor Ort ein Mittel gegen Insekten besorgen, die auf den Inseln der Ostküste heimisch sind. An einem Strand hätten ihn Affen angegriffen, dahingehend soll ich ebenfalls vorsichtig sein, und bei Kontakt immer ins Krankenhaus gehen, selbst mit nur kleinen Kratzern. Obwohl er viel redet, wirkt Peppe sehr aufmerksam (kein Wunder). Selbst wenn ich nur ein kleines Wort einwerfe, hält er sich selbst an, um mich meinen Gedanken formulieren zu lassen. Außerdem fragt er, inwiefern ich auf der Fahrradtour zum Denken gekommen bin und vergleicht seine Erfahrung mit meiner, als könnte man das einfach so tun. In seiner Position hätte ich das bestimmt nicht getan; grundsätzlich finde ich es nämlich immer sehr nervig, wenn andere Leute ihre Möchtegernerfahrung einwerfen und meine Erzählung damit relativieren. Aber so entspannt kann man scheinbar werden, wenn man meditiert. Wir laufen jetzt durch ein Viertel am Hafen, das nicht nur komplett aufgestelzt errichtet wurde und UNESCO-Weltkulturerbe ist, sondern immer noch bewohnt wird. Es ist allerdings weniger ein richtiges Viertel als mehrere plankige Dorfstraßen, die von der Hauptstraße in Richtung Wasser abzweigen und als Stege ins Meer rausragen. So oder so wunderschön, wir laufen jeden einzelnen Steg ab und entdecken so den (leider geschlossenen) „Flowing Buddhist Temple“, Marktstände, chinesische Neujahrsbeschmückung, halbautomatische Angeln und tolle Blicke zur Seite und auf den Industriehafen in Butterworth.

Plankiger Kiez
In der Ferne der Industriehafen Butterworth
Gemütliche Ecken am Wegesrand
Im Hintergrund der ultimative Kontrast
„Flowing Buddhist Temple“ und grundsätzlich eine schwebende Gruppierung Häuser
Ohne Wasser zu sehen, sind das für mich schon Strandhäuser
Der berühmteste Steg des Viertels
Noch mehr Graffiti

Auf dem Spaziergang im frühen Abendlicht bekomme ich außerdem Empfehlungen für Penang. Morgen wäre ein guter Tag, den Hügel zu besteigen, dazu könne man einen Besuch im Tempel am Fuß des Berges einbauen. Die Strände im Westen seien auch schön, dahin könne ich mir ja einfach einen billigen Grab nehmen.

Um 19 Uhr sind wir dann wieder am Ausgangspunkt. Giuseppe hat noch Zeit, ich entscheide aber für mich, dass es reicht. Rückblickend nicht ganz rational, ich habe es ja sehr genossen, aber mein inneres Gespür sagt mir manchmal, dass bestimmte Momente nicht besser werden. Außerdem bin ich Weltmeister im ‚so lange bleiben, bis das Gegenüber irgendwann angibt, keine Zeit mehr zu haben‘, deshalb ist das auch eine gute Übung. Auf jeden Fall dürfen diesmal keine Abschiedsfotos am berühmtesten Graffiti der Gegend fehlen, dazu die herzlich ausgesprochenen Einladungen, uns jeweils in Europa zu besuchen. Giuseppe bietet mir in Barcelona ein Gästezimmer, angesichts der teuren Unterkünfte ein sehr ernste Überlegung wert. Zum Abschied umarmen wir uns und in italienischer Emotion hebt Peppe hervor, wie besonders er findet, dass sich unsere Wege zum dritten Mal gekreuzt haben. Generell sei Taiwan für ihn aber ein Land der Begegnungen gewesen: Neben mir und seiner Quasi-Freundin habe er dort eine Menge anderer toller Leute getroffen. Das glaube ich ihm sofort.

Vor dem berühmtesten Graffiti in George Town
Selfie vor der Feuerwache

Für ein Essen mit Julian und Papa bin ich aber etwas zu spät, also organisiere ich mir selbst etwas. Ein vegetarisches Restaurant mit sehr billigen Preisen lacht mich an, allerdings nur von außen. Die Kellner verziehen keine Miene, schauen mich ausdruckslos an. Zu meiner Dosa bekomme ich kein Besteck, wage es aber nicht, danach zu fragen. Eventuell ist das hier ja normal, auch wenn ich hinter der Theke Gabelenden aufblitzen sehe. Auf jeden Fall zähle ich mich jetzt zu den Leuten, die in einem Restaurant schon einmal ausschließlich mit den Händen gegessen haben (Burger, Pizza und Döner zählen nicht!). Leider bleibt von der Soß viel zu viel übrig, ansonsten ist der fettige Zwiebel-Fladen in Ordnung, nur halt viel zu wenig. Zu den 14 Ringgit (3€) gebe ich kein Trinkgeld, das hätte sich falsch angefühlt.

Ruhige Seitenstraße in George Town
Fettige Dosa, ohne Besteck und Serviette

Mit der Magerkost komme ich nicht aus, besuche also noch einen 7/11 und besorge Mikrowellenreis, Eis und Sarsaparilla, die chinesische Heilmedizin unter dem Deckmantel von schwarzer Cola. Oder umgekehrt. Vor dem Hotel steht Papa, liest sich ein Schild durch, gerade fertig geraucht. Mit ihm trinke ich einen Eis-Smoothie und stelle fest, tagsüber viel zu wenig getrunken zu haben, dann geht es hoch. Das Mikrowellenessen ist ungelogen eines der besten, das ich je aus einem 7/11 bekommen habe. Interessant, dass kein ‚vegetarian‘ drauf steht, obwohl die Fleischkomponente offensichtlich durch Soja ersetzt wurde. Papa fällt es in der neuen Unterkunft schwer einzuschlafen, stiefelt kurzzeitig rastlos umher, nur um dann hörbar tief einzuschlafen. Julian tut es ihm gleich, ich höre zu.

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