Penang (Freitag, 6. März)

Man kann es glauben oder nicht, Papa findet doch noch ein gutes Frühstück. Man habe überhaupt nicht das Gefühl, „dass hier alles Hauptsache billig eingekauft wurde.“ Wie schön! Mir schmeckt‘s auch, die Auswahl an Pilztaschen, Kokosnusssnacks, Curry-Pfannkuchen oder frittierten Bananen fühlt sich heimisch an, nur die Laktose im Müsli macht mir zu schaffen. Weil wir auf Giuseppes Empfehlung hin den Berg erst gegen Abend besteigen wollen, füllen wir den Vormittag anderweitig. Mit einem Besuch auf Asiens ehemalig höchsten Gebäude, dem „Komtar“, nehmen wir auch auf Julians Müdigkeit Rücksicht. Zumindest ist es das, was Papa ihm diagnostiziert. Das markante, aber keinesfalls schöne Gebäude in punktsymmetrischer Polygonalform ragt über alle niedrigen Häuser des Hafenviertels und befindet sich in oder über einer riesigen Shopping-Mall. Am Eingang des „Kompleks“ ist der Turm immer noch weit weg, man muss sich seinen Weg dorthin bahnen.

„Komtar“
Erinnert mich stark an den Augsburger Maiskolben. Nur hässlicher, der Aufzugsschacht wurde rücksichtslos an die Seite geklatscht…

Wie schon in den Cameron Highlands wirkt die Mall ziemlich trostlos. Im Verhältnis zu den Besucherzahlen geben alle blinkenden Automaten und Freizeitangebote wie LED-Rutschen, Flipper und Glücksspielmaschinen ein schwaches Licht ab. Ein einsamer Foodcourt wirbt mit „tradisionel“, auf das Angebot bezogen. Als wir uns langsam zurechtgefunden haben, weisen lächelnde Kopftuch-Mitarbeiterinnen und den Weg. In einem leeren Gang kann man Tickets kaufen, pro Person kostet der Ritt in den 68. Stock 75 Ringgit (16,35€), etwas mehr als für Taipei101. Der Fahrstuhl hat zwar einen großen Bildschirm, dafür aber keine weiteren Gimmicks, etwa Halte zwischen dem fünften und 65. Stockwerk. Oben angekommen, werden die weniger Besucher in einen abgedunkelten Raum geführt, wo ein Imagefilm wartet. Viel zu laut wird der Turm zu Gute-Laune-Musik gelobt, seine Erfolge und Strahlkraft gepriesen. Man sitzt die Peinlichkeit eben aus. Eine Überraschung gelingt dem Betreiber aber am Ende, als der Vorhang aufgezogen wird und man direkt auf die George Town‘er Skyline blickt.

Hinter dem Vorhang

Anschließend wird der Dreiviertelrundgang freigegeben. Auch wenn ich gerade erst auf einem deutlich höheren Hochhaus war, so ist die Kulisse hier doch etwas besser. Man sieht George Town, Butterworth auf der Festlandseite, den Penang Hill im Westen, die zwei sehr langen Brücken im Süden. Die hintere war angeblich mal die längste Asiens, mittlerweile weit übertroffen durch chinesische Prestigebauten.

Lange werden wir auch hier nicht in Ruhe gelassen, es steht ein Skywalk an, den wir uns immerhin bei der Buchung ausgesucht haben. Ein bisschen bodenlos ist der Preis für das verpflichtende Schließfach, drei Euro für fünf Minuten Sachen abstellen… Eine Sonderecke stellt Sicherungsgurte bereit, und auf einer Werbewand nebenan sind eindrucksvolle Bilder von Besuchern zu sehen, die seilgesichert am Abgrund tanzen, sitzen, klettern. Bei den Bildern wird auch mir etwas mulmig, ich freue mich aber über die Challenge. Papa bekommen wir gerade so überredet, trotzdem mitzukommen, die andere Touris machen es ja auch. Also leint und das Personal mit den schnellen Sonnenbrillen an, dann geht ed durch eine rote Tür nach draußen. Ab hier befinden wir uns zwischen Gebäude und Drahtzaun, immerhin der Boden unter uns ist gittrig gehalten. Die dick auskragenden Stahlträger sichern uns definitiv ab, der Blick ist vor allem interessant. Langsam geht es um das Gebäude herum, ein anderer Mitarbeiter schießt Fotos von allen. Man kann aber auch selber welche machen und ich finde besonders toll, dass man endlich mal in großer Höhe ist und keine verdreckte oder spiegelnde Scheibe vor der Nase hat.

Gesicherte Führung auf einem gesicherten Rundgang
Endlich mal Aussicht ohne vermilchte Scheibe
Uuuiii, ist das tief
Stolzer Skywalk-Teilnehmer
Penang und das Festland
George Town Altstadt

Recht unspektakulär endet das Ganze aber wieder am Aufzugsschacht, die Werbebilder waren also eine glatte Lüge. Innen winkt und ein Mitarbeiter an einen Bildschirm, wo wir die geschossenen Fotos kaufen können, zusätzlich zu welchen, die unten am Eingang gemacht wurden. Soweit die Ähnlichkeit mit Taipei101. Nach respektvoll künstlichem Überlegen lehnen wir dankend ab, wir haben selbst ausreichend Bilder. Als Nächstes zieht ein großer Glasboden meine Aufmerksamkeit, für den man die Schuhe ausziehen soll. Genau deswegen ist er wohl auch so sauber, und ehrlich gesagt verlangt mir es mir viel mehr Mut ab, darauf zu laufen, anstatt die Aktion davor. Was, wenn das Glas bricht? Nicht dran denken. Ein süddeutsches Pärchen lädt mich ein, an ihrem Foto-Shooting als Kameramann teilzunehmen.

Jesus ging übers Wasser…
Malaysische Verkehrssimulation
Un-ter den Fü-ßen…

Als Nächstes geht es nach ganz oben, das 1976 fertiggestellte Gebäude wurde irgendwann nämlich um drei Stockwerke erweitert. Auf absolut künstlichem Kunstrasen könnte man hier sitzen und etwas essen; könnte. Dafür ist es aber viel zu heiß, das einzig Lohnende ist die Aussicht, sowie ein weiterer Skywalk, der aus einem auskragenden Halbkreis mit Glasboden besteht. Die paar Meter Aufmerksamkeitsarchitektur geben sich selbst wieder irgendeine Rekordbezeichnung (irgendwas in die Richtung ‚erster kreisförmiger Skywalk Südostasiens mit Glasboden), Oskar hätte sich totgelacht. Obwohl er super dreckig ist, soll man Schuhschoner anziehen, zudem wird man wieder endlos fotografiert. Papa (der sich diesmal aufs Glas traut), Julian und ich sollen auf Anweisung zehn verschiedene Posen einnehmen und Zeichen machen, darunter die Russenhocke und diverse Handzeichen in die Ferne. Gut, dass wenig andere Leute dieses Affentheater beobachten können. Die mittlerweile 65 geschossenen Bilder lehnen wir gediegen ab. Und das, obwohl der nächste Mitarbeiter sie für ‚nur‘ 65 Ringgit (14€) anbietet. Ja ich glaub auch, für wie blöd hält man uns eigentlich? Dabei sind sie weder szenentechnisch gut aufgebaut, noch gut belichtet oder überhaupt mit einem guten Smartphone geschossen. Sein Handy hat der Mitarbeiter lediglich in ein Gestell eingeklemmt, um bessere Stabilität zu erreichen. Dass das überhaupt nötig ist, sagt schon alles.

Da hat man so eine schöne Aussicht… und so ein Deck…

Ich wundere mich schon gar nicht mehr, als man uns unten am Ausgang ein weiteres Mal vor dieselbe Entscheidung stellt. Unser sofortiges Ablehnen wird mit beleidigtem Schweigen quittiert. Wahrscheinlich vergibt der Betreiber Boni für erfolgreiche Verkäufen, anders kann ich mir das unnötig nervende Prozedere nicht erklären. Der Turm ist cool, aber wie abartig er vermarktet wird, bleibt mir schlecht in Erinnerung.

Da die Laune runter geht (u.a. mein Humor wird regelmäßig missverstanden), suchen wir uns ein Restaurant. Schwieriger als gedacht, während Ramadan in einem muslimischen Land. Irgendwo gibt es aber einen richtigen Malaysier, hier können wir endlich das Nationalgericht probieren, das insbesondere Julian von einem Freund empfohlen bekommen hat: Nasi Lemak. Die Grundlage besteht aus Reis, hart gekochtem Ei, gesalzenen Erdnüssen, der roten Paste Sambal und knackig harten Anchovis, dazu gibt es wahlweise Fleisch oder andere Extras. Es ist billig und schmeckt gut, nur die Säfte sind merkwürdig und schwer zu trinken. Mein „Sour Sop“ oder Julians antibiotikaartigen Saft muss man nicht unbedingt erneut bestellen.

Erstes Mal Nasi Lemak

Danach nehmen wir einen Bus zum größten Tempel der Gegend. Ein vor sich hin brabbelnder Mann gibt Auskunft über die Tickets, die Fahrt kostet uns drei gemeinsam sechs Ringgit (1,30€). Das Grundstück des „Kek Lok Si“-Tempels liegt am Hang und ist deshalb naturgemäß unübersichtlich. Viele Treppen führen nach oben, vor allem aber an Schildkröten in echt und aus Stein vorbei. Verkäufer preisen ihre gekühlten PET-Flaschen an, kleine Buddhas spielen versteinert auf der Wiese.

Thank you, Sir, thank you, Sir
Schildkröten-Territorium

Der Hauptteil weiter oben ist zwar beeindruckend, da reizüberflutend. Blumen und Architektur sprühen bunte Farben um sich herum, eine Pagode mit Lotussockel stellt den Symmetriepunkt einer Gartenkuhle, rote und gelbe Laternen wimmeln an den Decken chinesischer Gänge, kreisrunde Wandöffnungen zeigen einem neue Zimmer und Gärten. Allerdings habe ich die meisten Dinge so oder so ähnlich bereits gesehen, in anderen Kombinationen, Formen und Farben. Anders als in europäischen Kirchen habe ich bei buddhistischen (und noch viel mehr bei taoistischen) Tempeln das Gefühl, dass einige Elemente einer zentralen Massenproduktion entstammen, egal wie schön sie auch sind. Aber vielleicht fehlt mir trotz all den Besuchen immer noch das Auge dafür. Dem „Kek Lok Si“-Tempel (was für ein Name übrigens…) muss ich aber zugute halten, dass er ein paar Boni besitzt. Zum einen ist da die große Gebetshalle, die zumindest in ihren Dimensionen ein Unikat ist. Die Deckenhöhe erinnert an kleine Kathedralen, mitsamt vollumfänglichen Verzierungen. Lächelnde Touristen schauen sich draußen sich die Galerie an brennenden Vasenkerzen an.

Eine kirchenähnliche Decke
Lotuspagoden, Laternen, lebendiger Garten
Kek Lok Si
Eine wuschelige Decke auf Kopfhöhe

Den verwinkelten Aufbau am Berg sehe ich ebenfalls positiv, das lädt zum Gucken ein. Die tollsten Elemente befinden sich aber ganz oben. Mit einer Zugseilbahn kann man hinauffahren und sich den Fußweg sparen. Dort gibt es einen großen Platz und einen überdimensionalen Pavillon mit riesiger Bodhisattva-Statue, leider nicht betretbar. Man kann auf die Skyline der Stadt blicken; mir wird noch einmal klar, wie hässlich der Turm von heute Vormittag eigentlich ist.

Auf der höchsten Ebene
Hochskalierte Bodhisattva

Wie richtige Profis arbeiten wir unsere Ziele ab, da kann man auch mal müde werden. Also sind wir so bequem und nehmen uns unseren ersten Grab, die Uber-Alternative in Südostasien. Spottpreise tragen einen hier von einem zum anderen Ort. Unsere Fahrerin hat sogar Spaß daran, ein paar Infos über George Town zu droppen, inklusive über die Affen auf dem Penang Hill, den wir ansteuern. Sie setzt uns am Botanischen Garten ab, wo wir die Wasservorräte auffüllen und dann die letzte große Aktion starten.

Eine Komootroute weist den Weg schnurstracks in den Dschungel. Schon an der Straße turnen Äffchen hin und her, das kann ja was werden. Die Route als Weg zu beschreiben, wäre schon ein Kompliment sondergleichen, ich lasse das sein. Viel eher geht es steil bergauf, über und unter Baumstämmen, parallel mit Ameisenstraßen und einzelnen Riesenameisen, von Spinnen sehe ich zum Glück nur die Netze. Ob Papa in seinen Sandalen und Julian im geschwächten Zustand für die folgenden 700 Höhenmeter gewappnet sind, ist eine schwierige Frage. Mit der ersten Steigung schaffen wir aber Fakten, nach der keiner umkehren will. Julian ist mutig genug, sich über die Warnung unserer Fahrerin hinweg zu setzen, mit Plastik vorsichtig zu sein. Glücklicherweise beansprucht kein Affe seine zwischendurch knisternde Flasche. Uns begegnen nur vermooste Rohre und eine Menge Mücken, für die ich als Einziges noch ein paar Tröpfchen Spray dabeihabe. Naja, solange man sich bewegt, geht es halbwegs gut. Der verwunschene Pfad weicht erst deutlich weiter oben einer breiter getretenen Strecke. Ich habe mittlerweile Musik über mein Handylautsprecher laufen, erinnere mich dabei an den Tipp Rickys (von der Weihnachtswanderung), dass dies einen ordentlichen Motivationsschub geben kann. Tatsächlich fällt mir der Anstieg leicht, das kann aber auch gut daran liegen, dass ich endlich wieder etwas Sport mache. Ich bin kein bisschen ausgelastet, um ehrlich zu sein. Umso besser wird dadurch allerdings meine Laune, im Rhythmus des chinesischen Pop springe ich von Wurzel zu Wurzel, summe mit.

Dschungelwanderung: Julian…
…Papa…
…und die systemkritische Wasserversorgung
Ein befreundeter Ameisenfan sagt mir, dass das eine „Camponotus“ sein könnte, eine der größten Arten der Welt

Wie in einem Videospiel treffen wir irgendwann auf eine Baustelle, die sich hinter den Bäumen auftut. Oberkörperfreie Arbeiter sitzen neben einer freigestellten Lehmgrube und winken uns durch. Was sie hier bauen? „Station, station.“ Für was, keine Ahnung. Das Setting erinnert mich aber an diese YouTube-Nische, in der irgendwelche Ureinwohner im Dschungel Lehmhäuser in die Erde bauen, mit geilen Features wie Pool, Kamin, Bett usw.

Dschungelbaustellar

Ab hier begleitet uns am Wegesrand ein sehr lautes Tier. Was ich zuerst als Motorsäge identifiziert zu haben glaube, entpuppt sich als immer wiederkehrendes Geräusch, extrem laut und nervig. Unachtsam könnte man es auch für ein Schreien halten, in jedem Fall ist die Frequenz sehr hoch, die Quelle nicht sichtbar. Halt die Schnauzeee, denke ich mir nach Kurzem. Erst eine Weile später entdecke ich einen der Übeltäter: Kaum größer als zwei Daumen, sitzt das nervige Insekt an einem Baumstamm und fliegt weg, als wir zu nahe kommen. Die Geräusche erzeugt es wohl durch das Aneinanderschlagen seiner Fühler, bin ich mir sicher, mal irgendwo gesehen zu haben. An einer zweiten „station“ fällt Papa ein, dass aktuell eine zweite Seilbahn auf den Berg gebaut wird, deshalb die Bauarbeiten.

Rollt hier gleich irgendwas den Berg runter? Arcade Fun
Auch mal in der Nachmittagssonne wandern

Julian geht es schon nicht mehr so gut, da treffen wir auf die Straße. Er humpelt und hustet, der hitzige Aufstieg ist wirklich nicht ohne. Uns kommen nun riesige Jeeps entgegen, die auf einer 30%-Steigung-Straße wild hupen, um vor ihrem Fahrstil zu warnen. Mir tut Julians Down zwar leid, aber auf der anderen Seite sehe ich es auch nicht ein, meine gute Laune davon in Mitleidenschaft ziehen zu lassen, also gehe ich weitgehend mein eigenes Tempo, warte natürlich alle paar Streckenmeter. Mit dem Handylautsprecher an der Kehle hört es sich fast so an, als würde man die Musik selbst singen, außerdem ist das die einzige Möglichkeit, die kleinen Gebüsch-Bastarde zu übertönen, im Bereich meiner Ohren.

Über eine letzte (Geister-)Baustelle finden wir nach ganz oben, wo unverschwitzte Touristen unbeschwert rumlaufen und Bilder knipsen. Es ist merkbar kühler als auf Meeresniveau, fast wie in den Cameron Highlands. Wir nutzen die Infrastruktur aus und gönnen uns ein paar Shakes. Julian offenbart seine Schmerzen vom Aufstieg, fängt aber aber langsam und solidarisch. Wenn wir bis zum Sonnenuntergang bleiben wollen würden, hätte er kein Problem damit. Kurzes Umschauen macht die Frage aber überflüssig. Abgesehen vom Dunst steht ein weiterer Berg im Weg, ein farbiger Himmel wird so nichts.

Für 700 Meter Höhe ist der Ausblick nicht gerade stark

Also bleibt der Rückweg. Eine Zugseilbahn aus Schweizer Produktion wurde hier 2011 eingeweiht und transportiert seitdem täglich Gäste rauf und runter. Das erklärt, warum der schräge Zug mir so bekannt vorkommt. Wir schauen ein letztes Mal den Berg runter, dann war’s das. Die Fahrt geht so schnell, dass die Ohren klacken, und schon sind wir unten.

Eine Bäckerei schenkt uns kurz vor Ladenschluss ihre restlichen „pastry“, dazu gibt es einen teuren Bubble-Tea. Außerhalb der Stammländer wie Taiwan, Südkorea oder Japan ist er einfach teuer und nicht original, das merke ich hier ganz besonders. Im Dunkeln kommen wir schließlich zurück, nach einem sehr langen und anstrengenden Tag. Wir essen im Erdgeschoss, dann gehen Papa und ich noch zum Waschsalon, neben dem ein Muezzin sein Unwesen treibt. Auf jeden Fall will sein Gesang auch nach einer Dreiviertelstunde nicht aufhören, das ist für unsere ungeübten Ohren durchaus eine Herausforderung.

Tagesabschluss

Später telefonieren wir noch mit Mama und planen den morgigen Tag: ruhiger.

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