Penang (Samstag, 7. März)

Um es heute ruhiger angehen zu lassen, haben wir als einzigen Programmpunkt eine persönliche Stadtrundführung gebucht. Vor einer ganz in Weiß gehaltenen Kirche treffen wir unseren Tourguide, Mr. David Low. Er stockt anfangs ein wenig, kommt aber schnell ins Reden. Als Malaysier sechster Generation ist er bereits im gehobenen Alter und verarbeitet unsere Informationen in großväterlicher Manier. Auf Papa, den „lawyer“ und uns zwei Söhne nimmt er immer wieder Bezug, um Dinge zu erklären oder Witze zu machen. Ich studiere Architektur? Großartig, schau doch mal hier, da ist eine Kirche, und da hinten gibt es noch mehr Häuser.

Nächstes Frühstück in unserem chinesischen Gasthaus

Zuerst allerdings öffnet Mr. Low eine laminierte Mappe und bringt uns die Basics George Town‘er Geschichte näher. Die Chinesen vor 600 Jahren waren offensichtlich die Guten, da sie nicht wie die darauffolgenden Portugiesen, Niederländer und Briten militärisch eingriffen, sondern die Länder entlang ihrer Erkundungsrouten mit handelsüblichen Mitteln unter ihre Kontrolle brachten. Leider verstehe ich einige Schlüsselwörter und Städtenamen nicht, zu denen Julian und Papa immer wieder nicken, schnell verliere ich den Anschluss. Ein paar Mal frage ich nach, verstehe aber auch die Antwort nicht. Der Akzent unseres Guides geht sogar in Ordnung, aber inhaltlich schaffe ich es einfach nicht. Es ist auch nicht gerade hilfreich, dass er immer wieder auf mich Bezug nimmt, weil ich in Taiwan war. „Just must have studied Mandarin very hard“, gefolgt von einem einfachen Satz, den ich kein bisschen verstehe. Auch von der Architektur der Hokkien-Tempel habe ich keine Ahnung. Selbst wenn ich Kurse an der NKUST gehabt hätte, wäre das wohl kaum Thema gewesen. Andere Begriffe, nach denen ich frage, kenne ich zwar grob, habe ihre englische Aussprache aber noch nie gehört. Seine erstaunten Blicke sind nicht gerade schmeichelhaft. Schnell überlege ich, die Tour einfach abzubrechen, ich muss mich ja nicht absichtlich quälen, mit Low-Performern abgeben.

Ein paar interessante Fakten gibt es natürlich trotzdem: Wir lernen, dass die Giebelenden im chinesischen Viertel nach den Elementen geformt sind, am häufigsten wohnen die Leute unter Metall. Ganz wichtig sind außerdem unsere eigenen spirit animals, Papa ist bspw. eine Ratte, Julian ein Affe. Ich selbst bin ein Wasserpferd, mit meinem diesjährigen 24. Geburtstag schließe ich den Kreis ein zweites Mal. Unser chinesisches Gasthaus ist außerdem kein ehemaliges Übungszentrum, sondern eine Art Apotheke, in der internationale Güter bestellt werden konnten.

Feuer-Giebel – sie schützen vor übergreifendem Feuer

Zu den Tempeln findet Mr. Low raus, dass ich praktisch gar nichts weiß, wir schauen uns einen von innen an. Er erklärt uns verschiedene Gottheiten und warum sie in Hongkong sowohl in Polizeistationen als auch im Wohnzimmer von Gangstern stehen. Loyalität, ein geteilter Wert in vielen Gesellschaftsschichten. Andere Götter richten sich speziell an Mädchen, die Parfüm opfern, oder an andere spezielle Bedürfnisse. Dann bekomme ich noch einen Architektur-Tipp, für später, wenn ich in Taiwan mal Häuser designen werde. Die Chinesen würden keine eckigen Ecken mögen, deshalb werden diese i.d.R. abgeschrägt oder abgerundet. Warum das hier im Tempel nicht konsequent durchgezogen wird? „Temple has its own rules.“ Das klingt natürlich interessant, aber jemand sollte ihm mal erzählen, worin die Taiwanesen eigentlich wohnen: größtenteils in billigen, fliesenbeschmückten und keinesfalls abgerundeten Klötzen.

Mr. Low klopft Sprüche
Opferstube in einem Hokkien-Tempel

Weiter oben an der Straße steht ein größerer Tempel, und unser Guide kommentiert das lebendige Geschehen des Platzes, als würden wir uns in einer Dokumentation befinden. Es ist wirklich erstaunlich, wie gut er die Ereignisse timt und darauf hinweist, wie sozial Hilfspakete an die Armen verteilt werden, eine Mutter ihrem Sohn das Beten beibringt, die Halbmondsteine zum Beten benutzt werden. Letztere dürfen Julian und ich mehrmals schmeißen, um in einem fiktiven Szenario zu entscheiden, wer jetzt Papas Ferrari bekommt. Hauptsache, niemand ist schuld, wenn einer leer ausgeht. Dass ich privat nicht bete, sei überhaupt kein Problem, versichert Mr. Low. Er erklärt uns, wie der Gedanke hinter dem Beten zu verschiedenen Göttern aussieht. „Would you by me a beer after the tour?“ Ich zögere. „You don’t have to say yes.“ „Okay – no.“ Papa gibt ihm dann die Zusage. „You see? If I ask a hundret people here, 99 will say no. But in the end I still get my beer.“ Verstehe. Wir schauen uns fast identische Löwenstatuen auf dem Platz an und sollen ihr Geschlecht erraten. Letztlich wird dieses auf der Hinterseite offenbart, dezente Organe geben den Hinweis. Weiterhin: „Tell me, is Buddhism a religion?“ Ich bin mir eigentlich recht sicher, dass es sich um eine der fünf Weltreligionen handelt, aber was weiß ich schon. In George Town weiß man es am besten, es handelt sich um keine Religion. Danach schauen wir uns noch einen Hindu-Schrein an, mehrere Männer beten, angezündete Kokosnüsse in der Hand. Einer grüßt unseren Guide, genauso wie viele andere Einheimische auf der Straße, die uns im Laufe der Zeit begegnen.

Über indische Architektur kann Mr. Low zumindest in Penang nichts erzählen, dafür über indisches Essen. Zuerst schauen wir einem Streetfood-Stand beim Abkühlen von Milchtee zu (indem dieser von weit oben in einen anderen Behälter geschüttet wird), trinken einen auf Kosten des Guides und gehen dann zum nächsten, Michelin-ausgezeichneten Stand weiter. Einen richtigen Stern erkenne ich nicht, aber das Essen hat eine Auszeichnung wahrhaftig verdient. Mr. fragt mich, ob ich „adventurous“ bin, „when it comes to food“. Klar, aber abenteuerlich würde ich die Kartoffeltasche nicht bezeichnen. Immerhin schmeckt sie gut tausend mal besser als diejenigen, die ich in Taiwan u.a. beim Diwali probieren durfte.

Teeschütten – in der kurzen Mittagspause haben die Arbeiter keine Zeit, das Abkühlen abzuwarten
„Teh Tarik“ aus der Mülltüte – was will man mehr?

Wir gehen dann weiter durch die Straßen, ich habe aber immer weniger Bock auf die Tour. Wenn Nachfragen in „You have to study more in Taiwan“ enden, lasse ich sie lieber sein. Außerdem fehlt mir der Fünf-Sekunden-Zurückspulen-Knopf, oder ein Text, aus dem ich die unbekannten Wörter googeln könnte. Julians und Papas Englisch-Level halten sich deutlich über meinem eigenen – normalerweise überhaupt kein Problem, aber hier bin ich einfach nur das Kind, das die Erwachsenen nicht versteht. Das entgeht auch nicht Mr. Low, der immer wieder nervig seine Hand auf meiner Schulter platziert und mich schließlich fragt, ob alles in Ordnung sei. Ehrlich gesagt, nein. Auch wenn ich ein großer Fan von direkter Ehrlichkeit bin, bringe ich es nicht über mich, ihm ins Gesicht zu sagen, wie unsympathisch ich ihn finde. Mir ist klar, dass Familie in asiatischen Kulturen eine große Rolle spielt, aber ich bin es aus dem letzten halben Jahr gewohnt, mehr wie eine eigenständige Person behandelt zu werden, ohne ständige Referenzen auf mein Elternhaus. Also sage ich einfach, dass ich mich (hier) nicht so wohl fühle und lieber zurückgehen möchte, keine Lüge. Wie erwartet, kann Mr. Low es damit nicht gut sein lassen, sondern drückt mir einen Schlüsselanhänger in die Hand, poetische Worte hinterher. „Find the missing keys!“ Den Schlüssel zur Liebe, zum Erfolg, ja zur Erleuchtung schlechthin wünscht er mir. Nett gemeint, nur leicht übertrieben. Keine Sorge, ich bin nicht schwer unglücklich, nur weil mir die Tour nicht gefällt. Im Gegenteil, es wird sogar besser, als ich ins Apartment zurückkehre. Sicher bin ich auch frustriert, so wenig über die Tempelkultur wirklich zu wissen und wüsste gerne mehr, aber es gibt elegantere Wege, dieses Wissen zu erweitern. Abgesehen von den Live-Kommentaren kann ich mir dazu nämlich auch YouTube-Videos anschauen, oder Texte lesen.

Julian und Papa bekommen noch eine Führung durch die „Jeti“s der Stadt, jenes aufgestelzte Viertel am Hafen, das ich mir vorgestern mit Giuseppe angeschaut habe. Insofern passt mein Tourabbruch auch inhaltlich rein. Während Papa nochmal loszieht, chillen Julian und ich im runtergekühlten Zimmer. Ich binge Avatar, nicht mehr lange bis zum Serienende, und drücke mich davor, noch mehr Bewerbungen rauszuschicken. Auch das ist im Urlaub erlaubt. Dafür gehen wir am Abend nochmal zu dritt los, nach Klamotten gucken und vegetarisch essen. Ein indisches Modehaus namens „Silk Palace“ hat den vierten Stock ganz für Männer bereitgestellt, ein Farbenmeer aus Hemden breitet sich aus, ohne weitere Besucher. Nur ein Mitarbeiter folgt mir auf Schritt und Tritt. Entweder aus Hilfsbereitschaft oder aus Misstrauen, so genau kann ich das nicht benennen. Einige Oberteile gefallen mir, allerdings sind die indischen Hemden alle ultimativ (für mich) unpassend geschnitten: oben viel zu eng (ist ja klar, bei den breiten Schultern), unten eher für schmächtige Bierbäuche ausgelegt. Ich wäre ja gerne schick, aber es passt nicht! Auch Julian muss sich noch überlegen, ob er lieber winzige Fliesen oder anderen Schnickschnack als Ohrringe hätte.

Indisches Vierstock-Modehaus
Farbenmeer aus Händen

Wir liefern Julian im Hotel ab und gehen nochmal auf die Suche. Ein Sportshirt im ultimativen Touri-Shop lehne ich aber ab, nachdem Papa sich dort schon zuvor einigermaßen hat abzocken lassen. Dafür bekomme ich ein lokales George-Town-Stoff-Shirt mit buntem Motiv, 45 Ringgit (knapp 10€). Dazu langen wir in einer indischen Süßwarenbäckerei zu, greifen vor allem die Teilchen ab, die unbekannt, farbig und süß aussehen.

Farbige Teile zum Nachtisch – keine Drogen!!1!

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