Am letzten Tag in Penang, und letzten Tag gemeinsam mit Papa, besuchen wir noch die Westküste der Insel. Dazu nehmen wir uns einen Linienbus, der zwischen den Jetis und den Dorfstrukturen abseits George Town‘s verkehrt. Eine Stunde benötigt man, wobei der größte Teil im staureichen George Town verbracht wird, gefolgt von einer kurvenreichen Küstenfahrt im Norden. Mitten in der Hitze, zwischen unbelebten Wohnblöcken und geschlossenen Street-Food-Ständen werden wir abgesetzt, nur am Parkeingang wird man belagert. Alle paar Meter steht ein Verkäufer oder eine Verkäuferin und ruft eine der üblichen Parolen. Wie in den Philippinen kostet jeder Nationalpark Eintritt, und das nicht zu wenig. 50 (11€) Ringgit zahlen Ausländer, ich als taiwanesischer Student immerhin nur 20 (4,30€).
Ab hier haben wir im Wesentlichen die Wahl zwischen zwei Stränden, dem Affen- und dem Schildkrötenstrand. Wir entscheiden uns für letzteren, der zwar eine halbe Ewigkeit hinter dem Dschungel liegt, dafür aber bestimmt leerer ist. Auf dem Hinweg entdecken wir eine Art schwimmendes Dorf, eines ohne Landzugang jedenfalls. Der Dschungelpfad ist auch mit Sandalen gut begehbar, Wurzeln und steinige Gitterbrücken geben guten Halt. Das Blätterdach schützt vor der prallen Sonne, es kommt aber genug Licht durch, um den Boden trocken zu halten.


In den 50 Minuten begegnen wir einzelnen Briten und Malaysiern, Holzpavillons, deutschen Fußballstickern, rutschigen Betonstufen und jede Menge Wurzeln. Es ist idyllisch, aber was passiert, wenn sich irgendjemand auf dem Beton den Kopf anschlägt, will ich mir gar nicht ausmalen. Der Schildkrötenstrand ist immerhin eine offene Fläche, die bereits durch die Baumlandschaft schimmert, zuerst als kiesiger Sumpf, dann als gleißende Sandfläche, umströmt durch ein Flüsschen. Den Zugang markiert mal wieder eine Hängebrücke, dahinter ist bis auf Holzbänke und ein Strandwächterhäuschen weitgehend unberührt.


Am Strand liegen viele Nadeln, vor der Küste ragt ein Felsen knapp aus dem Wasser. Am Horizont zeigt sich ein Containerschiff, ansonsten gibt es auch Fischerboote und kleine Shuttles, die regelmäßig anlanden und Touristen absetzen oder mitnehmen. Papa versteht nicht, wieso jemand diese Wanderung umgehen wollen würde, und obwohl ich es ähnlich sehe, werden mir sofort viele Leute bewusst, die sich genau für das zu fein wären. Mur fällt außerdem auf, dass ich gerade zum allerersten Mal auf den indischen Ozean blicke, oder jedenfalls auf seinen Ausläufer, den Golf von Bengalen. Bengalen dürfte laut Maps eine Region nordöstlich oder im Nordosten von Indien sein, vielleicht Bangladesch? Geradezu nach Westen und geradezu nach Süden würde man zuerst auf Sumatra stoßen, Sky’s Heimat übrigens. Eine Liftlinie nach Nordwesten führt nach Sri Lanka bzw. nach Indien, ein direkter Blick nach Afrika bleibt mir verwehrt. Worauf man also schaut, wenn man sein Auge zum Horizont wirft, ist die Straße von Malakka, eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt. Zu dritt diskutieren wir ihre Relevanz für die Weltwirtschaft, gerade ja ein populäres Thema. Noch vor dem Panamakanal dürfte sie sich mit dem Suezkanal um Platz eins streiten, was die Wichtigkeit angeht. Das Umfahren dürfte nämlich schwierig sein, zwischen Sumatra und Java gibt es nicht besonders viel Platz.
Auf einem weißen Bank-Viereck, das vom „Lions Club International“ gesponsert wird, chillen wir die nächsten zwei Stunden, pulverisieren die letzten Snacks und dösen, was das Zeug hält. Immerhin kann man nicht baden, rote Flaggen und Schilder warnen vor den Jellyfischen im Uferwasser. Füße reinhalten sollte aber erlaubt sein. „Wahnsinn, wie warm das jst.“ Bei UV-Index 11 hält auch die beste Sonnencreme nicht lange, trotz mehrerer Schichten fühlt man sich schnell wie gerötet.

Als das Wasser ausgeht, verlassen wir den Strand wieder, wandern zurück. Wieder begegnen wir Briten, die entweder fast verirrt sind oder einnickend im Pavillon liegen und sich wundern, dass sie keine wilden Tiere sehen. Wir haben mehr Glück: Nach lautem Rascheln sehe ich zum ersten Mal eine Affenart, deren Fell gegen schwarz geht und deren Kopfhaare weiße Partikel aufweisen, systematisch. Die zwei Tiere sind eindeutig größer als die Javaaffen von den Batu Caves, auch als die Makaken in Taiwan. Dafür sind die schwarzen Kletterer schüchtern und schwingen sich sofort weg, als wir ihnen näher kommen. Im Dschungel zu wandern ist schon geil, auch wenn nicht jede Route so abenteuerlich ist wie auf dem Penang Hill vorgestern. Dicke Baumstämme, exotische Tiere und ein so dichtes Dickicht, dass man ohne Pfad sofort die Orientierung verlieren würde. Zwischendurch höre und pfeife ich mal wieder Musik, manche philippinischen Ohrwürmer gehen mir einfach nicht aus dem Kopf.


Kurz vor Schluss erweitert sich mein inneres Tierlexikon um ein neues Exemplar, vermutlich ein Leguan. Das Tier ist locker 70 Zentimeter lang, wiegt augenscheinlich nicht wenig und kriecht wie Spiderman über unseren Wanderweg. Zum Glück scheint es schüchtern zu sein, ich glaube nämlich kaum, dass man eine Attacke leicht überstehen würde. Beim Wegkriechen bekomme ich es sogar noch auf Video, wenn auch nicht hochauflösend.
An einem Strand ohne rote Flaggen, aber auch ohne andere Badegäste überlegt Papa, ob er doch schwimmen sollte. Aus meiner Warnung vor den benannten Feuerquallen wird ein Sinnieren, was denn jetzt „Regionen“ oder „Bereiche“ sind, in denen die Viecher sich aufhalten. Natürlich hält sich kein Tier an menschliche Gesetze, aber die Schilder werden genau deshalb ja auch in umgekehrter Kausalität aufgestellt. Dort, wo man die Tiere bisher angetroffen hat. Letztlich hat Papa doch zu viel Respekt davor und wir gehen zurück. Ich weiß, wie gerne er im Urlaub baden geht, deshalb tut es mir wirklich Leid, dass das hier nicht geklappt hat.

Der Ort vor dem Nationalpark-Eingang bietet immerhin ein Seafood-Restaurant, in dem es eine große Auswahl an weder chinesisch noch indischem Essen gibt. Hinterher kämpfen wir uns durch die Betonwüste zur Hauptstraße vor, denn (warum auch immer) an Ramadan fahren die Linienbusse weiter hinten ab. Der Linksverkehr macht mir immer noch zu schaffen, auch nach einer Woche im Land gucke ich noch ab und zu unachtsam zur falschen Seite, bevor ich die Straße queren will. Ein Glück, dass mir das hier und nicht in George Town passiert.


Der Bus ist voller Inder, die eine Art Schuluniform für Erwachsene tragen und gemeinsam vor einem großen Gebäude aussteigen. Wir selbst springen auch schon etwas früher raus, erkunden einen anderen Teil der Stadt. Dabei passieren wir eine Methodistenkirche, in der militärartige Paraden geübt werden (auch mit Kindern), sehen mal wieder einen wilden Mix aus Tempeln und Plattenbauten und wurschteln uns durch die fußgängerwegfreien Straßen.




In Richtung Innenstadt lockert sich alles wieder auf, dicht an dicht feiern Inder und Chinesen ihren Nachmittagsalltag. Es ist wirklich besonders, wie dicht an dicht die Kulturen hier doch leben. Papa fällt auf, dass man gemeinhin mehr indisches Essen serviert bekommt, die Architektur auf voll aufseiten der Chinesen dominiert, von den britischen Kolonialbauten abgesehen. Papa bestaunt die gestern gelernten Giebelformen, auch Julian fotografiert hier und da. In der ‚kühlen‘ Nachmittagssonne (es sind nur zwei Grad weniger, fühlt sich aber nach bestimmt fünf an) macht das alles gleich viel mehr Spaß, man stirbt nicht sofort einen Hitzetod. So besorgen wir uns neue Süßigkeiten, farbenfrohe Kreationen aus Milch, Fett und Zucker. Ich persönlich mag die indische Nachtisch-Küche trotzdem mehr als bspw. die Baklava-Tradition.


Im Hotel wird kurz gechillt, dann geht es zum letzten gemeinsamen Abendessen, wofür Papa ein besonderes Restaurant rausgesucht hat. Das indische Lokal mit hohen Decken und edlen Tischen weist uns einen der letzten freien Plätze zu, wir bestellen wie in den letzten Tagen jeweils Vor- und Hauptspeise, Getränke und Brot (Naan und Roti). Dass das Essen eine gute Dreiviertelstunde braucht und die verhältnismäßig hohen Preise auf der Speisekarte ohne die Servicegebüht angezeigt werden, sind aber dicke Minuspunkte. Immerhin schmeckt es gut und die ‚teuren‘ Preise sind wirklich ausdrücklich nur verhältnismäßig, das teuerste Gericht der Karte schwebt in Sphären von vielleicht 40 Ringgit (8,75€).
Sehr spät kommen wir noch zum großen Umpacken, ab morgen überführt Papa einen großen Teil meiner Dinge nach Deutschland. Papa und ich sind nicht die besten Pack-Buddies, es gibt einige Missverständnisse. Am Ende wiegt der Koffer aber trotzdem seine knapp 30 Kilo, diese Büchse Pandoras öffnet man besser erst wieder in Berlin. Zum Abschluss setze ich mich noch an den Laptop und schicke weitere Bewerbungen raus, ein leidiges, aber notwendiges Thema. Wenn mindestens acht Jahre Berufserfahrung oder versierte Kenntnisse mit mir unbekannten Programme erwartet werden, ist das eben kein Motivationsbooster. Außerdem bewerbe ich mir bei einem meiner Hass-Büros und verrate recht opportunistisch meine eigenen Prinzipien, was schöne Architektur angeht. Auf der anderen Seite finde ich sogar erstmals eine für Werkstudenten ausgeschriebene Stelle, allerdings für Ausschreibung und Vergabe. Ich meine, das fühlt sich an wie die Wahl zwischen Pest und Cholera, aber um in der Metapher zu bleiben, immer noch besser als der Tod (also ohne Job da zu stehen).
Ziemlich spät gehe ich erst schlafen, um ein Uhr morgens kommen nämlich spannende Ergebnisse der Baden-Württembergischen Landtagswahl rein, das will alles gelesen werden. Heute in zwei Wochen ist übrigens wieder mein erster ganzer Tag in Berlin, langsam geht es echt schnell.
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