Der wohl letzte größere Abschnitt meiner (und natürlich auch Julians) Reise bricht an. In George Town schlagen wir uns nochmal die Bäuche voll, kaufen Ohrringe, nehmen die Dienste der immer noch nicht ausgestorbenen Wechselstuben in Anspruch und tauschen Euro in Baht. Was für ein schöner Zufall, dass der Wechselkurs fast exakt derselbe ist wie zum taiwanesischen Dollar. Exakt 1:37 fühlt sich wie ein Deja-Vu an, nach philippinischen Peso, malaysischen Ringgit und bald wieder Euro. Ich werde außerdem ein paar letzte Postkarten ein, 0,9 Ringgit (0,20€) kostet es, eine zu versenden.

In Butterworth haben wir etwas Zeit, die letzten Reserven an Ringgit auf den Kopf zu hauen, unter anderem für ein neues Paar Billo-Kopfhörer für mich, die aktuellen sind ungleich laut. Dazu eine Menge Proviant, der Rest der äußerst bunten Scheine bleibt erstmal übrig. Am Bahnsteig verabschieden wir uns von Papa, der schon jetzt mit Demut zurückblickt. Ich finde das aber gut, denn sonst wäre der Urlaub ja auch nicht so schön gewesen. Wir bekommen dann die üblichen, in Wahrheit ja nur bestens gemeinten väterlichen Hinweise mit auf den Weg. Thailand sei deutlich touristischer, also sollten wir uns vor Taschendieben in Acht nehmen. Das Land funktioniert zwar weitgehend wie ein Rechtsstaat, hat aber immer noch einen König und schreckt auch nicht davor zurück, Beleidigungen dessen zu bestrafen. Vorsichtig sollen wir außerdem mit Motorrädern sein, kein schlechter Hinweis.

Dann steigen wir in den Zug ein, der uns in zwei Stunden an die nördliche Grenze Malaysias bringen soll. Ähnlich wie die Local Trains in Taiwan ist dieser wie eine U-Bahn aufgebaut, die Fahrt als komfortabel zu bezeichnen, wäre geflunkert. Dafür kostet ein Ticket nur etwa 3€.
In Padang Besar müssen wir aussteigen. Früher gab es mal durchfahrende Züge von Singapur nach Bangkok, die sich aber vermutlich nie rentiert haben. In der Bahnhofslobby finden wir durch Herumfragen raus, wo man welches Ticket wohin kaufen muss. Ein begeisterter Thailänder schiebt sich in die Schlange vor uns und spendiert spontan das jeweils 50 Baht (1,35€) kostende Ticket nach Hat Yai. Wir bedanken uns artig, während er schwer verständlich über Bayern München und europäische Fußballwörter fabuliert. Sein Sohn cringt sich ganz offensichtlich weg, das nehme ich für das kostenlose Ticket aber gerne in Kauf.
Eine Treppe weiter unten stellt man sich für die „Imigresen“ und die „Kastam“s an. Ein altes malaysisches Ehepaar aus George Town, das Urlaub in Hat Yai macht und denen wir mit dem Tragen des Gepäcks geholfen haben, gibt Orientierung. Sie berichten den anderen Reisenden, dass wir aus „Germany“ stammen, und so teilt uns ein Mädchen kurz darauf mit, wo es hingeht. Freundlichkeit an unbekannten Orten zu zeigen, ist fast immer von Vorteil. Auf jeden Fall gilt die späte Abfahrtszeit unseres Tickets sogar nur für thailändische Zeit, sodass wir insgesamt fast drei Stunden am Bahnhof verbringen. Der thailändische Ticketsponsor und seine Familie weisen uns schließlich den recht komplizierten Weg, durch mehrere Schalter an zwei Bahnsteigen vorbei.
Habe ich mich gerade über taiwanesische Regionalzüge ausgelassen? Die thailändischen sind definitiv primitiver gehalten. Die Hochziehscheiben (die standardmäßig unten sind) würde ich ja noch auf das Klima schieben, aber auch der Rest wirkt billig. Viel zu niedrige und enge Türen, ausschließlich Bodentoiletten, ein abgeschliffener Boden, wackelige Vierersitze. Das schönste sind aber die Lackierungen und das Gefühl, das man beim Fahren mit lauter offenen Fenstern hat.

Langsam zuckelt der Zug los, und das meine ich genau so, wie ich es sage. Stören mich die Quietschgeräusche der Deutschen Bahn beim Einfahren der ICE? Jetzt nicht mehr, denn ich weiß, wie gut wir es in Deutschland haben. Wenn ich mir nicht gerade die Ohren zuhalte, ist die Fahrt aber wunderbar. Genau wie in Malaysia (tatsächlich ganz in der Nähe) umgibt uns die tropische Natur, zwischendurch sieht man Kühe, Bauern und Feldwege. Jede Weiche und jede Brücke hört man besonders laut, außerdem traue ich mich bei voller Fahrt nicht mehr, aus dem Fenster nach vorne zu gucken. Zu gefährlich.
Die vielleicht 40 Kilometer sind nach 40 Minuten aber passé, Hat Yai ist erreicht. Auf der Fahrt haben wir uns ein Hotel gebucht, fußläufig erreichbar. Auf dem Weg bekomme ich die ersten Eindrücke Thailands ins Gesicht geschmettert. Erst einmal sehen die Straßen kaum anders aus als in Taiwan bzw. in Südostasien generell. Wenn es Fußwege gibt, sind diese provisorisch und halb eine Baustelle, der Verkehr besteht mindestens zur Hälfte aus Motorrädern und die Gebäude folgen keinem Städtebau, sondern ausschließlich der Ökonomie. Cool finde ich die thailändischen Schriftzeichen, die auch im Vergleich zu den chinesischen nochmal mehr wie Kunst aussehen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich sie nicht gewohnt bin. Besonders auffällig, wie nicht anders erwartet, ist die Überzahl an Massage-Salons, die vermutlich gerade in Bahnhofsnähe häufiger auftreten, aber dennoch eine Übermacht stellen. Ein Eckcafé namens „Porn Bar“ ziert sich im Logo mit einem leicht bekleideten Hinterteil, scheinbar ziemlich normal. Der Aspekt Thailands gefällt mir direkt, ein lockerer Umgang mit sensiblen Themen. Eine große Ähnichkeit mit Kaohsiung sehe ich in der Bevölkerungsschicht: Obwohl man auch einige Inder und eine Handvoll Chinesischstämmige sieht, dreht sich das Aussehen des Durchschnittsmenschs ausschließlich um die thailändische Ethnie. Touristen entdecken wir erst später, und westliche Etablissements findet man nirgendwo. Die Küchen und Stände am Straßenrand bieten nur asiatische Küche an, dazu kommen einige 7/11, die wahrscheinlich breiter aufgestellt sind.
Neben einem komplett versiegelten Fitnesspark liegt das eventuell zugehörige Studio, ein Raum mit offenen Türen direkt an die Straße. Es trainiert zwar gerade niemand, entspannt wirkt das Ensemble aber trotzdem. Im Sperrmüll nebenan liegt ein Massagesessel, von denen sieht man hier übrigens ebenfalls sehr viele.

Unser Hotel „Merlin Grand Hotel“ liegt in einer ruhigen Nebenstraße und ist ziemlich groß, in der Rezeption aber äußerst leer. Statt unserer Reisepässe behält die Rezeptionistin 500 Baht (13,50€) als Kaution ein. Das Zimmer im 4. Stock ist nichts Besonderes, klein und angenehm runtergekühlt. Bald machen wir uns wieder los, der Hunger ruft. Dabei gestaltet es sich schwierig, etwas für meinen vegetarischen Begleiter zu finden, da hilft auch das Geld aus dem ATM nicht. Auf der städtischen Marktstraße gibt es viele Thai-Klamotten sowie seafoodige Snacks, vegetarische Kost allerdings Fehlanzeige. Schließlich zeigt Google ein vegetarisches Restaurant an, und es lohnt sich. Zwei Frauen zeigen uns ein Büffet, von dem aber nur sie uns auftun dürfen, Reis mit Reis unterschiedlichstem Gemüse. Obwohl die Warnungen übertrieben sind, darf man die Mahlzeit gut und gerne als scharf bezeichnen, der Mangosalat brennt angenehm auf meiner hinteren Zunge. Ich entdecke ein neues isotonisches Sportgetränk namens „100plus“ und staune, dass Julian und ich nur 180 Baht (4,85€) für alles zusammen zahlen.


Ich gönne mir gleich ein paar geröstete Krabben hinterher, bekomme davon aber nur leichte Bauchschmerzen. Wenn die Teile vor dem Verkauf nicht noch einmal aufgewärmt werden, ist das definitiv ein schlechtes Zeichen… Wir laufen auch noch herum und versuchen, Infos zu unserem nächsten Bus herauszufinden, scheitern aber an der fehlenden Abfahrtstation. Immerhin deuten mehrere Leute unabhängig voneinander daraufhin, dass ausschließlich am großen Busterminal verlässliche Fahrten stattfinden. Schön, dass auch in Thailand so viele Menschen hilfsbereit sind, einem um jeden Preis helfen wollen.
Auf dem Weg nach Hause bleibe ich staunend am Schild eines Massage-Salons stehen. „Juunge, ist das billig.“ 200 Baht (5,40€) für eine Stunde Massage, nicht schlecht. Eine Frau auf einem der Sessel vor dem Geschäft sieht ihre Chance sofort und wirft ein paar Phrasen voraus. Ich würde mich erst zuhause duschen? Nein, nein, du kannst bei uns duschen, wir haben alles. Ich schaue mich zu Julian um, will ihn nicht unter Druck setzen. Mit gesenkter Stimme flüstert er mir aber zu: „Ich will auch.“ Ja bestens, auf geht’s. Wir laufen der Dame durch den gespenstisch leeren Laden hinterher, eine Treppe rauf. Hier brennt nur ein Licht, in dem länglichen Raum stehen aber weitere 20 Liegen. Hinter einer Tür befindet sich so etwas wie eine Waschküche, dahinter ein Bad. Wir bekommen Handtücher und gehen nacheinander in die Dusche. Als ich in den Raum zurückkehre, wartet eine andere Frau bereits an einer Liege und deutet mir, mich hinzulegen.
Gedeutet, getan. Julian kommt wenig später dazu, auf die Liege daneben. Eigentlich haben wir die „Thai“-Massage gebucht, und ich habe diese Art von Behandlung zugegeben noch nie gehabt, aber sie erfüllt nicht gerade meine Erwartungen. Also es ist trotzdem sehr angenehm, aber ich komme nicht einmal ansatzweise in die Situation, Schmerzen zu bekommen. Viel eher stöhnt die Masseurin, weil sie ihr ganzes Körpergewicht einsetzen muss, um mich möglichst stark zu verbiegen. Grundsätzlich frage ich mich, wie der Job aufseiten der Behandlerinnen sein muss. Zumindest die Frauen bei uns reden kaum ein Wort Englisch, abgesehen von wenigen thailändischen Kommentaren zwischen den beiden ist es still. Dafür ist der Körperkontakt ziemlich ungewohnt, es gibt kaum eine Stelle, an der ich nicht massiert werde oder die zumindest nicht gestreift wird. Beim Blick zur Seite sehe ich, wie die andere Frau zwischenzeitlich auf Julian steht und mit ihrem Fuß auf seinen Rücken drückt. Ich selbst werde einmal auf die Brust gelegt, mein ganzer Unterkörper wird dabei nach oben gedrückt. Dass mir dabei Luft entweicht, lässt sich nicht verhindern. Die angenehmsten Parts sind die Fuß- und die Schultermassage, in den Bereichen sitzen meine größten Verspannungen.
Am Ende zahlen wir den lächerlich geringen Preis, bekommen einen laminierten Plastikbecher mit winzigem Plastikstrohhalm und der Aufschrift „Drinking Water“. Natalia hatte mir schon auf Camiguin erzählt, dass man in Thailand gut darauf achten soll, statt des „Drinking Water“ lieber „Mineral Water“ zu kaufen. Erstes ist nicht schlecht, lässt aber die gesunden Inhaltsstoffe vermissen. Dann gehen wir aber. Die Damen verabschieden uns , manche sitzen immer noch entspannt vor der Tür auf ihren Sesseln, sehen sehr entspannt aus. Beim Weiterlaufen fällt mir auf, dass dass bei fast allen Läden der Fall ist. So chillt man erstens und ist zweitens jederzeit bereit, potenzielle Kunden anzusprechen. „Massaa…“, „Massa“ höre ich unzählige Male im Vorbeigehen. Ein kleines 7/11-Review Thailand-Edition übrigens: Im Gegensatz zu Malaysia und insbesondere zu den Philippinen wirken die Läden hier wieder professioneller, auch wenn Kartenzahlung erst ab 200 Baht (5,40€) möglich ist. Es gibt Tiefkühlgerichte, sogar Onigiri, und das zu billigeren Preisen als in Taiwan. Die Auswahl ist in der Regel groß, das Sortiment kenne ich gefühlt zur Hälfte bereits aus Taiwan.

Kurz vor dem Hotel werden wir übrigens noch Zeugen eines Unfalls. Ein schwarzer SUV nimmt (sofern links vor rechts gilt) einem blauen Mini-Truck die Vorfahrt, im Bremsen krachen beide vorne ineinander. Niemand ist verletzt, aber der Truck kommt nur mit einer dicken Beule davon. Ich weiß gar nicht, ob ich jemals so nah an einem Unfall dran war, aber es gibt genug andere Zeuge, abgesehen von der klaren Schuld, also gehen wir weiter. Ich bin mir sicher, dass es so etwas in Thailand öfter gibt, als man denkt.
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