Ko Lanta (Mittwoch, 11. März)

Obwohl ich erfahrungsgemäß niemand bin, der sich ohne Weiteres einen Tag an den Strand chillt und nichts tut, steht heute genau das an. Nachdem wir mit allem möglichen Equipment in dieser Unterkunft keine guten Erfahrungen gemacht haben, geht das Frühstück abgesehen von den massenhaften Fliegenanstürmen wirklich in Ordnung.

Im Strandbereich stehen einige Liegen bereit, Julian und ich schnappen uns zwei und fläzen uns hin. Er weiter hinten im Schatten, ich vorne in der Sonne. Am Horizont (wir schauen nach Nordwesten) zeigt sich Ko Phi Phi, etwa 35 Kilometer entfernt mit seinen Bergen. Vor mir laufen in regelmäßigen Abständen übergewichtige Rentner vorbei, fast alle mit krankenhausreif tomatenroten Schultern und europäischen Sprachen. Einheimische sind komplette Fehlanzeige, neben den Spaziergängen wird nur noch Boccia gespielt. Die Wellen sind extrem niedrig, der Sand halbwegs sauber. So lange wie heute habe ich bestimmt ewig nicht mehr den Wolken zugeschaut. Wahnsinn, wie schnell die sich in Wahrheit bewegen. Das Brutzeln in der Sonne wird mir irgendwann zu langweilig und ich beschließe, den Strand abzuwandern. Im mehr als lauwarmen Wasser schütze ich meine Füße vor der Hitze, lasse die Wellen alle paar Sekunden zuschlagen. Wellen, damit meine ich die zehn Zentimeter hohen Plätscherer, die das ruhige Meer anschwemmt. Auch viele hundert Meter weiter entdecke ich die immergleiche Urlaubs-Zielgruppe, die ihren ganzen Aufenthalt so gestaltet wie wir den heutigen Tag. Wo sind eigentlich die Leute, die in Hostels pennen? Vermutlich in einer weniger touristischen Gegend. Als ich die zweieinhalb Kilometer Strandlänge fast geschafft habe, drehe ich um. Nicht wegen der zehnten Frühoma mit Sonnenbrille und Haaren, die um einige Grade heller als ihre Haut sind. Eher, weil ich fürchte, dass mir unabsichtlich das passiert, was Bräunungstouristen ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit machen, um sich im Spiegel zu gefallen. Knallrot sind meine Schultern noch nicht, auch wegen Sonnencreme, aber der Thai-UV-Index ist halt ein anderes Level. Schnell zurück, ich wertschätze jede Wolke, ich bin auch dehydriert.

„Khlong Dao Beach“ auf Ko Lanta

Sehr interessant finde ich winzige Sandkügelchen am Boden, die ich zuerst fälschlicherweise für ein großes Kunstwerk halte. Sie ziehen sich über den gesamten Strand und bilden trotzdem bestimmte Muster, die nach Interpretation schreien. Erst später bemerke ich ebenso winzige Krebse, die zwischendrin aus ihren Löchern oder hinein krabbeln und vermutlich die Erzeuger der perfekten Kugeln sind. Ich gehe einfach mal stark davon aus, dass es sich trotzdem um Sand handelt und die Krebse diesen nur aus Platzgründen an die Oberfläche verschaufeln. Auf jeden Fall fasziniert es mich. Es kann natürlich sein, dass ich der einzige bin, der nicht weiß, dass sowas existiert, aber gut, ich schreibe ja auch nur über mich und meine Erkenntnisse.

Der Strand ist eine einzige Deponie – auf Mikroebene
Wenn das mal nicht nach einem Muster aussieht. Wer hat eine Verschwörungstheorie parat?

Julian döst derweil in seinem Liegestuhl, dessen Schatten dem Licht gewichen ist, ‚kühlt‘ sich daraufhin im Meer ab. Bevor es mir endgültig reicht, tauche ich ebenfalls einmal ab, wobei man fast gar nicht tauchen kann. Immerhin gelangt man hinter niedrigem und sandigem Anfang irgendwann an einen Punkt, wo das Wasser bis zur Brust reicht, sodass man problemlos schwimmen kann. Es gibt Steine und wenige Algen, Seeigel bis dato keine. Eine Mädchengruppe neben uns ist wohl eher die Ausnahme, die meisten Badegäste sind wie erwähnt massige Paare älteren Altersgruppen mit Tattoos, verbrannter Haut und unsympathischen Visagen. Wobei, ein paar arme Kinder kann man auch entdecken, allein gelassen mit ihren Eltern.

Unser Strandabschnitt, Julian im Wasser, links am Horizont erahnt sich Ko Phi Phi

Vor sich hin brutzeln ist anstrengender als gedacht. Ich komme mit Erschöpfung davon, Julian mit einer neuen Lackierung unterhalb der Badehose. Aloe Vera? „Grade tut’s noch nicht weh.“ Na dann Mittagessen. Bei dem enormen Überangebot entlang der Strände haben wir keine Probleme, Julian findet ein Restaurant mit vegetarischem Angebot. Im ganzen Areal sind wir die einzigen Kunden, draußen steht nur aber auch nur ein einziger Tisch vollständig im Schatten. Innen dampft ein Duftspender vor sich hin, eine Frau scrollt am Smartphone. Die Bar vorne ist von einem dürren Mann besetzt, der äußerlich als Jamaikaner durchgehen würde, ohne Rückfragen. Ziemlich dunkle Haut, Rasterlocken, ein kantiges Gesicht, und dabei habe ich noch nicht einmal den Jay erwähnt, der in seiner Hand liegt und über das halbe Gelände riecht. Die Cannabis-Shops habe ich gestern schon gesehen, wusste aber nicht, dass man dort tatsächlich brauchbares Zeug bekommt. Wobei, bei den Touristenmassen gibt es bestimmt auch einen Schwarzmarkt.

Jedenfalls scheint sein Ott zu wirken, gemächlich und in aller Ruhe werden wir begrüßt. „Hello Sir, can we see the menu?“ „Yes, yes. Of course.“ Wir schauen auf die drei Speisekarten auf der Theke. „You can order something too.“ Grinsen. Die Preise gehen in Ordnung, drei Euro für einen Smoothie, ca. vier für ein Hauptgericht. „You can also sit. Choose a place you like“, kommt ein weiterer schlauer Tipp hinterher. Beim Notieren der Bestellung schaue ich belustigt zu, wie seine Handschrift Strich für Strich, potthässlich, auf den Zettel wandert. Hoffentlich kann er es gleich noch lesen, wenn er den Auftrag weitergibt. Er sieht nämlich nicht aus, als hätte er sonderlich Bock auf Kochen. Am Ende guckt er stolz, den Zettel gefüllt zu haben, wir setzen uns hin. Fast hätte ich gefragt, ob man sich einen Jibbo dazubestellen kann, aber in der Gegenwart meines Bruders erfülle ich immerhin so etwas wie einen erweiterten Erziehungsauftrag. „Er lebt das entspannte Leben“, hat Julian aber bereits eine verharmlosende Sicht auf die Dinge. Mal ehrlich, auch wenn ich lieber den Job dieses Barkeepers hätte anstatt am Trang‘er Busbahnhof zu sitzen, bevorzuge ich am Ende trotzdem mein eigenes. Und wegen dem Gras: Ich habe jetzt so lange nicht mehr gesmokt, es braucht schon ein überzeugendes und externes Angebot, dass ich noch hier im Ausland darauf eingehen würde. So sehr vermisse ich es jetzt wirklich nicht. Das Essen ist übrigens sehr gut, übersteigt mit seiner Schärfe alles, was in diesem Urlaub bisher konsumiert wurde, treibt Julian Flüssigkeiten aus dem Gesicht.

Entspannte Strandbar mit scharfem Essen

Weil am Nachmittag Chillen angesagt ist, holen wir uns vorher ein paar Snacks. Im Gegensatz zu einem Supermarkt hat der nächste 7/11 die bombastische Erdbeer-Fanta und übergroße Snickers im Angebot. Julian weiß nicht so recht, was er haben will, folgt mir auf Schritt und Tritt. Am Ende habe ich so mehr Entscheidungsfreiheit, auch in Ordnung. Der Kassierer überzeugt uns zudem, noch mehr Schokoriegel zu kaufen, was am Ende irgendwie hohen Rabatt gibt. Nicht fragen, annehmen und glücklich sein. Im Zimmer chillen wir uns an die Handys, ich habe mittlerweile eine neue Serie zum Bingen gefunden, Attack on Titan. Die englischen Untertitel (ich gucke natürlich in OV, geht hier auch gar nicht anders) benutzen viele komplizierte englische Wörter, sodass ich mir eine Liste damit anlege, sollte ich jemals wieder eine Vokabelapp verwenden.

Abendbrot gibt’s in einem anderen Restaurant, das Essen ist ähnlich. Auf dem Rückweg kommen wir an mehreren Bars oder besser gesagt Etablissements vorbei, vor denen wahlweise besoffene Touris tanzen oder einfach nur ganz normal vier Thai-Frauen aufeinander sitzen. „Ohhh, you look so cuute“ werden Julian und/oder ich ‚komplimentiert‘. Ich muss schon grinsen, ein irgendwie absurdes Straßenbild ist das. Julian scheint nicht ganz zu wissen, wohin er schauen soll. „Na, sicher, dass du nicht doch zurückwillst?“ frage ich. Jetzt weiß er nicht, was er sagen soll. Ich selbst hatte mir für heute eigentlich eine Massage erhofft, es ist aber schon spät und der Laden gerade eben hatte definitiv keine Massageangebote am Eingangsschild, zumal einem die Anwesenheit der unangenehmen Pöbeltouristen blüht. Also wird der Abend wieder ein ruhiger; fast schade, wenn man bedenkt, was für Storys in so einer Umgebung entstehen könnten.

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