Ab jetzt sind Julian und ich wieder allein. Weil der Zug, den wir gen Norden nehmen wollen, nicht gerade oft fährt, werden wir heute kaum weiter als bis Surat Thani kommen. Dazu laufen wir erst einmal ins Leere, als ein gebuchter Van nicht erscheint, eine knappe Stunde später bekommen wir aber einen nächsten. Was diese Fahrten angeht, sind wir mittlerweile ja recht geübt. Musik hören, Blog schreiben, Kaugummi kauen, niederländischen Fahrgästen beim Reden zuhören, anderen beim Dauerhusten. Was gibt es Spannenderes als exakt damit die nächsten vier Stunden zu verbringen?
In Surat Thani stellt Julian fest, dass es sich um eine typische südostasiatische Stadt handelt: beim Aussteigen werden wir schon belagert, ob wir wirklich keinen Hotelfransfer brauchen, und das Straßenbild ist genau dasselbe wie überall sonst auch. Ein, zwei bunte repräsentative Bauten findet man, ansonsten ist es die reinste Betonhölle. Wir kommen im „CBD Hotel“ unter, an der Rezeption betreuen uns gleich fünf Frauen auf einmal. Interessanterweise fehlt hier das zweite Stockwerk, wobei mir nicht bekannt wäre, dass die zwei eine Unglückszahl ist.
Die zeitlich hintere Mittagshitze wird ausgesessen, um halb fünf beginnen wir dann mit der Stadterkundung. Schnell stellt sich fest, wie ruhig und entspannt der Ort mal wieder ist. An jeder Straßenecke kann ich neue Vergleiche mit Hat Yai ziehen: Die wenigsten Gesichter stammen von Ausländern, außerhalb der Busstation von vorhin werden einem auch kaum Sachen angedreht. Zuerst laufen wir zur einzigen Attraktion, die im ganzen Reiseführer von Julian für Surat Thani genannt wird, ein Tempel mit großer buddhistischer Statue. Das ist an sich nichts Besonderes, aber die Statue ist ziemlich groß und aus dem Stein gemacht, aus dem alle Statuen an Taiwans Ostküste waren, eine schöne Erinnerung. Außerdem ist das Gelände erst 2012 eröffnet worden, entsprechend neu und glänzend wirkt die ganze Einrichtung. Die Säulen sind interessanterweise nicht wie üblich rot gehalten, sondern in einem warmen Beigeton, mit senkrechten Inschriften.


Hinter dem Andachtsort befindet sich gleich der Nächste, allerdings in ganz anderer Form. Auf einer Art Hinzerhof mit sich erschreckenden Hunden, Hühnern und Hähnen verstecken sich mehrere Schreine, in der Mitte hingegen steht ein hoch gewachsener und reichlich verzierter Tempel mit Elefantenfigürchen.

Neben diesem Ort wiederum (alle wichtigen Sachen liegen innerhalb einiger 100 Meter beieinander) befindet sich der durchaus breite Fluss namens „Tapi“, der sich hier in zwei Arme aufspaltet, die separat ins Meer fließen. Alle Gebäude des Viertels sind höchstens zwei Stockwerke hoch, dadurch entsteht ein sehr dörfliches Gefühl. Überaus viele religiöse Stätten und bunte Blechwände färben die Gegend ein, die Stadt ist mir jetzt doch wirklich sympathisch. Am Hafen in Richtung Stadtzentrum stehen ein paar Schiffe, die laut Aufschrift nach Ko Tao fahren und aussehen wie typische Mississippi-Dampfer, nur ohne das Schaufelrad. Weiterhin liegen viele flache Ruderboote an und hier wird man dann doch ein, zwei Mal angesprochen, ob man nicht eine „beautiful“ Bootstour machen will. Einheimische rasen zudem mit ihren Jetskis über das Wasser, Platz ist genug. Ein auf Maps gehighlighteter Spot entpuppt sich als historische Uhr, flussabwärts gibt es noch einen Schrein, an dem gebetet und um den herum gejoggt wird (so groß ist er jetzt auch wieder nicht).




Wir finden ein leeres Restaurant, das aber gutes und billiges Essen serviert, entspannte Musik spielt und mit einer überaus freundlichen Kellnerin aufwartet. Die kleine Thailänderin beginnt jeden einzelnen ihrer Sätze mit „Sorry Sir, …“ und fragt zwischendurch, ob sie ein Foto von uns machen darf. Für wen oder was genau, frage ich nicht, womöglich sieht man junge Touristen recht selten. Ein alter weißer Mann sitzt gegenüber und süffelt sein „Chang“-Bier, während wir gleich einen Liter vom „Germany Beer“ bestellt haben, das laut Speisekarte von einem Deutsche Braumeister gebraut wurde und keinen offiziellen Namen hat. Es schmeckt etwas mild, könnte aber glaubhaft deutsch sein. Die Kellnerin kommt zwischendurch vorbei und schenkt Julian nach. Mir dann gleich auch, obwohl das Glas noch zu zwei Dritteln gefüllt ist. Dieser überschwängliche Service versetzt den Kunden regelrecht in eine Adelsposition, wo die Diener alle drei Sekunden den Füllstand ihres Herren überprüfen und mit tiefstem Verneigen nachschenken. Einerseits bin ich das sehr ungewohnt und finde es leicht unangenehm (auch weil man sich dadurch ständig bedankt), es zeugt aber auch von großer Aufmerksamkeit und Freundlichkeit, das Trinkgeld ist der Dame auf jeden Fall sicher.
Eigentlich wollen wir dann schon zurück zum Hotel, entdecken aber zufälligerweise einen riesigen Nachtmarkt. Und er ist wahrhaftig riesig, garantiert größer als 90% aller Nachtmärkte, die ich in Taiwan gesehen habe. Entlang einer Straße ziehen sich alle Stände, aber wir laufen bestimmt an die zehn Minuten geradeaus, um überhaupt das Ende zu erreichen. Fast noch besonderer finde ich, dass die allermeisten Gäste aussehen, als würden sie aus der Stadt kommen, höchstens eine Handvoll Ausländer mischt sich darin unter. Auch das Angebot ist leicht anders, als ich es gewohnt bin, oder jedenfalls anders zusammen gesetzt.

Zwischen den üblichen Fleischspießen und Fruchtsäften gibt es hier leider eine Menge Haustierhaltung in engen Käfigen, die Kaninchen, kleinen Schweinchen, Hunde und Wellensittiche tun mir sehr leid. Genau wie in Taiwan wird nicht davor zurückgeschreckt, abartige Körperteile von Tieren zu frittieren, dazu kommen verschiedenste Insekten und Meeresfrüchte. Unter einem großen Zelt kann sich sogar Motorräder und Autos kaufen, Livestreams fürs Fernsehen sind aufgebaut und kleine Kinder zocken in abgetrennten Zeltecken Mario Kart. Spirituelle Massageberatungen, Meere an Sushitellern, Donuts, tanzende Cosplayerinnen, unendliche Sortimente an Gummibärchen und Tee-Galonen gibt es auch. Die komplette Straßenmitte ist mit Tischen belegt, an denen Familien zu Abend essen, ein sehr geselliges Miteinander. Hier die Fotostrecke:










Am hinteren Ende ist eine große Bühne aufgebaut, auf der eine Choreografie getanzt wird. Mir tut es leid, dass bei so vielen Menschen nur eine Handvoll zugucken, der Großteil aller Stühle ist leer. Dafür sind die wenigen Zuschauer umso begeisterter, Filmen mit ihren Handys und winken aufmunternd nach oben. Die letzten Stände davor deuten auf ein einmaliges Event hin, irgendeine Food-Messe scheint alles zu organisieren. Männer mit Anzügen posieren für Fotos und geben kleine Interviews.


Ein Stand sieht auf den ersten Blick nach Instant-Nudeln aus, verkauft in Wahrheit aber Shakes mit geraspelter Schokolade und abgepackten Cerealien. Die gelangweilten Kellnerinnen freuen sich augenscheinlich über meine Bestellung und stecken mir zu meiner Überraschung einen Strohhalm in den Becher, der ungelogen genau einen Meter lang sein dürfte. Die eine Frau zeigt auch noch pantomimisch, wofür ich ihn benutzen soll, so gigantisch ist er. Es dauert auch locker 20 Sekunden, bis ich den Shake nach oben gezogen bekomme, Leute rufen von der Seite schon „Oohhh“ zu, im Sinne einer Mini-Laola-Welle. Warum auch immer ich jetzt der Auserwählte für den Spezialstrohhalm bin, lustig ist er allemal. Es ist nicht allzu praktisch, damit zu trinken, aber für die Aufmerksamkeit/den Gag mache ich es natürlich.


Wir kaufen Julian noch eine Thaihose sowie uns einige billige Snacks, dann geht’s zurück ins Apartment. Dort buchen wir noch den Zug für morgen, oder versuchen es jedenfalls. Zur Not wird man halt wieder spontan.
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