Phetchaburi (Dienstag, 17. März)

Als ich gestern gedacht habe, das WLAN sei das schlechteste am Hotel, habe ich mich geirrt. Es gibt zwar eine Google-Rezension, die das Frühstück hier lobt, dass muss aber vor dem Zeitalter der jetzigen Betreiber gewesen sein. Die einzig vegetarische Speise ist ein Spiegelei mit Gemüse, das wir direkt in der kleinen Pfanne serviert bekommen, in der es angebraten wurde. Ja, wortwörtlich angebraten. Die Unterseite ist bei mir fast komplett schwarz und das Gemüse schmeckt besch…eiden. Achja, und ganz fest ist das Ei auch nicht, durchsichtiges Eiweiß Dazu wird Orangensaft serviert, von dem ich fast würgen muss, weil entweder er oder das Glas intensiv nach Spülmittel schmeckt. Gott bewahre, morgen früh hungere ich freiwillig!

Schlechtestes Frühstück der letzten drei Monate

Also holen wir uns danach etwas Vernünftiges, gehen zum nächsten 7/11. Die Onigiri hier kommen zwar nicht ganz an die taiwanesischen ran (irgendwas am Reis ist anders), schmecken aber trotzdem, dazu ein Rosinenbrötchen. Im Schatten einer Bushaltestelle verspeisen wir das zweite Frühstück und perlen schon ganz ordentlich Salzwasser vom Kopf. Anschließend geht’s in den „Geschichtspark Phra Nakhon Khiri“, das Highlight der Stadt. Man kommt nur östlich herein, dazu umrunden wir den Berg und leiden schon unter der hoch stehenden Sonne. Auf den Straßen gibt es wenig Schatten, wenigstens passieren wir den schönen Buddha-Campus vor unserem Hotel.

Das buddhistische Kloster vor unserer Haustür
Rote Schrägdächer
Wahlwerbung – der Kandidat rechts ist immer 5x so gut wie der Amtsinhaber

Für den Geschichtspark zahlt man 200 Baht (5,40€) pro Person. Affen gibt es rund um den Berg ja viele, hinter dem Eingang hört es damit aber schlagartig auf. Es könnte an der peniblen Pflege der Anlage liegen, und begegnet gerade ein Mann auf einem Motorrad, der die Pflastersteine mit Müllsäcken in der Hand herunterfährt. Kahle Bäume, deren erste Knospen am Hervorkommen sind, spenden so wenig Schatten, dass es für die Makaken vermutlich wenig zu holen gibt.

„Geschichtspark Phra Nakhon Khiri“
Sein oder nicht sein?
Ich kann der Dürre etwas abgewinnen

Die thailändischen Könige haben alle recht komplizierte Namen, man kann sie aber auch einfach Rama der Soundsovielte nennen, das scheint ihre Dynastie zu bezeichnen. Rama X. ist beispielsweise der aktuelle Regent, der in Deutschland vor allem dadurch bekannt sein dürfte, dass er viel Zeit am Starnberger See verbringt. Das Areal hier hingegen wurde seinerzeit (1860) von Rama IV. errichtet, der vermutlich eine Residenz auf dem Ländle haben wollte. So klein, wie Phetchaburi heute noch ist, wird es damals kaum mehr als ein Rotzfleck am Straßenrand gewesen sein. Außerdem ist die Gegend drumherum ungewöhnlich flach, mit einigen entfernten Ausnahmen, sodass der Regent eine wunderbare Aussicht auf die Felder seiner schuftenden Untertanen gehabt haben dürfte. Laut Julian hegte er auch ein gewisses Interesse an der Astronomie, auch nicht ganz unvorteilhaft in der Lage. Auch wenn es sich anbietet, eine militärische Anlage war das Gebiet wohl nie. Rundherum finden sich zwar mehrere turmartige Plattformen, zwischen deren Zinnen man gut Ausschau halten und den Feind beschießen kann, ansonsten deutet aber nichts darauf hin. Viele Dächer der Stadt sind schräg gehalten, ich entdecke sogar eines, auf dem die Dachziegel die Nationalflagge nachbilden. Bis auf ein Gebäude in Bahnhofsnähe entdeckt man übrigens nichts, was vier Stockwerke überragt. Der Weg, den wir begehen, ist viel mehr ein gepflasterter Gartenspazierweg, der zwar unter kahlen Bäumen, aber auch an saftig grünen Sträuchern und Blumen in den buntesten Farben entlangführt. Vorerst sehen wir keine anderen Besucher, die Idylle ist greifbar.

Ab und zu stehen Gebäude am Wegesrand, alle verfolgen sie den gleichen Stil. Europäisch angehaucht, was Ornamente und Rhythmus angeht, blättert die Farbe aber zusehends ab und entspricht die Geometrie nicht mehr den menschlichen Proportionen von heute. Durchgänge, Torbögen und Dachränder sind so extrem niedrig gehalten, da würden sich auch deutlich kleinere Menschen dran stoßen. Lautsprecher in den Gebüschen spielen wahlweise europäische Klassik, oder auch mal eine Geigenversion von Despacito… Thailändische Kultur, hach ja. Man kann hier oben lauwarme Getränke kaufen und den Toiletten mangelt es an Klopapier. Zeit, die Sprühbrause neben der Schüssel auszuprobieren. Vermutlich gehört auch diese Erfahrung zu einer Asienreise.

Nichts für normal große Menschen
Nichts für kleine Menschen

Ein Gästehaus liegt am Hang, davor befindet sich eine Freifläche, die mal als Theater gedient haben soll. Das ehemalige Dach ist weg, aber ich kann mir gut vorstellen, wie die Adligen das Schauspiel aus dem ersten Stock verfolgt haben müssen. Mittlerweile gibt es sogar eine Seilbahn auf den Hügel, sonst aber keine neuen Gebäude. Auf der (ersten) Spitze steht dann die eigentlich Königsresidenz. Man darf sich das Museum darin angucken, Fotos sind aber genauso verboten wie Kopfbedeckungen und Fußbedeckungen, wofür vier Mitarbeitende sorgen. Wahrscheinlich eher aus religiösen Gründen denn aus Hygiene oder Kunstwerkschutz. Wir sehen den Speisesaal, das Schlafzimmer für Gäste, eine Teestube und persönliche Zimmer. Alle Fenster sind glasfrei, lediglich aufgeklappte Holzläden bieten eine Schutzmöglichkeit. In welche Richtung man auch sieht, die Aussicht ist fantastisch. Kein Stuhl, kein Blick ohne ein ‚Wow‘. Das Mobiliar ist einheitlich edel: ockerlakierte Schränke mit goldenen Zierlinien, darin Geschirr, das 1:1 so im Regal meiner Oma stehen könnte. Blümchenporzellan war damals wahrscheinlich etwas sehr Besonderes. Generell hat es dem König an Geschirr nicht gemangelt. Im Gästezimmer steht ein massiver Schreibtisch, darauf nichts als ein abgewetzter Globus (von hier oben braucht man einen guten Blick auf die Welt) und eine (verstaubte) Schreibtischlampe im Steampunk-Look, wahnsinnig cool. Die Sitzeinrichtung ist ebenfalls in diesem sehr dunklen Holz gehalten, die Bezüge in seichtem Gelb, sie sehen sehr gemütlich aus. Das Parfümierzimmer hat seinen Namen wahrlich verdient, außer einem großen Spiegel und einer Menge Glasflaschen gibt es da nichts zu sehen. Das Badezimmer beinhaltet natürlich eine freistehende, luxuriöse Badewanne, die im Laufe der Zeit aber nicht vor der Verrostung Halt gemacht hat. Ins obere Stockwerk führt eine Treppe, die so schmal ist, dass per Ampel angegeben wird, ob sich jemand auf dem Weg nach unten befindet. Das Treppenhaus endet in den privaten Gemächern des Königs, und zwar mit einem Holzdach, so als könnte es manchmal herabregnen. Gestalterisch wirklich solide, anstatt die Treppe mitten im Raum enden zu lassen… Interessant finde ich auch die Sitzmöbel hier. Zwei Stühle sind als Einheit gebaut, wobei jeder in eine andere Richtung guckt und sie sich sich nur die Rückenlehne teilen. Es gibt noch ein Omazimmer mit Waschtisch und Vitrine, sowie das Schlafzimmer mit Himmelbett. Rein darf man da aber nicht, generell ist alles abgesperrt, wo man auch nur in die Nähe eines kleinen Gegenstandes kommen könnte.

Beendet wird die Tour im Garten, der sich unglaublich mediterran anfühlt. Es würde mich nicht wundern, hinter der nächsten Steinmauer einen Blick auf das Mittelmeer zu erhaschen. In einer Andachtsstätte mit Statue des längst verstorbenen Königs raunzt mich ein Mitarbeiter an, weil ich meine Schuhe immer noch in der Hand trage und nicht vorne abgestellt habe. Aber dass er sich auf den Boden gefläzt hat und lautstark Reels scrollt, zu Füßen einer thailändischen Quasi-Gottheit, das scheint in Ordnung zu gehen…

Residenz von Rama IV.

Entspannter ist es im Observatorium, einem unreligiösen Aussichtspunkt in der Nähe. Wenn man die Augen zusammenkneift, kann man in der Ferne das Meer erkennen sowie die Nase, die das Festland hier ins Meer hineinsticht. Das Licht hier oben scheint so hell, dass Fischer es früher zur Orientierung benutzt hätten. Gut vorstellbar, wenn man die Flachheit des Lands bedenkt. Im Westen und Norden stechen vereinzelt Berge in den Himmel, ansonsten ist die Umgebung aber so flach, dass es richtig verwundert. Von hier sehen wir unser Hotel und natürlich, auf dem kleinen Hügel nebenan auch einen goldenen Buddha. Die Brüstung des Umgangs ist übrigens sehr niedrig. In Deutschland wird ja immer zentimetergenau gemessen, damit nicht der Hauch einer Gefahr entsteht, aber hier besteht tatsächlich ein Risiko, aus Versehen hinüberzuflattern.

In der Ferne ein paar Berge, ansonsten plattgestampfte Fläche
Der richtige Ort, um eine Thai-Hose zu tragen
Eine Brüstung, die kaum über meine Knie hinausragt

Auf der letzten Hügelspitze warten nochmal zwei Attraktionen auf. Die erste ist eine Art Monument, das aus Stein besteht und die Form eines sich stark verjüngenden Kegels besitzt. Durch einen niedrigen Eingang kann man reingehen, innen befindet sich ein Rundgang ohne alles. Schräg versetzt dazu gibt es Aufgänge, die oben so niedrig werden, dass ich mir nicht vorstellen kann, der König habe da selbst bequem durchgepasst. Und das war’s eigentlich auch schon, man kann von hier mal wieder um sich gucken, aber nicht wirklich etwas anderes machen oder sehen. Vielleicht hatte das Teil mal eine attraktive Farbe, das verwaschene Grau wirkt heute aber eher brutal. Lustig finde ich den Treppenaufgang zu dem Gebilde: Anstatt die Treppenstufen zum Weg herab zu nehmen, gibt es einen Wartebereich auf Brusthöhe, von wo aus der König direkt in seine Sänfte steigen konnte. Ich frage mich: Wozu musste der König überhaupt hoch, was hat es hier früher einmal gegeben, was so wichtig war? Eine Gedenkstätte, sagt zumindest Google.

„Phra That Chom Phet“
Als ob irgendjemand jemals hier komfortabel durchgepasst hätte
Miniaturvariante des Monuments
Die Sänfte hat schon wieder Verspätung. Man!!

Die letzte Station sind mal wieder Tempel, die mäßig interessant sind. Mal wieder Buddhas, mal wieder kleine Andachtsräume. Besser sind die zahlreichen Sitzbänke, denn allein die paar Stufen erklommen zu haben, fühlt sich an wie ein erstklassiges Workout. Überall sind Schilder auf Thailändisch angebracht, die offensichtlich vor Dehydration warnen und dazu anhalten, Wasserflaschen zu exen.

Ein paar Kissen, und es ist perfekt!
Mittelmeerraum oder Thailand?
Man fühlt sich wie auf einer Mini-Akropolis

Um halb zwei haben wir unsere Tagesaufgabe bereits erfüllt und gehen mit einem Wassereinkaug zurück ins Hotel. Weil eine Höhle schon nachmittags schließt, geht es aber bald weiter. Dazu leihen wir uns Fahrräder aus, die das Hotel gütigerweise erst ab der zweiten Leihstunde bezollen will. Die Drahtesel als verschrottet zu beschreiben, ist fast noch ein Kompliment. Ich habe ernsthaft Angst, dass das Metallgestell unter mir auseinanderfällt und wechsle mehrfach, bevor ich mich halbwegs sicher fühle. Nun gut, Thailand wird kein Bikerland sein, wir können froh sein, überhaupt die Möglichkeit zu haben. So schleppen wir uns im ruhigen Linksverkehr voran, es ist nicht weit. Mein Sattel klemmt sich währenddessen immer weiter nach hinten, es grenzt an ein Wunder, dass ich mich überhaupt oben halten kann. Der Lenker ist so schief, dass meine rechte Hand viel weiter vorne greift als die linke, so mag ich das. Jetzt bin ich selbst eine dieser langsamen asiatischen Omas, die sich wie in Zeitlupe mit ganz schlechter Haltung durch den Straßenverkehr quälen.

Abschussrampe in den Himmel, oder doch etwa ein Sattel?
Oh, sorry, ich will gar nicht stören

Ein Stück vor der Höhle stellen wir die Teile ab, laufen den Rest. Dabei passieren wir einen Pavillon, der von Affen zur Massage genutzt wird sowie einen Hund, der überaus wachsam sein Revier verteidigt und bellt, was das Zeig hält. Neben einem Parkplatz kauft man Tickets für zehn Baht (0,30€) pro Person, damit dürfen wir die „Tham Khao Luang“-Höhle betreten. Das unterirdische System ist mal wieder beeindruckend, aber unwesentlich verschieden zu den Batu Caves in Kuala Lumpur. Hier gibt es vermutlich noch mehr goldene Buddhas, ein paar Souvenirstände, eine breite Gebetsdecke und eine kurze Infotafel, die im thailändischen Text buddhistische Jahreszahlen benutzt, immer ca. 500 Jahre mehr als in der christlichen Zählweise. Ebenfalls Rama IV. war hier mit im Spiel. Der Ausbau der Höhle und bestimmt auch einige Buddhas gehen auf sein Konto, was für ein Gönner.

Sitzende Buddhas…
…liegende Buddhas…
…sonnenbadende, gechillte Buddhas

Obwohl wir uns tief in der Erde befinden, kommt durch obere Öffnungen sehr viel Licht herein, es wird kaum zusätzliche Beleuchtung benötigt. Auch die Wurzeln weniger Bäume verirren sich nach hier unten, vielleicht gibt es hier ja lecker Wasser. Eine Handvoll anderer Touristen ist anwesend, u.a. wird einem deutschen Pärchen eine Führung auf akzeptablem Deutsch gegeben. Nach 200-300 Laufmetern ist aber schon wieder Schluss, entsprechend dem Eintrittspreis.

Wie schon so oft in letzter Zeit sucht Julian uns ein Restaurant raus, das Vegetarisches auf der Speisekarte stehen hat. Das heutige ist ein besonders guter Fund, versteckt in einer gähnend leeren Seitenstraße, hinter einer dicken Betonmauer mit Lichtschlitzen. Zum Schutz vor der Hitze vermutlich, entdecke ich einige Architekturelemente, die dem Arabischen entstammen könnten. Hinter besagter Mauer liegt ein quadratischer Teich, in dem Kois schwimmen, und nochmals dahinter, endgültig vom Schatten eingenommen, aber dennoch hell genug, liegt hinter einer großen Glasdrehtür das Restaurant. Außer uns sitzt da eine Gruppe Thailänder, die irgendetwas spielen und auf den Fernseher schauen. Erstaunlich, wie ähnlich sich Thailändisch und Chinesisch doch sind. Erst auf das zweite Hören kann ich beurteilen, welche der beiden Sprachen ich höre. Das Essen, besonders der Fisch, ist überaus gut und seinen Preis wert, dazu steigert sich meine Laune, weil ich endlich eine weitere Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erhalte. Jetzt muss ich entweder aus Bangkok telefonieren oder einfach nächste Woche persönlich erscheinen, es wäre mir beides recht. Optimalerweise kann ich kurz nach meiner Deutschlandrückkehr anfangen zu arbeiten, und danach sieht es aktuell sogar fast aus.

Überaus schattiges Restaurant

Nach Hause geht es dann unter den Nachmittagswolken, viel angenehmer als vor zwei Stunden noch. Für Julian wäre dies der optimale Mittagspeak, wenn man gerade so nicht anfängt, sich nur aufgrund der eigenen Existenz tot zu schwitzen. Für mein Gefühl haben wir Phetchaburi praktisch fertig erkundet, den restlichen Abend gestalten wir entspannt. Nach der Erschöpfung penne ich direkt ein, danach telefoniere ich noch eine ganze Weile mit einem befreundeten Pärchen in Berlin. Man sieht sich ja bald wieder, hat aber trotzdem genug zu besprechen. Anschließend kümmere ich mich um meine vorerst (vermutlich für längere Zeit) letztere Booking-Buchung (für Bangkok), ein merkwürdiges Gefühl.

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