So. Für alle, die es interessiert, werde ich im Folgenden einmal darlegen, wie ich diesen Blog geschrieben und was für Erfahrungen ich dabei gemacht habe.
Zunächst einmal gab es keinen konkreten Plan, täglich zu posten oder auch nur ansatzweise die Menge an Informationen mit der Welt zu teilen, die es letztlich geworden ist. Vielleicht ist das auch schon der Schlüssel zum erfolgreichen Durchziehen: Go with the flow. Mein Onkel hat mir vor der Abreise geraten, kommende Erlebnisse zu dokumentieren, und nach der Empfehlung von WordPress durch einen Freund habe ich es einfach mal versucht. Auf dem Hinflug Ende August hatte ich ausreichend Zeit, alle möglichen Krisenszenarien durchzuspielen, sprich der Herausforderung eines Auslandssemesters nicht gerecht zu werden, und so habe ich mich am Flughafen damit abgelenkt, eine Busfahrer-Obdachlosen-Diskussion aufzuschreiben. Dass ich im Flieger dann einen sexuell unsicheren und urwitzigen Hongkong-Deutschen auf Datingtournee getroffen habe, hat das Schreiben so richtig ins Rollen gebracht. Am Niederschreiben von dummen Aussagen und irren Pointen habe ich schnell Gefallen gefunden. Weil ich sehr zynisch bin, aber auch, weil man als Autor eines Textes immer die Deutungshoheit hat und entscheidet, wer wie dumm dasteht. Freilich wollte ich immer ehrlich sein und habe auch nicht mit Kritik an mir selber gespart, was die Glaubwürdigkeit der Roasts hoffentlich verstärkt.
In meinen ersten Tagen in Kaohsiung war ich alleine in einem AirBnB, habe kaum Leute kennengelernt und hatte dementsprechend genug Zeit, die Berichte weiterzuführen. Ich war mir mit meinem Schreibstil noch ziemlich unsicher und habe mich erst nach gut einer Woche getraut, die Website an Familie und Freunde weiterzuleiten, auch weil ich mir nicht im Klaren war, wie ausführlich und regelmäßig es weitergehen sollte. Um die Erwartungen und den Druck niedrig zu halten, habe ich angekündigt, die Upload-Frequenz später herunterzufahren. Allerdings ist zu meiner eigenen Überraschung weiterhin Verrücktes und Interessantes passiert, sodass es einfach keinen Zeitpunkt gab, aufzuhören. Etwa nach den ersten drei Wochen habe ich mich dann fest entschlossen, das Projekt bis zum Ende durchzuziehen. Wer also selbst einmal einen täglichen Blog schreiben will, sollte das m.E. ohne große Ankündigung ausprobieren. Schreiben, hochladen, repeat. Und dann feststellen, ob es einem liegt. Falls nicht, ist die Zeit bestimmt besser genutzt, sich nicht zu quälen.
Organisation
Wie ich die Einträge strukturiert habe, hat sich im Laufe der Zeit verändert. Zu Anfang war es meist so, dass ich mich abends ins Bett gelegt und drauf los geschrieben habe. Das hat sich vor allem dann geändert, als immer mehr passiert ist und ich immer mehr aufschreiben wollte. Ich habe dann oft kurze Stichpunkte gemacht, die z.B. konkrete Zitate oder kleine Details beinhaltet haben, welche ich sonst vergessen hätte. Später habe ich auch gerne mal die Tagesstruktur notiert, sodass ich mich entlang dieser durch den Erzählstrang hangeln konnte. Bilder und Videos in meiner Galerie haben diese Funktion ebenfalls erfüllt, aber Notizen sind einfach ein guter Garant, wenn es mal weniger Bilder gibt.
Nach einer Weile habe ich es aber nicht mehr eingesehen, mehrfach pro Woche bis in die frühen Morgenstunden wach zu bleiben, nur um den Eintrag noch hochladen zu können. Umso wichtiger sind die Notizen geworden, um mich auch am Tag danach, teilweise bis zu vier, fünf Tage hinterher ausführlich an das Passierte erinnern zu können. Gerade auf Reisen, sei es mit Hasan, Sidd, der Wandergruppe oder alleine auf den Philippinen, ist gleichzeitig viel passiert und hatte ich wenig Raum, mir jeden Tag meine Zeit für den Blog zu nehmen. Überhaupt: ‚Sich die Zeit nehmen‘ halte ich für falsches Wording. Immerhin ist der Blog kein Selbstzweck und soll vielmehr ein Hilfsmittel sein, um die eigentlichen Geschehnisse zu dokumentieren. Erlebnisse gingen also immer vor. Entsprechend konnte ich mir auch keine Zeit nehmen, bzgl. der geschriebenen Eindrücke Korrektur zu lesen (was die Texte immerhin ehrlicher und direkter macht). Mit den Flüchtigkeitsfehlern, die mir beim Tippen passiert sind, muss das Lesevolk also leben. Richtige Rechtschreibfehler passieren mir natürlich nicht, das ist was für Amateure. Wobei, Buggi hat irgendwann mal aufmerksam bemerkt, wie oft ich Hot Pot falsch geschrieben habe. Ausnahmen bestätigen die Regel, so meine Deutung der Kritik.
Ehrlichkeit
Er hat immer sauber und fair versucht zu spielen. Äh, zu schreiben. Soll heißen, ich habe nicht geflunkert oder gar erfunden, um eine Story interessanter zu erzählen. Das ist mir sehr wichtig. Stilistische Übertreibungen sind hoffentlich offensichtlich, und natürlich lag der Fokus manchmal verstärkt auf bestimmten Narrativen, Überspitzung ist mein zweiter Vorname. Im Grunde bin ich aber bei der Wahrheit geblieben, habe nach Möglichkeit auch über die unangenehmen Situationen berichtet, denn die gehören genauso zu meinen Erlebnissen. Nur über den Detailgrad habe ich Einfluss genommen. Themen, über die ich nicht ganz so gerne reden wollte, wurden entsprechend kürzer gehalten oder impliziter erwähnt. Wer sich das Seinige dazu denken konnte, dürfte sehr gut im Bilde über mein Leben in Taiwan gewesen sein. Und genau das war ja das Ziel. In erster Linie will ich mir selbst oder etwaigen Nachkommen eine gut dokumentierte Erinnerung hinterlassen.
Motivation
So ein Projekt kann nur funktionieren, wenn man motiviert bleibt. Natürlich schwankt die Begeisterung von Tag zu Tag, aber ein gewisses Grundniveau sollte man immer beibehalten, das wird sonst schnell deutlich. Es ist ja öfter vorgekommen, dass ich auf Reisen war und Einträge nachholen musste, in den Phasen muss man sich viel selbst abverlangen, wenn man die Qualität hoch halten will. Allerdings fällt mir das Schreiben unter gewissem (Selbst-) Druck recht leicht, das ist von Vorteil. In dem Fall habe ich immer den aktuellen Tag priorisiert, damit ich nicht noch weiter zurückfalle.
Die inhaltliche Motivation kam einerseits vom Schreiben selbst, also alles rund um das Dokumentieren von Geschehnissen, weil ich diese dadurch intensiver erleben konnte. Andererseits hatte ich großen Spaß daran, mir selbst zu beweisen, wie gut ich schreiben kann bzw. dass ich einen eigenen Schreibstil entwickeln kann. Fähigkeiten, die ich mir davor niemals zugeschrieben hätte. Auch hat mich natürlich Feedback motiviert, besonders, weil ich in der Vergangenheit öfter als Tagträumer wahrgenommen wurde, der Details verpasst, Zusammenhänge nicht kapiert, wichtige Dinge nicht wahrnimmt. Vielleicht stimmt das punktuell auch, aber ich habe hoffentlich bewiesen, dass ich weder sozial unintelligent, noch unaufmerksam bin. Höchstens arrogant, weil ich ausspreche, was ich denke; aber damit kann ich gut leben.
Schreibstil und Recherche
So etwas ist im Nachhinein immer schwierig zu beurteilen, aber ich würde sagen, dass sich mein Schreibstil recht schnell gefunden hat. Hauptsächlich geprägt vom Bedürfnis, durch untypische Formulierungen (die aber trotzdem funktionieren) aufzufallen und vom Bedürfnis, ja keine Wörter doppelt zu benutzen. Letzteres rührt von meinen Leseerlebnissen mit Zeitungen, in denen ich m.E. viel zu oft Rechtschreibfehler oder stilistische Unfeinheiten entdecke, die im Sinne eines sauberen Leseflusses anders geschrieben gehören. Generell sind Zeitungen aber ein großes Vorbild für mich, was man bestimmt an den Bildunterschriften, vielleicht aber auch an der in Teilen reportagenhaften Schreibweise bemerkt.
Ich habe es vermutlich nicht zu 100% konsistent geschafft, aber prinzipiell wollte ich einheitlich mit Konventionen umzugehen. So habe ich alle englischen Wörter, die keine direkten Zitate und nicht eingedeutscht genug waren, immer klein geschrieben. Für Wörter in Mandarin habe ich mir irgendwann das Muster „Zeichen+Pinyin+internationale Schreibweise“ angewöhnt, auch für den eigenen Lerneffekt. Währungen habe ich fast immer umgerechnet, die Preise sind als Leser sonst schwer nachzuvollziehen. Ich bin zudem kein Fan von langen Wortaneinanderhängungen, habe also Bindestriche benutzt, dazu penibel zitiert, wenn jemand etwas konkret gesagt hatte. Allerdings nur, wenn ich mich gut daran erinnern konnte, in anderen Fällen habe ich paraphrasiert, keine inhaltliche Verzerrung entstehen lassen.
Künstliche Intelligenz habe ich natürlich keine benutzt, das ist hoffentlich klar. Es war übrigens eines der schönsten Komplimente, wenn mir jemand gesagt hat, dass man merkt, die Texte entstammen keiner KI. Recherchiert habe ich trotzdem ab und zu. Vor allem, um mich inhaltlich abzusichern, dass ich nicht den größten Unfug erzähle. „Wie schreibt man zurecht/zu recht/zu Recht“ findet sich in meinem Suchverlauf aber auch unzählige Male.
Der Detailgrad, in dem ich geschrieben habe, hat sich zusehends vertieft, das ist ganz von alleine passiert. Ich habe keine Erklärung dafür. Theoretisch hätte ich noch so viel genauer schreiben können, aber zum Glück besitze ich einen inneren Schweinehund (falls man das so sagt), der mir immer wieder zugeflüstert hat, wie langweilig eine Information ist, sodass ich die Detailtiefe ein Stückchen zurückgefahren habe.
Woher die Zeit nehmen?
Tja, woher? WOHEERRR? Ich bin ganz ehrlich: So unglaublich viel zusätzliche Zeit musste ich mir nirgendwo her nehmen. Vielmehr habe ich weitgehend auf Handydaddeln am Abend verzichtet, um Zeit für den Blog zu haben. Es ist wirklich unglaublich, wieviel Lebenszeit für Doomscrolling und Handyspiele draufgehen kann, das habe ich an meinen indonesischen Mitbewohnern eindrucksvoll beobachten können. Es hat mir aber durchaus viel Disziplin abverlangt, besonders an Tagen, an denen ich sonst müde ins Bett gefallen wäre, meine grauen Zellen anzustrengen und den Tagesablauf vor meinem inneren Auge noch einmal abzuspulen. Generell hat es einfach gut gepasst, dass ich kaum Kurse hatte und meine Zeit mit Ausflügen verbringen konnte. Sonst wäre das alles nicht möglich gewesen.
Da der Blog wie erwähnt kein Selbstzweck war, musste ich mir aber durchaus ab und zu etwas Zeit nehmen, um Einträge vergangener Tage aufzuholen. Das war insofern nicht schlimm, als dass ich nach aufregenden Tagen meist sowieso etwas Ruhe im Zimmer vertragen konnte.
Ich hatte in den letzten Monaten erfrischend wenig Zeit für Clash Royale, YouTube, Reels oder sonstige digitale Zeit-Kohleöfen, und das will ich beibehalten. Nicht mit einem Blog, aber ich hoffe einfach, dass ich motiviert genug bin, die Zeit auf andere sinnstiftende Aktivitäten umzumünzen.
Veränderte Perspektiven
Im Rückblick finde ich sehr spannend, wie sich mein Blick auf die Dinge verändert hat. Zunächst einmal habe ich mich selber stark diszipliniert, einer freiwilligen Aufgabe so intensiv nachzugehen, darauf bin ich sehr stolz.
Interessant sind aber auch andere Feinheiten, bspw. haben sich mein Umgang und meine Gedankenwelt in Bezug auf Fotos stark verändert. Ich war für den Blog immer auf Fotos aus, egal ob es etwas Neues zu sehen gab, man in der Gruppe unterwegs war, das Abendessen dokumentiert werden wollte oder ich zufällig einen schönen Sonnenuntergang entdeckt habe. Gerade bei den Naturfotos aber habe ich mich immer wieder gefragt, wie sehr es eigentlich wert ist, diese zu erstellen. Schließlich will man vor Ort den Moment genießen und nicht drei der fünf Minuten Sonnenuntergang darauf verwenden, ein perfektes Foto zu bekommen. Oder? Und trotzdem macht man es immer wieder. Für die vergangenen Monate kann ich es immer mit dem Blog rechtfertigen, aber ich mache es ja sonst auch nicht anders. Oft habe ich mich gefragt: Was bedeutet Genießen eigentlich? Die Antwort könnte auch lauten, dass man sich hinterher schöne Bilder anschauen kann. Oder dass ich über das Erlebte schreibe. Ganz endgültig kann ich die Frage auf jeden Fall nicht beantworten.
Was sich aber stark verändert hat, ist die Anzahl doppelter Bilder in meiner Galerie. Getrieben einerseits durch stetig mangelnden Speicherplatz und der Not, welchen freizugeben; und andererseits durch die schiere Menge an Bildern, die ich für den Blog geschossen habe; habe ich mich mit der Zeit darauf getrimmt, nur die allernötigsten aufzuheben. Nur ganz selten kommt es noch vor, dass ich sowohl ein Hoch- als auch ein Querformat übrig behalte, oder mehrere Shots von Bildern von mir. Die neu gewonnene Übersicht ist auch für lange Blogeinträge überaus hilfreich. Die Galerie war meine unsichtbare Rennstrecke und das Auto immer genau da, wo ich mit dem Text war.
Apropos Formate: Auch da hat sich einiges geändert. Wie schon bei der Anzahl doppelter Fotos wundert es mich mittlerweile, wie viele Leute achtlos Fotos knipsen, ohne vorher zu überlegen, was die beste Lösung sein könnte. Aber auch ich war zu Beginn so: Einfach draufgehalten, Foto gemacht, eingefügt. Es hat gedauert, auf den Trichter zu kommen, dass Querformate manchmal viel mehr zeigen; und noch viel länger, um zu bemerken, dass es eine Kameraeinstellung gibt, die das Seitenverhältnis ändert. Nicht nur für Instagram ist 16:9 von Vorteil, verglichen mit 4:3. Ich bin generell ein Fan von eher asymmetrischen Formaten, und besonders Landschaften oder hohe Gebäude kann man damit gut darstellen. Für Gruppenfotos gilt das freilich nicht.
Erwähnenswert ist natürlich auch, wie sehr sich meine Wahrnehmung in Bezug auf die eigenen Texte verändert hat. Die ersten paar Einträge waren nur wenige Absätze kurz, mit zusammenfassenden Sätzen oder nur den allerwichtigsten Infos. Warum auch immer, bin ich später dazu übergegangen, immer mehr Details einzufügen, das Ganze wie ein Tagebuch, wie eine zusammenhängende Geschichte niederzuschreiben. Irgendwann fand ich es nicht mehr ausreichend, einen Ausflug mit drei Sätzen zu beschreiben, wollte ein Narrativ einbauen. Ganz schlimm wurde es irgendwann mit dem dokumentierten Essen, und ich habe auch Feedback bekommen, dass ich überaus tief ins Detail gegangen sei. Dabei hätte ich es noch so viel krasser machen können! Aber im Ernst, diesen Strick musste ich rumreißen und habe daraufhin aufgepasst, banale Dinge wie ein Frühstück nur noch, wenn überhaupt, im Nebensatz zu erwähnen. An manchen Tagen mehr, an manchen weniger, hat mich stets die Frage begleitet: Will das irgendjemand wissen?
Ich behaupte, das ist ganz ähnlich wie mit Leuten, die ins Gym gehen oder abnehmen wollen. Sobald die Fortschritte eine Weile Bestand haben, verändert sich die Erwartungshaltung. Man hat das Gefühl, mehr leisten zu müssen, noch akribischer vorgehen zu müssen. Das ist m.E. die Hauptgefahr bei solchen Projekten, denn man kann sie sich leicht zerstören bzw. unmöglich machen.
Zu so einem Fazit gehört auch, sich zu fragen: Unter welchen Umständen hätte es den Blog vielleicht gar nicht gegeben oder hätte er ganz anders ausgesehen? Hätte ich mehr und vor allem aktivere Freundesgruppen gehabt, hätte ich bestimmt schnell Probleme bekommen, mitzuhalten. Wenn es noch mehr Deutsche in meinem direkten Umfeld gegeben hätte, wären meine Notizen niemals versteckt und der Blog damit niemals sicher vor kritischen Beäugungen gewesen. Es wäre doch sehr schade, wenn ich nicht so zynisch hätte schreiben können. Ich bin ehrlich: Manche Dinge konnte ich nur deshalb schreiben, weil ich wusste, dass die Narren meiner Narrative keine Ahnung von ihrer Clown-Rolle hatten. Die anderen mussten es ertragen, was sie m.E. aber brav getan haben.
Ein anderes Gedankenexperiment: Wäre ich stattdessen in Taichung gelandet, wäre der Blog womöglich ein ganz anderer geworden. Verrückt, oder? Naturbeschreibungen und Ausflüge in andere Städte hätten ähnlich sein können, aber ganz viel Inhalt beruht auf den Menschen, mit denen ich Zeit verbracht habe, auf Individuen. Und mich würde brennend interessieren, was für Keks ich in anderen Städten noch getroffen hätte, wenn es schon in Kaohsiung so war, wie es war.
Zu guter Letzt noch ein paar Pro-/Contra-Argumente bezüglich des Blogs.
Ich werde froh sein, im Alltag nicht mehr konstant zu denken, ‚Das kommt in den Blog! Das muss ich mir merken/notieren.‘ Das Überlegen, ‚Wie kann ich das jetzt literarisch gut rüberbringen, wie formuliert man das am besten?‘ Dinge genießen, ohne sie zu dokumentieren, das wird wieder schön. Das Gleiche gilt natürlich für Fotos. Außerdem kann ich mir ab sofort erlauben, abends auch mal zu faulenzen, Hauptsache, das wird kein Dauerzustand.
Vermissen werde ich hingegen die Möglichkeit, meinem Ärger auf humorvolle Weise Luft zu machen. Gerade wenn jemand schnarcht, mich das Pech einholt oder jemand mich wie der hinterletzte Vollpfosten behandelt, konnte ich es ihnen bisher auf intellektuelle Art zurückzahlen. Wenn ich nicht eh schon darüber schreibe, wie ich sie gekontert habe. Außerdem war der Blog eine unheimlich gute Erinnerungsstütze. Es hat nicht nur Spaß gemacht, lustige Dinge zu beschreiben, ich kann mich dadurch einfach sehr, sehr gut an sie erinnern, auch ohne es nachschauen zu müssen.
App-Review
Zuerst zu den Macken von WordPress. Von Natur aus hat man 3GB Speicher frei zur Verfügung, der halbwegs schnell mit den Medien gefüllt wird, die man hochlädt. Für Sparfüchse empfehle ich, die Bildqualität in den Einstellungen runterzusetzen, so bleibt mehr Raum für Uploads. Bei mir hat es anderthalb Monate gereicht, bis ich upgraden musste. Dass die billigsten Modelle bereits sehr hohe Summen verlangen, wird leider nicht klar kommuniziert. Ich habe mir für ein Jahr Laufzeit 13 GB Speicherplatz geholt, für 100€. Eine langfristige Lösung ist das also nicht.
Außerdem fängt die App an zu laggen, wenn man zu viele Blöcke (ab ca. 50 pro Eintrag) oder zu langen Text erstellt, unabhängig von einer Bezahlversion. Generell gibt es viele Schönheitsfehler: manchmal springt der Cursor eins vor, es werden nicht alle gewünschten Buchstaben auf Kursiv gestellt, oder den Eintrag scrollt unkontrolliert nach oben. Am unangenehmsten ist aber das Speichersystem. Warum in aller Welt setzt man die Interaktionsflächen zum Speichern und zum Änderungen verwerfen genau nebeneinander? Und warum vertauscht man sie, sobald der Artikel veröffentlicht wurde? Nicht, dass ich mal eine Dreiviertelstunde Durchschreiben deswegen verloren hätte, nein, ich doch nicht…
Offline zu schreiben ist ebenfalls mit Risiken verbunden. Wenn zu viel Zeit vergeht, bevor man ins Internet zurückkehrt, denkt die App, man hätte sich von einem anderen Gerät eingeloggt und stellt einen vor die Wahl, sich zwischen zwei undefinierbaren Dokumenten zu entscheiden. Auch so habe ich schon Texte verloren, weshalb ich offline in meiner Notizapp schreibe.
Trotz all dieser Unannehmlichkeiten halte ich die App für sehr gut, denn ich habe zwischendurch andere probiert, deutlich schlechtere. Mir gefällt das Blog-Design außerordentlich gut – dass man Texte und Medien aneinanderreihen kann, einen konsistenten Erzählstrang aufrechterhalten kann. Die App ist sehr übersichtlich und lässt einen sogar eine eigene Domain aussuchen, das ist mit Blick auf die Leserschaft nicht zu unterschätzen. Wenn man nicht enorm viel schreibt, ist die Basis-Version auf jeden Fall sehr zu empfehlen.
Schön ist auch Jetpack, die dazugehörige Statistik-App. Sie ist komplett gratis und gibt interessante Einblicke in Aufrufzahlen, über welche Plattform der Blog gefunden wurde, in welchen Länder er gelesen wird und am wichtigsten, wieviele Wörter pro Tag und insgesamt geschrieben wurden. Ich habe sie nach etwa einem Monat Schreiben entdeckt, was meine Haltung zum Blog aber merklich verändert hat. Die Aufrufzahlen sind am Ende ja nichts anderes als Likes auf Instagram, süchtig machende soziale Anerkennung eben. Trotzdem gönne ich mir zum Schluss einen kleinen Abschnitt mit den schönsten Kennzahlen von leointaiwan.com.
Statistiken
Mit Ausnahme der ersten paar Einträge und den Extra-Seiten über meine Lieblingsdinge in Taiwan habe ich jeden Tag genau einen Eintrag veröffentlicht, mit dazugehörigem Datum. So komme ich nach etwa sieben Monaten auf ziemlich genau 210 Beiträge. Die durchschnittlichen Wörter pro Artikel belaufen sich dabei auf fast exakt 2200, wobei die Spanne zwischen wenigen hundert Wörtern an indonesischen Tagen und einigen tausend Wörtern an sehr ereignisreichen Tagen variiert. Der längste Eintrag dürfte der 25. Dezember sein, der erste Tag meiner Weihnachtswanderung mit 5485 Wörtern. Wer gut im Kopfrechnen ist, hat es vielleicht schon überschlagen. Die nette Statistik-App bescheinigt mir insgesamt jedenfalls, über 460.000 Wörter niedergeschrieben zu haben. Das entspräche etwa 23 durchschnittlichen Masterarbeiten, knapp sechs Harry-Potter-1-Bänden oder 0,6 Bibeln. Selbstverständlich nur in der Quantität, ich habe meine Texte ja nicht einmal Probe gelesen. Aber so hört es sich doch gleich viel schöner an und macht bestimmt all die Bücher wett, die ich in den letzten Jahren nicht gelesen habe. Die meisten Aufrufe gab es übrigens im Oktober, mit 796.

Interessant sind auch die Länder, aus denen mein Blog aufgerufen wurde. Nach den ersten zwei Wochen habe ich den Link einigen Bekannten aus Deutschland geschickt, sowie im Laufe der Zeit einzelnen Leuten in Taiwan (also denjenigen, die danach gefragt haben). Welche Wege das Teil auch immer genommen hat, stand 21. März 2026 wurde ich aus 31 verschiedenen Ländern überall auf der Welt aufgerufen. Die Top 10 und eine Weltkarte sind im Folgenden zu sehen, dabei haben sich Deutschland und Taiwan lange um Platz eins geschlagen. Bis heute rätsle ich aber, wer mich aus Uruguay, Kolumbien, Australien oder Israel aufgerufen hat. Mir war auch nicht klar, dass scheinbar so viele Leute in meiner Bekanntschaft in den USA unterwegs sind, sehr regelmäßig gab es daher Aufrufe.

Nach all dem Gelaber dürfte es sehr unwahrscheinlich sein, dass ich irgendwas vergessen habe, insofern bedanke ich mich recht herzlich für die Aufmerksamkeit, es war mir eine Freude.